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Weg von der Pathologisierung: Ein intersubjektiver Zugang zu narzisstischen Dynamiken in der Arbeitswelt

  • Open Access
  • 21-08-2025
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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Marius Neukom: Narzissmus im Arbeitsleben. Selbstbezogenheit verstehen statt stigmatisieren. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2024, 91 S., 18,00€.
Der Begriff „Narzisst“ ist in der Arbeitswelt omnipräsent: als Etikett für brillante, aber skrupellose CEOs, für charismatische, jedoch gefühllose Vorgesetzte oder für selbstbezogene, wenig kooperative Kolleg:innen. Marius Neukom verschiebt in „Narzissmus im Arbeitsleben“ den Fokus – weg von Stigmatisierung hin zu einem relationalen Verständnis von Narzissmus als dynamischem Geschehen zwischen Menschen. Damit wählt er eine Perspektive, die arbeitswelttauglich ist: Wie regulieren Individuen in Organisationen schmerzliche Gefühle untereinander? Welche Auswirkungen hat das auf Kommunikation, Rollen, Führung, Strukturen und Kulturen?
In den ersten vier Kapiteln legt Neukom die theoretische Grundlage: Ausgangspunkt ist die These, dass Narzissmus die menschliche Abhängigkeit von Anerkennung reguliere und sich in Beziehungsmustern und Gefühlsdynamiken vollziehe, die aus dieser wechselseitigen Angewiesenheit auf Anerkennung entstünden (Kap. 1). Die eigene Abhängigkeit anzuerkennen, sei notwendig zur Selbstbegrenzung, zugleich aber schmerzlich, und erfordere das Aushalten belastender Gefühle wie Selbstunsicherheit, Ohnmacht, Scham und Angst (Kap. 2). Gelinge es nicht, die eigene Abhängigkeit anzuerkennen sowie illusionäre Autonomiewünsche zu verarbeiten, bleibe das Selbst wenig integriert – mit eingeschränkter Fähigkeit zur Selbstreflexion (Kap. 3). Die Arbeitswelt biete in diesem Zusammenhang vielfältige Möglichkeiten, über Karriere, Geld und Macht eine Illusion der Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. Aus Selbstunsicherheit resultierten dabei eine Reihe von Kompensationsstrategien wie Idealisierung und Entwertung, Spaltung, projektive Identifizierung, Externalisierung sowie narzisstische Aneignung oder Verschmelzung (Kap. 4). Führungskräfte mit gering integriertem Selbst wählten nicht selten einen besonders machtorientierten Führungsstil, der in bestimmten organisationalen Kontexten durchaus erfolgreich sein könne, zugleich jedoch anfällig für Grenzüberschreitungen wie Machtmissbrauch oder moralische Sorglosigkeit sei. In der Wirtschaft vorherrschende Menschenbilder – etwa das des Homo Oeconomicus oder der Prinzipal-Agenten-Ansatz – förderten zudem eine Kultur, die eher von Misstrauen und Kontrolle als von Vertrauen und gegenseitiger Anerkennung geprägt sei. Dieses System bilde einen Nährboden für narzisstische Dynamiken: „Ein Homo oeconomicus benimmt sich im Porzellanladen Narzissmus wie ein Elefant“ (S. 65). Im abschließenden Kapitel wendet sich Neukom der Beratungspraxis zu. Hier betont er die Rolle von Berater:innen als aufmerksame Beobachtende, die narzisstische Dynamiken erkennen, verstehen und professionell begleiten sollen – mit einer gleichermaßen empathischen wie nüchternen Haltung. Neben Haltungsempfehlungen gibt er praktische Hinweise zu Kommunikation, Erwartungsmanagement und zur Förderung eines bewussteren Umgangs mit der wechselseitigen Abhängigkeit von Individuen.
Das Buch überrascht in mehrfacher Hinsicht. Erstens präsentiert Neukom anstelle einer klassischen Anleitung zum Umgang mit sogenannten „toxischen Narzissten“ ein differenziertes Verständnis von Narzissmus als intersubjektivem Abstimmungsregulativ: Die Verantwortung für narzisstische Dynamiken liege nicht bei einzelnen Personen, sondern zeige sich als „gemeinsames Ausgestalten von Beziehungen, Aufladen von Schuld, Scheitern von Reflexion, und Aufbauen von Illusionen“ (S. 71). Diese Haltung markiert einen erkenntnisreichen Perspektivwechsel. Der Autor verwendet hier ein auf Martin Altmeyer (2004) zurückgehendes Konzept von Narzissmus, das weder stigmatisiert noch pathologisiert, sondern für die „Not in jedem Selbstsein und jeder Persönlichkeitsentwicklung sensibilisiert“ (S. 10). Zweitens irritiert zunächst, dass sich der Praxisteil scheinbar auf das letzte Kapitel und eine knapp gehaltene Fragenliste zur Selbstreflexion beschränkt. Bei vertiefter Lektüre wird jedoch deutlich: Die theoretischen Kapitel enthalten zahlreiche praxisnahe Beispiele aus dem organisationalen Kontext – auch wenn diese weniger systematisch als Handlungsempfehlungen aufbereitet sind.
Neukom verzichtet weitgehend auf wissenschaftliche Diagnostik und psychologische Fachterminologie. Dies geschieht bewusst, um einem stigmatisierenden Verständnis vorzubeugen und die Anschlussfähigkeit an die Arbeitswelt zu erhöhen. Die Lektüre bleibt dadurch auch für Leser:innen ohne tiefere Theoriekenntnis zugänglich. Gleichwohl bietet Neukom eine Liste von Symptomen an, die auf eine mögliche psychotherapeutische Behandlungsbedürftigkeit hinweisen – eine aus meiner Sicht sinnvolle und notwendige Orientierungshilfe für Berater:innen. Positiv hervorzuheben sind zudem die im Text eingebundenen grafischen Darstellungen, die zentrale Konzepte anschaulich zusammenfassen, sukzessive weiterentwickeln und so das Verständnis wesentlich erleichtern. Eine anders gesetzte Struktur hätte dem Buch allerdings gutgetan: Hätte das abschließende Kapitel zu den Auswirkungen narzisstischer Dynamiken auf den Beratungsprozess – zumindest in Teilen – bereits zu Beginn als Einführung gestanden, wären die theoretischen Kapitel frühzeitig kontextualisierbar gewesen.
Neukom ist Psychoanalytiker, integriert jedoch auch systemische Perspektiven in seinen Praxistransfer. Sein Zugang zum Thema Narzissmus als intersubjektivem und soziokulturellem Regulativ eröffnet eine empathische und nicht pathologisierende Sichtweise auf das Thema. Dabei wahrt der Autor eine reflektierte Distanz zu seiner eigenen psychodynamischen Schule, etwa wenn er vorschlägt, statt von „Abwehrmechanismen“ von „Verarbeitungsmodi“ zu sprechen, um deren stabilisierende Funktion zu betonen. Allerdings erscheinen einzelne Passagen, wie etwa die Ausführungen zur Entstehung des Selbst im Mutter-Kind-Verhältnis, für den praktischen Anwendungsbezug in der Arbeitswelt überfrachtet. Ein weiterer Schwachpunkt ist die einseitige Fokussierung auf den „grandiosen Narzissmus“, während der „depressive Narzissmus“, der beispielsweise in sozialen Kontexten eine hohe Relevanz besitzt, nur am Rande thematisiert wird. Zudem arbeitet Neukom überwiegend mit männlichen Beispielen, wobei das Klischee des „gefühllosen, beziehungsunfähigen Mannes“ (S. 10) aufgegriffen wird, ohne mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede zu berücksichtigen – eine relevante Leerstelle, gerade im Beratungskontext.
Auch wenn Neukoms Fokus auf der individuellen und interpersonellen Ebene liegt, bezieht er immer wieder organisatorische und gesellschaftliche Zusammenhänge mit ein – und das durchaus pointiert. Besonders eindrücklich ist seine Analyse der modernen Leistungsgesellschaft in Anlehnung an Autoren wie Andreas Reckwitz (2017) oder Robert H. Frank (2016). Neukom verdeutlicht, dass das unreflektierte Streben nach Anerkennung über Leistung, Karriere, Geld und Macht nicht nur ein individuelles, sondern auch ein systemisches Problem darstelle: Schüler:innen, deren Leistung gefördert, aber deren emotionale Entwicklung vernachlässigt wird; Banker:innen, die zu Gallionsfiguren erhoben werden, allerdings nicht scheitern dürfen; Ärzt:innen, die von einem wenig humanen Ausbildungssystem geprägt werden. Eine systematischere Auseinandersetzung mit diesen strukturellen Bedingungen wäre für Berater:innen mit einem organisationspsychologischen oder systemischen Ansatz eine wertvolle Ergänzung.
Für die praktische Beratungsarbeit liefert Neukom im letzten Kapitel ein präzises, gut zugängliches Set an Haltungsempfehlungen, Interventionen und konkreten Ansätzen für den Umgang mit beeinträchtigter Regulation im Narzissmus. Besonders zentral: der Appell an Berater:innen, mit illusionslosen Erwartungen zu arbeiten – „Erfolg ist möglich, aber nicht immer wahrscheinlich“ (S. 67). Entscheidend sei, narzisstische Dynamiken früh zu erkennen, Verstrickungen zu vermeiden und geschützte Räume zu schaffen, in denen Abhängigkeit, Scham und Enttäuschung ausgehalten werden können. Insbesondere die konkreten Formulierungshilfen für eine Interventionstaktik in narzisstischen Dynamiken sind hilfreich. Oberstes Prinzip bleibt dabei: „Ein anteilnehmendes Verständnis für die individuellen Nöte“ (S. 73) – selbst dann, wenn eine Konfrontation oder ein Abbruch notwendig wird.
Neukom gelingt es, ein komplexes Thema zugänglich, differenziert und mit bemerkenswerter Empathie darzustellen. „Narzissmus im Arbeitsleben“ ist ein anregendes und fundiertes Buch, das sowohl zur Selbstreflexion als auch zur professionellen Weiterentwicklung im Beratungskontext einlädt. Es richtet sich an Berater:innen und Beratungsforscher:innen, die bereit sind, narzisstische Dynamiken nicht nur bei anderen, sondern auch im eigenen Erleben zu erkennen, um einen Beitrag zu Narzissmus als soziokulturellem Regulativ zu leisten.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Title
Weg von der Pathologisierung: Ein intersubjektiver Zugang zu narzisstischen Dynamiken in der Arbeitswelt
Author
Henrike Isabell Pfannenberg
Publication date
21-08-2025
Publisher
Springer Fachmedien Wiesbaden
Published in
Organisationsberatung, Supervision, Coaching / Issue 3/2025
Print ISSN: 1618-808X
Electronic ISSN: 1862-2577
DOI
https://doi.org/10.1007/s11613-025-00959-6
go back to reference Altmeyer, M. (2004). Narzissmus und Objekt. Ein intersubjektives Verständnis der Selbstbezogenheit. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
go back to reference Frank, R. H. (2016). Success and luck. Good fortune and the myth of meritocracy. Princeton Oxford: Princeton University Press.CrossRef
go back to reference Reckwitz, A. (2017). Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin: Suhrkamp.
    Image Credits
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