Skip to main content
main-content
Top

14-01-2021 | Nachhaltige Geldanlagen | Infografik | Article

Die EU-Taxonomie ist ein regulatorisches Mammutprojekt

Author:
Angelika Breinich-Schilly
4 min reading time

Die Umsetzung der EU-Vorgaben für eine nachhaltige Finanzwirtschaft rückt immer näher. Laut einer aktuellen Studie knüpfen Bankmanager daran überwiegend positive Erwartungen – etwa für das Image. Doch der Aufwand ist immens und es gibt auch Risiken.

"Die Europäische Kommission hat mit dem Green Deal und dem Aktionsplan für ein nachhaltiges Finanzwesen die Themen Klimaschutz und Nachhaltigkeit in das Zentrum ihrer Arbeit gerückt", lauten die einleitenden Worte von Stefan Hirschmann, Geschäftsleitung VÖB-Service, zur aktuellen Studie "EU-Taxonomie: Regeln für die grüne Zukunft". Für diese wurden vom Beratungshaus Cofinpro knapp 160 Führungskräfte und Experten aus dem Finanzdienstleistungsbereich zu ihren Erwartungen an die Umsetzung und Erfolgsaussichten der EU-Nachhaltigkeitsvorgaben befragt. 

Neun von zehn Banken rücken EU-Taxonomie in den Fokus

Danach haben 91 Prozent der teilnehmenden Banken, Versicherer, Berater und anderer Finanzunternehmen das Thema bereits auf dem Schirm. 65 Prozent verbinden damit insgesamt positive oder zumindest eher positive Auswirkungen. 72 Prozent gehen davon aus, dass die Umsetzung der EU-Taxonomie ihrem Haus zudem aus strategischer Sicht neue Chancen eröffnet. 

Das gelte unter anderem im Hinblick auf ein besseres Image (72 Prozent), die Erschließung neuer Kundengruppen (61 Prozent), die Absatzsteigerung durch neue, innovative Finanzprodukte (50 Prozent), Maßnahmen zur Kundenbindung (43 Prozent) sowie bessere Refinanzierungsmöglichkeiten (30 Prozent), erläutert Cofinpro-Vorstand Gerald Prior in einer virtuellen Pressekonferenz. "Für viele Studienteilnehmer bedeutet es ein Ende des Blindflugs beim Green Banking", so Prior. Zudem erhoffe sich das Gros der Manager eine entsprechende "Breitenwirkung in der Öffentlichkeit". 

Nur jedes vierte Institut sieht sich als Pionier

Laut Cofinpro-Experte Daniel Spitschan wollen aber nicht alle befragten Geldhäuser und Finanzdienstleister mit wehenden Fahnen vorangehen. "Als Pioniere in diesem Bereich sehen sich insgesamt 29 Prozent." Das Gros der Befragten sieht das eigene Haus eher in der Position eines Followers (45 Prozent). Nur die Mindestanforderungen zu erfüllen ist die Strategie von immerhin einem Viertel (26 Prozent) der teilnehmenden Unternehmen. 
Neben den Vorteilen, die die Umsetzung der EU-Nachhaltigkeitskriterien mit sich bringt, erwarten 65 Prozent der Befragten aber auch Risiken. Das sind: 

  • Reputationsrisiken (70 Prozent), 
  • sinkende Kundenbindung (30 Prozent), 
  • weniger Neukunden (27 Prozent), 
  • geringere Partizipation an neuen Märkten (20 Prozent) sowie 
  • Refinanzierungsrisiken (17 Prozent).

Hoher Transformationsaufwand in vielen Bereichen

VÖB-Service-Experte Hirschmann sieht in der Umsetzung jedenfalls eine enorme Herausforderung für die Branche. Davon gehen auch 86 Prozent der Teilnehmer aus. "Der Transformationsprozess ist mit einem hohem Aufwand verbunden", konstatierte er in der Presseveranstaltung. Besonders betroffen seien unter anderem das Reporting (54 Prozent), die IT (51 Prozent), die Produktentwicklung (50 Prozent), das Risikomanagement (50 Prozent), der Vertrieb (40 Prozent) sowie die Kreditprozesse (39 Prozent) und weitere Bereiche. Schwer werde es vor allem für die kleineren Institute. "Die Einschätzung der Studienteilnehmer zeigt, dass die EU-Taxonomie eine regulatorische Großaufgabe ist", so Hirschmann. 

Die neuen Regularien verlangen von den Unternehmen eine Umstellung ihres IT- und Datenmanagements und eine Anpassung ihrer Unternehmenskultur, zu der auch umfangreiche Personalplanungs- und Qualifizierungsmaßnahmen gehören. 73 Prozent der Befragten gehen demnach von hohen oder sehr hohen Kosten aus. "Wir rechnen mit Investitionsvolumen für tragfähige Lösungen von mindestens zwei Millionen Euro. Das hängt allerdings von verschiedenen Faktoren wie dem Geschäftsmodell oder der Größe des Instituts ab", so Hirschmann. Gemeinschaftsprojekte mehrerer Banken könnten allerdings kostenreduzierend wirken, gibt der Experte zu bedenken. 

Praktische Umsetzung bringt Probleme

Mit ganz praktischen Problemen rechnet Michaela Valdivia, Direktorin beim Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB). Obwohl bereits seit Sommer 2020 in Kraft, fehlten noch immer die technischen Bewertungskriterien der ersten zwei EU-Umweltziele. Die Taxonomie beinhaltet insgesamt sechs Umweltziele: 

  1. Klimaschutz,
  2. Anpassung an den Klimawandel, 
  3. nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen, 
  4. Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, 
  5. Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung sowie 
  6. Schutz und Wiederherstellung der Biodiversität und der Ökosysteme. 

Die aktuelle Verzögerung liege unter anderem an der großen Zahl von Eingaben in der Feedback-Runde. Dennoch sehen die Vorgaben vor, dass das Reporting ab 2022 die ersten beiden Ziele bereits berücksichtigen muss. Vor dem Hintergrund der unter anderem dafür nötigen IT-Anpassungen, werde das schwierig, so Valdivia. Sie hält daher eine Verschiebung der Berichtspflicht, etwa in Form eines angemessenen Übergangszeitraums, für sinnvoll. 

Geschäftsmodelle der Bankkunden müssen sich anpassen

Sicher sind sich die Befragten, dass sich das neue Regelwerk nicht nur auf die Finanzbranche, sondern auch auf das Geschäftsmodell der Bankkunden auswirken. Über 70 Prozent gaben an, dass die EU-Taxonomie Einfluss auf die Finanzierungsfähigkeit realwirtschaftlicher Unternehmen haben wird. Und mehr als die Hälfte glaubt, dass zahlreiche Unternehmen ihr Geschäftsmodell grundsätzlich anpassen müssen.

Auch von den Finanzdienstleistern wird der Druck auf die Unternehmen, ihre Aktivitäten an die ökologischen und sozialen Vorgaben der EU anzupassen, zunehmen. Das glauben zwei von drei Bankmanagern. Zudem gehen 80 Prozent davon aus, dass dadurch ihren Kunden ein deutlicher Mehraufwand für die Bereitstellung der benötigten Informationen entstehen wird. Auf die Institute und ihre Kunden kommt mit der EU-Taxonomie laut Studie in den kommenden Monaten und Jahren eine Mammutaufgabe zu.

Related topics

Background information for this content

Premium Partner

    Image Credits