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2021 | Book

Verschuldet zum Arbeitsamt

Empirische und theoretische Grundlagen, Beratung und Intervention

Editors: Dr. Christoph Mattes, Valentin Schnorr, Urezza Caviezel, Prof. Dr. Carlo Knöpfel

Publisher: Springer Fachmedien Wiesbaden

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About this book

Wenn Arbeitslosigkeit Verschuldung oder Zahlungsunfähigkeit auslöst, Schulden zugleich die Stellensuche erschweren oder verhindern, dann ist guter Rat teuer. Doch wie können Betroffene unterstützt werden, um aus dieser Not herauszukommen? Was kann konkret angeboten werden, um Arbeitslosigkeit und Verschuldung nachhaltig zu bekämpfen?
Die Beiträge dieses Sammelbandes beleuchten den Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Verschuldung aus der Perspektive der Sozialen Arbeit. Dabei geht es neben Überlegungen zu konkreter Beratung und Intervention auch um die sozialpolitischen Bezüge: Wie sind die Hilfen bei Verschuldung in den Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz sozialstaatlich geregelt und organisiert? Wie gestaltet sich die Praxis dieser Hilfen und welche sozialpolitischen Forderungen lassen sich aus den empirischen Befunden zum Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Verschuldung ableiten?

Table of Contents

Frontmatter
Verschuldet zum Arbeitsamt, arbeitslos zur Schuldenberatung
Eine Einführung
Zusammenfassung
Der Beitrag führt in die Fragestellung dieses Sammelbandes ein, wie Hilfen der Sozialen Arbeit zur Bewältigung von Arbeitslosigkeit und Verschuldung ausgestaltet werden sollten, um einen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten zu können. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Herausforderung für die Soziale Arbeit. Verschuldung und Zahlungsrückstände sind bereits seit der Industrialisierung bekannte Problemlagen nicht nur bei der arbeitenden, sondern gerade auch bei der arbeitslosen Bevölkerung. Im deutschsprachigen Raum stellt Arbeitslosigkeit einen zentralen Aspekt für die Finanzierung von Schuldenberatung dar. Diese wird oft deshalb finanziert, weil davon ausgegangen wird, dass Verschuldung die Bewältigung von Arbeitslosigkeit erschwert und die Wiedereingliederung in das Erwerbsleben begleitet mit Schuldenberatung besser möglich ist. Allerdings ist im deutschsprachigen Raum die Häufigkeit arbeitsloser Personen unter den Ratsuchenden bei Schuldnerberatungsstellen sehr unterschiedlich. Der Beitrag zeigt auf, wie aus volkswirtschaftlicher Sicht Verschuldung und Arbeitslosigkeit unabdingbar miteinander verknüpft ist, weshalb bei Schuldenberatung durchaus von Wirtschaftssozialarbeit gesprochen werden kann und welche grundlegenden Herausforderungen sich daraus für die Soziale Arbeit ergeben.
Christoph Mattes, Carlo Knöpfel

Ausgangslage Arbeitslosigkeit und Verschuldung

Frontmatter
Verschuldungs- und Erwerbssituation von Menschen in der wirtschaftlichen Sozialhilfe der Schweiz
Eine quantitative Annäherung
Zusammenfassung
Menschen mit ausreichendem Einkommen und Vermögen verfügen in der Regel über finanzielle Spielräume, die es ihnen erlauben, anstehende Auslagen zu begleichen. Ändern sich ihre Einnahmen, familiären Konstellationen oder finanziellen Verpflichtungen, kann diese Situation zeitweilig oder auch langanhaltend zu wirtschaftlichen Belastungen und Schwierigkeiten führen. Dies besonders dann, wenn die gegebenen finanziellen Spielräume weitgehend und regelmässig ausgeschöpft werden. Andauernd belastete finanzielle Situationen und Entbehrungen gehen nicht selten mit erhöhten Verschuldungsrisiken einher (Angel und Heitzmann 2013). Im vorliegenden Artikel wird der Frage nachgegangen, wie es um die finanzielle Situation von Menschen steht, die bei Antragstellung auf wirtschaftliche Sozialhilfe bereits keiner Erwerbstätigkeit mehr nachgehen, jedoch weiterhin auf der Suche nach einer bezahlten Arbeit sind und wie sich ihre Situation im Vergleich zu der Situation von Menschen verhält, die trotz Erwerbstätigkeit auf Leistungen der wirtschaftlichen Sozialhilfe angewiesen sind. Es zeigt sich, dass bei einer allgemein hohen Verschuldungsrate deutliche Unterschiede bestehen. Diese treten besonders zwischen den einzelnen Haushaltstypen und entlang der bestehenden Erwerbssituation auf.
Valentin Schnorr
Surprise-Stadtführende der Sozialen Stadtrundgänge aus Basel und Zürich über Schulden, Armut und ein Leben in Einsamkeit
„Das System ist zutiefst ungerecht“
Zusammenfassung
Wer in der Schweiz arm und verschuldet ist, bleibt oft jahrzehntelang in dieser prekären Lebenssituation. Surprise-Stadtführende erzählen interessierten Besuchergruppen auf ihren Touren von ihren verschiedenen Wegen in die Armut, über mangelnde soziale Teilhabe und lebenslange Schulden. Seit 1998 eröffnet Surprise mit verschiedenen soziokulturellen Angeboten neue Perspektiven für sozial benachteiligte Menschen in der Schweiz. Über 420 Armutsbetroffene verkaufen das Strassenmagazin und zeigen sich als Gesichter der Armut. Ein Ziel von Surprise ist die gesellschaftliche Sensibilisierung über die strukturellen Hintergründe von Ausgrenzung und Armut in der wohlhabenden Schweiz. Peter Conrath, Markus Christen, Heiko Schmitz und Lilian Senn erzählen in diesem Beitrag über ihre Scham und den Teufelskreis der Schuldenfalle.
Sybille Roter
Aktuelle sozialpolitische Diskurse zu Arbeitslosigkeit und Verschuldung in der Schweiz
Zusammenfassung
Arbeitslosigkeit und Verschuldung stehen in einer gegenseitigen Wechselwirkung. Arbeitslosigkeit ist in der Regel mit Einkommenseinbussen verbunden und wer kein Erspartes hat, gerät schnell in finanzielle Engpässe. Sich in dieser Situation zu verschulden ist nicht zwingend, aber das Risiko ist gross. Insbesondere bei Langzeitarbeitslosigkeit und bereits bestehenden Schulden kann die materielle Existenz langfristig nicht mehr gesichert werden. Umgekehrt haben Schulden auch Auswirkungen auf die Erwerbssituation. Lohnpfändungen können zu Entlassungen führen und deren Offenlegung im Bewerbungsprozess erschwert den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Die Wirkungszusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit und Verschuldung sind jedoch weder empirisch untersucht, noch lassen sie sich in den sozialpolitischen Diskursen ausmachen. Der Beitrag schildert die aktuell diskutierten Massnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und geht auf die politischen Kontroversen rund um die Verschuldung in der Schweiz ein. Er zeigt damit zumindest indirekt auf, inwiefern sich die beiden sozialpolitischen Themenfelder beeinflussen oder gar bedingen.
Carlo Knöpfel, Urezza Caviezel

Empirische Befunde

Frontmatter
Überschuldung, Arbeitslosigkeit und Gesundheit
Eine Querschnittstudie mit überschuldeten erwachsenen Personen im Kanton Zürich
Zusammenfassung
Hintergrund: Überschuldung und dessen Konsequenzen für die unterschiedlichen Lebenslagen sind ein weltweites Problem. Studien ausserhalb der Schweiz haben gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Überschuldung und verschiedensten Gesundheitsfaktoren gibt. Jedoch gab es bislang noch keine Studie, welche diesen Zusammenhang für die Schweiz untersucht. Der folgende Beitrag stellt erste Ergebnisse aus meinem aktuellen Forschungsprojekt vor, welches untersucht, ob überschuldete Personen einen schlechteren Gesundheitszustand aufweisen als die Gesamtbevölkerung und ob es Unterschiede zwischen arbeitstätigen und nicht-arbeitstätigen überschuldeten Personen hinsichtlich ihrer Gesundheit gibt.Methoden: Die vorliegende Querschnittstudie wurde im Frühjahr 2019 durchgeführt. 219 überschuldete erwachsene Personen nahmen an der Studie Teil. Die Studienpopulation wurde mit einer Stichprobe der deutschsprachigen Gesamtbevölkerung der Schweiz verglichen (n = 11.796). Ergebnisse: Überschuldeten Personen geht es gesundheitlich deutlich schlechter als der Gesamtbevölkerung. Auch können Unterschiede zwischen den arbeitstätigen und nicht-arbeitstätigen überschuldeten Personen hinsichtlich ihres Gesundheitszustandes aufgezeigt werden.
Joanna Herzig
Amtliche Steuereinschätzungen und Steuerschulden privater Haushalte
Ein erster wissenschaftlicher Blick auf ein längst bekanntes Problem in der Schweiz
Zusammenfassung
In der Schweiz weisen Haushalte mit Zahlungsausständen eine auffallend hohe Verschuldung bei Steuern und Krankenversicherungsbeiträgen auf. Warum dies so ist, scheint in der Fachöffentlichkeit unumstritten: Steuern und Krankenversicherungsbeiträge sind in der Schweiz von den Haushalten direkt an Steuerämter und Versicherungsgesellschaften zu entrichten. In einer gemeinsamen Praxisstudie der Budget- und Schuldenberatungsstelle Plusminus Basel und der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz zu amtlichen Steuereinschätzungen in Basel-Stadt, untersuchte das Forschungsteam die persönliche Situation von Menschen, die es entgegen ihrer gesetzlichen Pflicht während mehreren Jahren versäumt haben, eine Steuererklärung einzureichen und in der Folge vom Steueramt amtlich eingeschätzt wurden. Es zeigt sich, dass ihre Lebenslagen vielfach durch Arbeitslosigkeit oder unstete Einkommensverhältnisse im Rahmen einer Selbständigkeit geprägt sind, die gepaart mit anderen persönlichen Problemlagen, wie z. B. einer vorangegangenen Trennung oder bestehenden psychischen Problemen, zu sozialem Rückzug führt. Die Studie skizziert auch Möglichkeiten, wie Betroffene in Basel-Stadt besser erreicht und darin unterstützt werden können, Ihre Steuererklärung künftig fristgerecht einzureichen.
Christoph Mattes, Christian Eckerlein
Überschuldung, Arbeit und Identität
Zusammenfassung
Der Beitrag basiert auf Ergebnissen einer qualitativen Längsschnittuntersuchung überschuldeter Mittelschichtspaare und geht der Frage nach, welche Rolle Arbeit im Hinblick auf die Aufrechterhaltung einer Mittelschichtsidentität im Zusammenhang mit Überschuldung spielt. Im folgenden Beitrag steht mit Angehörigen der Mittelschicht eine Gruppe von Überschuldeten im Fokus, die aufgrund ihrer Ausbildung und ihrer Erwerbsintegration bislang keine grundlegenden gesellschaftlichen Ausgrenzungserfahrungen erleben mussten. Menschen, die sich in einer Überschuldungssituation oder in Insolvenz befinden, erleben Irritationen ihrer Identität, mit der Überschuldung ist ihre Lebenswelt von massiven Veränderungen und Einschränkungen bedroht. Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Bedeutung Arbeit für die Identitätsarbeit überschuldeter Menschen der Mittelschicht hat und dies anhand der Analyse von drei herausgearbeiteten Identitätsarbeitsstrategien beleuchtet werden.
Patricia Pfeil, Marion Müller

Beratung und Intervention

Frontmatter
Leichte Sprache in der Schuldenberatung
Ein Praxisbericht aus Österreich
Zusammenfassung
Die asb, Dachorganisation der Schuldenberatungen in Österreich, hat seit 2017 in drei Projekten ‚Leichte Sprache‘ in der Schuldenberatung etabliert. Hintergrund ist die schwierige Verständlichkeit von Verfahrensabläufen und Fachbegriffen im Insolvenzverfahren. Das Regelwerk von Leichter Sprache kann Beraterinnen und Beratern helfen, diese besser zu erklären und gleichzeitig Klientinnen und Klienten dabei unterstützen, diese besser zu verstehen. Kernstück dabei war die Entwicklung eines „Schulden-Wörterbuches in Leichter Sprache“ (ASB Schuldnerberatungen GmbH 2018a). Dieses ist bereits in der zweiten Auflage erschienen. Ziel soll es sein, möglichst vielen Personen Zugang zu wichtigen Informationen im Entschuldungsprozess zu geben und so Beratungsabbrüche und Scheitern von Schuldenregulierungen zu verhindern. Mit dem Konzept der Leichten Sprache zielt man auf verbesserte Verständlichkeit ab. Dazu verwendet man einfache Worte, kurze Sätze und gehorcht zahlreichen genau definierten Richtlinien. Sie wurde für Personen mit kognitiven Einschränkungen, Lese- bzw. Deutschschwierigkeiten entwickelt, kann aber gerade bei komplizierten Sachverhalten auch für eine breitere Bevölkerungsgruppe geeignet sein, um ein besseres inhaltliches Verständnis zu erzeugen.
Christiane Moser, Maria Fitzka-Reichart
Schulden und finanzielle Probleme als Herausforderungen in der betrieblichen Sozialberatung
Zusammenfassung
Betriebliche Sozialarbeit interveniert traditionell bei persönlichen, sozialen, finanziellen und gesundheitlich bedingten Problemlagen. Die Herausforderungen einer sich stetig verändernden Arbeitswelt führen zu einer Ausweitung der Beratungsinhalte, häufig bei gleichbleibenden oder sich verringernden Ressourcen. Vor diesem Hintergrund erhalten Aspekte einer zielgerichteten Kooperation und Koordination mit Ratsuchenden und externen Stellen zunehmend grössere Bedeutung, damit Sozialberatung in den Betrieben ihren Aufgaben konsequent und auf fachlich ansprechendem Niveau weiterhin nachkommen kann.
Martin Imoberdorf
Schuldenfördernde und schuldenverursachende rechtliche Mechanismen in der Schweiz
Über differenzierte Massnahmen zur Bekämpfung der Überschuldung
Zusammenfassung
In diesem Beitrag werden rechtliche und insbesondere gesetzliche Mechanismen untersucht, die in der Schweiz zu Privatüberschuldung führen. Dabei wird zwischen schuldenfördernden Mechanismen (die Überschuldung im Zusammenspiel mit anderen Faktoren befördern) und schuldenverursachenden Mechanismen (die direkt Überschuldung bewirken) unterschieden. Die Analyse dieser beiden Mechanismen zeigt, dass Überschuldung in beiden Fällen auch ohne Zutun der Betroffenen erfolgt. Personenbezogene Faktoren sind von der Analyse ausgenommen. Indes sollte systembedingte Überschuldung auch gesondert von einer „selbstverschuldeten“ Überschuldung erforscht werden. Denn Massnahmen, die einer systembedingten Überschuldung entgegenwirken, gestalten sich anders als Massnahmen im Bereich der selbst zu verantwortenden Überschuldung. Als mögliche Lösungsansätze werden in dem Beitrag die Schaffung eines nationalen Kompetenzzentrums im Bereich der Überschuldung sowie eine gesetzliche Grundlage für eine direkte Rechtsberatung von Überschuldeten vorgeschlagen.
Rausan Noori
Verschuldet trotz Arbeit?
Eine kritische Auseinandersetzung mit Erwerbslosigkeit und Arbeitsintegration
Zusammenfassung
Verschuldung und Arbeitslosigkeit sind gleichsam zusehends mit einem moralischen Makel versehen. In Zeiten neoliberaler Verantwortungszuschreibungen an den einzelnen Menschen lohnt sich ein Blick auf eine gesellschaftstheoretische Analyse von Verschuldung und Schuld. Der Beitrag beschäftigt sich aus einer kritisch theoretischen Perspektive mit dem moralischen Aspekt von Verschuldung in der Arbeitsgesellschaft. Dabei wird aus Sicht der Kritischen Theorie eine ideologiekritische Analyse der Analogie zwischen Verschuldung und Arbeitsintegration vollzogen.
Tobias Studer
Metadata
Title
Verschuldet zum Arbeitsamt
Editors
Dr. Christoph Mattes
Valentin Schnorr
Urezza Caviezel
Prof. Dr. Carlo Knöpfel
Copyright Year
2021
Electronic ISBN
978-3-658-32415-5
Print ISBN
978-3-658-32414-8
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-32415-5

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