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About this book

Die Einführung und das Zusammenleben in einem demokratischen Gemeinwesen erfordern politische Bildung, unter Förderung politischen Grundwissens, politischer Urteils- und Handlungsfähigkeit. In Gegenwart und Zukunft besteht ein dringlicher Bedarf an theoretischer Inbeziehungsetzung von Politikwissenschaft und Politikdidaktik. Empirische Forschung in beiden Bereichen ist aufeinander angewiesen. Ohne politikwissenschaftliche Theorien kann es keine politikdidaktische Theorie geben. Die wechselseitigen Bezüge sind neu zu klären. Dabei bedarf die Eigenständigkeit beider Disziplinen einer zeitgemäßen Klärung und Neuausrichtung.

Table of Contents

Frontmatter

Politikdidaktische Theoriebildung – eine wissenschaftstheoretische Orientierung

Zusammenfassung
In der Politikdidaktik entsteht seit der Kompetenzdebatte ein neues Interesse an Theorie. Normatives „Sollte-Sein“ ist keine Voraussetzung für die Klärung der Domänenstruktur und für die empirische Forschung. Der Beitrag zeichnet zunächst die Entwicklungslinien der rationalistischen und der radikal-konstruktivistischen Politikdidaktik nach. Er grenzt sich danach von der Normativität ab und zeigt die Notwendigkeit eines empirischen Forschungsverständnisses auf. Hierfür werden die dem Beitrag zugrunde liegenden wissenschaftstheoretischen Anforderungen an eine Theoriebildung erläutert. Sie sehen als das Wesentliche in Theorie und Forschung an, die Korrespondenz zwischen Theorie und Erfahrungswelt präzise und vor allem wertfrei (kollektivfrei) zu bestimmen. Aus der Perspektive semantischer wissenschaftstheoretischer Positionen wird schließlich ein eigener Beitrag zur Theoriebildung vorgestellt. Das beobachtbare Verhalten von Lehrer/-innen und Schüler/-innen steht im Fokus. Ontologisch wird der Begriff (das Konstrukt) der Politikkompetenz als eine strukturelle Darstellung (Repräsentation) der politischen Erfahrungswelt (Kognitionen eines Individuums) angesehen. Methodologisch wird die Strukturierung in der Perspektive wissenschaftlicher Modelle vorgenommen.
Georg Weißeno

Politikwissenschaft als Bezugsdisziplin der Politischen Bildung

Zusammenfassung
Während sich die junge Wissenschaft der Politik im Nachkriegsdeutschland als Demokratiewissenschaft verstand und zur Aufgabe der politischen Bildung klar bekannte, hat sie sich mit ihrer nachfolgenden Ausdifferenzierung, Professionalisierung und „Normalisierung“ von der politischen Bildung „emanzipiert“ und entfremdet. Parallel hat sich die Politikdidaktik als Wissenschaft und Leitdisziplin der politischen Bildung etabliert, deren eigene Professionalisierung sich jedoch von politikwissenschaftlichen Kolleg/-innen weitgehend unbemerkt vollzogen hat. Vor diesem Hintergrund bestimmt der Beitrag Politikwissenschaft als zentrale fachwissenschaftliche Bezugsdisziplin einer politischen Bildung, die Politik als ihren „Kern“ versteht. Dies widerspricht nicht der Notwendigkeit einer Berücksichtigung bspw. soziologischer und ökonomischer Bezüge. Eine fachwissenschaftliche Bezugsdisziplin dient nicht der „Abbilddidaktik“, ihre Funktionen sind überwiegend vermittelt über die Fachdidaktik. Der Beitrag plädiert vor dem Hintergrund wechselseitiger Funktionen heute für eine erneute Annäherung von Politikwissenschaft und Politischer Bildung bzw. Politikwissenschaft und Politikdidaktik.
Monika Oberle

Erfüllt das Kontroversitätsprinzip Merkmale einer politikdidaktischen Theorie?

Zusammenfassung
Kontroversität ist ein Leitgedanke der Politischen Bildung. Im Beitrag wird erörtert, ob sich Kontroversität über einen normativen Entstehungs- und Verwertungszusammenhang hinaus auch innerhalb einer fachdidaktischen Theorie für schulische Lernprozesse begründen lässt. Dabei werden Anknüpfungspunkte in der Politischen Theorie, in der Lernpsychologie und pädagogischen Bildungstheorie bzgl. des Merkmals der Kontroversität gesucht. Der poststrukturalistische Ansatz von Mouffe und die Lerntheorie der kognitiven Dissonanz sind fruchtbar für Begründungszusammenhänge. Legt man wissenschaftstheoretische Kriterien an Kontroversität an, so scheint das Merkmal als Theorie an sich zu scheitern. Auch der Versuch von „Kontroversitätsgesetzen“ zeigt Schwierigkeiten auf. Es wird dargelegt, dass Kontroversität bereits theoretisch im Politik-Kompetenzmodell eingeschrieben ist (Fachwissen, Argumentations- und Urteilsfähigkeit). Hierfür gilt es Operationalisierungen zu finden, ebenso wie für Unterrichtsrealitäten.
Sabine Manzel

Argumentationstheorie für Politische Theorie und Politikdidaktik

Zusammenfassung
Der Beitrag zieht zur Analyse von Argumentationen zwei verschiedene Modelle heran: Die formale Logik und die informale Logik. Gezeigt wird, dass beide unterschiedliche Perspektiven auf Argumentationen ermöglichen und die Bestandteile von Argumentationen auf unterschiedliche Art und Weise klassifizieren. Die formale Logik spürt alle notwendigen Prämissen auf, die zu einer Konklusion führen. Die informale Logik zerlegt die Argumente in ganz andere Elemente. Sie ermöglicht es insbesondere, empirische Argumentationen zu analysieren. Gerade das Auffinden und Explizitmachen von implizit bleibenden Zusammenhängen hilft dabei, die Intention, die stillschweigenden Grundlagen und konventionellen Voraussetzungen von Argumentationen besser zu verstehen. Der Beitrag zeigt zugleich, dass das reflexive Wissen um das Funktionieren von Argumentationen noch nicht dazu führt, dass dieses Wissen politisch so eingesetzt wird, dass es die Demokratie fördert. Im Gegenteil wird die Demokratie durch geschickt vorgetragene Argumente herausgefordert.
Holger Zapf

Modell der politischen Urteilsfähigkeit – eine Dimension der Politikkompetenz

Zusammenfassung
Politische Urteilskompetenz ist eine für die Demokratie essenzielle Kompetenz, die es im Fachunterricht Politik auszubilden gilt. Bisherige Überlegungen aus der allgemeinen Pädagogik und den Fachdidaktiken sind in ihren Begrifflichkeiten nicht immer trennscharf und entbehren oft einer Präzisierung des Fachwissens.
Hier wird ein deskriptives Modell für das Fach Politik vorgeschlagen, in dem die beiden Bestandteile Argumentation und Urteilen auf der Basis eines Modells des Fachwissens definiert werden. Darüber hinaus berücksichtigt das Kompetenzmodell sowohl überfachliche Einflussfaktoren als auch persönlich-individuelle Faktoren. Im Unterschied zu Modellierungen aus den Naturwissenschaften und der Socioscientific-Issue-Forschung (SSI) werden persönlich-moralische Werthaltungen von politischen Werten, Alltags- von Fachwissen unterschieden. Die fachliche Argumentationskompetenz mit darauf aufbauender politischer Entscheidung im Urteil ist wissensbasiert konzipiert.
Sabine Manzel, Georg Weißeno

Politikwissenschaftliche Mikroanalyse und Politische Bildung

Zusammenfassung
Die politikwissenschaftliche Mikroanalyse ist eine Bereicherung sowohl für die Theorie und Empirie der Politikwissenschaft als auch für die Politische Bildung, indem sie zu einem tieferen Verständnis des Verlaufs politischer Entscheidungsprozesse beiträgt. Der Beitrag erläutert zunächst, welche Vorstellungen von politischen Institutionen in der Bevölkerung vorherrschen. Sodann zeigt er, welche Erkenntnisinteressen die Mikropolitologie verfolgt und welchen Nutzen sie für die Politische Bildung und insbesondere die Beschäftigung mit politischen Institutionen stiftet. Die Mikropolitologie vermittelt Einsichten in das „Wie-es-gemacht-wird“ politischen Handelns. Am Beispiel der Parlamentsfunktionen wird dargestellt, wie eine solche Perspektive in der Bildungsarbeit eingesetzt werden kann.
Helmar Schöne

Demokratie lernen? Politische Bildung aus Sicht der empirischen Kulturforschung

Zusammenfassung
Der Beitrag stellt anhand der Studien von Almond und Verba, Inglehart, Putnam und Welzel dar, wie es zu politischem Wandel oder sogar zu Umbrüchen von politischen Systemen kommen kann, wenn sich die Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger wandeln und existierende Regime mit veränderten Herausforderungen konfrontiert sind. Anschließend wird am Beispiel der Mannheimer Studie Demokratie Leben Lernen (DLL) sowie des Belgian Political Panel Survey (BPPS) auf die Relevanz der politischen Kulturforschung für die politische Bildung hingewiesen. Erstens ist klar, dass Kinder bereits beim Eintritt in die Grundschule offensichtlich über sinnvolle politische Orientierungen verfügen. Zweitens sind politische Orientierungen eher als Konsequenzen statt als Prädispositionen politischen Verhaltens zu verstehen. Die Ergebnisse der Studien liefern somit eine gebündelte Antwort auf die Frage, ob man Demokratie lernen kann: Das ist sicherlich möglich, wenn politische Bildung bereits bei jungen Kindern anfängt und ein deutlicher Schwerpunkt auf politisches Handeln anstelle ausschließlich auf die Entwicklung günstiger Prädispositionen gelegt wird.
Jan W. van Deth

Zoon Politikon im Standby-Modus?

Zur Aktivierung politischen Interesses, politischen Wissens und politischer Partizipation durch politische Sozialisation, formale Schulbildung und soziales Kapital
Zusammenfassung
Dass Demokratie der politischen Partizipation ihrer Bürger/innen bedarf, wird besonders deutlich, wenn man den Menschen mit Aristoteles als Zoon Politikon begreift. Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, was eine solche Bürgerbeteiligung fördert und schlägt dabei eine Brücke zwischen politischer Kulturforschung und politischer Bildung. Untersucht werden anhand von Allbus-Daten (1980 bis 2012) sowie der German Longitudinal Election Study (GLES 2013) zum einen die politische Involviertheit der Bürgerinnen und Bürger im Zeitverlauf, zum anderen der Einfluss zahlreicher potenzieller Prädiktoren der primären und sekundären Sozialisation auf politisches Interesse, politisches Wissen und politische Aktivität. Dabei zeigt sich, dass der „sozialisatorische Dreiklang“ aus Eltern, Schule und Medien politisches Interesse und Wissen generieren, welche wiederum zu einer höheren Beteiligungsbereitschaft beitragen. Um diese weiter zu fördern, ist allerdings eine Steigerung des Anteils an hoher formaler Bildung allein wenig aussichtsreich, vielmehr bedarf es einer qualitätsvollen politischen Bildung an Schulen.
Susanne Pickel

Politische Partizipation als Element der Demokratietheorie in Politikwissenschaft und Politikdidaktik

Zusammenfassung
Der Beitrag setzt sich mit der großen Spanne im Repertoire der politischen Partizipationsmöglichkeiten in demokratischen Systemen auseinander. Hierzu werden unterschiedliche Demokratiemodelle und Politikbegriffe hinsichtlich der politischen Partizipation allgemein nach ihrem instrumentellen und normativen Verständnis unterschieden. Schließlich soll ein Blick auf die in der politischen Bildung verwendeten Bürgerleitbilder weiterhelfen, um das Verständnis der Bürger/-innen gegenüber der Verwaltung sowie ihrem Wunsch nach größerer politischer Partizipationsfähigkeit zu erklären. Diese Leitbilder können in den aktuellen demokratietheoretischen Debatten ein „Hilfsgerüst“ dafür sein, wie sich die demokratischen Erwartungshaltungen der Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten ausdifferenziert haben. Für die politische Bildung ist bedeutsam, dass individuelle Betroffenheiten stets mit affektiven bzw. emotionalen Lernprozessen verbunden werden. Somit sind sie insbesondere fachlich anschlussfähig an die Voraussetzungen und Wirkungen von politischen Partizipationsprozessen, die mit individuellen Freiheits- und Informationsrechten der Bürger/-innen einhergehen.
Andreas Brunold

Europa als Fachkonzept und als Thema des Schulunterrichts: Zum Umgang mit den „europäischen Unübersichtlichkeiten“

Zusammenfassung
Der Beitrag untersucht die Legitimationsproblematik der EU. Die Komplexität der Europapolitik ergibt sich aus dem intransparenten Zusammenwirken der verschiedenen europäischen Institutionen, deren Verflochtenheit mit der mitgliedsstaatlichen Ebene und den gesellschaftlichen Interessengruppen, sowie der je nach Politikfeld anders gelagerten Entscheidungsstrukturen und Kompetenzdichten der EU. Hinzu kommt die Dynamik des europäischen Integrationsprozesses, die sich neben den großen Vertragsrevisionen eben auch durch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes und das alltägliche Handeln der Europäischen Kommission ergibt. Die Komplexität stellt eine klare Aufforderung an die politische Bildung dar, sich vermehrt mit der Vermittlung von Wissen und politischer Urteilsfähigkeit zur Europapolitik zu beschäftigen. Hierfür werden vier Ansätze zur Überwindung der europäischen Unübersichtlichkeiten benannt. Abschließend wird untersucht, auf welche Weise die europabezogenen Fachkonzepte zu einem besseren Verständnis der Integration und zur Urteilskraft der Schüler/-innen beitragen können.
Klaus Detterbeck

Politikwissenschaft und kompetenzorientierte politische Bildung: Macht und Recht in den internationalen Beziehungen

Zusammenfassung
Die zunehmende Verantwortung Deutschlands auf der Bühne der internationalen Politik sollte aus demokratischer Perspektive mit einem wachsenden Verständnis der deutschen politischen Öffentlichkeit für Problemlagen der internationalen Politik einhergehen. Der Beitrag geht dem Anspruch an die politische Bildung an Schulen nach, diesen Politikbereich in dem Maße zu vermitteln, dass die Schülerinnen und Schüler als (spätere) Bürgerinnen und Bürger im Bereich der Außenpolitik über eine Grundbildung verfügen und kompetent urteilsfähig sind. Hierfür konzentriert er sich auf die Begriffe Macht, Interessen und Recht im Kontext der politikwissenschaftlichen Disziplin der Internationalen Beziehungen. Das prekäre Verhältnis dieser drei Begriffe wird aus der Perspektive unterschiedlicher Theoriestränge beleuchtet und ihr Nutzen für die politische Bildung gezeigt.
Ingo Juchler

Rechtsextremismus im Fokus von Politikwissenschaft und Politischer Bildung

Zusammenfassung
Im Beitrag wird ein Verständnis von Rechtsextremismus entwickelt, das auf den Differenzierungsebenen Einstellung, Verhalten und Intensität ansetzt. So soll eine konzeptionelle Grundlage formuliert werden, die dazu in der Lage ist, unterschiedliche Radikalisierungsgrade wie unterschiedliche Politikfelder im Rechtsextremismus kenntlich zu machen. Mit Blick auf das bundesdeutsche Selbstverständnis als „wehrhafte“ bzw. „streitbare“ Demokratie wird argumentiert, dass die Bekämpfung von Rechtsextremismus zum Kern demokratischer Politik gehört, wobei konkrete Handlungsfelder – und Grenzen – für die politische Bildung benannt werden, die sich entlang der Differenzierung von Einstellung, Verhalten und Intensität ergeben.
Alexandra Kurth, Samuel Salzborn
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