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07-06-2018 | Stadtplanung | Im Fokus | Article

Die sozialräumliche Segregation

Author:
Christoph Berger

Unterschiedliche soziale Gruppen leben immer seltener gemeinsam in einem Wohnviertel – genauso wenig mischen sich bestimmte Altersgruppen. Und Sozialwohnungen verstärken die räumliche Ungleichheit sogar noch.

Der Soziologe Jürgen Friedrichs schrieb 2010 in seinem Aufsatz "Welche soziale Mischung in Wohngebieten?", dass die Diskussion darüber, wie ein Wohngebiet sozial durchmischt sein sollte, ebenso alt wie ungelöst sei. Und an dieser Situation hat sich auch in den letzten acht Jahren nichts geändert – die Beantwortung der Frage ist weiterhin offen. Dabei reichen die Anfänge des "Mischungsgedanken[s]" bis in das „19. Jahrhundert mit der bürgerlichen Wohnungsreform" zurück und gewinnen im Zuge der "zunehmenden sozialen Segregation […] in vielen europäischen Städten" vermehrt an Bedeutung, wie es Verena Texier-Ast im Kapitel "Die soziale Mischung im Quartier – ein Garant für soziale Inklusion und für die Schaffung sozialer Stabilität benachteiligter Bevölkerungsgruppen?" des Springer-Fachbuchs "Die kompakte Stadt der Zukunft" beschreibt.

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Die Idee der sozial gemischten Stadtgesellschaft

Was unter Segregation zu verstehen ist, erklärt Monika Alisch im Kapitel "Sozialräumliche Segregation: Ursachen und Folgen", des Springer-Fachbuchs "Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung": "Die sozialräumliche Konzentration bestimmter sozialer Gruppen in einem Stadtgebiet wird als Segregation bezeichnet. Sie entsteht als Ergebnis der Wechselwirkungen zwischen der wachsenden sozialen Ungleichheit in der Wohnbevölkerung nach Klassen/Schichten, Geschlecht, Ethnie, Alter und sozialem Milieu, der Ungleichheit der städtischen Teilgebiete nach Merkmalen der Wohnungen, der Infrastruktur und Erreichbarkeit sowie den Zuweisungsprozessen sozialer Gruppen zu Wohnungsmarktsegmenten."

Dass arme Menschen in deutschen Städten zunehmend konzentriert in bestimmten Wohnvierteln leben und junge und alte Menschen immer seltener Nachbarn sind, wurde nun auch in der Studie "Wie brüchig ist die soziale Architektur unserer Städte?" des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) festgestellt. Für die haben Marcel Helbig und Stefanie Jähnen die Entwicklung der sozialräumlichen Segregation von 2005 bis 2014 in 74 Städten untersucht. Ihr Fazit: Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass in vielen deutschen Städten die Idee einer sozial gemischten Stadtgesellschaft nicht mehr der Wirklichkeit entspricht.

Historisch beispiellose Dynamik

Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass in gut 80 Prozent der untersuchten Städte seit 2005 die räumliche Ballung von Menschen, die Grundsicherung nach SGB II beziehen, zugenommen hat. Und dies am stärksten dort, wo viele Familien mit kleinen Kindern unter sechs Jahren und viele arme Menschen leben. Den höchsten Anstieg würden zudem ostdeutsche Städte wie Rostock, Schwerin, Potsdam, Erfurt, Halle und Weimar verzeichnen. Und: Die sozialräumliche Spaltung schreitet in den Städten schneller voran, in denen eine bestimmte Schwelle der Armutssegregation bereits überschritten ist. Als "historisch beispiellos" bezeichnet Marcel Helbig die Dynamik, mit der die sozialräumliche Spaltung der ostdeutschen Städte binnen weniger Jahre zugenommen hat. Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung ist, dass sich junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren zunehmend in bestimmten Wohnvierteln konzentrieren, in anderen wiederum die über 65-Jährigen.

Was die Forscher überraschte war die Tatsache, dass der Anteil von Sozialwohnungen die räumliche Ungleichheit innerhalb einer Stadt noch verstärkt. "Sozialwohnungen sind in Gebieten zu finden, in denen ohnehin die Armen wohnen. Das Ideal einer sozial gemischten Stadt ist schon lange dem Ziel gewichen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen", sagt Stefanie Jähnen.

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