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06-07-2022 | Unternehmenskultur | Interview | Article

"Wir möchten einen neuen Arbeitgeberstandard setzen"

Author: Annette Speck

5:30 min reading time
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Soviel bezahlter Urlaub, wie man möchte: Was wie ein Traum klingt, testet das Technologie-Unternehmen Quantilope mit seinen Beschäftigten seit Januar 2022. CEO Peter Aschmoneit und HR-Expertin Lea Schünemann erläutern im Interview, wie das funktioniert.

Springer Professional: Quantilope hat mittlerweile Beschäftigte an Standorten in Deutschland, England, Litauen und den USA. Wie viele Urlaubstage hatten Ihre Angestellten bislang im Schnitt?

Peter Aschmoneit: Weltweit beschäftigen wir bei Quantilope bereits mehr als 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Darauf sind wir sehr stolz. Die bisherigen Urlaubstage pro Mitarbeiter pro Jahr bewegten sich bisher in der Regel zwischen 20 Tagen in einigen US-Staaten und 28 Tagen in Europa und gingen damit bereits über den gesetzlichen Rahmen hinaus.

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Arbeitszeiten flexibel gestalten – Leitsätze für eine moderne Arbeitszeitkultur

Arbeits-(Zeit-)Gestaltung in Unternehmen unterliegt einem beständigen Wandel. Verantwortlich für diesen Wandel sind vielfältige soziale, politische, technologische und ökonomische Faktoren. Nicht zuletzt spielt das Anliegen einer gelingenden Vereinbarkeit von Beruf, Familie und weiteren Lebensbereichen eine Rolle.

Wie kam es zu der Entscheidung, allen Teilzeit- und Vollzeitmitarbeitenden unbegrenzt viele bezahlte Urlaubstage anzubieten?

Peter Aschmoneit: Mit der neuen Freizeitregelung möchten wir flexible Arbeitszeiten und unsere auf Vertrauen basierende Unternehmenskultur weiter stärken und als Arbeitgeber einen neuen Standard setzen. Quantilope setzt bereits seit der Gründung im Jahr 2014 auf flexible Arbeitszeiten, hohe Eigenverantwortung in der Zeitplanung und Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Mit der neuen Policy "Unlimited Paid Time off" (PTO) gehen wir als internationales Technologie-Unternehmen in der zeitlichen Ausgestaltung von Arbeitszeit und Freizeit noch einen Schritt weiter.

Welche konkreten Ziele sind mit dem neuen Urlaubsmodell verknüpft: Steigerung der Zufriedenheit der Beschäftigen, bessere Gesundheitsvorsorge, Work-Life-Balance, weniger Krankheitstage …?

Peter Aschmoneit: Für uns gehören das persönliche Wohlbefinden und der Erfolg unseres Unternehmens untrennbar zusammen. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Teams die besten Ergebnisse erzielen können, wenn sie eine gute Work-Life-Balance leben können und am Arbeitsplatz glücklich sind. Als Arbeitgeber stehen wir für eine moderne Arbeitswelt und möchten Produktivität, Gesundheit und Mitarbeiterzufriedenheit gleichermaßen nachhaltig fördern.

Gab es keine Bedenken, dass deutlich mehr Urlaubstage genommen werden und dies beispielsweise zu personellen Engpässen, steigender Arbeitsbelastung für die Nicht-Urlaubenden und womöglich Missstimmung in der Belegschaft führt?

Peter Aschmoneit: Wir sehen vielmehr die Vorteile dieser Regelung. Quantilope lebt eine Kultur gegenseitigen Vertrauens. Natürlich stimmen sich die Teams im Rahmen der verantwortungsvollen Zusammenarbeit untereinander ab. Zudem herrscht ein gemeinsames Verständnis darüber, dass zum Beispiel ein regelmäßiges Freinehmen an Freitagen analog einer Vier-Tage-Woche damit nicht gemeint und ausgeschlossen ist.

Lässt sich schon sagen, ob im laufenden Jahr mehr Urlaub geplant oder auch spontan genommen wird als in den Jahren zuvor? Wenn ja, wie viele Tage mehr sind es im Schnitt?

Lea Schünemann: Wir befinden uns erst in der Mitte des Jahres und die große Urlaubszeit beginnt aktuell mit dem Start der Sommerferien. Derzeit nehmen wir eine positive Akzeptanz und generelle Nutzung der neuen Urlaubsregelung wahr. Ein abschließendes Bild, wie die neue Freizeitregelung angenommen wird und ob durchschnittlich insgesamt mehr freie Tage über das Jahr eingereicht wurden, können wir erst ab Herbst valide bewerten.

Quantilope wächst stetig. Stellen Sie fest, dass die neue Urlaubsregelung die Arbeitgeberattraktivität steigert und dabei hilft, Talente zu gewinnen?

Peter Aschmoneit: Das ist eine sehr spannende und wichtige Frage, die wir ständig beobachten. In der Tat verzeichnen wir ein ausgesprochen positives Feedback zur neuen PTO-Policy im Kontext der Arbeitgeberattraktivität. Eine interne Befragung dazu im März 2022 bestätigt uns standortübergreifend eine sehr hohe Zufriedenheit mit der neuen Freizeitregelung. Sie rankt weltweit unter den wichtigsten, beliebtesten Company-Vorteilen. In der Beliebtheitsskala belegt die Freizeitregelung Platz drei nach der Möglichkeit, im Hybrid-Modell zu arbeiten sowie unserem Angebot für Mitarbeitende bis zu sechs Wochen im Jahr vom Ausland aus zu arbeiten.
Feedbacks zur neuen Urlaubsregelung, die wir im Test erhielten waren etwa: "Das ist definitiv einer der besten Vorteile, die das Unternehmen derzeit bietet." Und: "Ein sehr großer Vorteil. Das Unternehmen glaubt und vertraut darauf, dass wir unsere Arbeit gut machen, und wir können uns die Zeit nehmen, die wir brauchen, um diese Arbeit gut zu machen."

Lea Schünemann: Die Unlimited-PTO-Regelung generiert einen klar erkennbaren Mehrwert im Recruiting und differenziert uns im Wettbewerbsumfeld. Wir stellen fest, dass die Pandemie auch die Arbeitswelt grundlegend verändert hat: Fachkräfte haben bei der Wahl ihres zukünftigen Arbeitgebers einen verstärkten Fokus auf flexible Arbeitsmodelle und Work-Life-Balance. Mit der neuen Freizeitregelung beantworten wir ein wichtiges Bedürfnis. Das stärkt uns bei der Gewinnung von Talenten im internationalen Umfeld und hebt uns positiv im Wettbewerbsumfeld ab. Die Reaktionen in den Vorstellungsgesprächen bestätigen das immer wieder.

Gibt es seit der Einführung des unbegrenzten, bezahlten Urlaubs ein anderes Prozedere bei der Beantragung/Absprache der Urlaubstage im Team? Etwa indem die zusätzlichen Urlaubstage begründet werden müssen?

Lea Schünemann: Das Prozedere ist unverändert. Bei Quantilope arbeiten wir mit einem Tool, in dem Abwesenheiten schnell und einfach beantragt und hinterlegt werden. Ein Mitarbeiter trägt seine Abwesenheit im Tool ein, sobald er sich im Team beziehungsweise mit seiner Teamleitung abgesprochen hat. Dann ist es nur noch ein Klick der Bestätigung. Das hat viele Vorteile: Urlaub zu nehmen ist schnell und einfach und Abwesenheiten sind transparent – auch teamübergreifend – sichtbar. In Zeiten von Remote-Work und über mehrere Standorte hinweg erleichtert dies den Austausch und die Zusammenarbeit zusätzlich.

Die meisten Unternehmen würden unbegrenzten, bezahlten Urlaub sicher auch mit Hinweis auf zusätzliche Kosten ablehnen. Mit welchen Mehrkosten rechnet Quantilope?

Peter Aschmoneit: Das bewerte ich als eine Frage der Perspektive. Wir sehen für die Company insgesamt die Vorteile – für alle. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Teams die besten Ergebnisse erzielen können, wenn sie persönliche Work-Life-Balance leben können und am Arbeitsplatz glücklich sind. Zudem wachsen wir stark als Company. Glückliche Mitarbeiter, die lange bei uns bleiben, sind die beste Referenz und ein hoher Wert für die Company – nicht nur in Zeiten des Fachkräftemangels.

Wie wird der Erfolg der neuen Urlaubsregelung überprüft? Und in welchem Fall würde sie nach dem Testjahr enden?

Peter Aschmoneit: Richtig ist, dass sich die Freizeitregelung in einer einjährigen Testphase befindet. Wir beobachten das Feedback permanent und werden im Herbst mit einer detaillierten Auswertung beginnen. Dazu gehören der Austausch in den Teams und im Leadership-Team sowie die erneute Benefit Survey unter allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sollte sich herausstellen, dass uns die neue PTO Policy keinen nennenswerten Vorteil bringt und beispielsweise eine feste Zahl an Urlaubstagen besser ist, werden wir die Regelung kritisch hinterfragen. Dafür ist es ein Testprojekt.

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