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Published in: Versicherungsmagazin 2/2022

01-02-2022 | Branche

Wann Lebensversicherer an der Beitragsschraube drehen

Author: Sebastian Weißschnur

Published in: Versicherungsmagazin | Issue 2/2022

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Die ursprüngliche Online-Version dieses Artikels wurde überarbeitet:
In diesem Artikel wurde eine Formel falsch dargelegt.
Zu diesem Beitrag ist ein Erratum online unter https://​doi.​org/​10.​1007/​s35128-022-1062-y verfügbar.
Die aktuelle Tarifkalkulation auf Basis der neuen Rechnungsgrundlagen 2022 zeigt, wie wichtig die genaue Betrachtung der Solvabilität für die Bewertung des Verteuerungsrisikos der deutschen Risikoversicherer ist. Mehr Transparenz und nachhaltigere Bewertbarkeit der Überschussdeklaration bietet eine neue Formel.
Das so genannte Verteuerungsrisiko bezeichnete über viele Jahre hinweg die Gefahr eines Beitragsanstiegs in der Risikolebens- oder Berufsunfähigkeits-Versicherung (BU). Wird der zu zahlende Beitrag auf Grundlage hoher, nicht garantierter Überschüsse kalkuliert, können die Versicherten künftig unerwünschte Überraschungen erleben. Im Fall einer größeren Beitragsdifferenz hat der Versicherer die Möglichkeit, Jahr für Jahr an der Beitragsschraube zu drehen, im schlimmsten Fall bis auf Höhe des Tarifbeitrags. Die zugesagte Leistung bleibt dabei stets unverändert. Im Marktvergleich zum Zeitpunkt des Abschlusses noch unter den Günstigsten, ist dieser Anbieter nach einigen Jahren vielleicht nur noch im unteren Drittel des Beitragsvergleiches zu finden. Deshalb lohnt es sich immer zu prüfen, wie hoch das Risiko einer Beitragssteigerung ist und gleichzeitig, wie hoch die Chance auf zu erwartende Überschussanteile im Leistungsfall ist.

Beitragsdifferenz ist kein hinreichendes Kriterium

Die Differenz der Risikobeiträge erweckt gerne den Anschein, verlässlich Auskunft über die Beitragsstabilität des betrachteten Tarifs zu geben. Jedoch schwankt die Quote der Überschussausschüttungen üblicherweise und kann vonseiten der Versicherer in beide Richtungen jährlich angepasst werden. Insbesondere Anbieter von BU- oder Risikolebensversicherungen erwirtschaften tendenziell geringe Kapitalerträge, aber höhere Risikogewinne. Die Höhe der gewährten Überschüsse lässt dabei keinerlei Rückschluss auf die Finanzstärke des Versicherers zu. Für die Betrachtung des Risikos einer Verteuerung ist daher nicht allein die Beitragsdifferenz entscheidend, sondern zusätzlich auch die Finanz- und Ertragsstärke des Anbieters. Bietet ein bonitätsschwacher Versicherer seine Tarife mit einer nur geringen Überschussverrechnung an, bleiben das Verteuerungsrisiko und die Gefahr einer möglichen Anhebung des zu zahlenden Beitrags erhöht. Warum das so ist, lässt sich leicht erklären. Es gibt kaum Puffer, weder in der Gestaltung des Beitrags noch in der Bilanz des Versicherers.
Die Finanzstärke von Lebensversicherern hierzulande wird nach dem seit 2016 geltenden europaweiten Aufsichtsregime Solvency II definiert. Die Vorgaben beinhalten die Anforderung an die Kapitalausstattung und das Risikomanagement sowie ein einheitliches Berichtswesen. Ausgedrückt wird die Finanzstärke hier mithilfe der Formel "SCR-Quote + Volatilitätsanpassungen". Die SCR-Quote ergibt sich aus dem Verhältnis von vorhandenem Kapital beziehungsweise Eigenmitteln zum erforderlichen Kapital, also der Solvenzkapitalanforderung. Entspricht die Höhe der Eigenmittel exakt der Solvenzkapitalanforderung, liegt die Bedeckungsquote bei 100 Prozent. Mit Volatilitätsanpassungen ist gemeint, dass die Lebensversicherer ihre Anleihen mit dem langfristig sicher zu erwirtschaftenden Zinssatz bewerten dürfen, auch wenn die aktuelle Bewertung niedriger ausfällt. Damit gibt die Finanzstärke den Kapitalpuffer des Versicherers ohne Übergangsmaßnahmen, jedoch inklusive Volatilitätsanpassungen an. Alle beschriebenen Maßnahmen müssen stets von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) genehmigt werden. Diese Darstellung der Finanzstärke eignet sich deshalb sehr gut für die Betrachtung des Verteuerungsrisikos, weil sie kurzfristige Marktentwicklungen durch Einbeziehung von Volatilitätsanpassungen ausblendet. Diese Betrachtung berücksichtigt also die langfristige Kapitalanlage der Lebensversicherer und glättet kurzfristige Schwankungen. Eine weit marktüberdurchschnittliche SCR-Quote eines Risikoversicherers mag auf den ersten Blick attraktiv wirken, zieht allerdings zwangsläufig eine konservative Anlagepolitik des Anbieters nach sich. Das Resultat für den Versicherten ist eine niedrigere Kapitalanlagerendite innerhalb seines Risikotarifs, und damit eine geringere Überschusszuteilung.
Die für das Verteuerungsrisiko weitere relevante Kennzahl der Ertragsstärke stellt alle aktuellen Erträge des Versicherers ins Verhältnis zu den Rechnungszinsanforderungen. Die Summe der Erträge sollte stets über der Beteiligungssumme liegen. Die Ertragsstärke deckt somit mögliche Quersubventionierungen auf, sofern Garantieanforderungen durch Risiko- und Verwaltungsgewinne gesichert werden müssen (siehe Kasten Seite 23).

Verteuerungsrisiken im Marktvergleich 2022

Die aktuelle Tarifkalkulation auf Basis der neuen Rechnungsgrundlagen 2022 zeigt, wie wichtig die genaue Betrachtung der Solvabilität für die Bewertung des Verteuerungsrisikos ist. Die Grafik oben stellt das Ranking von Risikoversicherern in Deutschland gemäß dem Verteuerungsrisiko nach Weißschnur dar. Dieses Ranking ermöglicht eine hohe Transparenz und eine dadurch nachhaltigere Bewertbarkeit der Überschussdeklaration. Die Lebensversicherer mit dem niedrigsten Verteuerungsrisiko sind im unteren Teil des Rankings zu sehen. Finanzstärken unterhalb des Marktdurchschnitts von 235 Prozent beziehungsweise oberhalb der 451-Prozent-Grenze erhalten wegen ihrer reduzierten Renditeerwartung weniger Wertungspunkte.
Die Rangfolge der Anbieter sowie die Werte der untersuchten Parameter zeigen deutlich: Weist ein Versicherer eine solide Finanz- sowie Ertragsstärke bei gleichzeitig niedriger Differenz zwischen Tarif- und Zahlbeitrag aus, sind seine Risikoprodukte im Hinblick auf das Verteuerungsrisiko eine Empfehlung.

Was Vermittler noch beachten sollten

Selbstverständlich sind Empfehlungen auf Basis der hier erläuterten Definition des Verteuerungsrisikos kein Persilschein für die Wahl des richtigen Risikotarifs. Limitierend wirken sich unter anderem folgende Faktoren aus: Für die objektive Wahl einer Risikoversicherung sind Aspekte wie hochwertige Versicherungsbedingungen und ein im Verhältnis stehender akzeptabler Tarifbeitrag mindestens ebenso wichtig. Welchen Stellenwert das Verteuerungsrisiko im Kontext aller berücksichtigten Faktoren einnehmen soll, vermag jeder Vermittler für sich selbst zu entscheiden. Des Weiteren sind die Kennzahlen für die Finanzstärke anbieterübergreifend nicht zwingend miteinander vergleichbar. Eine Mehrzahl der Lebensversicherer hierzulande nutzt das Standardmodell. Große, international aufgestellte Versicherungskonzerne nutzen hingegen ein gesellschaftsindividuelles internes Modell. Zudem fällt die Annahmepolitik deutscher Biometrieversicherer sehr unterschiedlich aus. Beurteilt ein Risikoversicherer seine Neuanträge eher großzügig, kann diese Vorgehensweise seine künftige Finanz- und Ertragsstärke negativ beeinflussen. Die Bestandsstruktur der deutschen Biometrieversicherer ist vollkommen heterogen. Anbieter, die schon in der Vergangenheit eine ausschließlich restriktive Annahmepolitik verfolgten, müssen keine Altlasten berücksichtigen und können über vorteilhaftere Verträge mit ihren Rückversicherern verfügen als ihre Mitbewerber.
Die Aufzählung dieser limitierenden Faktoren ist nicht abschließend. Die Formel Verteuerungsrisiko nach Weißschnur berücksichtigt diese Unschärfen nicht, da es zur Messung dieser Parameter kein homogenes Berichtswesen in Deutschland gibt.
Spannend bleibt der Ausblick auf das kommende Jahrzehnt im Hinblick auf eine voranschreitende Konsolidierung bei den Lebensversicherern hierzulande. Führende Ratingagenturen erwarten einen Anstieg von Fusionen beziehungsweise Aufgaben des Neugeschäftes, auch als Run-off bekannt. Umso wichtiger ist es, auf ein niedriges Verteuerungsrisiko gemäß der Weißschnur-Formel bei BU-Versicherungen beziehungsweise Risikolebensversicherungen zu achten. Nachhaltiges Wirtschaften ist jetzt nicht nur in der Versicherungswirtschaft gefragter denn je.

Kompakt

  • Das Verteuerungsrisiko von Risikoversicherern in Deutschland muss neben dem Risiko einer Beitragssteigerung auch die Finanz- und Ertragsstärke des Anbieters berücksichtigen.
  • Ein bonitätsschwacher Versicherer mit geringer Beitragsdifferenz ist weniger empfehlenswert als ein finanz- beziehungsweise ertragsstarker Anbieter mit höherem Beitragssteigerungsrisiko.
  • Die Darstellung der Solvabilität der Versicherer sollte neben dem Basiskriterium Finanzstärke auch die aktuelle Ertragsstärke berücksichtigen.

Rechenformel zum Verteuerungsrisiko nach Weißschnur

Das Verteuerungsrisiko nach Weißschnur errechnet sich aus dem Beitragssteigerungsrisiko, der Finanzstärke und der Ertragsstärke des Risikoversicherers. Alle Komponenten werden in der Berechnung jeweils unterschiedlich gewichtet. Da das Beitragssteigerungsrisiko im Betrachtungsfokus der Berechnung steht, nimmt es im Vergleich zur Finanz- und Ertragsstärke den größeren Anteil mit 70 Prozent ein.

Eine Beispielrechnung:

Die Swiss Life Lebensversicherung bietet ihre selbstständige Berufsunfähigkeits-Versicherung Stand Januar 2022 mit einem im Marktvergleich hohen Beitragssteigerungsrisiko von knapp 59 Prozent an und schneidet damit schlechter als der Marktdurchschnitt ab. Hingegen glänzt der Versicherer mit seiner herausragenden Finanzstärke von 374 Prozent sowie Ertragsstärke von 142 Prozent. Die errechnete Finanzstärke mit Fokus auf Langfristigkeit nimmt innerhalb der Bonitätsbetrachtung mit 80 Prozent den deutlich größeren Anteil im Vergleich zur Ertragsstärke ein. Im Ergebnis reiht sich dieser Versicherer trotz marktüberdurchschnittlichen Beitragssteigerungsrisikos an der Spitze des Anbieterfeldes ein. Ein niedriger Spread im Beitrag ist für sich genommen eben nicht alles. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was der Versicherte gewonnen hat, wenn er zwar stets geringe Beitragsanpassungen präsentiert bekommt, sein Versicherer aber innerhalb der Vertragslaufzeit zum Run-off mutiert oder gar abgewickelt wird.

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Title
Wann Lebensversicherer an der Beitragsschraube drehen
Author
Sebastian Weißschnur
Publication date
01-02-2022
Publisher
Springer Fachmedien Wiesbaden
Published in
Versicherungsmagazin / Issue 2/2022
Print ISSN: 1616-1963
Electronic ISSN: 2192-8622
DOI
https://doi.org/10.1007/s35128-022-1023-5

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