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Zusammenfassung
13.1 Verabsolutierung des objektiven Erkennens
In der naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation fokussiert der Begriff des Wissens auf das objektive Wissen. Dabei scheint dieser Begriff nicht erklärungsbedürftig zu sein. Die moderne Fiktion hinter diesem Begriff ist, dass richtiges Wissen immer objektives Wissen ist, das in einem Gegensatz zu einem nur „subjektiven“ Anspruch auf Wissen steht. Dabei ist in dieser Auffassung subjektives Wissen ein nur behauptetes Wissen, ein willkürlicher Anspruch auf Wissen, der erst durch Objektivität seine Rechtfertigung findet. In Gegensatz zu dieser Fiktion folgt dieser Aufsatz der Idee, dass objektives Wissen das Ergebnis einer Objektivierung ist und dass es die Wirklichkeit nur in einer bestimmten Perspektive erfassen kann.
Carl Friedrich von Weizsäcker charakterisiert dieses objektive Wissen als „machtförmig“ (1985, S. 24). Damit nimmt er aus dem kantischen Denken das Konzept auf, dass Erkenntnis immer nur in einer bestimmten Form möglich ist, die mit der Erkenntnis unreflektiert mitgedacht wird, aber selbst nicht Gegenstand der Erkenntnis ist (Kant, 1989). Objektive Erkenntnis ist demnach das Ergebnis einer Objektivierung der Erkenntnis und sieht die Wirklichkeit in einer durch ihre Form beschränkte Perspektive, die objektive Perspektive. Die „machtförmige“ Struktur ergibt sich daraus, dass diese Erkenntnis die Struktur hat, durch allgemeine Gesetze aus Beobachtungen Vorhersagen abzuleiten. Damit ermöglicht sie, Macht über die Welt zu gewinnen, die Welt nämlich so zu präparieren, dass sie sich in einer gewünschten Weise verhält. Das ist primär nicht wertend gemeint. Der Wert dieses machtförmigen Handelns ergibt sich aus dem jeweiligen Zusammenhang. Ein Beispiel aus dem Beginn der westlichen naturwissenschaftlichen Tradition: Im alten Ägypten ermöglichten es Beobachtungen der Sterne und die daraus abgeleiteten Gesetze über den Zusammenhang zwischen dem Stand der Gestirne und den Nilfluten (also Nilfluten und Jahreszeiten), zur rechten Zeit Getreide zu pflanzen.
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Ein sehr wirkmächtiger Trugschluss des modernen naturwissenschaftlich-technischen Denkens besteht darin, aus dem Erfolg dieses objektiven „machtförmigen“ Denkens zu folgern, dass objektive Erkenntnis die einzige wahre Erkenntnis darstellt. Alles andere sei nur „subjektiv“ und damit willkürlich und minderwertig. Die ganze Wucht des modernen Materialismus speist sich aus diesem Fehlschluss.
Die geschichtliche Entwicklung zeigt tatsächlich einen ungeheuren Erfolg dieses Erkenntnismodells. Kant beklagt den Zustand der Philosophie als Wissenschaft im Vergleich zur Mathematik und Physik: „Der Metaphysik (…) ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, dass sie den sicheren Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte; ob sie gleich älter ist als alles Übrige (…). In ihr muss man unzählige Mal den Weg zurücktun, weil man findet, dass er dahin nicht führt, wo man hinwill, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, dass sie vielmehr ein Kampfplatz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im Spielgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgendein Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg einen dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, dass ihr Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und, was das Schlimmste ist, unter bloßen Begriffen, gewesen sei.“ (Kant 1989, S. BXIV–BXV).
Der Wert der objektiven Erkenntnis zeigt sich tatsächlich in der Gegenüberstellung zur Wirkmächtigkeit von objektiv lächerlichen Verschwörungstheorien oder zur Propaganda in Diktaturen, die gegen alle Objektivität Wahrheit in ihrer Weise definieren, aber auch in politischen Debatten, zum Beispiel über Antworten auf die Herausforderung des anthropogenen Klimawandels. Politische Interessen schlagen sich in diesen Debatten durch Relativierungen des wissenschaftlichen Konsenses und den Verweis auf verbleibende Unsicherheiten nieder.
Die Verabsolutierung des objektiven Erkennens ist durch die Faszination dieser Erkenntnisfülle getrieben, durch die Hoffnung auf immer noch mehr Erkenntnis („mehr“ im Sinn des Umfangs der Erkenntnis), aber auch durch eine kapitalistische Lebenswelt, die menschlichen Fortschritt auf messbare Faktoren eines sogenannten „Wohlstands“ reduziert. In diesem Kontext ist machtförmige Erkenntnis ein wesentlicher Faktor für den Erfolg, Erfolg im Rahmen dieses Systems. Konkret verwirklicht sich das in der Bedeutung der Technik. Heute wird viel vom Zeitalter des Anthropozäns gesprochen. In Wirklichkeit ist es nicht direkt die Menschheit, die die Erde direkt umfassend verändert, sondern die vom Menschen entwickelte Technik, die im Rahmen des Kapitalismus entfaltet wird, weshalb manche Autoren vom Kapitalozän oder Technozän sprechen (Bonneuil, 2015). KI und Robotik sind derzeit Speerspitzen der technischen Entwicklung und spiegeln daher auch die Eigenarten dieser Erkenntnisform, was am Ende dieses Artikels ausdrücklich reflektiert wird.
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13.2 Relativierung objektiver Erkenntnis und Paradigmenwechsel
Eine erste Relativierung dieses Standpunkts der Verabsolutierung der objektiven Erkenntnis ergibt sich aus der lebensweltlichen Einbettung des wissenschaftlichen Erkenntnisvorgangs (Müller & Schmidt, 2015).
Diese Erkenntnis liegt nicht einfach vor. Vielmehr wird sie von Naturwissenschaftlern in einem Prozess des naturwissenschaftlichen Erkennens gewonnen. Diese Naturwissenschaftlerinnen kooperieren (und konkurrieren) in wechselnden Gemeinschaften. Sie vertrauen mehr oder weniger, aber eher mehr darauf, dass ihre Kollegen im Austausch, in ihren Veröffentlichungen oder auf Workshops und Kongressen die Wahrheit sprechen und dass sie wie sie selbst nach der objektiven Erkenntnis streben. Dieses ganze Umfeld des Erkenntnisprozesses, das notwendige menschliche Vertrauen, aber auch das Streben nach Erkenntnis als dahinter liegende Motivation lassen sich nicht in Kategorien der objektiven Erkenntnis fassen.
Eine zweite Relativierung ergibt sich aus der wissenschaftstheoretischen und wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtung der empirischen Wissenschaften. Im gesellschaftlichen Bild insbesondere von Naturwissenschaften werden diese als ein systematisches Gebäude verstanden, in dem alles hierarchisch geordnet auf gesicherten Erkenntnissen aufbaut.
In einem ersten Anlauf zeigt sich das schon dadurch als unsinnig, dass allgemeine Gesetze niemals logisch aus einzelnen Beobachtungen folgen (Popper, 1995, S. 85–102). Das Gebäude der empirischen Wissenschaften ist logisch immer ungesichert. Die Verlässlichkeit dieses Gebäudes ist also immer relativ. Sie ist in den meisten Teilen sehr hoch, beruht aber auf jeweils etablierten und in der Wissenschaftsgeschichte veränderlichen Verfahren der Wahrheitsfindung, die selbst außerhalb des Bereichs der wissenschaftlichen Erkenntnis liegen. Am Ende muss der wissenschaftliche Laie der „scientific community“ vertrauen. Und er darf ihr in aller Regel vertrauen.
Ein zweiter wissenschaftshistorischer Anlauf zur Infragestellung der Verabsolutierung der objektiven Erkenntnis der empirischen Wissenschaften ergibt sich aus den Analysen von Kuhn (1976). Er hat gezeigt, dass in den Prozessen der Wahrheitsfindung der Wissenschaft zeitgebundene Paradigmen und Wechsel von Paradigmen eine entscheidende Rolle spielen. Ein Paradigma stellt einen Rahmen für das Denkbare, für wissenschaftliche Kriterien, für wissenschaftliche Fragen, für in einer jeweiligen Forschungsrichtung korrekte Begriffsbildungen auf. Kuhn hat an historischen Beispielen aufgezeigt, dass große wissenschaftliche Fortschritte mit einem Wechsel von Paradigmen, mit wissenschaftlichen „Revolutionen“, wie er es treffend nennt, verbunden waren. Diese Umbrüche waren selbst nicht mit wissenschaftlicher Rationalität umfassend zu erklären, weil die jeweilige Rationalität im jeweiligen Paradigma verankert ist.
Ein Beispiel ist die Entwicklung des heliozentrischen Weltbildes. Das alte ptolemäische Weltbild war empirisch sehr gut gesichert, während das heliozentrische Weltbild zunächst mit den beobachteten Planetenbahnen nicht in Einklang stand (weil es Kreisbahnen der Planeten postulierte). In diesem Sinn war es irrational, das alte Weltbild aufzugeben. Dennoch war der Wechsel zum heliozentrischen Weltbild in einer anderen Weise rational, in einer Weise, die sich im weiteren Gang der Wissenschaft bewährt hat. Dahinter stand ein Gedanke, dass eine einfachere Erklärung vorzuziehen ist, ein Gedanke, der selbst nicht streng rational begründet war. In gewisser Weise war es ein Glaube der Naturwissenschaft, der diesen Paradigmenwechsel ermöglicht hat, der Glaube daran, dass die grundlegenden (objektiven) Gesetze der Welt einfach sind. Ohne diesen Glauben lässt sich der Fortgang der Naturwissenschaften nicht verstehen. Ist dieser Glaube irrational? Objektiv ist er nicht begründbar, obwohl er sich bewährt hat. Oder steckt dahinter eine andere Rationalität, die jenseits des objektiven Wissens liegt? Diese zweite Erklärung ist mit dem Fortgang der Wissenschaft gut verträglich, aber natürlich selbst nicht objektiv zu begründen.
Die Erkenntnisse von Kuhn wurden in verschiedener Weise weiterentwickelt. Von Lakatos gibt es eine Fassung, die sehr gut die Wissenschaftspraxis der Physik widerspiegelt (Lakatos & Musgrave, 1974). Die konsequenteste logische Analyse stammt von Stegmüller (1987, S. 280–330). Er entfaltet mit dem strukturalistischen Theorienkonzept abstrakte Konzepte von Sneed (1971). In dieser logischen Analyse bleiben wissenschaftliche Theorien ein rein funktionales Konstrukt, das dazu dient, aus Beobachtungen Vorhersagen abzuleiten. Die Begriffe der wissenschaftlichen Theorien haben keinen notwendigen Bezug zur Wirklichkeit. Die Erkenntnisform der empirischen Wissenschaft ist gemäß dieser logischen Analyse nur pragmatisch. Sie ist nicht nur machtförmig, sondern ihre Wahrheit beschränkt sich darauf, dass die darauf aufbauende Technik funktioniert. Diese Wahrheit ist rein funktional, ohne Erkenntnis der Wirklichkeit.
Das entspricht aber nicht dem Selbstverständnis der Naturwissenschaften und der überwiegenden Mehrzahl der Naturwissenschaftler. Bas van Fraassen hat sehr gut die Aspekte der wissenschaftlichen Rationalität in diesem Spannungsfeld und insbesondere vor dem Hintergrund des Phänomens der Paradigmenwechsel aufgezeigt (2002). Dabei zeigt sich, dass wissenschaftliche Erkenntnis in einem breiteren Rahmen des menschlichen Handelns steht und darin ihre Rationalität findet.
In einem sehr bekannten Buch von Stephen Hawking (2001) zeigt sich die widersprüchliche Auffassung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis, welche sich aus einer rein rationalen Auffassung von Naturwissenschaft ergibt, die vom menschlichen Handeln abgekoppelt ist. Hawking erläutert seine wissenschaftstheoretische Position mit folgendem Beispiel: „Gibt es zusätzliche Dimensionen? [hat] keine Bedeutung für mich. Sinn macht es allenfalls zu fragen, ob mathematische Modelle mit zusätzlichen Dimensionen eine gute Beschreibung des Universums liefern.“ (2001, S. 62). Das zeugt von einer rein funktionalistischen Auffassung der Bedeutung seiner Wissenschaft. Im Vorwort desselben Buches beschreibt derselbe Autor den Anspruch seiner naturwissenschaftlichen Darstellung. Er will ein „Bild der Wirklichkeit“ zeichnen (ebenda, S. 8). Das zeugt von einem objektiven Erkenntnisanspruch seiner Wissenschaft. Dieser Widerspruch entsteht aber nur, wenn der Wahrheitsanspruch der wissenschaftlichen Erkenntnis selbst wieder streng rational begründet werden muss. Wenn diese Erkenntnis umfassend in menschliches Handeln und in eine Rationalität eingebettet ist, die über das Objektive hinausgeht, dann verschwindet der Widerspruch – um den Preis einer Relativierung der Objektivität dieses Erkennens.
13.3 Entzauberung des Intuitiven
Mit der Entwicklung von KI übernehmen Maschinen auch einzelne Funktionen des menschlichen Erkennens in einer teilweise überraschenden Geschwindigkeit. In dem geschilderten Verständnis ist das nicht grundlegend verschieden von anderen technischen Hilfsmitteln. Die Subjekte des Handelns bleiben Menschen. Sie lagern Aspekte ihres Erkennens an Maschinen aus, so wie ein Autofahrer Aspekte seiner Fortbewegung an das Auto auslagert. Die Verantwortung, das Handeln, bleibt bei den Subjekten, den Menschen. Sie setzen die Ziele für das Handeln der Maschinen. Daran ändert sich nichts, wenn zu diesem maschinellen Handeln auch Erkenntnisaspekte dazukommen. Wenn eine Maschine angeblich „autonom“ handelt, bedeutet das konkret, dass nicht vorhersehbar ist, wie sie agieren wird, weil sie die übertragenen Erkenntnisaspekte in einer Weise verallgemeinert, die von einem begrenzten menschlichen Gehirn nicht mehr erfasst werden können. Daraus entsteht aber kein verantwortliches Subjekt des Handelns.
Objektives Wissen bezieht sich auf „Fakten“, vor allem aber auf allgemeine Gesetze. Es gehört zum Wesen der empirischen Wissenschaften, dass die Einzelbeobachtung, das Einzelne, nicht interessiert, außer als Hinweis auf bzw. als Bestätigung oder Widerlegung eines allgemeinen Gesetzes. Die damit verbundenen logischen Probleme haben Hume und Popper aufgezeigt (Hume, 2004; Popper, 1995).
Für die Praxis der empirischen Wissenschaft funktioniert aber das Verfahren der Verallgemeinerung aus Einzelerfahrungen trotz der logischen Unzulänglichkeit. Dahinter steht der oben schon zitierte Glaube an allgemeine und einfache Gesetze, die der Welt zugrunde liegen. Die Verallgemeinerung führt zu theoretischem Wissen. Damit ist gemeint, dass sich das Wissen auf eine Welt hinter den Beobachtungen bezieht. Die Sinnesbeobachtungen werden als subjektiv gefärbt betrachtet, die Theorie hingegen bezieht sich auf eine objektive Wirklichkeit, so der Anspruch schon der ersten naturwissenschaftlich orientierten Philosophen in Griechenland, Demokrit und Leukipp, die eine echte Erkenntnis der Wissenschaft von der unechten Erkenntnis der Sinne unterschieden. Popper formuliert diesen Anspruch in modernen Worten: „Es gibt eine Wirklichkeit hinter der Welt, wie sie uns erscheint, möglicherweise eine vielschichtige Wirklichkeit, von der die Erscheinungen die äußersten Schichten sind. Der große Wissenschaftler stellt nun kühne Vermutungen, riskante Schätzungen darüber an, wie diese inneren Realitäten beschaffen sind. (…) Der Mut kann an der Distanz zwischen der Welt der Erscheinungen und der vermuteten Realität, der erklärenden Hypothese, gemessen werden.“ (1995, S. 107).
Zum Verfahren der Objektivierung, also der Gewinnung von objektivem Wissen, gehört auch das Prinzip der Formalisierung und möglichst klaren Strukturierung des Wissens. Im Idealbild wird Wissen als Information aufgefasst, die aus der konkreten Kommunikationssituation der beteiligten Subjekte herausgelöst werden kann. Es ist evident, dass das eine Abstraktion darstellt. Ein großer Wert dieser Formalisierung liegt darin, dass objektives Wissen für alle Menschen dasselbe ist, unabhängig von ihrer Kultur. Die empirische Wissenschaft hat in diesem Sinn auch eine verbindende Funktion für die Menschheit.
Oben wurde schon darauf hingewiesen, dass der praktische Vollzug der wissenschaftlichen Forschung lebensweltlich eingebettet ist. Die Forscherinnen sind für ihr Forschen auf weit mehr Wissen angewiesen als auf das formalisierte Wissen ihrer Wissenschaft. Das beinhaltet praktische Vollzüge, vermischt sich aber auch mit dem formalen wissenschaftlichen Erkennen. Dies wird unter den Stichworten des heuristischen Erkennens oder impliziten Wissens (Polanyi, 1985) verhandelt. In dem Bild, das Popper von der Wissenschaft entwirft, gibt es kreative Wissenschaftler, die mutig neue Theorien entwerfen und diese dann der empirischen Prüfung unterziehen. Es gibt aber eine fast unendliche Zahl möglicher Theorien. Die Genialität der großen Wissenschaftler zeigt sich darin, aus dieser Vielzahl von Theorien intuitiv die „Richtigen“ auszuwählen, also die, die erfolgversprechend sind. Auch im kleinen Betrieb der wissenschaftlichen Forschung spielt das eine entscheidende Rolle. Den Lösungsweg für ein physikalisches oder mathematisches Problem sieht die erfahrene Forscherin, und erst nachträglich wird mit dem ganzen Apparat des formalen Arbeitens geprüft, ob es ein korrekter Lösungsweg ist. Diese intuitive Erkenntnis kann im Einzelfall immer täuschen, aber sie ist für die Praxis der wissenschaftlichen Forschung unverzichtbar und in der Regel das entscheidende Kriterium für wissenschaftlichen Erfolg (Nebenbemerkung: neben den soziologischen Komponenten und machtpolitischen Konstellationen in der scientific community).
Dieses intuitive Wissen wird durch die modernen Methoden des maschinellen Lernens in gewisser Weise entzaubert. Computer waren den Menschen unmittelbar überlegen, wenn es um Rechnen ging, sowie auch in der Analyse von komplexen formalen logischen Zusammenhängen. Die Entwicklung von neuronalen Netzwerken wurde dann von der Erkenntnis geleitet, dass Computer, die weitaus schneller rechnen konnten, als es für Menschen auch nur vorstellbar war, noch in den Neunzigerjahren jedem Kind dabei unterlegen waren, einen Baum einigermaßen sicher als Baum zu erkennen. Das Wissen, das diesem Erkennen zugrunde liegt, ist kein formales Wissen, sondern Mustererkennung: aus Mustern, die anhand von Beispielen gelernt werden, zukünftige Muster zu erkennen oder auch ähnliche Muster zu gestalten. Maschinelles Lernen folgt in der Gegenwart demselben Prinzip und hat es auf Maschinen übertragen, wobei sogar die zugrunde liegenden neuronalen Strukturen grob imitiert werden. Der technische Erfolg dieses Prinzips verweist darauf, dass sehr viel menschliches Wissen und auch das geschilderte intuitive Wissen, das implizite Wissen, das heuristische Wissen dieselbe Struktur hat und dem Ideal der Formalisierung gar nicht genügt. Das maschinelle Lernen erzeugt aus dem von Menschen vorgegebenen und vorstrukturierten Wissen über Muster sogenannte Modelle, die als Matrizen, also Schemata von Zahlen, vorliegen. Diese Zahlenreihen entsprechen grob den Verknüpfungen zwischen den Neuronen in menschlichen Gehirnen. Während aber diese Verknüpfungen in einem menschlichen Gehirn individuell vorliegen und mit dem impliziten Wissen über den menschlichen Alltag und menschliche Beziehungen und in das eigene Gefühlsleben verwoben sind, werden sie im Computermodell abstrahiert. Sie werden zur Software, die auf unterschiedliche Hardware kopiert werden kann und einen jeweiligen Ausschnitt aus dem menschlichen Wissen repräsentiert.
In Reinform und sehr perfekt zeigt sich das in der medizinischen Diagnostik, insbesondere der Bilderkennung. Eines der ersten erfolgreichen Beispiele war die Erkennung von Hautkrebs anhand von Fotos der betreffenden Hautstellen (erste wichtige Veröffentlichung dazu: Esteva et al., 2017). Das Computermodell lernt anhand von Bildern, die jeweils mit der Information verknüpft sind, ob auf dem Bild ein Hautkrebs zu erkennen ist. Durch die viel größere Speichermöglichkeit, die ein Computer hat, ist seine Erkennungsleistung in der Regel besser als jene selbst erfahrener Mediziner. Dazu kommt als weiterer Vorteil die Möglichkeit der Abstraktion von der Hardware. Das erlernte Modell kann beliebig vervielfältigt werden, während jeder Mensch wieder alles neu lernen muss. Die populär gewordenen Sprachmodelle folgen demselben Schema. Auch sie nehmen das menschliche Wissen, in diesem Fall das im Internet verfügbare Wissen, in einer systematischen Weise auf und repräsentieren die Muster, die in diesem Wissen zu finden sind – einschließlich des Blödsinns und der Vorurteile, deren Anteil am vom Computermodell repräsentierten Wissen mit menschlicher Arbeit möglichst minimiert wird.
13.4 Mustererkennung ist nicht Weisheit
Hinter der Vision der maschinellen Superintelligenz (Bostrom, 2014), die den Menschen überholt oder sogar ablöst (Kurzweil, 2013), steht die Faszination darüber, dass mit diesen Verfahren des maschinellen Lernens die Fähigkeiten der Computer auch in die Bereiche der intuitiven menschlichen Intelligenz eindringen und sie bereits jetzt in Teilbereichen übertreffen. Die wichtigste Grenze dieser Superintelligenz lässt sich in einen Slogan fassen: „Intelligenz wird überschätzt.“ Intelligenz im dargestellten Sinn, Wissen im dargestellten Sinn, hat eine technische Funktion. Sie dient dazu, vorgegebene Ziele zu erreichen. Sie abstrahiert aber von den Subjekten, die solche Ziele setzen und deren Leben und Lebenssinn aus weit mehr bestehen als einer solchen Zweckorientierung. Eine Verabsolutierung der technischen Intelligenz passt perfekt, wie oben schon erwähnt, zu einer Verabsolutierung einer kapitalistischen Wachstumsideologie, die vorgibt, dass wirtschaftliches „Wachstum“ eine objektive Zielvorgabe für die Menschheit sei.
Am Beispiel der medizinischen Diagnostik kann der entscheidende Punkt gut verdeutlicht werden. Kai-Fu Lee, ein enthusiastischer Verfechter von KI als Zukunftstechnologie, schildert seine Auffassung vor dem Hintergrund einer selbst erlebten Krebserkrankung: „… patients don’t want to be treated by a machine, a black box of medical knowledge that delivers a cold pronouncement: ‚You have forth-stage lymphoma and a 70 percent likelihood of dying within five years.‘ Instead, patients will desire – and I believe the market will create – a more humanistic approach to medicine.“ (2018, S. 212). Medizintechnik dient der Gesundheit und vor allem der Heilung. Heilung setzt vielfach eine gute Diagnostik voraus, und in dieser Diagnostik wird KI den Menschen in vielen Bereichen bald überflügeln und sollte dann auch benutzt werden. Aber Heilung ist ein menschlicher Prozess, immer individuell. Sie vollzieht sich in einer Patientin mit jeweils eigenen Wünschen und Bedürfnissen, vielleicht auch mit dem Wunsch, keine Behandlung zu erleiden, sondern lieber den Tod zu akzeptieren. Und sie vollzieht sich oft in einer Beziehung zu einer Heilerin, die nicht auf die technische Beziehung zu einem Spezialisten reduziert werden kann. Ein Idealbild ist, dass Ärzte durch KI von den technischen Funktionen entlastet werden und mehr Zeit und Energie für die menschlichen Funktionen des Heilberufes haben.
In einer größeren Verallgemeinerung zeigt sich, dass das menschliche Wissen mehr umfasst als das objektive Wissen und eben auch mehr als das intuitive, implizite Wissen im Sinn der Mustererkennung. Der Begriff der menschlichen Weisheit, individuellen Weisheit, Weisheit von Kulturen, von Religionen, bezeichnet ein Wissen, das an konkrete Menschen gebunden ist und nicht formalisiert weitergeben wird, sondern in Form von Geschichten, Bildern, Gedichten und Interpretationen der Wirklichkeit. Selbst in den überindividuellen Formen des kulturellen Wissens wird dieses Wissen auffällig oft einzelnen Menschen, einzelnen Weisen zugeordnet, sogar mythischen Gestalten oder Göttern, in denen diese Weisheit analog zum Menschen individuell verankert ist. Diese Weisheit wird in menschlicher Kommunikation weitergegeben, nicht als formale Information wie das objektive Wissen, nicht als Zahlenreihen, die Verknüpfungen zwischen Neuronen oder Matrizen in KI-Modellen repräsentieren.
Ein irrationaler, esoterischer Widerstand gegen die modernen Wissenschaften findet seine von ihm selbst unerkannte (und deshalb oft verirrte) Rationalität darin, dass die Verabsolutierung des objektiven Wissens systematisch mit einer Abwertung dieses traditionellen Weisheitswissens verbunden ist, verknüpft mit einer Verabsolutierung des zweckorientierten Handelns in der modernen Welt. Die wesentlichsten persönlichen Probleme lassen sich nicht mit objektivem Wissen lösen. Wittgenstein hat es auf die berühmte Formel gebracht: „Wir fühlen, dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (1984, S. 5). Die Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens, die Frage, wie und wem gegenüber menschliches Vertrauen möglich ist, alle Fragen dieser Art sind Fragen, die im Einzelfall eines jeden menschlichen Lebens beantwortet werden müssen – wobei die angeführten Weisheitstraditionen eine wertvolle Orientierung bieten können.
In der politischen Funktionalität ist es sowohl wichtig, die technische Rationalität wertzuschätzen als auch ihre Grenzen zu erkennen. Empirische Wissenschaft kann und soll mit ihrer Objektivität möglichst unvoreingenommen aufzeigen, welche Konsequenzen jeweilige politische Handlungsoptionen haben, wenn zum Beispiel bestimmte Pfade der Dekarbonisierung beschritten werden oder nicht beschritten werden. Die politische Entscheidung über die Handlungsoptionen ist selbst keine Frage der empirischen Wissenschaften, sondern sie gehört in den Bereich der persönlichen und politischen Verantwortung. Ein Stichwort wie „Technikoffenheit“ verdeckt zum Beispiel nur die Tatsache, dass sich nicht alle Probleme technisch, also im Rahmen der objektiven Erkenntnis der empirischen Wissenschaften, lösen lassen.
Aus dieser Überlegung zum rechten Ort der objektiven Erkenntnis in der politischen Funktionalität ergibt sich neben der Relativierung dieser Form der Erkenntnis auch die Notwendigkeit, diese Erkenntnisform in ihrem Bereich hochzuhalten und zu respektieren. Das wird deutlich und drängend angesichts des Einflusses von Verschwörungstheorien und der Relativierung der wissenschaftlichen Erkenntnis (zum Beispiel im Bereich der Klimaveränderung).
Dabei kann die Grundstruktur der obigen Argumente weitergeführt werden: Erkenntnis kann immer nur in einem Erkenntnisprozess und bezogen auf die Perspektive eines Erkenntnissubjekts verstanden werden kann. Eine strikte wissenschaftstheoretische Analyse, die keinen Subjektbezug zulässt, versteht wissenschaftliche Erkenntnis rein instrumentalistisch (vgl. das strukturalistische Theorienkonzept, Stegmüller, 1987; basierend auf Sneed, 1979). In diesem Verständnis gibt es kein Subjekt, das ein Wissen über die Welt erlangt, sondern nur Verfahren, die dazu dienen, die Welt zu beherrschen. Die Wahrheit der Aerodynamik besteht darin, dass Flugzeuge fliegen.
Eine erste Infragestellung dieser instrumentalistischen Auffassung von Erkenntnis ergibt sich aus dem Selbstverständnis der Wissenschaftler. Ein Beispiel ist das bereits oben dargestellte Beispiel von Stephen Hawking bei dem er explizit eine instrumentalistische Position einnimmt. Aber warum schreibt er dann ein populärwissenschaftliches Buch über Kosmologie? Das begründet er wie oben bereits geschrieben damit, dass er ein „Bild der Wirklichkeit“ (ebenda, S. 8) zeichnen will, und damit ist er bei seinem Selbstverständnis als Naturwissenschaftler angelangt. Den Widerspruch bemerkt er nicht.
Den Naturwissenschaftlern und der an Forschung interessierten Öffentlichkeit geht es nicht nur darum, bessere Maschinen bauen zu können, sondern auch um objektive Erkenntnis. Es geht, wie es Popper oben schon zitiert, sehr treffend ausdrückt um einen Zugang zu einer Wirklichkeit hinter den Erscheinungen.
Ein zweites Argument gegen eine rein instrumentalistische Auffassung von naturwissenschaftlicher Erkenntnis ist das „Wunder der Naturwissenschaft“, wie es manchmal genannt wird: Naturwissenschaftlerinnen suchen nach einfachen und einheitlichen Erklärungen für Phänomene, und das funktioniert in einer erstaunlichen Weise. Newton hatte die Intuition, dass das Fallen eines Apfels vom Baum und die Bewegung des Mondes, den er gleichzeitig am Himmel sah, auf dieselbe Kraft zurückgeführt werden können. Die daraus folgende Theorie der Gravitation konnte dann auch viele weitere Phänomene erklären. Maxwell vereinigte elektrische und magnetische Phänomene in der einen Theorie der Elektrodynamik. Aus dieser Theorie konnte er erfolgreich Vorhersagen für neue Phänomene ableiten, zum Beispiel dass es elektromagnetische Wellen gibt, Phänomene, die nichts mit den Beobachtungen zu hatten, von denen er ausgehen konnte. Diese Struktur der Vereinheitlichung und der erfolgreichen Vorhersage von Neuem, bisher noch Unbeobachtetem, durchzieht die Naturwissenschaft, besonders die Physik. Sie lässt sich im Sinn der zitierten Popperschen Auffassung erklären, dass wir mit dieser Form der Erkenntnis hinter den Phänomenen eine tiefere Wirklichkeit entdecken. Wir als Subjekte der Erkenntnis finden einen Bezug, einen Zugang zur Wirklichkeit, der über das, was pragmatisch notwendig und sinnvoll ist, weit hinausgeht – objektive Erkenntnis.
Eine rein instrumentalistische Auffassung von Erkenntnis korreliert mit der technischen Rationalität. Der Siegeszug dieser Rationalität suggeriert, wie oben dargestellt, dass diese Rationalität die einzige wertvolle sei. Es wurde aufgezeigt, dass Erkenntnis mehr als diese technische Rationalität ist. Einerseits ist sie objektive Erkenntnis im Sinn eines Zugangs, den wir als Erkenntnissubjekte zur Wirklichkeit finden, ein Zugang, der zum Staunen bringen kann. Andererseits lässt sich Erkenntnis nicht auf objektives Erkennen reduzieren.
Die daraus erwachsenden Herausforderungen für Gesellschaft und Politik in unserer Zeit liegen auf beiden Seiten. Einerseits ist es wichtig, nüchtern und objektiv die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, die von den empirischen Wissenschaften bereitgestellt werden – trotz aller verbleibenden Fehlbarkeit und Vorläufigkeit dieser Erkenntnisse. Andererseits stellt sich die Frage, ob und wie sich die menschlichen Weisheitstraditionen für gesellschaftliche und politische Entscheidungen nutzen und einbinden lassen. Die technische Rationalität ist tendenziell mit dem Einzelegoismus der jeweils handelnden Personen verbunden, weil sie die Struktur hat, jeweilige Zwecke zu verfolgen. Eine Rückkehr zu Weisheitstraditionen könnte ein Schlüssel sein, über diese Egoismen und über ein zweckrationales Weltbild hinauszugehen und politische Entscheidungen mit der Klugheit der objektiven Erkenntnisse der Wissenschaft, aber auch in Verbundenheit mit größeren Zielen für die Menschheit zu treffen.
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