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About this book

mochten es vielleicht für attraktiv halten, aber sie glaubten nicht, daß es in Deutschland, in einer damals von mancherlei kulturellen Gegensätzen durchzogenen Gesellschaft mit einem "Vielparteiensystem", funktionieren könne. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft begannen sich diese Einstellungen zu ändern. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen, die zum Zusammenbruch der Weimarer Republik geführt hatten, erschien das Westminstermodell nicht wenigen Beobachtern als eine überlegene Re­ gierungsweise. Das war kein ganz neuer Gedanke. Schon im ausgehenden Kaiserreich und in den Anfangen der Weimarer Republik war das Westminster-Modell eine Alternative, die von klugen Beobachtern ernsthaft diskutiert wurde. Aber damals überwog die Skepsis, ob denn in der fragmentierten deutschen Gesellschaft mit ihrem Vielparteiensystem ein solcher Institutionenwandel überhaupt eine ernsthafte Chance hätte. In den Anfangsjahren der Bundes­ republik änderte sich diese Wahrnehmung. Vor dem Hintergrund des politi­ schen Wiederaufbaus in Westdeutschland erschien sie zunehmend auch als eine durchaus realistische Perspektive. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sich die Struktur des westdeutschen Parteiensystems schon im ersten Nach­ kriegsjahrzehnt deutlich zu verändern begann. Hier zeichnete sich eine Konzentrationsbewegung auf CDU und SPD ab, die den bipolaren Wett­ bewerb zwischen zwei um die Hegemonie konkurrierenden Großparteien sowohl möglich machte als auch beförderte. Freilich unterschied sich das sich neu formierende Regierungssystem der "alten" Bundesrepublik vom Westminstermodell deutlich in einer wichtigen Hinsicht: Parteikoalitionen blieben bei der Regierungsbildung - jedenfalls im Bunde - der Regelfall. Und die entschiedenen Anhänger des Westminstermodells hielten dies lange für ein Defizit der demokratischen Nachkriegsentwicklung in Westdeutsch­ land, das der Korrektur bedürftig sei.

Table of Contents

Frontmatter

1. Einleitung: Von der Konkurrenzdemokratie zur Verhandlungsdemokratie — zur Entwicklung eines typologischen Konzepts

Zusammenfassung
Die für diesen Band ausgewählten Aufsätze zeichnen einen Erkundungsgang in der vergleichenden Regierungslehre nach, der von den Begriffen „Konkordanz demokratie“ und „Korporatismus“ seinen Ausgang nahm. Die ersten Schritte dieses Erkundungsganges reichen vier Jahrzehnte zurück und hatten ihren Ursprung in der Demokratiediskussion der frühen deutschen Politikwissenschaft. Seit den Anfängen des Faches im ersten Nachkriegsjahrzehnt dominierte hier eine Modellvorstellung von Demokratie, die man mit dem prägnanten Terminus „Konkurrenzdemokratie“ charakterisieren kann. Dabei wurde die Rolle des politischen Wettbewerbs, unzweifelhaft ein konstitutives Element von Demokratie, in prägnanter Weise zugespitzt: Die Konkurrenz politischer Parteien um die Regierungsmacht und das damit verbundene Wechselspiel von Regierungspartei und parlamentarischer Opposition erschienen als der in modernen Gesellschaften unbedingt überlegene Modus der demokratischen Regierungsweise.
Gerhard Lehmbruch

2. Proporzdemokratie: Politisches System und politische Kultur in der Schweiz und in Österreich

Zusammenfassung
„Proporzdemokratie“ ist ein Schlagwort, das in der westdeutschen Diskussion um Für und Wider der Großen Koalition von CDU und SPD beliebt geworden ist. Es nimmt in der Regel auf die im Frühjahr 1966 auseinander gebrochene „schwarz-rote“ Koalition in Österreich Bezug, und zwar in abwertendem Sinne. Die polemische Absicht, die diesem Sprachgebrauch zugrunde liegt, mag eher zur Vernebelung denn zur Klärung des intendierten Sachverhaltes beitragen. Doch es ist noch einigermaßen deutlich, daß offenbar ein eigentümlicher politischer Typus, mit einem spezifischen Gefüge organisatorisch-institutioneller Regelungen und eigentümlichen Verhaltensmustern, gemeint ist. Dieser Typus bedarf politikwissenschaftlicher Analyse und Einordnung; darum mag es erlaubt sein, den Terminus „Proporzdemokratie“ hier ohne polemisch wertenden Beiklang aufzunehmen.
Gerhard Lehmbruch

3. Consociational Democracy, Class Conflict, and the New Corporatism

Abstract
“Consociational democracy” or “Konkordanzdemokratie” has been described as the response of political elites in certain countries to the challenge of strong sub-cultural segmentation (chapter 1, above; also Iijphart 1968 and the articles compiled in McRae, 1974). Conflict within “fragmented political cultures” is settled by bargaining among the top leadership of rival groups. “Consociational” strategies, however, may not only serve to manage conflict of highly integrated and mutually incompatible value systems. The proposition of this paper is that they have also been employed for stabilizing and steering highly developed capitalist economies by promoting a new type of social integration. In this patterned arrangement, the relations between government and organized interest groups take the form of a new corporatism which we shall call “liberal corporatism”. While consociational democracies have moved strongly towards the corporatist model of policy-making, the question arises whether both — consociationalism as well as corporatism — will not disintegrate as a consequence of an increase in social mobilization by the rank and file and a revival of class conflict in advanced capitalism.
Gerhard Lehmbruch

4. Liberal Corporatism and Party Government

Abstract
The progress of corporatist ideas since the late nineteenth century and the advent of authoritarian “corporatist” regimes in the twentieth century have been strongly fostered by critiques of parliamentary and party government. To be sure, corporatist doctrines have not been unanimous in their assessment of universal suffrage, parliament, and competitive party systems. While on the one hand authors such as Spann (1934) proposed to abolish parliament, that “Schwatzbude,” and to replace it by a representation of “estates,” others merely proposed to redress the alleged shortcomings of parliamentary democracy by adding a system of corporate representation. For example, Catholic “Solidarists” (a school which has been important in the German-speaking countries), proposed a Chamber of Corporations which should supplement, but not substitute for, a parliament based on political parties (Mayer-Tasch, 1971:60). On the other hand, a socialist party leader, the “Austro-Marxist” theorist Bauer, under the influence of early Soviet experience as well as English “guild socialism,” pleaded for the improvement of merely “formal” or “political” democracy (i.e., bourgeois-dominated parliamentary government based on universal suffrage) by “functional democracy,” which demands that “the government in each single branch of its activity rests in continual understanding with the organized whole of the citizens, who, according to their profession or their plant, according to their social and economic function are immediately concerned by that particular branch of government activity” (Bauer, 1923: 187).
Gerhard Lehmbruch

5. Concertation and the Structure of Corporatist Networks

Abstract
The political structure of a number of advanced capitalist economies, according to widely held — but often vague — hypotheses, is characterized by the emergence of “corporatism” or “neo-corporatism”. Speculation that there might here be evidence of a secular trend, reflecting functional prerequisites of advanced capitalism, was for a time influential. However, there would probably now be wide agreement that the phenomena described under the label of corporatism are contingent. The failure of several corporatist experiments and the abrupt return in countries such as Britain to governmental strategies based not on co-operation with economic interest organizations but rather on their “exclusion” (cf. Goldthorpe 1984) and relying essentially on co-ordination through markets, has made it clear that the “century of corporatism” by no means represents a secular trend in modern political economies. Two decades ago, Shonfield (1965, 65) asserted that, notwithstanding the varying institutional patterns of economic policy-making in the countries of Western Europe and North America, “there is a certain uniformity in the texture of these societies. In terms of what they do, rather than of what they say about it, and even more markedly in terms of the pattern of their behaviour over a period of years, the similarities are striking.” Today, this apparent convergence can no longer be taken for granted. As European economies have lost their competitive advantage on world markets and face the problems of adapting their industries to this new situation, governments are confronted with strategic options that are conspicuously divergent.
Gerhard Lehmbruch

6. Sozialpartnerschaft in der vergleichenden Politikforschung

Zusammenfassung
Österreichs Sozialpartnerschaft hat seit langem bei außerösterreichischen Sozialwissenschaftlem Aufmerksamkeit gefunden. Vor allem in Arbeiten wirtschaftswissenschaftlicher Provenienz erschien sie seit Beginn der sechziger Jahre als Beispiel für eine erfolgreiche Stabilisierungspolitik durch einkommenspolitische Kooperation zwischen Regierung und Großverbänden (u. a. Fellner et al. 1961; Busch-Lüty 1964; Edelman/Fleming 1965). In der Tat wurde in den sechziger und frühen siebziger Jahren in den meisten westeuropäischen Ländern und in Nordamerika wenigstens zeitweise der Versuch gemacht, wirtschaftspolitische Steuerung in mehr oder weniger großem Umfang auf die (in unterschiedlichem Maße institutionalisierte) Kooperation zwischen Gewerkschaften, Unternehmerverbänden und Regierung („tripartism“) abzustützen. Man kann darin geradezu einen internationalen Diffusionsprozeß sehen, der stark sozialtechnologisch orientiert war. Um die Mitte der siebziger Jahre wurde freilich zunehmend deutlich, daß der Erfolg solcher Formeln in erheblichem Maße von politikstrukturellen Bedingungen abhing, die nur sehr begrenzt — wenn überhaupt — politisch manipulierbar waren.
Gerhard Lehmbruch

7. Die korporative Verhandlungsdemokratie in Westmitteleuropa

Zusammenfassung
Die folgenden Überlegungen zum Vergleich der politischen Systeme der Schweiz, Österreichs und Deutschlands knüpfen an die Hypothesen zur „Proporz-“ oder „Konkordanzdemokratie“ an, die ich vor drei Jahrzehnten entwickelt hatte (vgl. oben Kapitel 1) und später in meinen Beiträgen zur Korporatismustheorie weiterführte. Bekanntlich verdankt der Korporatis-musbegriff seine typologische Zuspitzung insbesondere Schmitter (1974), und es ist auch ist durchaus geläufig, daß unsere Arbeiten manche Vorläufer hatten — so zum Beispiel Stein Rokkan (1966) mit seinem Begriff „corporate pluralism“. Weitgehend unbekannt ist aber geblieben, daß Erich Grüner schon zwei Jahrzehnte zuvor die typologische Unterscheidung von „Pluralismus“ und „Korporatismus“ herausgearbeitet hatte. In einer Reihe bahnbrechender Arbeiten (Grüner 1954, 1956, 1959) hat er damals die Entwicklung des Schweizer Systems der Interessenverbände vor dem Hintergrund des Gegensatzes zwischen liberalen und korporativen Ordnungsvorstellungen untersucht, der die innerschweizerische Diskussion in den dreißiger und vierziger Jahren bestimmt hatte und 1947 in den Kompromiß der Wirtschaftsartikel der Bundesverfassung mit ihrer Aufwertung der Verbände mündete. In dem Aufsatz „Der Einbau der organisierten Interessen in den Staat“ (Grüner 1959) hieß es resümierend:
„Die organisierten Interessen entwickeln sich neben und über die bestehende Verfassung hinaus, als Tatbestände der realen Verfassung, die von der geschriebenen Verfassung nicht rezipiert werden. Von hier aus ergeben sich grundsätzlich zwei Lösungsmöglichkeiten. Entweder, man versucht die organisierten Interessen öffentlich-rechtlich als Träger des politischen und staatlichen Lebens in die Demokratie einzubauen: das ist der korporative Weg. Oder aber man läßt dem Pluralismus freie Bahn unter formaler Hochhaltung des individualistisch-liberalen Verfassungsrechts: ich bezeichne dies als denpluralistischen Weg“.
Der Begriff „korporativ“ hat hier durchaus die Konnotation des „gesellschaftlichen Koxporatismus„, wie sie dann bei Schmitter wieder begegnet. Seine — implizite — Wiederentdeckung der Typologie hat die Unterscheidung von Pluralismus und Korporatismus komparatistisch generalisiert, doch Erich Gruner hat wichtige analytische Elemente vorweg genommen.
Gerhard Lehmbruch

8. Die Große Koalition und die Institutionalisierung der Verhandlungsdemokratie

Zusammenfassung
Deutungen der Entwicklung der westdeutschen Demokratie nach dem zweiten Weltkrieg sind heute oft stark durch die Erfahrungen geprägt, wie sie die Generation der sogenannten Achtundsechziger in ihrem politischen Sozialisationsprozeß gemacht hat. Es waren ja vor allem Angehörige dieser Generation, die in die vielen während der Expansionsphase des Universitätssystems neu eingerichteten sozialwissenschaftlichen Professuren einrückte. Ein Autor aus der vorangegangenen Generation, in dessen politischer Sozialisation das Jahr 1945 die Schlüsselrolle gespielt hat und der bei der Wahl zum ersten Bundestag erstmals wahlberechtigt war, neigt naturgemäß zu einer anderen Zeitperspektive. Da relativiert sich die Bedeutung jenes Schlüsseljahres 1968, wie groß sie auch gewesen mag. Das ist vorauszuschicken, wenn im folgenden davon die Rede sein soll, daß die Große Koalition der Jahre 1966 bis 1969 für eines der folgenreichsten Reformprojekte in der Entwicklung der alten Bundesrepublik verantwortlich war, und daß die pfadabhängige Entwicklung der deutschen Verhandlungsdemokratie ohne die institutionellen Weichenstellungen jener Jahre nicht angemessen zu verstehen sind.
Gerhard Lehmbruch

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