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17-12-2021 | Nachhaltige Geldanlagen | Nachricht | Article

NGOs werfen Finanzindustrie Greenwashing vor

Author: Angelika Breinich-Schilly

3:30 min reading time

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Jüngst hat die Commerzbank eine neue Richtlinie für fossile Brennstoffe verabschiedet. Das Institut will den Kohleausstieg bis 2030 forcieren. Allerdings zeigt eine aktuelle Untersuchung, dass einige ESG-Bestrebungen in der Finanzbranche nicht halten, was sie versprechen.

Die NGOs Facing Finance und Urgewald haben in einer umfassenden Analyse rund 2.000 Fonds unter die Lupe mit Blick auf sogenanntes Greenwashing genommen. Die Organisationen wollten herausfinden, ob Finanzanlagen, die unter Environment, Social, Governance (ESG) firmieren, Kapital tatsächlich nachhaltig anlegen. Wie der ARD-Sender NDR kürzlich berichtete, gelten von den untersuchten Fonds nur 104 als gänzlich unbelastet. 650 verwenden in ihren Anlegerinformationen zwar den Begriff "nachhaltig", investieren aber oft auch in Unternehmen, die zu den größten Treibhausgas-Verursachern gehören und damit der Umwelt massiv schaden, heißt es in dem Bericht. Teilweise verstießen sie auch gegen andere Nachhaltigkeitskriterien wie dem Verbot von Waffenhandel. 

Besonders negativ fielen den Analysten Fonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS auf. Etwa der "Europe Energy ESG Screened ETF", der "ausschließlich in fossile Brennstoffe und die zugehörige Zulieferindustrie investiert". Zwar dürfen auch nachhaltige Fonds laut Christian Klein, Professor für Nachhaltiges Investment an der Uni Kassel, Werte mit Bezug zu fossilen Brennstoffe beinhalten. Aber nur "in einem gewissen Maße". Die DWS selbst beruft sich auf Nachfrage der ARD auf eine Lücke in der EU-Regulierung. Danach dürfe ein Finanzprodukt als nachhaltig bezeichnet werden, wenn es transparent mache, nach welchen Kriterien der Fonds Nachhaltigkeit definiert.

Commerzbank verkündet Richtlinie zu fossilen Brennstoffen 

In diesem Umfeld vermeldet die Commerzbank eine neue Richtlinie für fossile Brennstoffe. Mit dieser will das Frankfurter Geldhaus nicht nur den Kohleausstieg bis 2030, sondern auch die "nachhaltige Transformation der Realwirtschaft" vorantreiben. Als Datenbais gibt das Institut die "Global Coal Exit List" und die "Global Oil and Gas Exit List" von Urgewald an. Die Bank habe ihr Kohleportfolio "in nur zwei Jahren halbiert", betont Vorstandschef Manfred Knof. Nach Bankangaben liegt es derzeit bei rund einer Milliarde Euro. Das entspreche rund 0,2 Prozent des Gesamtportfolios des Instituts.
 
Mit der neuen Richtlinie soll ab 1. Januar 2022 der Grenzwert für Unternehmen mit Kohlebezug "signifikant gesenkt und weltweit gleichgestellt" werden. Bestandskunden, die aktuell 20 Prozent oder mehr ihres Umsatzes oder ihrer Stromerzeugung mit Kohle erzielen, haben bis 2025 Zeit, einen Plan für den Kohleausstieg bis 2030 zu erarbeiten, heißt es weiter. Mit Unternehmen, die aktuell mehr als 20 Prozent ihres Umsatzes oder ihrer Stromerzeugung mit Kohle erzielen, will die Commerzbank keine neue Geschäftsbeziehung aufnehmen. Gleiches gelte für potenzielle Neukunden mit Ausbauplänen. 

Neue Projekte bei Öl und Gas werden nicht mehr finanziert

Auch regelt die Richtlinie ab 2022 den Umgang mit Unternehmen aus den Sektoren Öl und Gas verbindlich. Die Bank will bestehende Geschäftsbeziehungen in diesen Bereichen regelmäßig "auf Umwelt- und Sozialaspekte überprüfen". Neue Geschäftsbeziehung mit Partnern, die Ausbaupläne bei Öl und Gas verfolgen, soll es hingegen nicht mehr geben. Auch will das Institute grundsätzlich keine neuen Ölkraftwerke sowie Öl- und Gasförderprojekte mehr finanzieren - unabhängig von der Fördermethode.

"Wir unterstützen unsere Kunden bei ihrer Transformation und wollen ihnen dafür auch die notwendige Planungssicherheit geben. Sehen wir auf Kundenseite jedoch keine konkreten Anstrengungen, das Geschäftsmodell nachhaltig auszurichten, werden wir die Geschäftsbeziehung beenden", betont Firmenkundenvorstand Michael Kotzbauer. Bis 2050 will das Geldhaus mit ihrer Net-Zero-Strategie, "den CO2-Ausstoß des kompletten Kredit- und Investmentportfolios auf netto null reduzieren".  

Bewertungskriterien reichen noch nicht aus

Für Thomas Küchenmeister, Vorsitzender von Facing Finance, und Investmentexperte Klein steht fest, dass die EU ihre Regulierung präzisieren muss. Mit der sogenannten EU-Taxonomie tritt der erste Teil der Kriterien zur Bewertung von Wirtschaftstätigkeiten Anfang kommenden Jahres in Kraft. Doch es fehlt noch immer an konkreten Lösungen für den Umgang mit Energieträgern wie Gas und Öl. Fonds, die in diese Bereiche investieren dürften damit weiterhin als "nachhaltig" deklariert werden. 

Die delegierte Verordnung zur EU-Taxonomie wird von Zeit zu Zeit weiter an neue Entwicklungen und den technischen Fortschritt angepasst. Auch die Kriterien werden regelmäßig überprüft. Dadurch wird sichergestellt, dass neue Sektoren und Tätigkeiten, einschließlich solcher, die den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft unterstützen oder andere Tätigkeiten ermöglichen, im Laufe der Zeit in den Geltungsbereich aufgenommen werden können", heißt es hierzu auf der Internetseite der Europäischen Kommission.

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