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About this book

Dieser Band ist ein Lehr- und Arbeitsbuch für theoriegenerierendes Forschen. Die Beiträge erklären Prinzipien der Grounded Theory und diskutieren deren methodisch fundierte Durchführung und Darstellung im Rahmen empirischer Vorhaben. An Beispielen aus der Forschungspraxis wird gezeigt, wie sich Methodologie und Verfahrensrahmen der Grounded Theory zur Analyse medienbezogener Lebenswelten einsetzen lassen.

Table of Contents

Frontmatter

Einleitung: Theoriegenerierendes empirisches Forschen in medienbezogenen Lebenswelten

Zusammenfassung
Die Einleitung führt sowohl in die Struktur des Bandes als auch in grundlegende Überlegungen zur Anwendung von Grounded Theory für das Erforschen medienbezogener Lebenswelten ein. In einer Vorüberlegung wird das Buch als Sammlung zu adaptierender Anwendungen statt fertiger ‚Patentrezepte‘ vorgestellt, um gemäß der Grounded Theory theoriegenerierend zu forschen. Grounded Theory kann dabei als Verfahrensrahmen, als Methode und/oder als Ergebnis begriffen und gebraucht werden. Insbesondere für Einsteigerinnen und Einsteiger ist es nicht einfach, forschungspraktische, für ihre Vorhaben und Materialien passende Darstellungen des Arbeitens mit Grounded Theory zu finden. Deshalb trägt der Band beispielhafte Anwendungen für den Gegenstandsbereich medienbezogene Lebenswelten zusammen. Gemeint sind jene Felder der Alltagswelt, deren Sozialgeschehen grundlegend durch mediale Vermittlung und mediale Inhalte geprägt ist. Die Grounded Theory bietet sich gerade für ihre Erforschung an, weil sie offen und gegenstandsbezogen klärt, ob und inwiefern konkrete Medienbezüge in Lebenswelten hergestellt werden – anstatt deren Wirkmächtigkeit im Voraus festlegen zu wollen.
Christian Pentzold, Andreas Bischof, Nele Heise

Methodologische und methodische Grundlagen

Frontmatter

Grounded Theory: Methodische und methodologische Grundlagen

Zusammenfassung
Der Forschungsstil der Grounded Theory wird zunächst in seinem methodenhistorischen Kontext verortet, bevor Fragen der Anwendung und der Qualitätssicherung sowie aktuellere Weiterentwicklungen der Strauss’schen Grounded Theory kurz angerissen werden. Nach diesem eher groben Orientierungsrahmen geht es im dritten Abschnitt um die wissenschafts-, erkenntnis- und sozialtheoretischen Grundlagen des Ansatzes, wobei ich mich auf die pragmatistische Variante von Anselm Strauss beschränken werde. Der vierte Abschnitt geht dann genauer auf Grundprinzipien und einzelne Verfahrensschritte der Grounded Theory ein. Behandelt werden insbesondere das Theoretische Sampling und die zentralen Vergleichsheuristiken, das Prinzip des offenen Kodierens und der Entwicklung theoretischer Konzepte sowie die weiteren Kodiermodi, also das axiale und das selektive Kodieren. Das prozessuale Theorieverständnis der Grounded Theory bildet den Abschluss dieses Abschnitts, dem eine kurze Zusammenfassung folgt.
Jörg Strübing

Grounded Theory als integrierte Folge von Einzelfallstudien

Besonderheiten eines Forschungsverfahrens
Zusammenfassung
Ergiebige und tragfähige qualitative Forschung entsteht nicht daraus, dass man sich vor allem an alle Vorschriften hält, die sich auf Datenerhebung, Auswahl von untersuchten Sachverhalten und Auswertungsformen beziehen. Stattdessen müssen die einzelnen Forschungsschritte in erster Linie im Hinblick auf die jeweilige Forschungsfrage zugeschnitten sein und natürlich auch problemadäquat verwendet werden.
Das Forschungsverfahren der Grounded Theory lässt der Forscherin und dem Forscher dabei besonders viele Freiheiten. Im Vergleich zu den gängigen Formen quantitativer oder standardisierter Empirie, die nach dem Prinzip des Messens vorgeht, verlangt die Grounded Theory allerdings ein grundlegendes Umdenken. Grounded Theory lässt sich am besten – und diese Perspektive entwickelt und betont der vorliegende Beitrag – als eine Folge von Einzelfallstudien verstehen, die in einem inneren Zusammenhang stehen und am Ende im Hinblick auf die Forschungsfrage einerseits eine Reihe von Typen generiert, die andererseits durch die gleichzeitig entwickelte Theorie verstanden bzw. erklärt werden. Dies wird hier im Hinblick auf die Basisprinzipien, die der Grounded Theory zugrunde liegen, erläutert. Ferner wird gezeigt, wie man damit einerseits zu neuen Theorien, und andererseits zu verallgemeinerbaren Schlussfolgerungen gelangen kann.
Friedrich Krotz

Theorieorientiertes Kodieren, kein Containern von Inhalten!

Methodologische Überlegungen am Beispiel jugendlicher Facebook-Nutzung
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag stellt das theorieorientierte Kodieren als zentrales Auswertungsverfahren der Grounded Theory vor. Am Beispiel einer Studie zur Facebook-Kommunikation in jugendlichen Lebenswelten wird dargestellt, wie mit diesem Analyseverfahren aus empirischen Daten schrittweise theoretische Aussagen entwickelt werden können. Zunächst sensibilisieren wir für die Notwendigkeit der methodologischen und theoretischen Positionierung beim Auswerten – ohne ‚Vorwissen‘ und Forschungsfrage kann nicht theorieorientiert kodiert werden. Anschließend werden die drei Kodierschritte, offenes, axiales und selektives Kodieren, ausführlich diskutiert. Unter Verwendung des Kodierparadigmas zeigen wir dabei, wie Kategorien ins Verhältnis gesetzt werden können, um theoretische Zusammenhänge zu erschließen.
Andreas Bischof, Monika Wohlrab-Sahr

Forschungspraktische Anwendungen und Reflexionen

Frontmatter

Methodentriangulation von Grounded Theory und Diskursanalyse

Eine Rekonstruktion des Online-Diskurses zum Fall Demjanjuk
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt ein Analysewerkzeug vor, das von mir entwickelt und eingesetzt wurde, um einen Online-Diskurs zu untersuchen und die darin realisierten diskursiven Erinnerungspraktiken sowie dazugehörigen Deutungsmuster zu rekonstruieren. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf der diskursanalytischen Adaptierung des dreischrittigen Kodierungsprozesses der Grounded Theory. Anhand konkreter Analyseausschnitte zeige ich die Triangulation der Grounded Theory mit der wissenssoziologischen Diskursanalyse und der sozialsemiotischen Diskursanalyse. Die Analyse wird am Diskurs um den NS-Kriegsverbrecherprozess gegen John Demjanjuk veranschaulicht: Der gebürtige Ukrainer wurde im November 2009 für seine Verbrechen im Vernichtungslager Sobibor angeklagt und im Mai 2011 verurteilt. Rund um diesen Prozess entspann sich ein Diskurs über Fragen der Schuld von nichtdeutschen KZ-Aufsehern, der angemessenen Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und die juristische Verfolgung von NS-Kriegsverbrechern.
Vivien Sommer

Theoretisches Sampling von Online-Inhalten

Die Analyse von Diasporawebsites
Zusammenfassung
Das Internet ist ein hochgradig dynamischer Kommunikationsraum: Sekündlich werden Terrabytes von Informationen ausgetauscht, beständig entstehen neue Webseiten oder Online-Services und damit neue Kommunikationskanäle. Für die empirische Forschung stellt diese Dynamik eine immense Herausforderung dar. Mit ihrem offenen Zugang und zirkulärem Datenerhebungsprozess bietet die Grounded Theory, so die Prämisse des Beitrags, einen geeigneten methodischen Ansatz, um dieses ‚unsichere Terrain‘ zu untersuchen. Der Beitrag diskutiert am Beispiel einer vergleichenden Analyse von Diskussionsforen der marokkanischen und türkischen Diaspora die Potenziale der Grounded Theory und insbesondere des Theoretischen Samplings für die Untersuchung von Online-Inhalten.
Çiğdem Bozdağ

Theoretisches Kodieren von Interviewmaterial

Medienaneignung mit der Grounded Theory induktiv analysieren
Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich theoretisch und anwendungsorientiert mit dem Einsatz von Kodierverfahren der Grounded Theory bei der Analyse von Interviews zur Nutzung und Aneignung von Medien. Anhand konkreter Beispiele aus einer Studie zur Rezeption von Frauenzeitschriften wird gezeigt, wie mithilfe des thematischen Kodierens komplexes Interviewmaterial analytisch verdichtet wird.
Kathrin Friederike Müller

Interviews als Form der Produktionsanalyse

Ein Praxiseinblick in die Forschung im Kontext der Gender Media Studies
Zusammenfassung
Der Beitrag zeigt anhand konkreter Arbeitsschritte, wie man den Forschungsstil der Grounded Theory praktisch in der eigenen Forschung zur Analyse von Geschlechterkonstruktionen und medialer Kommunikation umsetzen kann. Konkret beziehen wir uns dabei auf Interviewmaterial aus einem von uns bearbeiteten Forschungsprojekt (Lünenborg und Maier 2012). Gegenstand hier sind Experteninterviews mit Journalistinnen und Journalisten aus Printredaktionen in Deutschland, die über implizite Prozesse der Herstellung von Geschlecht und Geschlechterdifferenz bei der journalistischen Wissensproduktion Auskunft geben. So soll sichtbar werden, wie mithilfe der Grounded Theory eine Auswertung von Experteninterviews erfolgen kann, die über eine paraphrasierende Wiedergabe hinausreicht. Dabei gehen wir auch auf das Verhältnis von induktiven und deduktiven Konzepten im Prozess der Auswertung und Theoretisierung ein.
Margreth Lünenborg, Tanja Maier

Grounded Theory und qualitative Bildanalyse

Die Analyse visueller Geschlechterkonstruktionen in den Medien
Zusammenfassung
Für das junge Feld der Visuellen Kommunikationsforschung stellt die Grounded Theory geeignete Analyseverfahren bereit, um bislang unerforschte oder wenig explorierte visuelle Gegenstandsbereiche und Praktiken in unterschiedlichen Lebenswelten offen und, auch in Kombination mit anderen Methoden, an den Gegenstand anpassungsfähig zu analysieren und zu theoretisieren. Am Beispiel der Analyse von Geschlechterkonstruktionen im Rahmen eines Forschungsprojekts über die visuelle Darstellung von Spitzenpersonal in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in den Medien zeigt der Beitrag, wie die Prinzipien und Verfahren der Grounded Theory im Rahmen der qualitativen Bildanalyse, insbesondere im Sampling und in der Kodierung, eingesetzt werden können. Die Vorgehensweisen der Grounded Theory wurden in die ikonografische Bildtypenanalyse integriert. Der Beitrag will damit zur Weiterentwicklung einer Visual Grounded Theory beitragen. Abschließend soll das Potential der neueren Grounded Theory für die Visuelle Kommunikationsforschung diskutiert werden.
Elke Grittmann

Grounded Theory als Entwestlichungsstrategie

Sampling und Kodieren von ethnografischen Beobachtungsdaten, Dokumenten und Interviews
Zusammenfassung
Anhand einer Studie eines translokalen Netzwerks von Frauen und Frauenorganisationen und seiner lokalen Arbeit in Südafrika wird in diesem Beitrag diskutiert, inwiefern die Grounded Theory eine Strategie der Entwestlichung ‚westlicher‘ Kommunikations- und Medienwissenschaft sein kann. Dabei wird gezeigt, dass vor allem die Offenheit des Verfahrens in der Datenerhebung und -auswertung sowie die Möglichkeit der Methodentriangulation gewinnbringend für ein solches Anliegen sind. Als theoriegenerierender und nicht theorieprüfender Ansatz können mit der Grounded Theorie bestehende (‚westliche‘) Theorien weiterentwickelt und im Forschungsprozess Positionen ‚westlicher‘ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler reflektiert werden.
Sigrid Kannengießer

Methodentriangulation und Dokumentation

Eine Studie zum kommunikativen Mediengebrauch im Alltag von Paaren
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt eine Studie zur alltäglichen Kommunikation in Paarbeziehungen vor, bei der ein besonderes Augenmerk auf der Rolle und Bedeutung von Medien lag. Anhand der konkret im Forschungsprozess vollzogenen Arbeitsschritte sowie methodischen und analytischen Entscheidungen wird die offene und dabei gleichzeitig systematische und reflektierte Untersuchung in der Tradition der Grounded Theory präsentiert und diskutiert. Schwerpunktmäßig vorgestellt werden die Konzeption der Datenerhebung im Sinn einer Triangulation als Interview-Tagebuch-Methodendreieck sowie der Umgang mit Memos als Dokumentations- und Reflexionsmittel in Datenauswertung und Theorieentwicklung.
Christine Linke

Qualitätssicherende Strategien und Gütekriterien

Eine Studie der ‚C Walk‘-Szene auf YouTube
Zusammenfassung
Die Grounded-Theory-Methodologie liefert ein Rahmenkonzept für die Entwicklung einer Theorie aus Daten. Ihre Güte lässt sich deshalb nicht mit Kriterien beurteilen, die traditionell zur Bewertung hypothesenprüfender Verfahren zugrunde gelegt werden. In diesem Beitrag soll am Beispiel einer Studie über eine kleine medienbezogene Lebenswelt aufgezeigt werden, wie eine Qualitätssicherung im Rahmen einer Grounded-Theory-Studie erfolgen kann und an welchen Stellen besondere Obacht geboten ist. Die Studie wurde im Feld der Jugendkultur ‚C Walk‘ durchgeführt, einer hybriden Straßentanz-Szene, die sich sowohl online als auch offline konstituiert.
Christoph Eisemann, Angela Tillmann

Computergestützte Analyse: Das Kodieren narrativer Interviews

Zusammenfassung
Ich gehe in diesem Beitrag der Frage nach, wie anhand der heutigen technischen Möglichkeiten die Verfahren der klassischen Grounded Theory verändert bzw. weiterentwickelt werden können. Anhand eines Beispielprojekts zeige ich Schritt für Schritt, wie eine softwaregestützte Grounded Theory Analyse durchgeführt werden kann. Ich arbeite hierzu mit der Software ATLAS.ti, weil sie sich aufgrund der Zitatebene besonders gut für einen Grounded Theory-Ansatz eignet.
Susanne Friese

Medienbezogene Lebenswelten mit Grounded Theory erforschen

Ansatzpunkte, Hindernisse und Perspektiven
Zusammenfassung
Im abschließenden Beitrag dieses Bandes wollen wir uns mit dem Status Quo des Verfahrens, insbesondere im deutschsprachigen Raum, auseinandersetzen. Dafür wählen wir eine Form, die aus unserer Sicht dem Ansinnen der Reflexion entgegenkommt: Ein Gespräch zwischen Herausgebern des Bandes und Andreas M. Scheu, der sich an anderer Stelle mit der Adaption der Grounded Theory in der Kommunikationswissenschaft beschäftigt hat, aber an diesem Buch nicht direkt beteiligt ist. Dementsprechend soll in diesem Kapitel durchaus auch eine reflexive Distanz zum vorliegenden Band gewonnen und diskutiert werden, wie Grounded Theory im Feld der Medien- und Kommunikationswissenschaft und in Untersuchungen medienbezogener Lebenswelten aufgenommen wurde.
Andreas M. Scheu, Andreas Bischof, Christian Pentzold
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