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20-09-2023 | Transformation | Schwerpunkt | Article

Wie Unternehmen dem Pleitegeier zuvorkommen

Author: Annette Speck

5:30 min reading time

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Seit August 2022 nimmt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen stetig zu. Zwar ist das Vor-Pandemie-Niveau noch nicht ganz erreicht, doch die finanziellen Rahmenbedingungen verheißen wenig Gutes. Restrukturieren ist angesagt.

Im Juni 2023 lag die Zahl der Regelinsolvenzen um 13,9 Prozent höher als im Vorjahresmonat, meldete im Juli das Statistische Bundesamt. Als im April 2023 unter anderem der Herrenmodehersteller Ahlers einen Insolvenzantrag stellte, betrug der Anstieg gegenüber dem Vorjahresmonat sogar 14,4 Prozent. Im März hatte bereits der Schuhhändler Reno Insolvenz angemeldet ebenso wie die traditionsreiche Modekette Peek & Cloppenburg.

Viele insolvente Traditionsfirmen

Am häufigsten waren laut des Statistischen Bundesamt Betriebe aus den Bereichen Verkehr und Lagerei von der Insolvenz betroffen. Aber insbesondere die geballten Insolvenzen traditionsreicher Firmen wie Weck (Einweckgläser) und Römer (Töpfe), aber auch von Allgaier (Automobilzulieferer), Deerberg (Mode) und Störmer (Küchen) schreckten im Juni schließlich eine breitere Öffentlichkeit auf.

  • Beispiel Allgaier: Das Unternehmen, das unter anderem Porsche beliefert und 2022 an einen chinesischen Investor verkauft wurde, hatte bereits seit 2020 eine Restrukturierung durchlaufen. Wie das "Handelsblatt" berichtete, "gilt Allgaier im Metallumformungsbereich als zu klein, um dauerhaft überlebensfähig zu bleiben". Allgaiers Probleme sind exemplarisch für den Umwälzungsdruck, der auf der Zulieferbranche lastet: Scharfer Wettbewerb mit deutlich größeren Konkurrenten, hohe Rohstoffkosten und entsprechende Kapitalbindung, geringe Margen und ein volatiler Markt. Die Suche nach einem neuen Investor solle im August beginnen, meldete im Juli die "Zeit".
  • Beispiel Weck: Auch der Gläserhersteller Weck litt bereits vor der Insolvenz wegen seines defizitären Glaswerks in Bonn-Duisdorf unter wirtschaftlichen Problemen, berichtete die "Wirtschaftswoche". Nach Rückgängen im Hauptgeschäft mit Gläsern für die Lebensmittindustrie gaben die durch den Ukraine-Krieg ausgelösten Preissteigerungen für Energie und Rohstoffe dem Unternehmen wohl den Rest. Zwar löste die Insolvenzmeldung zwischenzeitlich einen Nachfrageboom nach Weckgläsern aus, eine dauerhafte Rettung ist damit jedoch längst nicht sicher. Aber Gespräche mit potenziellen Investoren laufen.
  • Beispiel Deerberg: Der auf nachhaltige Damenmode spezialisierten Firma macht laut der "FAZ" die inflationsbedingte Zurückhaltung der Kunden zu schaffen. Hinzu gekommen seien weitere negative Folgen des Ukrainekrieges, sodass Deerberg trotz einer erst 2020 abgeschlossenen Restrukturierung Insolvenz anmelden musste. Ein bereits vor der Insolvenz eingeleiteter Investorenprozess wird fortgesetzt.

Insolvenzprognose nach oben korrigiert

Angesichts dieser Entwicklungen hat auch der Kreditversicherer Allianz Trade seine Prognosen aktualisiert. In seiner jüngsten Insolvenzstudie rechnet er für Deutschland mittlerweile mit einem Anstieg der Insolvenzen um 22 Prozent in diesem Jahr. Die Begründung: Durch die restriktivere Kreditvergabe der Banken dürften mehr Unternehmen in Schwierigkeiten geraten, als noch zu Jahresbeginn erwartet wurde. Global betrachtet erwartet Allianz Trade im Schnitt einen Anstieg der Insolvenzen um 21 Prozent. Dabei wird im Jahr 2022 für Dreiviertel der insgesamt 44 untersuchten Länder ein Anstieg der Insolvenzen festgestellt. Dies bedeutet eine Verdoppelung gegenüber 2021.

Dem Report zufolge übersteigt vor allem die Zahl der Insolvenzen von Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz bereits leicht das Vor-Pandemie-Niveau. Am stärksten betroffen seien Baugewerbe, Einzelhandel sowie Dienstleistungen. Den schwächsten Unternehmen setzten neben der nachlassenden Nachfrage auch die verschärften finanziellen Bedingungen zu. Insbesondere folgende Unternehmen/Branchen sind demnach am stärksten betroffen:

  • Firmen mit der geringsten Preissetzungsmacht (zum Beispiel spezialisierter Einzelhandel und Dienstleistungen wie etwa die Gastronomie), 
  • Firmen, die am stärksten von höheren Lohnkosten betroffen sind (etwa Einzelhandel, Transport, Baugewerbe)
  • Firmen, die am stärksten von Zinsrückzahlungskosten betroffen sind (beispielsweise Baugewerbe, langlebige Güter)

Gut einem Viertel der Firmen fehlt Bilanzstabilität

Diese Einschätzungen werden noch untermauert durch die Erkenntnisse des neuesten Distress Alert des Beratungsunternehmens Alvarez & Marsal. Die Analyse der Leistungsfähigkeit von mehr als 7.000 Unternehmen in Westeuropa und dem Nahen Osten anhand von 18 Leistungsindikatoren zeichnet ein düsteres Bild: Demnach hat sich die finanzielle Lage der Unternehmen in den meisten Ländern und Sektoren 2022 im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert.

So betrug der Anteil der Unternehmen in Notlage im vergangenen Jahr 8,4 Prozent. Noch kritischer sei allerdings, dass die Zahl der Unternehmen mit geringer Bilanzstabilität seit 2021 sprunghaft angestiegen ist und einen Rekordwert von 27,7 Prozent aller Unternehmen erreicht hat, heißt es in dem Bericht.

Gefährdete Unternehmen

Probleme durch Verschuldung und mangelnde Liquidität

Als Hauptfaktoren für die Bilanzschwächen europäischer Unternehmen werden in der Analyse die Nettoverschuldung im Verhältnis zum EBITDA, der Schuldendienst und der Zinsdeckungsgrad genannt. Die Fähigkeit der Unternehmen, Gewinne zu erwirtschaften, um die höheren Schulden zu bezahlen, nehme allmählich ab, lautet die Warnung. Darüber hinaus reiche oftmals die Liquidität nicht aus, um in die Zukunft zu investieren.

Indessen blieben die Unternehmensgewinne im vergangenen Jahr trotz der steigenden Inflation dem Distress Alert zufolge stabil: Während viele Unternehmen ihre Margen offensichtlich durch Preismaßnahmen schützen konnten, profitierten andere vom Nachfragestau nach der Pandemie. Zu den Profiteuren aufgrund des Nachholbedarfs gehören beispielsweise die Bereiche Travel und Hospitality. Ferner wurden durch die kriegsbedingten Preissteigerungen hohe Gewinne im Energiesektor erzielt.

Agieren statt nur reagieren

Allerdings konnte sich manches schwächelnde Unternehmen während der Pandemie nur dank staatlicher Unterstützungsmaßnahmen über Wasser halten. Da diese inzwischen weitgehend wegfallen, die Inflation in vielen Bereichen die Nachfrage lähmt, es weiterhin Lieferkettenprobleme gibt, die Zinsen steigen und Verbindlichkeiten fällig werden, bleibt vielerorts nur die Frage: Sanierung oder Zerschlagung?. Zentrale Themen dabei: Kosten, Geschäftsmodell, Finanzierung. All dies muss geprüft werden – und das lieber früher als später.

Handlungsempfehlungen aus dem A&M-Distress Alert

Bewertung der Liquidität

Kritische Überprüfung von 13-Wochen-Cashflow-Prognosen und Cash-Management-Tools, um eine solide Grundlage für die Umstrukturierung zu erhalten.

Rigorose Überprüfung des Geschäftsmodells

Erstellen eines transparenten Geschäftsplans, der auf einer realistischen Analyse der Situation beruht, um die Auswirkungen der sich ändernden Marktbedingungen und Kundenwünsche zu verstehen (zum Beispiel ist das Geschäftsmodell noch tragfähig/wettbewerbsfähig?) und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Robuste Finanzplanung in drei Richtungen

Entwicklung eines soliden, integrierten Finanzplans, der den Geschäftsplan und die Auswirkungen von Umstrukturierungsmaßnahmen kombiniert, um die Durchführbarkeit einer Umstrukturierung anhand verschiedener Szenarien zu bewerten.

Planen Sie für Volatilität

"Business as usual" reicht nicht mehr, stattdessen sollten ein ständiges Screening der makroökonomischen Einflussfaktoren, Analyse des Verhaltens der Wettbewerber und Szenarienplanung durchgeführt und in einer Drei-Wege-Finanzplanung modelliert werden.

Quelle: The A&M Distress Alert, Juni 2023

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