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2015 | Book

Räumliche Mobilität und Lebenslauf

Studien zu Mobilitätsbiografien und Mobilitätssozialisation

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About this book

Seit etwa zehn Jahren werden in der Verkehrsforschung Versuche unternommen, die Mobilität (im Sinne der täglichen oder auch selteneren Wege) im Längsschnitt individueller Lebensläufe zu erfassen und zu verstehen. Dazu wurde eine Reihe von theoretischen und methodischen Grundlagen sowie konzeptionellen Ideen entwickelt. In jüngster Zeit werden diese ergänzt durch eine beachtliche Anzahl empirischer Studien. Das Buch umfasst sowohl theoretische und methodische Überlegungen als auch aktuelle empirische Arbeiten aus dem Forschungsfeld.

Table of Contents

Frontmatter

Theoretische und methodische Perspektiven

Frontmatter
Mobilitätsbiografien und Mobilitätssozialisation: Neue Zugänge zu einem alten Thema
Zusammenfassung
Im vergangenen Jahrzehnt wurden in der Forschung zu alltäglicher Mobilität zahlreiche Versuche unternommen, Mobilität im Kontext individueller Lebensläufe, ihrer Pfadabhängigkeiten sowie ihrer sozialen, ökonomischen und raumzeitlichen Verknüpfungen besser zu verstehen. Dieser Beitrag versucht eine knappe Bestandsaufnahme dieser Ansätze. Hierzu wird zunächst das Konzept der Mobilitätsbiografien vorgestellt. Dabei wird insbesondere die Bedeutung von Routinen (Habits), mit Mobilität verknüpften weiteren Lebensdomänen sowie Übergängen und Schlüsselereignissen im Lebenslauf diskutiert. In einem weiteren Schritt werden individuelle Mobilitätsbiografien durch Rekurs auf die Konzepte der Sozialisation und der „Linked Lives“ in einen weiteren sozialen Kontext eingebettet. Zudem wird kursorisch die Bedeutung der jeweiligen historischen Kontextbedingungen für Mobilitätsbiografien gestreift. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick auf die weitere Forschung.
Christian Holz-Rau, Joachim Scheiner
Biografieeffekte und intergenerationale Sozialisationseffekte in Mobilitätsbiografien
Zusammenfassung
Dieser Beitrag legt die theoretische Basis für empirische Analysen des Mobilitätshandelns im Lebensverlauf und familiären Kontext. Ausgehend vom Modell der produktiven Realitätsverarbeitung und dem Ansatz der Mobilitätsbiografien werden die Wirkungsbeziehungen zwischen dem Mobilitätshandeln von Familienmitgliedern im Lebensverlauf untersucht. Mobilitätshandeln wird entsprechend von räumlich-strukturellen Bedingungen, dem historischen, politischen und technischen Kontext, den individuellen Fähigkeiten sowie dem sozialen Umfeld beeinflusst. Fokussierend auf die familiäre Mobilitätssozialisation wird erwartet, dass das individuelle Mobilitätshandeln einerseits durch das Handeln der Familienmitglieder zum untersuchten Zeitpunkt und andererseits durch das (frühere) Handeln der Familienmitglieder in einer ähnlichen Lebensphase beeinflusst wird. Zusätzlich beeinflussen individuelle Erfahrungen das Mobilitätshandeln. So werden aktuelle und verzögerte intergenerationale Sozialisationseffekte sowie Biografieeffekte in Mobilitätsbiografien abgeleitet.
Lisa Döring
Zonen, Inseln, Lebenswelten, Sozialräume. Konzepte zur Raumaneignung im Alltag von Kindern
Zusammenfassung
Mobilitätssozialisation im Kindesalter steht in einem engen Verhältnis zu Raumaneignung als Teil der Alltagsmobilität und beide sind Teil des lebenslangen Sozialisationsprozesses. Es existieren diverse theoretische Konzepte zur Erforschung der Raumaneignung von Kindern: Vier ausgewählte sozialräumliche Zugänge (Zonenmodell, Inselmodell, Lebensweltkonzept, Sozialraummodell) werden im Beitrag diskutiert, um relevante Dimensionen und ihre Eignung für die empirische Praxis aufzuzeigen. Dabei wird ersichtlich, dass den Modellen unterschiedliche Raumvorstellungen (physisch-materieller Ort oder relationaler Sozialraum) zugrunde liegen und sowohl räumliche, als auch subjektive Perspektiven eingenommen werden. Zur Erforschung von Mobilitätssozialisation reichen ortsfokussierende Zugänge oft nicht aus, vielmehr sollten subjektiv-lebensweltliche Faktoren und die Handelnden selbst berücksichtigt werden. Dies gelingt mithilfe einer Sozialraumanalyse, die sowohl die multidimensionalen Wechselbeziehungen von baulichem Kontext und sozialer Interaktion, als auch soziale und räumliche Umwelt beachtet.
Raphaela Kogler
Kein Zugang zum Backstage-Bereich? Methodologische Überlegungen zu biographischen Interviews mit hochmobilen Künstlerinnen und Künstlern
Zusammenfassung
Künstler_innen gelten in der aktuellen Mobilitätsforschung als Trendsetter, deren Beispiel wesentliche Erkenntnisse über gegenwärtige und zukünftige mobile Arbeits- und Lebensarrangements verspricht. Bisher liegen indes kaum empirische Studien vor, die differenzierte Einblicke in die mobilen Karrierewege und Lebensläufe von zeitgenössischen Künstler_innen bieten. Ausgehend von einer kurzen Feldskizzierung wendet sich der Beitrag den konzeptionellen und methodischen Herausforderungen zu, die mit der Erforschung hochmobiler Milieus einhergehen und greift dabei insbesondere den Ansatz des qualitativen Interviews heraus. Für Künstler_innen fungiert das Interview als zentrales Medium der Werkvermittlung und Selbstdarstellung. Der Beitrag greift zentrale methodologische Fragen und analytische Schlüsselmomente auf, mit denen es sich auseinanderzusetzen gilt, wenn man hinter das offizielle Erfolgsnarrativ mobiler Künstler_innen gelangen möchte: 1. der narrative Habitus, 2. das Public Image-Dilemma, 3. langfristige Kontakte in einem transitorischen Feld, und 4. Prekarität und Narrativität. Der abschließende Teil thematisiert die Problematik der Projektions- und Rückkopplungseffekte zwischen Künsten und Wissenschaft als hochmobilen Berufsfeldern.
Anna Lipphardt

Schlüsselereignisse in der Alltagsmobilität

Frontmatter
Beruf und Mobilität – eine intergenerationale Untersuchung zum Einfluss beruflicher Lebensereignisse auf das Verkehrshandeln
Zusammenfassung
Lebensereignisse können Alltagsroutinen im Verkehrshandeln schwächen und bieten die Gelegenheit, nachhaltiges Verkehrshandeln zu fördern. Obwohl die Erforschung der Auswirkungen beruflicher Lebensereignisse bisher oft vernachlässigt wurde, kann sie einen Beitrag zur Entwicklung zielgruppenspezifischen Mobilitätsmanagements liefern. Dieser Beitrag analysiert die Änderungen des Verkehrshandelns beim Erleben beruflicher Lebensereignisse von drei Generationen. Der Vergleich zwischen Generationen zeigt Unterschiede im Erleben beruflicher Lebensereignisse. Studium, Ausbildung, Wechsel der Arbeitsstelle, Start ins Berufsleben und die Selbstständigkeit wurden als Ereignisse identifiziert, die einen Einfluss auf die Pkw Verfügbarkeit haben. In diesen Umbruchssituationen finden Änderungen in der alltäglichen Verkehrsmittelnutzung häufiger statt.
Hannah Müggenburg, Martin Lanzendorf
Towards a Theory of the Dynamics of Household Car Ownership: Insights from a Mobility Biographies Approach
Abstract
Household car ownership has arguably been one of the most widely studied areas within the field of transport research. Recently, studies in this area have moved to a focus on understanding the dynamic (time varying) nature of household car ownership. The chapter advances the contention that there is often a missing link between the reporting of empirical findings relating to the dynamics of household car ownership, and a critical articulation of theory that both underpins and is developed through the empirical research. The chapter explores how the ‘Mobility Biographies’ approach offers a new opportunity to revisit the relationship between theory and empirical approaches to examining household car ownership and how it changes over the life course. It presents a dynamic conceptual framework that was generated from qualitative accounts of car ownership histories and empirical results from a large-scale panel data set that confirm the strong association between life events and car ownership changes. It concludes with an assessment of the differing longitudinal analytical approaches (both qualitative and quantitative) that may be effectively combined in furthering understanding and developing theory.
Ben Clark, Kiron Chatterjee, Glenn Lyons
Understanding Change and Continuity in Walking and Cycling Over the Life Course: A First Look at Gender and Cohort Differences
Abstract
Research of walking and cycling is dominated by approaches oriented to explanations of behavioural outcomes as a function of contemporaneous circumstances. The lack of a long term temporal perspective precludes understanding of behaviour as an outcome of past behaviour and experiences, and impedes our ability to support walking and cycling as life-long practices. This chapter presents a study that was conducted at the nexus of health and travel behaviour research to gain a life course perspective of walking and cycling. Individual’s retrospective reasoning of change and continuity in their behaviour through life events and transitions was captured using biographical interviews. Biographies of older and younger adults indicated that behaviour developments were associated with changes in location, mobility resources, roles and health status and highlighted that the potential for adaptive, restorative and diminishing changes extended into later life. Some distinctions were apparent between the gender and cohort groups in the timing and occurrence of behaviour change and continuity. For instance some older women appeared to be better positioned by earlier life experiences to resume active travel in later life. Biographical insights suggest interventions be tailored by consideration of target group’s ability and readiness to make restorative change.
Heather Jones, Kiron Chatterjee, Selena Gray
Veränderungen des Verkehrshandelns nach einer Wanderung in Richtung Stadt: Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung
Zusammenfassung
Vor dem Hintergrund der Diskussion um Reurbanisierung stellt sich aus verkehrswissenschaftlicher Sicht die Frage nach den verkehrlichen Auswirkungen dieses neuen Musters der Siedlungsentwicklung. Der vorliegende Artikel nähert sich dieser Frage mit einem handlungstheoretischen Erklärungsansatz der Verkehrsentstehung. In einem qualitativen Pseudopanel-Design wird das Verkehrshandeln von Personen erfasst, deren Haushalte aus dem Umland in die Stadt gezogen sind. So ist es möglich, das jeweilige Verkehrshandeln vor und nach der Wanderung zu vergleichen. In den Vergleich werden auch weite private Freizeitwege (Ausflüge, Urlaube) einbezogen, die verzerrende Wirkung von Selbstselektionseffekten wird methodisch reduziert. Das Ergebnis zeigt einen eindeutigen und starken Effekt des neuen Wohnorts auf das Verkehrshandeln von Umland-Stadt-Wanderern, der sich nicht nur in den Kennzahlen zur Beschreibung des individuellen Verkehrshandelns niederschlägt, sondern auch als Sinnzusammenhang besteht. Ergänzend werden Befunde zu wohnbiographischen Effekten auf das Verkehrshandeln und dem Zusammenhang zwischen städtischem Wohnort und weiten Freizeitwegen vorgestellt.
Gesa Matthes
Schlüsselereignisse und schleichende Prozesse mit Auswirkungen auf die Mobilität Älterer
Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Identifizierung von Schlüsselereignissen und schleichenden Prozessen (sogenannten Lebensübergängen) in der Mobilität Älterer im Längsschnitt sowie deren Auswirkungen. Die Einbettung und Verkettung der individuellen Mobilitätsbiografie mit den übrigen Lebensbereichen/Teilbiografien einer Person geht auf den Mobilitätsbiografienansatz zurück. Es wird ein Vorgehen vorgestellt, welches die in quantitativen Studien nachgewiesenen Einflussfaktoren auf das Mobilitätsverhalten in Form standardisierter Interviews und qualitativer Fallstudien auf ihre Relevanz als mobilitätswirksame Lebensübergänge überprüft. Die Einflussfaktoren Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, Pkw-Verfügbarkeit, Gesundheitszustand, soziales Netz, persönliche Einstellungen sowie Raumstruktur des Wohnortes stehen im Vordergrund der Untersuchung und bilden die Grundlage für die Annahme, dass bestimmte Einflussfaktoren als mobilitätswirksame Schlüsselereignisse/-prozesse wirken können und somit eine langfristige Änderung im Mobilitätsverhalten bewirken. Die exemplarische Identifikation dieser mobilitätswirksamen Lebensübergänge und ihre Bewertung vor unterschiedlichen biografischen Hintergründen stehen im Fokus. Basierend auf Interviewmaterial des Projektes „Mobilität im Alter: Kontinuität und Veränderung“ (Hieber et al. Mobilität und Alter Bd. 2. Köln: TÜV-Media, 2006) wird dies untersucht.
Karin Kirsch

Mobilitätssozialisation

Frontmatter
Verkehrsmittelwahl bei Jugendlichen– Integration von objektiven Wegemerkmalen in die Theory of Planned Behaviour
Zusammenfassung
Das Forschungsprojekt UNTERWEGS (2012–2014) befasst sich mit der Analyse des Mobilitätsverhaltens und der Einstellungen von Jugendlichen im Alter von 12–14 Jahren. Vier Schulen unterschiedlicher Standorte wirken an dem Projekt mit. Im Rahmen des Projektes wurden eine Mobilitätserhebung und eine Einstellungserhebung durchgeführt (Jahr 2013). Die Analyse der Einstellung-Verhaltens-Relation erfolgt mit Hilfe von Strukturgleichungsmodellen. Hier werden neben den aus der Theory of Planned Behaviour abgeleiteten Zusammenhängen zahlreiche weitere mögliche Einflussfaktoren untersucht: i) das wahrgenommene Verhalten der Eltern und Peers und ii) wegespezifische Merkmale wie Entfernung, Entscheidungsfreiheit und Verfügbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel. In der Analyse wird getestet, welchen Wert die Theorie zur Erklärung der Verkehrsmittelwahl auf der Ebene einzelner Wege besitzt, wo die situationsbedingte Varianz der wegebezogenen Merkmale voll zum Tragen kommt. Dieser Ansatz stellt gewissermaßen die Brücke zwischen zwei bisher weitgehend getrennten Bündeln von Erklärungsansätzen dar: den sozialpsychologischen Ansätzen, die stets auf Personenebene operieren, und den verkehrsplanerischen Ansätzen, in denen die Verkehrsmittelwahl auf Wegeebene betrachtet wird. Die breitere Betrachtungsweise zielt darauf ab das Mobilitätsverhalten von Jugendlichen im Sozialisationskontext besser zu verstehen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Verkehrsmittelwahl der Jugendlichen durch ihre Einstellungen bzw. durch andere situative, system- und umweltspezifische Einflussgrößen erklärt werden kann. Es zeigt sich, dass die Hinzunahme von situationsbezogenen Wegemerkmalen die Erklärung des Verhaltens deutlich verbessert. Das Verhalten von Bezugspersonen ist ebenfalls von Bedeutung, insbesondere für die Nutzung des Fahrrades. Sehr große Unterschiede zeigen sich zwischen Schulwegen und Nicht-Schulwegen. Die Jugendlichen haben gemäß ihren Einstellungen die Intention bestimmte umweltfreundliche oder aktive Verkehrsmittel zu nutzen, setzen diese aber nur auf Schulwegen in konkretes Verhalten um. Bei Nicht-Schulwegen zeigt sich ein deutliches intention-behaviour gap. Die Überführung der Verhaltensintention in Verhalten hängt hier stark von der wahrgenommen Verhaltenskontrolle ab. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass für das Mobilitätsverhalten von Jugendlichen neben persönlichen und mesosozialen Bedingungen auch gesellschaftliche Leitbilder eine Rolle spielen.
Juliane Stark, Reinhard Hössinger
Alltagsmobilität und Mobilitätssozialisation von Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern. Ergebnisse einer Pilotstudie in Offenbach am Main
Zusammenfassung
Im Zuge des demografischen Wandels nimmt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Bevölkerung zu. Wie sich dies auf die Alltagsmobilität auswirkt, ist in Deutschland bisher kaum erforscht. US-amerikanische und europäische Studien zeigen, dass Migranten sich in ihrem Mobilitätsverhalten von der einheimischen Bevölkerung unterscheiden. Basierend auf einer telefonischen Befragung zur Alltagsmobilität von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Offenbach a. M. wird untersucht, inwiefern sich Menschen verschiedener Herkunftsregionen in ihrem Mobilitätsverhalten unterscheiden. Darüber hinaus werden einige Aspekte der Mobilitätssozialisation analysiert. Migranten fahren demnach zwar seltener mit dem Rad, häufiger mit dem ÖV und lassen sich öfter im Auto mitnehmen. Bei der Pkw-Nutzung als Fahrer ergeben sich jedoch keine signifikanten Unterschiede. Allerdings gibt es zum Teil deutliche Unterschiede zwischen den Herkunftsregionen und auch je nach Geschlecht. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass Herkunft und Sozialisation zusätzliche Erklärungsansätze für Unterschiede im Mobilitätsverhalten liefern können. Allerdings finden Migranten und ihre Mobilitätsbedürfnisse bisher kaum Berücksichtigung in Verkehrsforschung, -planung oder -politik.
Janina Welsch
Biographische Konstruktionen von Mobilität und Landschaft in der Grenzregion San Diego–Tijuana
Zusammenfassung
Der Beitrag betrachtet die Hybridisierungstendenzen der Region um San Diego und Tijuana aus Perspektive einer konstruktivistisch orientierten und biographisch ausgerichteten Forschung, die sowohl Aspekte der Stadtgeschichte als auch subjektive Sichtweisen auf die räumliche Entwicklung erhebt und miteinander in Beziehung setzt. Sehnsüchte, Erinnerungen, Stereotype, Images oder auch Benchmarks von und an Landschaften konstruieren sich durch Selektion, Vermischung und Neuanordnung verschiedener kultureller Auffassungen. Wie sich dieser Prozess gestaltet, der Landschaftswahrnehmung und Mobilitätsverhalten beeinflusst, hängt stark von den biographischen Erfahrungen des Einzelnen ab.
Olaf Kühne, Antje Schönwald

Wohn- und Arbeitsmobilität im Längsschnitt

Frontmatter
Die räumliche Bindung an den Wohnort der Kindheit und Jugend in der Familiengründungsphase – Wohnstandortentscheidungen im Biografien- und Generationenansatz
Zusammenfassung
In diesem Beitrag werden Wohnstandortentscheidungen sowohl anhand des biografischen als auch des intergenerationalen Ansatzes betrachtet. Es wird untersucht, inwiefern eine räumliche Bindung an den Wohnort der Kindheit und Jugend zu einer späteren Lebensphase, hier der Familiengründungsphase besteht. Als biografischer Einflussfaktor wird die Umzugshäufigkeit in der Kindheit und Jugend einbezogen. Als intergenerationale Faktoren werden die räumliche Bindung der Eltern sowie die räumliche Nähe zu ihnen berücksichtigt. Die empirischen Daten stammen aus einer quantitativen Befragung Dortmunder Raumplanungsstudierender, ihrer Eltern und Großeltern aus den Jahren 2007 bis 2012. Die logistischen Modelle beinhalten neben den bereits erwähnten biografischen und intergenerationalen Einflussgrößen soziodemografische und räumliche Kontrollvariablen. Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten intergenerationalen Effekt, der in der Forschung bislang wenig Beachtung gefunden hat.
Janna Albrecht
Modellierung von Arbeitsplatzentscheidungen in Mobilitätsbiographien
Zusammenfassung
Mobilitätsbiographien, das heißt die Analyse des Verkehrsverhaltens und der Verfügbarkeit von Mobilitätswerkzeugen im Lebensverlauf, ist ein relativ neues Feld in der Verkehrsforschung. Die Erwerbsbiographien sind als Teil von ihnen zu verstehen, auch wenn sie ein eigenes Interessengebiet darstellen. In einer Retrospektivbefragung der TU Dortmund werden zusammen mit der ETH Zürich und der Goethe Universität Frankfurt Informationen zu den individuellen Mobilitätsbiographien von drei Generationen eines Haushaltes erfasst. Anhand dieses umfangreichen Datensatzes werden mithilfe einer Überlebenszeit-Analyse für rekurrente Ereignisse Einflüsse auf die Entscheidung für einen Arbeitswegwechsel, sowie Unterschiede zwischen Generationen und Geschlechtern im Zeitverlauf statistisch analysiert. Neben Generationeneffekten konnte der Effekt von sogenannten Schlüsselereignissen (key events) in den Daten nachgewiesen werden. Ebenso konnte die starke Interdependenz von Arbeitsplatz- und Wohnortwahl gezeigt werden. Dies bestätigt die Vermutung, dass sich gewisse Prozesse im Lebensverlauf parallel bewegen.
Ilka Ehreke, Kay W. Axhausen
Intentionen zur Multilokalisierung bei Akademikerinnen und Akademikern: Biografische Erfahrungen als „Eisbrecher“
Zusammenfassung
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Frage des Zusammenhangs von Mobilitätserfahrung und Mobilitätsintentionen bei Akademikerinnen und Akademikern an Schweizer Hochschulen, wobei der Schwerpunkt auf der Multilokalität als einer Form des mobilen Lebens (neben Pendeln und Umziehen) liegt. Multilokalität wird dabei im Sinne des Wohnens an mehreren Orten verstanden; Multilokalisierung meint dementsprechend die Entscheidung zur und Realisierung der Mehrfachverortung durch die Akteure. Ausgangspunkt ist die Frage nach den Bedingungen, unter denen sich eine Person für ein multilokales Arrangement entscheiden würde. Mit Verweis auf Rational Choice Ansätze wird argumentiert, dass eigene – v. a. positive – Erfahrungen mit Multilokalität aufgrund von Lernprozessen einen positiven Einfluss auf die Intention, sich unter bestimmten Bedingungen abermals zu multilokalisieren, hat. Diese Hypothese wird mit dem Design eines faktoriellen Surveys geprüft, das es erlaubt, die Bedeutung der mobilitätsbiografischen Erfahrungen der Probandinnen und Probanden unter verschiedenen variierten Kosten- und Nutzenstrukturen in einer fiktiven Entscheidungssituation zu analysieren. Im Ergebnis wird deutlich, dass die biografische Erfahrung mit Multilokalität tatsächlich dazu führt, dass die Intention zu einer neuerlichen Multilokalisierung unter allen variierten Bedingungen signifikant höher ist als ohne diese Erfahrung.
Knut Petzold, Nicola Hilti
Die Arbeitsortmobilität hochqualifizierter Beschäftigter am Beispiel Mainfranken. Werkstattbericht zum laufenden Dissertationsprojekt
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt ein Promotionsprojekt an der Universität Würzburg (Institut für Geographie und Geologie) vor und nennt erste Ergebnisse. Das Vorhaben umfasst die Analyse räumlicher Arbeitsortwechsel (sog. Arbeitsortmobilität) von in Mainfranken (Nordwestbayern) zwischen 1999 und 2008 beschäftigten Hochqualifizierten im Kontext personen- und beschäftigungsspezifischer Merkmale sowie den raumstrukturellen Rahmenbedingungen. Arbeitsortmobilität ist nicht nur ein wichtiger Bestandteil der Arbeitsmarktdynamik, sondern nimmt als Träger der Wissensdiffusion auch zunehmend Einfluss auf die ökonomische Entwicklung von Regionen. Die Ergebnisse werden zur Entwicklung eines simulationsfähigen Modells verwendet, das erstmals in der Lage ist, individuelle räumliche Mobilität am Arbeitsmarkt in hinreichend guter Qualität wiederzugeben. Die Datengrundlage ist das Regionalfile der Stichprobe der Integrierten Arbeitsmarktbiografien (SIAB-R 7508) des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Aus diesem lassen sich lückenlos alle räumlichen Stationen von Erwerbsbiografien einzelner Personen ableiten. Für den Untersuchungszeitraum liegen 1563 Erwerbsbiografien von in Mainfranken beschäftigten akademisch und beruflich Hochqualifizierten vor.
Christian Seynstahl
Metadata
Title
Räumliche Mobilität und Lebenslauf
Editors
Joachim Scheiner
Christian Holz-Rau
Copyright Year
2015
Electronic ISBN
978-3-658-07546-0
Print ISBN
978-3-658-07545-3
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-07546-0