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Wege aus dem Burnout- und Boreout-Dilemma

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Erschöpft vor Stress oder aus Langeweile: Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die Befindlichkeiten von Arbeitnehmenden hierzulande. Insbesondere Führungskräfte und die Generation Z sind davon betroffen.

Stress lass nach: Viele Beschäftigte wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. 


Wann Eustress in Distress umschlägt, weiß niemand so genau. Aber dass positiver Stress mitunter die sprichwörtlichen Flügel verleihen kann, hat sicherlich jeder bereits einmal erlebt. Im Arbeitskontext kommt das aber offenbar seltener vor, als es Arbeitgeber sich vermutlich wünschen. Denn viele Erwerbstätige in Deutschland erleben eher Dauerstress. Und der ist bekanntlich negativ und mit einem hohen Risiko für Burnout oder anderen gesundheitlichen Konsequenzen verbunden. 

Hohes Burnout-Risiko durch Dauerstress

Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Arbeiten 2023" der Pronova BKK, für die im November 2023 rund 1.200 Arbeitnehmende ab 18 Jahren online befragt wurden. Demnach sehen sich 61 Prozent der Beschäftigten gefährdet, an Überlastungserscheinungen zu erkranken. 21 Prozent stufen ihr Risiko sogar als hoch ein. Nur 40 Prozent beurteilen ihre eigene Burnout-Gefährdung als geringfügig.

Besonders von den Belastungen der Arbeitswelt tangiert ist laut Umfrage die Generation Z, also die Geburtsjahrgänge zwischen 1997 und 2012. Die 18- bis 29-Jährigen sind nämlich mit einem Anteil von 18 Prozent in den vergangenen zwölf Monaten überdurchschnittlich häufig an Burnout erkrankt. Über alle Altersgruppen hinweg traf es im Vergleich dazu nur 13 Prozent. Auch starke Unterforderung, also Boreout, erlebten die unter 30-Jährigen mit 17 Prozent ebenfalls häufiger als andere Generationen (alle elf Prozent).

Bei den Ursachen für den Dauerstress finden sind die üblichen Verdächtigen:

  • Psychische Bealstung durch Mobbing und Quit Firing, also schlechte Behandlung (48 Prozent), 
  • Überstunden (34 Prozent),
  • ständiger Termindruck (32 Prozent),
  • ungleiche Verteilung der Arbeitslast (35 Prozent), 
  • permanente Erreichbarkeit (27 Prozent),
  • zu viel Bürokratie (26 Prozent),
  • Vielzahl an Kommunikations-Tools und Technikprobleme (jeweils 21 Prozent).

Generation Z leidet an eigenen Erwartungen und vielen Möglichkeiten

Warum ausgerechnet die Generation Z sensibler auf diese belastenden Faktoren reagiert, erklärt Wirtschaftspsychologin und Resilienz-Trainerin Patrizia Thamm von der Pronova BKK: 

"Die Generation Z hat durch verschiedene Krisen wie der Corona- und Klimakrise zu spüren bekommen, dass Lebensbedingungen sich schlagartig ändern können und es keine Garantie auf eine sorgenfreie Zukunft gibt. Dies motiviert sie, im Hier und Jetzt zu leben und ihre hohen Ansprüche auch an ihre Arbeit sofort zu verwirklichen, anstatt lange zu warten. Gleichzeitig bietet ihr der Markt eine Fülle an Optionen. Diese große Auswahl kann paradoxerweise zu einer erhöhten Belastung führen, da die Entscheidung für den richtigen Job und die Suche nach einem erfüllenden Arbeitsleben zu einer Überforderung wird."

Ähnlich bewertet es Wissenschaftler Anders Parment, der an der Stockholm Business School, Stockholm University, lehrt und forscht. Die Generation Z verspüre Stress, Möglichkeiten, die das Leben bietet, nicht verwirklichen zu können, schreibt der Experte in "Wirtschaft im Wandel". "Viele Eindrücke und das reiche Medienumfeld fördern die Mentalität, Träume und Ambitionen realisieren zu können und zu müssen." Im Gegensatz zu anderen Jahrgängen, gelinge es der Generation Z aber nur schlecht mit "Begrenzungen in finanzieller, zeitlicher, physiologischer und sozialer Hinsicht" umzugehen, weil ihre Erwartungshaltung größer sei. 

Führungskräfte besonders erschöpft

Aber nicht nur die 18- bis 29-Jährigen leiden unter ihren Arbeitsumständen. Auch Führungskräfte sind erschöpft und das stärker als der Durchschnitt der Beschäftigten, geht aus einer Umfrage der Beratungsagentur Auctority in Zusammenarbeit mit Civey unter 1.000 Führungskräften hervor. 

Auctority-Studie "Erschöpfung bei Führungskräften" von Dezember 2023.


61 Prozent der Chefs sind demzufolge erschöpft, 30 Prozent bezeichnen sich als "weniger erschöpft" und rund 8,1 Prozent der Befragten zeigen sich unentschieden. Bei der Betrachtung nach Geschlecht, fühlen sich Frauen in Führungspositionen mit rund 65 Prozent etwas häufiger erschöpft als Männer (60 Prozent). Während die Befragung der Pronova BKK die Generation Z als Hauptleittragende für Burnout und Boreout identifiziert, sind es in der Auctority-Analyse vor allem die 30-39-Jährigen (72 Prozent), die sich als abgearbeitet und müde bezeichnen. 

Einen Lösungsansatz für das Überlastungs-Problem bei Führungskräften könnte in mehr Arbeitsteilung liegen. Denn eine Mehrheit von 61 Prozent der Befragten steht Modellen wie etwa einer geteilten Führung offen gegenüber. "Die Erschöpfung von Führungskräften ist auch das Resultat veralteter Vorstellungen von Führung und Organisation", ist Randolf Jessl, Geschäftsführer von Auctority und Mitautor der Studie, überzeugt. "Die Führungskraft der Vergangenheit sah sich mit der überbordenden Erwartung konfrontiert, alles zu wissen und zu können. Das war schon immer falsch." 

Die Rolle des Stress Mindsets

Einen anderen Weg beschreiben Isabel Grünenwald, Antonia J. Kaluza, Nina M. Junker, und Rolf van Dick. Sie sehen das Stress Mindset, also die Einstellung, die eine Person zu Stress hat, als Hebel für die Überlastungsproblematik an. Ein Mindset definieren die Experten als einen mentalen Rahmen, "der Informationen organisiert und ordnet." Laut Forschung ist davon auszugehen dass sich das Stress Mindset darauf auswirkt 

  1. wie Stress psychologisch wahrgenommen wird, 
  2. wie Stress sich physiologisch auswirkt und 
  3. darauf, wie eine Person in ihrem Verhalten mit Stress umgeht. 

Je positiver und konstruktiver die individuelle Einstellung gegenüber Herausforderungen und Belastungen ist, um so besser sind Wohlbefinden und Gesundheit, um so höher ist die Lebenszufriedenheit und Arbeitsleistung und umso geringer die Kündigungsneigung.

Stress messen und Resilienz fördern

Doch was können Führungskräfte tun, um die positiven Effekte des Stress Mindsets für ihr eigenes Führungsverhalten sowie für die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Arbeitsleistung bei sich und ihren Mitarbeitenden zu nutzen?, fragen die Experten. Sie empfehlen folgende Schritte:

Das Stress Mindset erheben: Führungskräfte sollten für sich und ihre Beschäftigten die Einstellung zu Belastung auf einer fünfstufigen Skala erheben.  

Stress Mindset Training: Schulungen und Coachings sollten  in die betriebliche Gesundheitsförderung integrieren werden - individuell zugeschnitten auf die Bedürfnisse der Beschäftigten sowie der Führungskräfte.

Evaluation des Stress Mindset Trainings: Die Wirksamkeit des Stress Mindset Trainings muss gemessen werden. Bleiben die Erfolge zunächst aus, empfiehlt es sich unter anderem Gruppendiskussion zu führen, in der Trainer und Teilnehmende die Ursachen ermitteln.

Fazit: Beim Thema Stress und Belastung sind Chefs genauso oder sogar noch schlimmer betroffen als ihre Mitarbeitenden. Um dennoch einen Ausweg aus der Burnout-Spirale zu finden, müssen Personalverantwortliche daher einerseits über hohe Selbstmanagement-Kompetenzen verfügen, um sich am eigenen Zopf aus dem Überlastungssumpf zu ziehen. Gleichzeitig gilt es, die Arbeitsbedingungen und das Wohlbefinden der Belegschaft zu verbessern - durch Entlastung, Stressmanagement oder Coaching. 

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