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About this book

Vertrauensverluste und Glaubwürdigkeitskrisen von gesellschaftlichen Institutionen sind Ausdruck der Pluralisierung von Werten und Normen und der zunehmenden Verhandelbarkeit, Labilität und Ungewissheit für allgemein und beständig genommener Verbindlichkeiten. Die im Band versammelten Studien zu Sprechweisen, Freiheitsdiskussionen, Rechtsfindungen und Polizeiarbeiten geben solch prekäre Verbindlichkeiten als Problemschwellen normativer Ordnungen zu erkennen. Ihre Komplexität fordert die Geistes-, Kultur und Sozialwissenschaften heraus, tradierte Verständnisse, Begriffe und Methoden zu prüfen, zu aktualisieren, zu erweitern und zu verfeinern. Diese Sondierungs- und Präzisierungsarbeiten sind nur interdisziplinär zu leisten. Hierfür stellt das hier unterbreitete Forschungskonzept der prekären Verbindlichkeiten ein vielversprechendes Potential in Aussicht.

Table of Contents

Frontmatter

Prekäre Verbindlichkeiten. Hinführung zu einem interdisziplinären Forschungskonzept

Zusammenfassung
„Dass Menschen ihr Verhalten sozial binden, sozial verbindlich machen, ist eine höchst merkwürdige Leistung“ konstatiert Heinrich Popitz, bevor er sich fragt: „Wie bringen wir diese Leistung eigentlich zustande?“.
Jürgen Raab, Justus Heck

Sprechweisen

Frontmatter

Zum prekären Status sprachlicher Verbindlichkeit: Gendern im Deutschen

Zusammenfassung
In diesem linguistischen Beitrag werden aktuelle sprachliche Genderpraktiken und damit verbundene Normierungsprozesse im Hinblick auf das Rahmenthema des Bandes fokussiert. Sprachliche Praktiken wie die Verwendung des Gendersterns resultieren einerseits aus gesellschaftlichen Veränderungen, kollidieren anderseits zum Teil mit etablierten Regeln des Sprachsystems; sie sind symbolisch aufgeladen, werden einerseits engagiert verfochten, rufen andererseits Aversionen hervor. Der Status der Verbindlichkeit von Sprache ist deshalb so prekär, weil Veränderungen im Sprachgebrauch sich weder vollends steuern noch sicher prognostizieren lassen, sondern stets sozial ausgehandelt werden.
Jan Georg Schneider

Prekäre Verbindlichkeiten aus kulturlinguistischer Perspektive

Eine Fallstudie zur Konzeptualisierung von Korruption im Westafrikanischen Englisch
Zusammenfassung
Gegenstand des Aufsatzes ist die Konzeptualisierung von korruption im westafrikanischen Kontext. Korrupte Praktiken offenbaren die Grau- und Grenzbereiche zwischen (Il-)Legalität und (Il-)Legitimität, sowie die Kulturabhängigkeit dieser Kategorien. Sie sind daher ein denkbar geeignetes Fallbeispiel für die Analyse des Spannungsfeldes zwischen statuierten Normen und kulturellen Verbindlichkeiten. Im Aufsatz wird ein kulturlinguistischer Zugriff auf diese Problematik umrissen. Ausgangspunkt und empirische Basis sind dabei sprachliche, im Besonderen lexikalische Belege, in denen, gemäß der Grundannahme der kognitiven Linguistik, von der Gemeinschaft geteilte konzeptuelle Muster abgebildet sind. Aus dieser Perspektive wird der Suchbegriff des Bandes, prekäre Verbindlichkeiten, angesteuert und operationalisiert über den sprachlichen Niederschlag der entsprechend geltenden kulturellen Modelle. Die im engeren Sinne linguistische Analyse des umfangreichen Wortschatzes in der Domäne Korruption im westafrikanischen Englisch erfolgt vor dem Hintergrund politikwissenschaftlicher, kulturanthropologischer und soziologischer Untersuchungen und Befunde zur Korruptionsproblematik in diesem Kontext. Die sprachlichen Belege werden interpretiert als Ausdruck metaphorischer Konzeptualierungen, die fest im westafrikanischen Gemeinschafts- und Gesellschaftsmodell verankert sind. In ihrer Funktion sind sie euphemistisch, für korrupte Praktiken parasitär eine Legitimierung durch bestehende kulturelle Verbindlichkeiten beanspruchend. In ihrer Wirkweise zeigen sie den prekären Status der relevanten kulturellen Verbindlichkeiten und tragen in ihrer Wirkung zu deren Prekarität bei.
Frank Polzenhagen

Freiheitsdiskussionen

Frontmatter

Das Wagnis der Freiheit. Zur prekären Verbindlichkeit des Liberalismus

Zusammenfassung
Der Artikel untersucht die normative Grundlage des modernen Liberalismus. Bezugnehmend auf die deontologische Wende durch John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit wird das Problem der fehlenden moralischen Verbindlichkeit des modernen normativen Liberalismus herausgearbeitet und vor dem Hintergrund des negativen Freiheitsverständnisses analysiert. Dabei wird eine Brücke zur berühmten These von Ernst-Wolfgang Böckenförde über „Das Wagnis der Freiheit“ geschlagen.
Jana Katharina Funk

Grenzen einhalten – Grenzen einreißen. „Aggressiver Humanismus“, Solidarität und Maß

Zusammenfassung
Die Aktion „Erster Europäischer Mauerfall“ des Zentrums für politische Schönheit wird mithilfe des Camus’schen Konzepts der Revolte analysiert. Es wird gezeigt werden, dass die tendenziell zynische Darstellung von Stereotypen der Idee der Revolte widerspricht. Deshalb ist die Aktion nicht geeignet, die Menschen darauf festzulegen, sich gegenseitig anzuerkennen. Dies illustriert, dass Solidarität prekär ist: Wird sie nicht durch die Bewegung der Revolte immer wieder erneuert, kann sie jederzeit in ihr Gegenteil umkippen.
Ole Kliemann

Rechtsfindungen

Frontmatter

Absprachen im Strafrecht. Funktionale Devianz durch juristische Kontaktsysteme?

Zusammenfassung
Die Selbstbeschreibung des Rechts setzt an der Vorstellung eines durch den Konflikt zweier Parteien geprägten Prozesses an, in dem ein unparteiischer Dritter entscheidet. Diese Vorstellung trifft die gerichtliche Verfahrenswirklichkeit nur selten. Denn Juristen, die wiederholt vor Gericht aufeinandertreffen, pflegen einen kooperativen Arbeitsstil, der sich im Strafrecht in formellen und informellen Urteilsabsprachen dokumentiert. Der Beitrag adressiert die Frage, warum die Juristen kooperieren, mit welchen Folgen sie dies tun und ob informelle Absprachen soziologisch zu beklagen sind.
Justus Heck

Die Verbindlichkeit der staatlichen Kooperationspflicht mit dem Internationalen Strafgerichtshof. Ein verfahrenssoziologischer Ansatz

Zusammenfassung
Der Internationale Strafgerichtshof braucht die Zusammenarbeit mit den Staaten, um völkerstrafrechtliche Verbrechen zu verfolgen. Diese im Völkerstrafrecht festgehaltene Verpflichtung der Staaten reicht jedoch nicht aus, damit sich die Staaten daran gebunden fühlen. Aus diesem Grund muss der IStGH im Beweiserhebungsverfahren Täter, Zeugen, Opfer und Staatenvertreter an die Kooperationspflicht binden. Diese Bindung gelingt so die These, indem sich die Verfahrensbeteiligten in ihrer Darstellung der zu untersuchenden Situation selbst binden und dabei das Völkerstrafrecht performativ anerkennen.
Henning de Vries

Polizeiarbeiten

Frontmatter

Schaffen Videoaufzeichnungen Verbindlichkeit? Zur kommunikativen Absicherung prekären visuellen Wissens in der Polizeiarbeit

Zusammenfassung
Der Beitrag setzt sich mit der kommunikativen Herstellung und Interpretation von Videoaufzeichnungen in der Polizeiarbeit auseinander. Bilder und Videoaufzeichnungen versprechen zwar einerseits Evidenz, also Verbindlichkeit, jedoch ist ihre Interpretation stets prekär – wird an die damit verbundenen Geltungen doch häufig Zweifel herangetragen. Hier besteht ein Spannungsverhältnis prekärer Verbindlichkeit, welches nicht nur abstraktes, sondern ein konkret handlungspraktisches Problem für die Herstellenden der Aufzeichnungen bedeutet.
René Tuma

Der immer wieder neue Gang an die Grenzen des Zivilen. Prekäre Verbindlichkeiten und labile Ordnungen zwischen Polizei, Ordnern und Fußballfans

Zusammenfassung
Bei Fußballspielen treffen nicht nur zwei Mannschaften aufeinander, sondern immer auch deren Fans und staatliche wie private Sicherheitskräfte. Letztere sollen den gewaltfreien Ablauf des Fußballspiels sichern. Zwischen den Heimfans und den Gästefans, aber auch zwischen den Fangruppen und der Polizei und den privaten Sicherheitskräften kommt es dabei immer wieder zu ritualisierten Provokationen, welche die Macht der Einen bzw. die Ohnmacht der Anderen sichtbar machen soll. Dieses ritualisierte Gegeneinander, dieser gemeinsame Gang an die Grenzen des Zivilen, zielt dabei nicht auf den Aufbruch von Gewalt, kann diese jedoch manchmal zur Folge haben. Deshalb sind die Ordnungen, die man vor, während und nach Fußballspielen findet, immer labil und die Verbindlichkeiten untereinander sind prekär.
Jo Reichertz

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