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Diese Fallstudie untersucht ein KI-gestütztes Selbst-Coaching-Tool der Symbolon AG, bei dem Coachees mit einem Chatbot und einem Kunstwerk, das verschiedene Tiere zeigt, interagieren. Ein Mixed-Methods-Ansatz kombiniert qualitative Inhaltsanalysen der Coaching-Transkripte mit einer quantitativen Befragung der 75 Coachees. Das Tool ist für verschiedene berufliche Themen einsetzbar, die Coachees äußerten sich zufrieden, und dass sie in die ergebnisorientierte Selbstreflexion gekommen sind. Die bildhaften Elemente förderten laut den Coachees das Erleben von Aha-Momenten. Es werden Empfehlungen zur Weiterentwicklung und zu Grenzen des Tools und dieser Untersuchung diskutiert.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
1 Selbst-Coaching-Tools für Selbstreflexion und Aha-Erlebnisse
„Heureka – ich habe es gefunden!“ Der Ausruf des Archimedes, der angeblich in der Badewanne auf das „Archimedische Prinzip“ stieß, steht als Sinnbild für plötzliche Erkenntnisse und kreative Durchbrüche. Während „Aha-Momente“ meist zufällig auftreten, suchen immer mehr Menschen, insbesondere im beruflichen Kontext, nach systematischen Methoden zur Förderung neuer Einsichten. Hier erweist sich Coaching als ein effektiver Ansatz. Aha-Momente gelten im Coaching als „Sub-Outcomes“, die in ihrer Gesamtheit das endgültige Ergebnis formen (de Haan et al. 2010). Sie sind unmittelbare Resultate ergebnisorientierter Reflexionen (Greif und Riemenschneider-Greif 2018).
Coaching ist eine von einem Coach geleitete kollaborative Intervention zur systematischen Förderung ergebnisorientierter Problem- und Selbstreflexion zur Erreichung selbstkongruenter Ziele und bewusster Selbstentwicklung (Greif 2008). Professionelles Coaching kann positive Ergebnisse für Coachees erzeugen (z. B. Theeboom et al. 2014) und hat sich als wichtiges Instrument in der Personalentwicklung etabliert.
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Selbst-Coaching-Tools, unterstützt durch Künstliche Intelligenz (KI), haben ein großes Potenzial, zu einem Instrument für ein breites Publikum zu werden (z. B. Graßmann und Schermuly 2021; Kotte und Webers 2023). KI-gestütztes Coaching bezieht sich typischerweise auf die Verwendung von Technologien, die menschliche Konversationen simulieren (Karyotaki et al. 2022; Passmore und Tee 2023). Diese Technologien variieren (aktuell) auf einem breiten Spektrum von einfachen Chatbots bis hin zu hochentwickelten generativen KI-Systemen.
Erste Forschungsarbeiten liefern Hinweise auf das Potenzial dieser Technologien (z. B. Terblanche 2022; Terblanche et al. 2024). Zweckgebundene Tools demonstrieren ihre Wirksamkeit u. a. bei der Reduktion von Depressionen (Fulmer et al. 2018; Fitzpatrick et al. 2017) oder bei Prüfungsangst von Studierenden (Mai und Rutschmann 2023). Im direkten Vergleich zwischen KI-gestützten Chatbots und menschlichen Coaches lassen sich ähnlich hohe Zielerreichungsgrade der Coachees feststellen (Terblanche et al. 2022). Erste Prozessevaluationen solcher Tools erforschten Unterschiede in den Interaktionsmodalitäten (z. B. klick- vs. textbasiert; Mai et al. 2022) oder die Arbeitsbeziehung zwischen Chatbot und Coachee (Fitzpatrick et al. 2017; Mai et al. 2022; Terblanche et al. 2024).
In dieser Fallstudie wird ein KI-gestütztes Selbst-Coaching-Tool der Symbolon AG untersucht, welches sich von bisher beforschten Coaching-Tools wie folgt unterscheidet: Erstens ist es anlassoffen für den beruflichen Kontext konzipiert. Zweitens kombiniert es textbasierte Interaktionen mit bildhaften Elementen. Der Einsatz von symbolischem Bildmaterial hat sich im (Online‑)Coaching als zentrales Werkzeug für die Selbstreflexion (vgl. z. B. Züricher Ressourcen Modell (ZRM); Storch et al. 2022) und zur Analyse von Ist- und Soll-Zuständen (CAI®-Bildergalerie; Berninger-Schäfer et al. 2018) entwickelt. Das in dem Symbolon Selbst-Coaching Tool verwendete Kunstwerk zeigt 14 verschiedene Tiere, die sitzend oder stehend ausgerichtet zum Betrachtenden sind. Der Coachee wählt sowohl für das Coachingthema als auch für das Ziel ein Tier als Repräsentant aus, das für verschiedene Bedürfnisse oder Eigenschaften steht (Kranz 2011b). Nach Messerschmidt (2019) können symbolhaltige Bilder dabei helfen, komplexe Themen auf einer verständlichen und emotional ansprechenden Ebene zu erkunden.
Die vorliegende Fallstudie liefert Einblicke über die Nutzungsweise und Prozesse eines KI-gestützten Selbst-Coaching-Tools unter Verwendung von Bildmaterial. Es wird qualitativ ergründet, welches Thema die Coachees einbringen, welche Tiere sie auswählen und welche konkreten Lösungsideen sie darauf basierend entwickeln. Quantitative Daten aus einer Anschlussbefragung zu Aha-Erlebnissen, Wirkfaktoren sowie zur Zufriedenheit ergänzen die Untersuchung. Es werden Ansatzpunkte zur Weiterentwicklung und Implementierung KI-gestützter Coaching-Tools diskutiert.
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2 Das KI-gestützte Selbst-Coaching-Tool
Die Symbolon AG hat in Kooperation mit dem Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI)1 ein Selbst-Coaching-Tool entwickelt, bei dem Coachees mit einem Chatbot und einem speziell dafür angefertigten Kunstwerk2 interagieren. Die Symbolon-Methode® von Christine Kranz und Eveline Taylor (1999–2000) nutzt Kunstwerke zur Persönlichkeitsentwicklung im beruflichen Kontext. Dabei steht die emotionale Reaktion auf den symbolischen Gehalt der Werke im Vordergrund. Kunstwerke fungieren als Katalysatoren, die Reflexionsprozesse anstoßen und nach Kranz (2011a, b) unbewusste Themen, Werte und Bedürfnisse aufdecken. Es werden Annahmen der Jung’schen Psychologie integriert, wie das Prinzip der Gegensätze und die Bedeutung der Schattenseiten (Deutsche Gesellschaft für Analytische Psychologie e. V., o.J.).
2.1 Der Chatbot-Coach und der Coaching-Prozess
Im KI-gestützten Selbst-Coaching der Symbolon AG stellt ein regelbasierter Chatbot Fragen, klassifiziert die geschriebenen Worte des Coachees und antwortet aus einem Repertoire an vordefinierten Fragen und Antworten. Damit ist der Chatbot immer nur so gut wie die verwendete theoretische Grundlage der Konzeption und Programmierung. Gleichzeitig wird das Risiko unethischen Verhaltens oder des „Halluzinierens“, also des Erfindens von Inhalten, ausgeschlossen (Passmore und Tee 2023). Der Symbolon-Chatbot-Coach leitet eine etwa 60-minütige Selbst-Coaching-Sitzung entlang der Symbolon-Methode (Abb. 1).
Abb. 1
Prozess der Symbolon-Methode® und die Umsetzung in dem Selbst-Coaching-Tool
Insgesamt haben 75 Personen sowohl am Selbst-Coaching teilgenommen als auch den anschließenden Fragebogen ausgefüllt. Elf Personen waren englisch-sprachig3. Die Stichprobe umfasste zu 69 % Frauen (n = 52) und zu 29 % Männer (n = 22)3. Im Durchschnitt waren die Teilnehmenden 47,49 Jahre alt (SD = 12,45) und arbeiteten 36,60 h pro Woche (SD = 9,84). Es gaben 58 % (n = 43) an, eine Führungsposition innezuhaben. Ein Großteil der Stichprobe hatte keine vorherige KI-Coachingerfahrung (n = 66), während neun Teilnehmende bereits einmal oder mehrmals ein KI-gestütztes Coaching genutzt haben. Alle Teilnehmenden nahmen freiwillig und unentgeltlich an dem Coaching-Tool und dem anschließenden Fragebogen teil, nachdem sie ihre informierte Einwilligung gegeben haben. Die ethische Unbedenklichkeit der Studie wurde von der lokalen Ethikkommission der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft, Universität Hamburg, bestätigt (Ethikvotum: 2023_059). Die Datenerhebung fand zwischen dem 10. Januar und dem 10. Februar 2024 statt. Die Bearbeitung des Selbst-Coachings dauerte etwa 60 min. Unmittelbar danach folgte die Befragung, die im Durchschnitt 12 min dauerte.
3.2 Mixed-Methods Ansatz
Die Datenbasis für die qualitative Auswertungen liefern die Transkripte des Selbst-Coaching-Tools, die alle Fragen des Chatbots und Antworten der Coachees enthält. Relevante Passagen zum Coachingthema, Auswahl der Tiere, Entwicklungsimpulse und Handlungspläne wurden ausgewählt und mittels zusammenfassender Inhaltsanalyse kategorisiert (Mayring 2014). Die Kategorien wurden durch die Erst- oder Zweitautorin gebildet und von der anderen Autorin jeweils gegenkodiert. Der Fragebogen im Anschluss an das Selbst-Coaching teilte sich in Wirkfaktoren, unmittelbare Ergebnisse sowie soziodemographische Variablen auf.
Ergebnisorientierte Selbstreflexion wurde mit drei Items (Greif und Berg 2011; Busch et al. 2021) erhoben. Ein Beispiel-Item lautet: „Im Coaching habe ich mir Gedanken über meine persönlichen Bedürfnisse, Ziele und Werte gemacht und Lösungen entwickelt, wie ich sie erreichen kann.“ (1 trifft gar nicht zu; 5 trifft völlig zu). Cronbach’s Alpha betrug 0,82.
Ressourcenaktivierung wurde mit drei frei formulieren Items erfasst, die die Aktivierung personaler Ressourcen beschreiben: „Im Coaching habe ich, bezogen auf mein eingebrachtes Thema…“ (1) „…Stärken in mir erkannt.“, (2) „…unterstützende Sätze für mich selbst formuliert.“, (3) „… stärkende Bilder entwickelt.“ (1 trifft gar nicht zu; 5 trifft völlig zu). Cronbach’s Alpha betrug 0,78.
Coaching-Zufriedenheit wurde über die Frage: „Wie zufrieden bist du mit dem Coaching insgesamt?“ erfasst. Antworten wurden auf einer Skala von 1 (Extrem unzufrieden) bis 10 (Extrem zufrieden) gegeben. Als weitere Maße wurden die Weiterempfehlung und zukünftige Nutzungsabsicht abgefragt.
Aha-Erlebnisse wurden über eine Ja/Nein-Frage erfasst. Abhängig von der Antwort wurden in einem Freitextfeld die Gründe für das Auftreten bzw. das Ausbleiben solcher Erlebnisse abgefragt.
4 Erkenntnisse aus der Nutzung des Tools
4.1 Welche Themen werden als Coachinganlass genannt?
Die Themen konnten in neun Subkategorien strukturiert werden, die zu vier Oberkategorien Zwischenmenschliches verbessern (n = 17), Besseres Selbstmanagement (n = 14), Effizientere Arbeitsweise/Arbeitsorganisation (n = 19) und Berufliche Weiterentwicklung (n = 25) gehörten (Tab. 1).
Tab. 1
Ober- und Unterkategorien der Coachingthemen
Coaching-Thema
Beispiel
n
Zwischenmenschliches verbessern
Kommunikation/Zusammenarbeit im Team
„Ich habe Probleme damit, wie in meinem Team kommuniziert wird.“
8
Beziehung zur Führungskraft
„Ich bin mit meiner Chefin befreundet, möchte gerne kündigen und habe Angst davor.“
4
Private Beziehung
„Wie empfinde ich meinen aktuellen Beziehungsstand und wie könnte es sich anfühlen, wenn ich diesen ändere?“
2
Zwischenmenschlicher Konflikt
„Ich habe einen Konflikt mit einer Mitarbeiterin.“
3
Besseres Selbstmanagement
(Mangelnde) Motivation
„Ich bin einfach nicht mehr motiviert.“
7
Work-Life-Balance und Stressmanagement
„Ich kann schlecht Grenzen setzen.“
7
Effizientere Arbeitsweise/Arbeitsorganisation
Arbeitsorganisation/Fokussierung
„Ich habe zeitweise Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen und mich zu fokussieren. Ich lasse mich sehr schnell ablenken.“
19
Berufliche Weiterentwicklung
Berufliche Weiterentwicklung
„Ich möchte mir Klarheit über mein weiteres berufliches Wirken schaffen.“
22
Finanzielle Situation verbessern
„Ich möchte gerne mehr Geld verdienen.“
3
Die Themen, die als Coachinganlass genannt wurden, decken ein breites Spektrum im beruflichen Kontext ab. Die Beschreibungen der Coachees variierten von sehr spezifischen Ideen für konkrete Handlungen zu eher unspezifischen Wünschen nach Selbstreflexion und Klarheit.
4.2 Welche Tiere wählten die Coachees aus?
Für die Analyse des Coachingthemas (Ist-Situation) wurden alle vorhandenen 14 Tiere mindestens einmal ausgewählt (Abb. 2). Am häufigsten wurde der Elefant von 10 Personen ausgewählt, gefolgt von der Senegalracke (9) und der Antilope (8). Das zweite Tier, das ausgewählt wurde, repräsentiert die Ziel-Situation bzw. das Coachingziel. Hier wurden am häufigsten die Giraffe (17) ausgewählt, gefolgt von dem Elefanten (16) und dem Löwen (12).
Abb. 2
Anzahl der gewählten Tiere nach Coachingthema und Coachingziel
Die Kombinationshäufigkeit variiert von 0 bis 3 Fälle (Abb. 3). In den meisten Fällen wurden für die Ist-Situation eher kleinere, agilere Tiere (Affe, Senegalracke) gewählt, während für die Ziel-Situation größere Tiere häufiger vorkamen. In 6 Fällen jedoch folgte auf die Wahl eines großen Tieres für die Ist-Situation (Antilope; Elefant; Gepard; Löwe; Nashorn) die Senegalracke als Tier für die Ziel-Situation. Das Zebra als Tier der Ist-Situation wurde in allen Fällen mit einer Großkatze als Tier für die Ziel-Situation kombiniert (Zebra-Gepard (drei Fälle) und Zebra-Löwe).
Abb. 3
Art und Anzahl der kombinierten Tiere mit Häufigkeit > 1
Die Coachees wählen eine Vielzahl verschiedener Tiere sowohl für das Coachingthema als auch für das Coachingziel aus. Dies deutet auf die Flexibilität des Tools hin, individuelle Präferenzen und Bedürfnisse der Coachees aufzugreifen. Die Unterschiede in den Tierkombinationen, z. B. die Ergänzung von kleineren durch größere Tiere oder Flucht- mit Raubtieren, könnte auf eine intuitive Erkenntnis der Coachees hindeuten, dass ein Ausgleich zwischen verschiedenen, teils gegensätzlichen Fähigkeiten und Eigenschaften hilfreich sein könnte, um das gewünschte Coachingziel zu erreichen.
4.3 Welche Entwicklungsimpulse werden aus der Analyse abgeleitet?
Nach der Analyse der Ist- und Zielsituation mit den Eigenschaften der Tiere wurden die Coachees gebeten, die angestrebte Entwicklung entsprechend beiden Tieren für sich zusammenzufassen. Aus diesen Antworten wurden vier Kategorien gebildet (Tab. 2).
Tab. 2
Kategorien für die angestrebte Entwicklung der Coachees
Beschreibung der Kategorie
Beispiel
N
1
Keine Entwicklungsrichtung, kein Bezug zu den Tieren, keine Eigenschaft genannt
„Muss ich drüber nachdenken.“
7
2
Unspezifische Entwicklungsrichtung, kein oder allgemeiner Bezug zu den Tieren, keine oder nur eine Eigenschaft genannt
„Ich werde mich dahingehend weiterentwickeln wollen, dass ich negative Gefühle kommuniziere.“
12
„Ich sollte derzeit eher meinen Affen als den Löwen leben.“
3
Spezifische Entwicklungsrichtung, Bezug zu den Tieren und Ausbalancieren von zwei Eigenschaften, die die Tiere repräsentieren
„Ich darf mutig sein und loslassen. Dem Prozess vertrauen.“
40
„Der Elefant ist stark genug, sich durchzusetzen, die Giraffe behält den Überblick.“
4
Sehr detaillierte Entwicklungsrichtung, Bezug zu den Tieren, aber mehr als eine Eigenschaft pro Tier
„Die Stärken von beiden übernehmen: mit Weitsicht und Überblick, Ruhe und Mut mir mehr selbst vertrauen.“
16
Auch hier kombinierten die Coachees unterschiedliche, teils gegensätzliche Eigenschaften. So beschrieben knapp 75 % der Coachees zwei oder mehr Eigenschaften mit teils kontrastierenden Qualitäten. Dies entspricht dem Ziel der Integrationsphase im Symbolon-Coaching und kann somit als Hinweis verstanden werden, dass die Coachees durch den Chatbot angeleitet tatsächlich dort ankommen, was konzeptionell intendiert war.
4.4 Welche Handlungspläne leiten die Coachees für sich ab?
Nach der Formulierung der Entwicklungsimpulse wurden die Coachees angeregt, einen konkreten Handlungsplan zu generieren. Die dort berichteten Umsetzungsschritte sind in sechs Oberkategorien zusammengefasst (Tab. 3).
Tab. 3
Kategorien und Umsetzungsschritte der Handlungspläne
Abb. 4 zeigt die Verbindungen zwischen den Coachingthemen und den entwickelten Umsetzungsschritten. Beispielsweise entwickelten Coachees mit dem Thema besseres Selbstmanagement größtenteils Umsetzungsschritte aus den Bereichen Arbeitsweisen verbessern (Kategorie 1 und 4) und Selbstentwicklung vorantreiben (6).
Abb. 4
Verbindungen zwischen den Coachingthemen und den entwickelten Umsetzungsschritten
Von 75 Coachees erlebten 58 (77 %) nach eigenen Angaben einen Aha-Moment. Demnach berichteten 17 keine neuen Einsichten oder Aha-Momente. Zum Teil fühlten sie sich durch den Coachingprozess nicht individuell angesprochen und hätten sich konkrete Ratschläge und mehr Tiefe in der Interaktion gewünscht („Ich hätte mir gewünscht, dass mir ein Weg gezeigt wird, wie ich mein Vorhaben umsetzen kann.“ und „Mehr Interaktion zwischen dem Bot und mir. Mehr Ausführungen und Hilfestellungen bei der Beantwortung meiner Fragen.“). Die Standardisierung resultierte in einer Wahrnehmung des Coachings als zu generisch (z. B. „[Der Chatbot] geht nicht wirklich ein auf das, was man schreibt“). Ebenfalls wurden Übergänge als zu abrupt beschrieben.
Die 58 Personen, die einen Aha-Moment erlebt hatten, beschrieben, dass die neuen Einsichten eine verbesserte Selbstwahrnehmung und ein erweitertes Verständnis ihrer aktuellen Situation umfassten (z. B. „Dass die Ursache meines Problems gar nicht unbedingt das war, was ich dachte. Ein anderer Aspekt könnte viel mehr das Problem sein.“ oder „Die Verbindung zweier Themen, die mich beschäftigen. Ich habe sie bislang isoliert für sich gesehen und jetzt deren Zusammenhang erkannt“). Viele Coachees beschrieben das Erkennen eigener Stärken durch die Eigenschaften der Tiere (z. B. „Dass beide Tiere keine impulsiven Tiere sind, sondern mit Bedacht und Ruhe vorgehen und auch der Gepard, sehr klar und behutsam überlegt, wie er seine Kräfte einsetzt und nicht einfach losschießt.“).
Auf die Frage, was konkret zu den Aha-Erlebnissen geführt hat, nannten etwa 80 % die Verwendung der Tiere mit ihrer Symbolik und ihren Eigenschaften (z. B. „Gegenüberstellen von verschiedenen Aussagen von mir zu unterschiedlichen Zeitpunkten, Aufzählen der tatsächlichen Eigenschaften der Tiere, Verbildlichungen (insbesondere z. B. Aufeinandertreffen der beiden Tiere)“). Weitere Gründe bezogen sich auf das generelle Fragenstellen und auf den Prozess insgesamt (z. B. „Ansatz mit Tierbildern, gute bildhafte Darstellung, Einfachheit, Ausrichtung auf Coachingthema und Coachingziel – bringt Fokus“).
4.6 Zufriedenheit und Wirkfaktoren
Der Großteil der Probanden war zufrieden mit dem Coaching (M = 6,81 SD = 1,95). Etwa 20 % gaben an, dass sie leicht bis sehr unzufrieden waren, und bei 20 % ist die Weiterempfehlung des Tools eher unwahrscheinlich. Jedoch gab die Mehrheit der Teilnehmenden an, dass eine Weiterempfehlung an Freund:innen und Kolleg:innen wahrscheinlich ist (M = 6,47; SD = 2,85). Knapp über 30 % würden das Tool entweder jährlich oder sogar vierteljährlich, 15 % monatlich erneut für sich nutzen wollen. Ergebnisorientierte Selbstreflexion (M = 3,75, SD = 0,85) und Ressourcenaktivierung (M = 3,87, SD = 0,87) wurden ebenfalls angeregt und sind nach den Annahmen des ergebnisorientierten Coachings (Greif 2008, 2025) wesentliche Treiber für Coachingergebnisse.
5 Diskussion
KI-gestützte Coaching-Tools verändern den Coachingmarkt, indem sie den Zugang zu effizienten und kostengünstigen Coaching-Lösungen vereinfachen und erweitern. Das Selbst-Coaching-Tool der Symbolon AG wurde für ein breites Spektrum an Coachingthemen im beruflichen Kontext genutzt. Generell zeigten die Coachees eine hohe Zufriedenheit mit dem Coaching. Ergebnisorientierte Selbstreflexion wurde angeregt, und Ressourcen wurden aktiviert. Die Ergebnisse dieser Studie deuten auch darauf hin, dass durch die Integration von bildhaften Elementen Aha-Erlebnisse gefördert werden können.
Zukünftig ist es entscheidend, die Evaluation von Coaching-Tools, die auch jenseits von Universitäten und Forschungsprojekten entwickelt werden, systematisch auszubauen und insbesondere die Prozessevaluation stärker in den Blick zu nehmen. Nur so lässt sich nachvollziehen, wie und warum bestimmte kurz- und langfristige Wirkungen entstehen. Dadurch können Wirkmechanismen beschrieben, Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Tools hergestellt und die technologische Weiterentwicklung evidenzbasiert vorangetrieben werden.
5.1 Limitationen und weitere Forschungsfragen
Das verwendetet Studiendesign erlaubt keine Aussagen über die Zielerreichung oder Veränderungen nach dem Coaching. Die verwendeten Ergebnisvariablen (Zufriedenheit und Aha-Momente) stellen zwar wichtige kurzfristige, aber keine mittel- oder langfristigen Indikatoren für Coachingerfolg dar.
Für aussagekräftige Vorher-Nachher-Vergleiche sind Vorab-Befragungen essenziell. Zusätzlich könnten zeitversetzte Erhebungen nach Abschluss des Coachings dazu dienen, die Umsetzung der Coachingergebnisse zu evaluieren. Die Einbeziehung einer Kontrollgruppe, die ausschließlich mit einem Chatbot textbasiert interagiert, könnte aufzeigen, inwiefern die Arbeit mit Bildern und Tiersymboliken über das eigentliche strukturierte Coachinggespräch hinaus einen Mehrwert bietet. Die vorliegende Untersuchung bildet lediglich einen Teil des theoretischen Wirkmodells nach Greif (2008) ab. Zentrale Faktoren wie Umsetzungsbegleitung oder die Beziehung wurden nicht berücksichtigt. Erste Befunde legen nahe, dass KI-Systemen menschliche Attribute zugeschrieben werden und eine Form von Arbeitsbeziehung entstehen kann (Fitzpatrick et al. 2017; Mai et al. 2022).
Die vorliegende Fallstudie hatte das Ziel, Einblicke in die Nutzung und den Prozess eines spezifischen KI-gestützten Coaching-Tools zu gewinnen. Dabei wurden weder die theoretischen und konzeptionellen Grundlagen des Tools explizit untersucht noch die mittel- und langfristigen Auswirkungen auf die Zielerreichung analysiert. Unter diesen Aspekten sind auch die praktischen Implikationen der Studie einzuordnen.
5.2 Praktische Implikationen
Einige Praktiker:innen prognostizierten schon früh, dass KI-Coaching menschliche Coaches für Standard-Coachingthemen ersetzen kann (Rauen 2018). Wahrscheinlich ist, dass KI menschliche Coaches unterstützt und ihre Arbeit ergänzt (Passmore und Tee 2023). Das untersuchte Selbst-Coaching-Tool demonstriert seine Anwendbarkeit zur Reflexion diverser Themen im beruflichen Kontext. Weitere praktische Vorteile sind die kurze Dauer der Coaching-Sitzung, gepaart mit einer Ergebnissicherung als PDF, und die Anonymität. Zudem gewährleistet das Tool durch seine regelbasierte Struktur ein sicheres Nutzungserlebnis. Die Verwendung von bildhaftem Material mit symbolischem Gehalt ist ein Alleinstellungsmerkmal des Tools und wird von den Nutzer:innen als besonders wertvoll hervorgehoben.
Grenzen des Tools sind die Nachhaltigkeit, da die einmalige, anonyme Nutzung nicht erlaubt, auf vorherigen Eingaben aufzubauen. Eine gekürzte Variante zur Aktivierung der Tiere und zur Reflexion der bisherigen Schritte könnte eine sinnvolle Weiterentwicklung sein. Darüber hinaus könnte das System aufgrund seiner regelbasierten Technologie im Vergleich zu generativen KI-Systemen als weniger attraktiv wahrgenommen werden, insbesondere wenn Kund:innen zunehmend anpassungsfähigere Tools gewöhnt sind oder eine Beratung mit konkreten Tipps erwarten. Zukünftige Entwicklungen sollten eine ausgewogene Berücksichtigung von Datenschutz, ethischen Aspekten sowie der Interventionsintegrität anstreben (Terblanche 2020).
KI-gestützte Selbst-Coaching-Tools könnten in Personalentwicklungspraktiken integriert werden, um Formate durch Selbstreflexionsmöglichkeiten anzureichern. Durch die Nutzung erforschter Tools innerhalb festgelegter Rahmenbedingungen könnten Unternehmen ihre Coachingangebote skalieren. Insbesondere im Kontext von stetigen organisatorischen Veränderungen ist Selbstreflexion für die Anpassungsfähigkeit der Beschäftigten entscheidend (Schermuly und Meifert 2023).
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Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Dr. Romana Dreyer
Psychologin mit Schwerpunkt in der Arbeits- und Organisationspsychologie und Geschäftsführerin des Center for Better Work an der Universität Hamburg. Forschungsschwerpunkte sind u. a. Wirkfaktoren und Wirksamkeit von (Online) Coaching sowie betriebliche Gesundheitsförderung, freiberuflich als Coach und Trainerin tätig.
Celine Schneller
Psychologin mit Schwerpunkt in der Arbeits- und Organisationspsychologie und Projektassistentin im Center for Better Work an der Universität Hamburg. Ihre Interessensschwerpunkte liegen im Coaching, der Gesundheitsförderung und Prävention sowie der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis.
Beteiligte Personen bei der Entwicklung waren Christine Kranz, MCC, und Dr. Friederike Redlbacher (Symbolon AG) sowie Prof. Dr. Benjamin Paaßen und Dr. Sylke Piéch (DFKI).
Es wurden keine signifikanten Mittelwertsunterschiede zwischen den Gruppen (deutsch vs. englisch und Männer vs. Frauen) gefunden.
Berninger-Schäfer, E., et al. (2018). Professionalität im Online-Coaching mit der „CAI® World“. In J. Heller & al (Hrsg.), Digitale Medien im Coaching. Berlin, Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-54269-9_10.CrossRef
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Theeboom, T., et al. (2014). Does coaching work? A meta-analysis on the effects of coaching on individual level outcomes in an organizational context. The Journal of Positive Psychology, 9(1), 1–18. https://doi.org/10.1080/17439760.2013.837499.CrossRef