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26-02-2020 | Klimawandel | Im Fokus | Article

Kippmechanismen und die Klimastabilisierung

Author: Christoph Berger

3:30 min reading time
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Ein Forscherteam hat gesellschaftliche Kippmechanismen untersucht, die in der Lage sein könnten, die Treibhausgasemissionen bis 2050 auf Null zu reduzieren. Mit sechs sozio-ökonomische identifizierten Kippelementen könnte dieses Ziel erreicht werden.

"Das Ökosystem könnte kollabieren, weil Rückkopplungseffekte verschiedener Kippelemente eine Kettenreaktion auslösen könnten, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Um ein Beispiel zu nennen: Angenommen, durch die zunehmende Erwärmung der Erde tauen die Permafrostböden in Sibirien und Nordamerika in größerem Ausmaß auf, dann würde bislang im Erdreich gebundenes CO2 und Methan freigesetzt, das die Menge an Treibhausgasen, die durch menschliche Aktivitäten bisher verursacht wurden, bei Weitem übersteigt." Das, was Christel Maurer im Kapitel "Unternehmerische Suffizienz, persönliches Glück und ökologische Verantwortung" des Springer-Fachbuchs "Chefsache Zukunft" beschreibt – weitere derartige Beispiele sind im Kapitel "Klimawandel als Risikoverstärker in komplexen Systemen" des Springer-Fachbuchs "Klimawandel in Deutschland" aufgeführt, den kausalen Zusammenhang zwischen Entwicklungen, kann natürlich auch in die andere Richtung gedacht werden, sodass am Ende der Kausalkette ein positives Ergebnis steht.

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Klimawandel als Risikoverstärker in komplexen Systemen

Es ist viel darüber bekannt, wie sich der Klimawandel auf verschiedene Komponenten des Erdsystems auswirkt. Wie die einzelnen Teilsysteme zusammenspielen, ist aber noch wenig verstanden. 

Wie dies funktionieren kann, hat ein interdisziplinäres Forscherteam untersucht, an dem unter anderem Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) beteiligt waren und dessen Ergebnisse in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht wurden. Sechs sozio-ökonomische Kippelemente und damit verbundene gesellschaftliche Interventionen wurden demnach ausgemacht, durch die eine tiefgreifende globale Dekarbonisierung mit der notwendigen Geschwindigkeit auf den Weg gebracht werden könnte.

Es braucht Investitionsveränderungen

Das stärkste und auch kurzfristig umsetzbare Transformationspotenzial sehen die Forscher in Investitionsveränderungen an den Finanzmärkten sowie in den Systemen zur Energieerzeugung und -speicherung. Wenn Finanzströme zu nachhaltigen Investitionen umgelenkt werden könnten, also weg von Unternehmen der fossilen Industrien, könnte dadurch laut den Forschern ein positiver Dominoeffekt ausgelöst werden. Nationalbanken und Versicherungen könnten in diesem Zusammenhang vor "gestrandeten Vermögenswerten" warnen. Ein Beispiel dazu wird im Kapitel "Dekarbonisierungsstrategien für Aktieninvestitionen" im Springer-Fachbuch "CSR und Klimawandel" gebracht: "Im November 2017 empfahl die norwegische Zentralbank, die den norwegischen staatlichen Pensionsfonds verwaltet, der Regierung, im Staatsfonds befindliche Öl- und Gasaktien mit einem Marktwert von rund 35 Milliarden US-Dollar zu veräußern." Ein Grund für die Empfehlung sei die Reduktion des Portfoliorisikos angesichts erwarteter langfristig fallender Öl- und Gaspreise sowie die Diversifikation der Assets im Fonds und auf Gesamtvermögensebene des Staats gewesen, heißt es weiter. Doch die vorgeschlagene Divestmentstrategie solle auch zur weiteren Dekarbonisierung des Portfolios beitragen, nachdem bereits Investments in Unternehmen, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erzielen, ausgeschlossen worden seien. Da passt die Forderung der Forscher, Subventionen für fossile Energien abzuschaffen.

Im Bereich der Energieerzeugung und -speicherung könnte der Einsatz und die Anwendung bestehender treibhausgasneutraler Technologien helfen, die Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen, scheiben die Studienautoren weiter. Würden mit der klimaneutralen Stromerzeugung höhere finanzielle Erträge erzielt als mit der Stromerzeugung durch fossile Energieträger, würde der Moment des sozialen Kippens erreicht werden, schreiben die Forscher. Ausschlaggebend ist hierbei somit der finanzielle Ertrag.

Ein gesellschaftlicher Normen- und Wertewandel

Neben diesen Elementen braucht es einen gesellschaftlichen Normen- und Wertewandel, der die beschriebenen Maßnahmen begleitet und stützt – die klare Benennung der moralischen Dimensionen der fossilen Energienutzung; deutlich verbesserte Klimabildung mit entsprechendem gesellschaftlichem Engagement; sowie eine durchweg transparente Offenlegung von Treibhausgasemissionen. So sagt Johan Rockström, Direktor des PIK und Co-Autor der Untersuchung: "Das Bewusstsein für die globale Erwärmung ist hoch, aber die gesellschaftlichen Normen zur grundlegenden Veränderung des Verhaltens sind es nicht. Diese Diskrepanz kann die Wissenschaft alleine nicht beheben." So sollte es den Menschen leicht gemacht werden, einen klimaneutralen Lebensstil zu führen. Und langfristig sei wohl ein neues soziales Gleichgewicht erforderlich, in dem der Klimaschutz als soziale Norm anerkannt wird, denkt er. Krisen an den Finanzmärkten oder Wirtschaftskrisen könnten ansonsten den Fortschritt der Dekarbonisierung wieder zunichtemachen.

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