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15-02-2021 | Wirtschaftspolitik | Im Fokus | Article

Die Kluft zwischen Gering- und Gutverdienern wächst

Author:
Annette Speck
4:30 min reading time

Wer bereits vorher wenig verdient hat, leidet in der Corona-Krise stärker unter Einkommenseinbußen als Menschen mit hohem Einkommen. Sozialwissenschaftler raten gegenzusteuern. Denn die ungleiche Einkommensentwicklung birgt sozialen Sprengstoff.

Das Auseinanderdriften der Einkommen in Deutschland ist nicht neu. Bereits in den wirtschaftsstarken 2010er-Jahren konnten die 20 Prozent der Haushalte mit den geringsten Einkünften kaum von der insgesamt recht guten Einkommensentwicklung profitieren, heißt es im Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Auch Karin Kurz et al. stellen in ihrer "Untersuchung zur Einkommensentwicklung in Deutschland 1995-2015" fest, dass in den letzten Jahren die Aufstiegshoffnungen vieler Menschen in schlechten Arbeitsmarktpositionen zunehmend enttäuscht wurden. (Seite 459)

Umso alarmierender sind die Ergebnisse der WSI-Befragung von 6.300 Erwerbstätigen und Arbeitsuchenden im April und Juni 2020. Demnach verstärkt die Pandemie diesen Trend nämlich noch.

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Einkommen

In einer entwickelten, hoch arbeitsteiligen Gesellschaft wie der Bundesrepublik Deutschland müssen die meisten für die persönliche Lebensführung notwendigen Güter und Dienstleistungen gekauft werden. Damit wird die Verfügung über Geld, das heißt über ein ausreichendes und kontinuierlich fließendes Einkommen, zu einer grundlegenden Voraussetzung für den individuellen Lebensstandard.

Immer mehr einkommensarme Haushalte

Der Rückblick auf das letzte Jahrzehnt zeigt, dass beim finanziell schwächsten Zehntel der deutschen Haushalte die mittleren Nettoeinkommen im Jahr 2017 (dem aktuellsten, aus dem SOEP-Daten vorliegen) real um knapp drei Prozent unter das Niveau von 2010 sanken. Die mittlere Einkommensgruppe konnte hingegen während des wirtschaftlichen Aufschwungs zwischen 2010 und 2017 Zuwächse von gut sieben Prozent verzeichnen. Haushalte des obersten Einkommenszehntels legten sogar um acht Prozent zu. Im Schnitt ergab sich damit insbesondere für die Zeit nach 2013 ein leichter Rückgang der Einkommensungleichheit, obwohl sich die niedrigsten und höchsten Einkommen weiter auseinander entwickelten. Zudem lag dem Verteilungsbericht zufolge 2017 der Anteil der einkommensarmen Haushalte in Deutschland mit 16 Prozent um zwei Prozentpunkte höher als 2010.

Schlechte Aussichten auch für mittlere Einkommen

Die Corona-Krise droht nun, den Kreis der Absteiger zu erweitern. Derzeit fallen auch Haushalte im unteren Bereich der mittleren Einkommensgruppen gegenüber jenen mit hohen Einkommen zurück, so das WSI.

In der "untersten" mittleren Einkommensgruppe, die bislang über ein monatliches Haushaltsnettoeinkommen (HNE) von 1.500 bis 2000 Euro verfügte, verzeichnen immerhin 37 Prozent Einkommensverluste. In den beiden Gruppen mit niedrigen HNE unter 1.500 Euro sind es sogar über 40 Prozent der Befragten. Demgegenüber beklagen lediglich 26 Prozent der Gutverdiener mit HNE über 4.500 Euro Einkommenseinbußen. Besonders betroffen von wegbrechenden Einkommen sind neben Selbständigen vor allem prekär Beschäftigte, Leiharbeitende, Minijobbende sowie Menschen mit Migrationshintergrund und mit Kindern.

Die Ärmsten verlieren am meisten

Erschreckend ist ein weiteres Ergebnis der aktuellen Befragung: Die prozentual größten Einkommensverluste erlitten Geringverdiener-Haushalte mit weniger als 900 Euro HNE: Fast 20 Prozent büßten hier mehr als die Hälfte ihres Einkommens ein.

Als Hauptgründe für spürbare Einkommenseinbußen nennt das WSI neben Umsatzverlusten bei Selbständigen den Verlust des Arbeitsplatzes und Kurzarbeit. Letzteres konnte zwar Massenentlassungen zunächst verhindern, doch die langfristigen Folgen bleiben abzuwarten.  

Forderung nach mehr Tarifverträgen und sozialer Sicherung  

Ob Deutschland es schaffe, die Pandemie ohne tiefe gesellschaftliche Risse zu überstehen, hänge wesentlich von zwei Faktoren ab, meint Bettina Kohlrausch. “Erstens müssen soziale Sicherung und Kollektivverträge gestärkt werden. Zweitens müssen Haushalte mit geringeren Einkommen besser als bisher gegen noch größere Einbußen geschützt werden“, erklärt die wissenschaftliche Direktorin des WSI.

Das Institut empfiehlt in seinem Verteilungsreport einen Mix aus kurz- und langfristigen Maßnahmen, um der wachsenden Einkommensungleichheit entgegen zu wirken.

Staatliche Maßnahmen gegen die wachsende Einkommensungleichheit

kurzfristige Maßnahmen

längerfristige Maßnahmen

Anhebung des Kurzarbeitergeldes, vor allem für Beschäftigte mit Niedrigeinkommen.

Anhebung des allgemeinen gesetzlichen Mindestlohns auf 60 Prozent des mittleren Lohns von Vollzeitbeschäftigten.

Verlängerung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I für den gesamten Zeitraum der Krise.

Stärkung der Tarifbindung, u.a. durch eine gesetzliche Tariftreueklausel als Voraussetzung für öffentliche Aufträge.

Dauerhafte Anhebung des Hartz-IV-Regelsatzes auf ein “armutsfestes“ Niveau.

Bessere Anerkennung der Ausbildungsabschlüsse von Migranten und Migrantinnen und mehr Qualifizierung.

Mehr Qualifizierungsmöglichkeiten während der Kurzarbeit, noch über die bisherigen Anreize des Qualifizierungschancengesetzes hinaus.

Rückkehr zu einer progressiven Besteuerung von Kapitalerträgen und stärkere Besteuerung sehr hoher Erbschaften, um die weitere Konzentration von Vermögen zu begrenzen.

Quelle: Verteilungsreport 2020, WSI Report 62/2020

Existenzängste schüren Unzufriedenheit

Zu bedenken ist, dass die steigende Anzahl von Menschen mit finanziellen Existenzängsten auch ein großes Unruhepotential in der Gesellschaft darstellt. Der Ko-Autor des Verteilungsreports Andreas Höverman bestätigt das: “Menschen, die durch Einkommensverluste belastet sind, beurteilen die politische und soziale Situation im Land deutlich kritischer. Und sie zeigen sich im Durchschnitt sogar empfänglicher für Verschwörungsmythen zur Pandemie.“

Hinzu kommt die Gerechtigkeits- oder auch Neiddebatte, wenn etwa publik wird, wieviel Geld Topmanager verdienen. So ergab eine Umfrage der Plattform Gigacalculator unter rund 1.500 Deutschen, dass 93 Prozent der Befragten die Differenz der Millionengehälter von CEOs und Durchschnittsverdienern viel zu groß finden und dafür sind, diese in den nächsten fünf Jahren deutlich zu verringern.

Verteilungsgerechtigkeit beginnt bei der Bildung

Angesichts der steigenden Ungleichheit in der Verteilung der Einkommen und Vermögen geht auch Hagen Krämer der Frage nach, welche "verteilungspolitischen Interventionen" sich für eine gleichmäßigere Einkommensverteilung besonders eignen. Unter Berücksichtigung diverser Denkansätze aus den Wirtschaftswissenschaften zu distributiver Gerechtigkeit stellt er eine Matrix der Eingriffsoptionen vor. Diese richten sich einerseits an Gering-, Mittel- und Topverdienern aus und andererseits an den Bereichen Pre-Production (Vorraussetzungen zur Erzielung höherer Einkommen), Production (Produktions-/Arbeitssphäre) und Post-Production (Umverteilung von Einkommen und Vermögen).

Alle tagesaktuellen Beiträge rund um die Corona-Krise finden Sie hier

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