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About this book

Wie passen Nachhaltigkeit und Finanzmarkt zusammen? Macht die Nachhaltigkeit den Finanzmarkt resilienter? Welches sind die Ziele, Funktionen und Aufgaben eines nachhaltige(re)n Finanzmarkts? Der Band nähert sich diesen Fragen an, indem er den Reflexionsraum „Nachhaltigkeit und Finanzmarkt“ aus sozialwissenschaftlicher und qualitativer Perspektive analysiert. Dieser Reflexionsraum ist kein realer Raum; er ist ein metaphorischer Ort, der die Debatten und Diskurse rund um die Nachhaltigkeit des Finanzmarkts ermöglicht und bündelt. Aufbauend auf den Neuen Soziologischen Institutionalismus und das Konzept der Institutionellen Logiken haben wir die Landschaft des nachhaltigen Investierens kartiert und mithilfe unterschiedlicher qualitativer Methoden ausgewählte Teilbereiche des nachhaltigen Finanzmarkts untersucht: neue Deutungsmuster im Feld der Banken, geteilte und umkämpfte Frames der Fossil-Fuel-Divestment-Bewegung und Narrative aus der nicht-finanziellen Berichterstattung über das Verhältnis von Unternehmen und Gesellschaft.

Table of Contents

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung: Nachhaltigkeit und Finanzmarkt – zur soziologischen Vermessung eines Reflexionsraums

Zusammenfassung
Diese Einleitung bildet den Auftakt des vorliegenden Buches und führt in die zentralen Hintergründe, Ansätze, Forschungsfragen und empirischen Ergebnisse des zugrundeliegenden Forschungsprojekts ein. Zunächst wird die Genese des Projekts rekonstruiert, die sich an der Frage entwickelt hat, wie Nachhaltigkeit und Finanzmarkt zusammenpassen und was passiert, wenn sich Nachhaltigkeit mehr und mehr auf dem Finanzmarkt ausbreitet. In einem zweiten Schritt wird mit dem Soziologischen Institutionalismus und den institutionellen Logiken der theoretische Rahmen des Projekts skizziert. Auch wird geschildert, warum das Thema Resilienz beziehungsweise Stabilität des Finanzmarkts einen relevanten Referenzpunkt darstellt. Im Anschluss daran wird der Ansatz erläutert, der alle empirischen Teilprojekte verbindet und einen gemeinsamen Untersuchungsrahmen bildet: der Reflexionsraum ‚Nachhaltigkeit und Finanzmarkt‘. Schließlich werden die zentralen empirischen Ergebnisse aus den drei wichtigsten Teilstudien präsentiert: die Analyse von institutionellen Logiken und Deutungsmustern im Bankwesen, die Analyse von Frames der Fossil-Fuel-Divestment-Bewegung und die Analyse von Narrationen im Bereich der nicht-finanziellen Berichterstattung von Unternehmen.
Stefanie Hiß

Darstellung des Untersuchungsgegenstands und methodische Herangehensweise

Frontmatter

Kapitel 2. Die Landschaft des nachhaltigen Finanzmarkts – ein Vorschlag zur Kartierung

Zusammenfassung
In den letzten Jahren hat sich die Landschaft des nachhaltigen Finanzmarkts signifikant gewandelt. Entwicklungen auf internationaler Ebene, insbesondere die Verabschiedung der Agenda 2030 und der Sustainable Development Goals sowie das Pariser Klimaabkommen, haben nicht nur das Thema Klimakrise in den Fokus internationaler Debatten gerückt, sondern auch die Überzeugung wachsen lassen, dass eine Transformation hin zu einer dekarbonisierten Wirtschaft auch auf einen Finanzmarkt angewiesen ist, der eine nachhaltige Wirtschaftsweise befördert und auch selbst nachhaltiger wird. Im Zuge dieser Entwicklungen hat sich der nachhaltige Finanzmarkt sehr dynamisch entwickelt und zunehmend ausdifferenziert: Auf allen Ebenen (international, europäisch, national) sind vielfältige Akteur/innen und Initiativen zu beobachten, die um die zukünftige Ausgestaltung des nachhaltigen Finanzmarkts ringen. In diesem Beitrag unterbreite ich einen Vorschlag zur Kartierung dieses bunten und unübersichtlichen Feldes. Ausgehend von der Fragestellung Welches Verhältnis zu Geld ist für die Akteur/innen handlungsleitend? spanne ich ein Kontinuum an idealtypischen Handlungsorientierungen zwischen Geld als Selbstzweck und Geld als Mittel zum Zweck auf. Die jeweilige Ausprägung dieser Handlungsorientierungen kann sich in unterschiedlichen Wirkungskreisen auf Geld realisieren, von denen ich – ebenfalls wieder idealtypisch – drei unterscheide: A: Geld direkt lenken (eigenes/fremdes), B: Geld indirekt lenken (for-profit/non-profit), C: Geld durch Regulierung lenken (soft/hard law). Diese Wirkungskreise dienen dazu, das heterogene Feld des nachhaltigen Finanzmarkts systematischer erfassen und begreifen zu können. Im zweiten Teil des Beitrags ordne ich relevante Akteur/innen und Initiativen exemplarisch den Wirkungskreisen zu.
Stefanie Hiß

Kapitel 3. Die methodische Vermessung des Reflexionsraums Nachhaltigkeit – Institutionelle Logiken, Deutungsmuster, Frames und Narrative im Vergleich

Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag skizziert, wie wir uns dem Reflexionsraum Nachhaltigkeit aus methodologischer Sicht genähert haben: Zunächst haben wir unter Bezugnahme auf die Theorie institutioneller Logiken eine Makro-Logik der Nachhaltigkeit rekonstruiert. Darauf aufbauend haben wir verschiedene organisationale Felder und Untersuchungsgegenstände wie das Bankwesen, die Fossil-Fuel-Divestment-Bewegung oder die nicht-finanzielle Berichterstattung von Unternehmen empirisch dahin gehend untersucht, welche vielfältigen Vorstellungen und Interpretationen von Nachhaltigkeit dort ko-existieren. Methodologisch haben wir uns dazu eines Multi-Methoden-Ansatzes bedient, der unter Verwendung von institutionellen Logiken, Deutungsmustern, Frames und Narrativen unterschiedliche Perspektiven auf den Gegenstand entwickelt. Mithilfe dieser Methoden haben wir die symbolischen Repräsentationen und Aushandlungen unserer Makro-Nachhaltigkeitslogik in den verschiedenen Teilbereichen und Untersuchungsgegenständen analysiert. Vor diesem Hintergrund verfolgt der vorliegende Beitrag zwei Ziele: Zum einen wird unser Konzept der Makro-Nachhaltigkeitslogik eingeführt, vorgestellt und erläutert. Zum anderen werden wir unsere methodischen Herangehensweisen darstellen, erklären und vergleichend diskutieren sowie die gewählten Forschungsansätze systematisieren und ihre Reichweiten und Grenzen ausloten.
Daniela Woschnack, Agnes Fessler, Gesa Griese, Stefanie Hiß

Kapitel 4. Stabilität und Resilienz des Finanzmarkts

Zusammenfassung
Um die Frage beantworten zu können, ob und wie nachhaltiges Investieren zu einer Stabilisierung des Finanzmarkts beziehungsweise zu einer Erhöhung von dessen Resilienz beitragen kann, bieten wir hier eine Übersicht über die Konzepte der Finanzmarktstabilität und der Resilienz des Finanzsystems. Weitgehend entstanden aus den Erfahrungen der Krise von 2007/2008 verstehen beide Konzepte den Finanzmarkt als ein System, das sowohl exogenen als auch endogenen Risiken ausgesetzt ist, die die Funktionsfähigkeit des Finanzmarkts gefährden können. Während Finanzmarktstabilität eng mit dem Auftreten und Verringern systemischer Risiken verknüpft ist, ist Resilienz eher mit der Möglichkeit einer Anpassungs- und Lernfähigkeit des Finanzsystems verbunden. Auf die im finanzpolitischen Diskurs verwendeten Konzepte aufbauend nutzen wir dieses Kapitel zudem dazu, unsere grundlegenden Verständnisse von Stabilität und Resilienz des Finanzmarkts zu erläutern, welche für den vorliegenden Band leitend sind.
Sebastian Nagel

Empirische Studien

Frontmatter

5. Wie die Nachhaltigkeitslogik und neue Deutungsmuster das Feld der Banken strukturieren und stabilisieren

Zusammenfassung
In diesem Beitrag nutzen wir drei verschiedene Forschungsperspektiven, um aufzuzeigen, ob und wie Nachhaltigkeit im Bankwesen zu einer Stabilisierung des Finanzmarkts beitragen kann. Dazu analysieren wir das Bankwesen unter anderem auf Basis von diskursiven Interviews, die wir mit Vertreter/innen deutscher Banken geführt haben. In der ersten Analyse rekonstruieren wir die institutionellen Logiken im Feld der Banken. Die Charakterisierung einer nachhaltigkeitsbasierten Bankenlogik liefert uns Anhaltspunkte, wie das nachhaltige Bankwesen zu einem resilienten Finanzmarkt führen kann. Unsere zweite Analyse dient der Identifikation von Deutungsmustern bei Banken. Die drei von uns herausgearbeiteten Deutungsmuster – Abgrenzung von ‚schlechten‘ Banken, Rolle der Banken in der Gesellschaft und ‚richtige‘ Rendite – verweisen auf Problemdeutungen sowie darauf, welches Potential sich daraus im Hinblick auf eine Stabilisierung des Finanzmarkts ergibt. Die dritte Analyse ist eine Clusterung der Interviewpassagen, die die stabilisierende Wirkung von Nachhaltigkeit im Bankwesen thematisieren. Die vier dort unterschiedenen Perspektiven auf die potentielle Stabilitätswirkung von Nachhaltigkeit deuten an, welchen Beitrag ein nachhaltiges Bankwesen zu einem resilienten Finanzmarkt leisten kann.
Gesa Griese, Sebastian Nagel, Stefanie Hiß

6. Treiber/innen und Hemmnisse von Nachhaltigkeit in Banken

Zusammenfassung
Dieser Artikel widmet sich in zwei Teilen den Treiber/innen und Hemmnissen von Nachhaltigkeit in Banken. Zunächst werden Organisationsidentitätskonflikte anhand von episodischen Erzählungen aus diskursiven Interviews über bankinterne Erfahrungen mit der Umsetzung von Nachhaltigkeit identifiziert. Danach stellt der Einblick in die Ergebnisse der Dissertation der Autorin die Genese von Motiven von Akteur/innen vor, die Nachhaltigkeit als eine der ersten in deutschen Banken etabliert haben. Mit der Typologie von institutionellen Entrepreneur/innen, also Akteur/innen, die die institutionellen Logiken des Bankwesens durch eine neue Logik der Nachhaltigkeit verändert haben, werden die lebensgeschichtlichen Handlungsmotive für die Beteiligung am sowie deren jeweilige mögliche Wirkungen im Institutionalisierungsprozess von einer Nachhaltigkeitslogik im Bankensektor vorgestellt und diskutiert. Darüber hinaus wird anhand von Identitätsaussagen das Selbstverständnis der Treiber/innen im Spannungsfeld zwischen konfligierenden Logiken des Feldes (Gegenwartsperspektive) und den Kohärenz- sowie Konsistenzbedürfnissen biografischen Erzählens (Vergangenheitsperspektive) herausgearbeitet.
Gesa Griese

7. Die Fossil-Fuel-Divestment-Bewegung – geteilte und umkämpfte Frames von Klimawandel, Investitionen und Risiken

Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht das Fossil-Fuel-Divestment in Deutschland und fragt nach dort entwickelten Frames der beteiligten Akteur/innen aus Aktivist/innen, NGOs und Finanzwelt. Bekräftigt durch die Pariser Klimakonferenz 2015 nahm die globale Mobilisierung an Fahrt auf. Städte, Versicherungen, Pensionsfonds und andere öffentliche und private Institutionen sind aufgefordert, ihre Vermögen aus Unternehmen, involviert in Extraktion, Verarbeitung und Vertrieb fossiler Energien, abzuziehen. Der Beitrag skizziert die gegenwärtige Fossil-Fuel-Divestment-Bewegung, ihre Entwicklung in Deutschland und ihren Entstehungskontext. Unter Rückgriff auf den bewegungsanalytischen Framing-Ansatz und auf Basis qualitativer Interviews und Fokusgruppen analysieren wir die kollektiven Deutungsrahmen (frames) der Bewegung und der involvierten Finanzakteur/innen, überwiegend aus dem Nachhaltigkeitssegment. Divestment generiert eine geteilte Problemwahrnehmung über multiple Akteursgruppen hinweg, die die fossilen Geschäftsmodelle, ihre Finanzierung und die Rolle von Investor/innen für die Klimakrise ins Zentrum der Kritik rückt. Investor/innen werden zugleich als ‚Teil der Lösung‘ gerahmt, wobei sich Deutungskämpfe über das ‚wie‘ abzeichnen. Die Analyse zeigt Ansätze neuer Konfrontationslinien und Allianzbildungen zwischen Klimabewegung und Finanzmarkt und damit verbundene Widersprüche auf. Im zweiten Teil arbeiten wir heraus, wie die Protagonist/innen aktiv Beziehungen zwischen ökologischem (De-)Investment und Stabilisierung von Finanzpraktiken herstellen. Die Bewegung übersetzt die globale Erwärmung als Risiko- und Stabilitätsproblem in die Finanzsphäre und prägt die Wahrnehmung klimabezogener Risiken mit.
Agnes Feßler, Sebastian Nagel, Stefanie Hiß

8. Nachhaltigkeitsverständnisse in der finanzialisierten Altersvorsorge

Zusammenfassung
Die Altersvorsorge war in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg vom sogenannten Ein-Säulen-Modell geprägt. Mit der Rentenreform im Jahr 2001 wurde es durch ein Mehr-Ebenen-Modell ersetzt, in dem die private kapitalgedeckte Rente gesetzlich und steuerlich gefördert wird. Mit den neu geförderten und regulierten Formen privater Vorsorge wurde ein neuer bzw. erweiterter Markt für Altersvorsorge geschaffen. Ziel dieses Beitrags ist es, die Nachhaltigkeitsverständnisse der Finanzdienstleister/innen in diesem Bereich zu rekonstruieren. Wir untersuchen, wie Nachhaltigkeit bei privaten Altersvorsorge-Produkten am Finanzmarkt von den Anbieter/innen nachhaltiger Anlagen gestaltet wird und dabei die diskursiven Argumentationsmuster und praktischen Implikationen bestimmte vorherrschende Rationalitäts- und Legitimitätsvorstellungen der Akteur/innen und des Feldes widerspiegeln. Diese symbolischen und praktischen Konstruktionselemente von Nachhaltigkeit bei der finanzialisierten Altersvorsorge arbeiten wir exemplarisch in einer empirischen Untersuchung auf Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen heraus. Darauf aufbauend beleuchten wir das Verhältnis ‚nachhaltiger‘, finanzialisierter Altersvorsorge zu (In-)Stabilität und Risiken am Finanzmarkt.
Agnes Fessler, Sebastian Nagel

9. Warum sollten Unternehmen über Nachhaltigkeit berichten? Narrative über das Verhältnis von Unternehmen und Gesellschaft

Zusammenfassung
In welchem Verhältnis stehen Unternehmen und Gesellschaft? (Wie) hat sich dieses Verhältnis im Zuge der Globalisierungstendenzen der letzten Dekaden verändert? – Diese Fragen greift der vorliegende Beitrag auf und beantwortet sie für das bisher eher wenig institutionalisierte Feld der nicht-finanziellen Berichterstattung. Die nicht-finanzielle Berichterstattung als ‚moderne‘ Form der Unternehmenskommunikation ist geprägt von vielfältigen Akteuren und Initiativen sowie dynamischen Entwicklungen auf der regulatorischen Ebene. Auf der Basis von 38 qualitativen, problemzentrierten diskursiven Interviews werden die im Feld vorhandenen Narrative mithilfe einer qualitativen Inhaltsanalyse rekonstruiert und herausgearbeitet, inwiefern die nicht-finanzielle Berichterstattung von Unternehmen einen Reflexionsraum bietet, um über das Verhältnis von Unternehmen und Gesellschaft (neu) zu verhandeln. Diese Narrative können schließlich als Ausgangspunkt genutzt werden, um die Dynamiken, die mit einer stärkeren Regulierung und Standardisierung im Feld der nicht-finanziellen Berichterstattung einhergehen (könnten), verorten zu können.
Daniela Woschnack
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