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02-11-2015 | Umwelt | Interview | Article

Für einen wirksamen Meeresnaturschutz in der Ostsee

Author:
Günter Knackfuß

Die biologische Vielfalt in den küstenfernen Schutzgebieten der Ostsee ist von hohem ökologischem Wert. Springer für Professionals sprach mit Professor Henning von Nordheim über Aktivitäten des Bundesamtes für Naturschutz.

Springer für Professionals: Welchen Zustand haben Arten und Lebensräume in der deutschen Ostsee?

Henning von Nordheim: Wir haben bei den 2012 erstellten Bewertungen des Zustandes der Nord- und Ostsee für die EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL) der EU-Kommission melden müssen, dass sich die deutsche Nord- und Ostsee nicht in einem guten Umweltzustand befindet (Anfangsbewertung der deutschen Nord- und Ostsee, 2012). Hierfür haben wir mit einer Vielzahl von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen von Bund und Ländern intensiv zusammengearbeitet und mussten gemeinsam leider vor allem bei Lebensräumen wie Sandbänken und Riffen sowie Schweinswalen, Fischen, See- und Küstenvögeln einen schlechten Zustand feststellen. Zudem hat im Mai 2013 das Bundesamt für Naturschutz (BfN) nach sechsjähriger Arbeit und der Analyse von über 1.700 marinen Arten die aktuelle Rote Liste der gefährdeten Meeresorganismen vorgelegt. Ernüchterndes Fazit: Von allen untersuchten Fischarten, bodenlebenden Wirbellosen und Großalgen der deutschen Küsten- und Meeresgebiete stehen nun 30 Prozent auf der Roten Liste und sind damit mindestens als in ihren Beständen gefährdet einzustufen.

Wo sehen sie die Hauptgründe für Gefährdungen?

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Trotz einiger Erfolge, z.B. beim Verbot der Verklappung und der Reduzierung der Einleitung bestimmter schädlicher Substanzen (z.B. Phosphor), nehmen in den letzten Jahrzenten weltweit die negativen Auswirkungen menschlicher Aktivitäten in den Meeren besorgniserregend zu. Dies gefährdet die marine Lebensvielfalt in immer stärkeren Ausmaßen. Bei uns vor der Haustür in der Nord- und Ostsee gibt es keine nutzungsfreien Bereiche mehr. Die Fischerei beeinträchtigt mit zunehmender Tendenz die gesamten Lebensgemeinschaften in Nord- und Ostsee, nicht nur die Fischfauna. Gerade die Grund- Schleppnetzfischerei, die den Boden aufwühlt und das gesamte natürliche Leben am Meeresgrund zerstört oder verändert, ist ein wesentlicher Einflussfaktor. Eine weitere Gefährdungsursache ist der Eintrag von Nährstoffen aus der Luft und über die Flüsse. Er führt zu starken Mikroalgenblüten. Dazu beeinträchtigen Schifffahrt, Tourismus und neuerdings auch der Bau von Offshore-Windkraftanlagen den Lebensraum der Arten. Hinzu kommen die steigende Verlärmung der Meere wie beispielsweise Dauerlärm aus der Schifffahrt, Impulsschall durch Offshore-Installationen sowie Seismische Erkundungen (sogenannte "airguns") und ein ungebremster Eintrag von sich langsam zersetzendem Plastikmüll.

Die Schweinswale stehen unter ständiger wissenschaftlicher Beobachtung. Wie können sie noch nachhaltiger geschützt werden?

Die Schweinswale in der Ost- und Nordsee sind vielfältigen, menschlichen Gefährdungen ausgesetzt. Für einen nachhaltigen Schutz dieser marinen Säugetiere sind daher Maßnahmen erforderlich, die über eine ständige wissenschaftliche Beobachtung (wie das vom BfN seit Jahren durchgeführte Bestands-Monitoring) hinausgehen. Es ist für mich von absoluter Dringlichkeit, dass zum Erhalt und zur Wiederherstellung der Schweinswalbestände insbesondere in der östlichen deutschen Ostsee, deren Schweinswalpopulation vom Aussterben bedroht ist, umgehend Lösungen u.a. zur Reduzierung des Beifangs in der Stellnetzfischerei sowie hinsichtlich des zunehmenden anthropogenen Unterwasserlärms und der Verunreinigung der Meeresgebiete gefunden werden. Daher fördern wir die Entwicklung und Erprobung alternativer, schonenderer Fanggeräte sowie Maßnahmen für ein ökosystemverträgliches Fischereimanagement für die einzelnen Schutzgebiete der Nord- und Ostsee. Zur Reduzierung von Unterwasserlärm hat das BfN seit vielen Jahren die Festsetzung und Einhaltung von Grenzwerten für bestimmte Schallarten vorangetrieben. Darüber hinaus begleiten wir intensiv die Entwicklung und Erforschung neuer Techniken zur Schallvermeidung und –minderung sowie von neuen Konzepten für schallärmere Gründungsvarianten von Offshore-Installationen.

 

Stichwort Offshore-Windparks. Gibt es für deren Ausbau bereits Schallschutzmaßnahmen?

Um Schweinswale vor Verletzungen durch impulshaften Unterwasserschall zu schützen, der beim Rammen von Fundamenten für Offshore-Windkraftanlagen entsteht, haben wir seit Beginn des WKA-Aufbaus in Deutschland auf die Schallprobleme hingewiesen. Inzwischen schreibt das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Abstimmung mit dem BfN in den Genehmigungen für Offshore-Windparks seit 2008 die Einhaltung eines Lärmgrenzwertes für Impulsschall von 160 Dezibel (SEL), gemessen in 750  Meter Entfernung zur Schallquelle, verbindlich vor. Dieser Grenzwert lässt sich nur durch technische Maßnahmen zur Reduktion des Rammschalles oder zur Dämpfung seiner Ausbreitung erreichen. Eine in unserem Auftrag erstellte Studie stellt verschiedene, derzeit bereits eingesetzte und noch in der Entwicklung befindliche Schallminderungsmaßnahmen vor. In dieser Studie werden als zukunftsweisende Technologien alternative Fundamentierungen von Windenergieanlagen beschrieben, die ohne Rammungen auskommen und somit schädigenden Unterwasserschall erst gar nicht entstehen lassen. Dies sind z. B. gebohrte Fundamente, Schwergewichtsfundament, schwimmende Fundamente oder Bucketfundamente.

Ein maritimes Monitoring vollziehen sie regelmäßig im Rahmen des europäischen Natura-2000-Schutzgebietsnetzwerkes u.a. in der Kadetrinne. Mit welchen Zielen sind sie gerade dort aktiv?

Wir haben die Kadetrinne aufgrund ihrer besonderen ökologischen Wertigkeit im November 2004 als FFH-Gebiet an die EU-Kommission gemeldet. Damit hat sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, eine allgemeine Überwachung, also ein marines Monitoring der Arten und Lebensraumtypen, in diesem Gebiet durchzuführen. Seit 2002 erfassen wir regelmäßig die Schweinswale in der deutschen Ostsee in Abstimmung zwischen Bund und Ländern mit Hilfe von Flugzählungen und in der östlichen deutschen Ostsee inkl. der Kadetrinne mit einem akustischen Monitoring. Hierbei werden die Ortungslaute von Schweinswalen durch ein Netzwerk speziell dafür entwickelter Unterwasser-Hydrophone erfasst. Wir vergleichen dann die so gewonnenen Erkenntnisse mit denen früherer Jahre und es werden Bestandstrends, das heißt sowohl positive als auch negative Entwicklungen identifiziert. Darüber hinaus wird von uns außer in der Nordsee in den deutschen Seegebieten der Ostsee seit langem ein Monitoringprogramm zur Erfassung von Seevögeln umgesetzt. Dazu werden flug- und schiffsgestützte Seevogelerfassungen im Auftrag des BfN durchgeführt. Auf der Basis der gewonnenen Daten werden von meinem Team nationale und internationale Naturschutz- und Managementmaßnahmen wissenschaftlich begründet, geplant und umgesetzt. Unser Monitoring der marinen Lebensraumtypen, Säugetiere und Seevögel in der Kadetrinne dient als Grundlage für die Erfüllung der Berichtspflichten gemäß der FFH-Richtlinie, der Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie (MSRL), sowie der Helsinki-Konvention.

Welche weiteren internationalen Projekt unterstützt das BfN im Ostseeraum?

Ich bin sehr froh darüber, dass wir im Ostseeraum insbesondere internationale Schutzprojekte für die Schweinswale, wie zuletzt SAMBAH (Static Acoustic Monitoring of the Baltic Sea Harbour porpoise) unterstützen konnten. Das SAMBAH-Projekt hat mit Hilfe von 300 Klickdetektoren und eigens angepassten statistischen Auswerteverfahren zum ersten Mal verlässliche Daten für eine valide Abschätzung der absoluten Zahl von Schweinswalen in der zentralen Ostsee geliefert. Demnach leben nur noch ungefähr 400 Individuen östlich der Insel Rügen. Untermauert werden mit diesem Ergebnis frühere Annahmen, dass die Population hochgradig gefährdet und vom Aussterben bedroht ist und nur überleben kann, wenn zusätzliche Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Insbesondere muss der Beifang von Schweinswalen bei der Stellnetzfischerei auf null reduziert werden. Zum Vergleich, besteht die in der westlichen Ostsee lebende Beltsee-Population aus 11.000-12.000 Tieren und ist weniger stark gefährdet. Weiterhin unterstützen BMUB und das BfN die SCANs-Projekte (Small Cetaceans in the European Atlantic and North Sea; kleine Zahnwale im euopäischen Atlantik und der Nordsee)als regelmäßig stattfindende, international koordinierte Schiff- und Flugzeug basierte Erfassungen von kleinen Zahnwalen im gesamten europäischen Atlantik unter Einbeziehung der Nordsee und der westlichen Ostsee.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Günter Knackfuß, freier Autor, für Springer für Professionals.

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