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11-09-2020 | Personalmanagement | Nachricht | Article

Menschen in der Finanzbranche weniger vertrauenswürdig

Author:
Angelika Breinich-Schilly
2:30 min reading time

Immer wieder stürzt die Finanzindustrie über kriminelle Energie in den eigenen Reihen, wie zuletzt im Fall Wirecard. Finanzskandale münden im schlimmsten Fall sogar in eine globale Krise wie nach der Lehmann-Pleite im Jahr 2008. Ein Grund liegt auch in den Menschen, die in dieser Branche arbeiten, sagen nun Forscher.

Illegale Absprache im Interbankengeschäft, Cum-Ex-Deals, aufgeblähte Bilanzen: Die Finanzbranche hat nicht unbedingt den besten Ruf. Jeder neue Skandal beschädigt das Image von Banken und Finanzdienstleistern. So verloren gegangenes Vertrauen von Kunden, Anlegern und der Politik muss im Anschluss wieder mühsam zurückgewonnen werden. 

Experimentelle Langzeitstudie untersucht Vertrauenswürdigkeit

Das war Anlass für Matthias Heinz und Matthias Sutter, Ökonomen des Exzellenzclusters Econ Tribute Markets & Public Policy der Universitäten Köln und Bonn, gemeinsam mit Heiner Schumacher (KU Leuven) und Andrej Gill (Universität Mainz) nach Gründen für die Skandale der Finanzbranche zu suchen. Hierfür haben die Wirtschaftswissenschaftler in einer experimentellen Studie die Vertrauenswürdigkeit von Studierenden gemessen und festgestellt, dass die am wenigsten vertrauenswürdigen später verstärkt in der Finanzindustrie arbeiten.

Die als Langzeitstudie angelegte Untersuchung wurde mit Studierenden der Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-Universität Frankfurt durchgeführt. In einer ersten Welle im Jahre 2013 befragten die Forscher 265 Studenten nach ihren Berufswünschen, sozialen Präferenzen und Persönlichkeitsmerkmalen. 

Wiederholte Befragung bestätigt erste Annahmen

Zusätzlichen testeten sie in einem computergestützten Laborexperiment, einem so genannten Trust Game, wie vertrauenswürdig die Studierenden sind. Die Studierenden erhielten acht Euro und konnten einer zweiten Person einen Betrag zwischen null und acht Euro geben. Der Betrag wurde von den Studienautoren anschließend verdreifacht und die zweite Person entschied, wie viel sie hiervon der ersten Person zurückgeben wollte. Personen, die einen höheren Betrag zurückgaben, galten als vertrauenswürdiger als andere. 

Interessant: Wer eine Karriere in der Finanzwelt im Auge hatte, war um 30 Prozent weniger vertrauenswürdig als solche, die nach ihrem Studium den Berufseinstieg in einer anderen Branche wagen wollten. 2019 und 2020 wiederholte das Forschungsteam die Befragung und stellte fest, dass die weniger vertrauenswürdigen Personen auch tatsächlich in der Finanzwelt einen Job angenommen hatten.

Wissensvorsprung als Quelle für Betrug

Dabei, so betonen die Wissenschaftler, habe Vertrauen in der Finanzwelt einen besonders hohen Stellenwert und sei Grundlage für eine Geschäftsbeziehung zwischen Kunden und Beratern. "Nutzen Berater das ihnen entgegengebrachte Vertrauen aus, kann es zu einem Fehlverhalten der Mitarbeiter im Finanzwesen kommen – zum Beispiel, da sie die ihnen vorliegenden komplexen Informationen der Finanzwelt besser einzuschätzen wissen als ihre Kunden", heißt es in der Analyse. Das wiederum könne zur Quelle für Skandale und Betrug werden. 

Die Forschungsergebnisse lassen jedoch auch einen anderen Schluss zu:

Studierende, die in der wettbewerbsintensiven Finanzwelt arbeiten möchten, sind weniger vertrauenswürdig als jene, die in anderen Branchen arbeiten wollen. Die Finanzwelt scheint aber weniger vertrauenswürdige Personen im Laufe eines Einstellungsprozesses nicht auszusortieren, sondern tatsächlich einzustellen. Zudem wechseln nur vier Prozent der Arbeitnehmer aus den Finanzen in eine andere Branche, was die Auswahl der Mitarbeiterinnen besonders wichtig macht", erläutert Matthias Heinz, Professor für Strategie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät in Köln. 

Es sei weitere Forschung notwendig, um Einstellungsprozesse in der Finanzwelt zu verstehen und Implikationen für die Politik abzuleiten, lautet das Fazit des Forschungsteams.

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