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12-06-2019 | Zahlungsverkehr | Interview | Article

"Beim Social Shopping genießen Banken hohes Vertrauen"

Authors:
Angelika Breinich-Schilly, Eva-Susanne Krah
Interviewee:
Hakan Eroglu

ist Senior Manager bei Accenture und Experte für Open Banking.

Konsumenten in Fernost nutzen neue digitale Services schneller als es bei uns der Fall ist, wie das Bezahlen per Handy zeigt. Im Interview erklärt Payment-Experte Hakan Eroglu, warum Angebote wie Social Shopping dennoch hier erfolgreich sein können.

Springer Professional: Wirtschaftliche Entwicklungen in China sind rasant und tiefgreifend. Europäer und insbesondere Deutsche übernehmen diese Trends aus Fernost meist nicht so schnell. Warum sollte das beim Social Shopping anders sein?

Eroglu: Grundsätzlich ist die Technik-Affinität in China wesentlich größer als in Deutschland. Das Teilen von persönlichen Daten mit Plattformen wird dort weniger kritisch betrachtet, sondern der Nutzen für die Kunden steht im Vordergrund. Während die Deutschen Zahlungen per Smartphone oftmals als sicherheitskritisch einstufen, ist diese Option in China schon lange Alltag. Zudem waren auf dem deutschen Markt bisher Insellösungen der Standard – werden jedoch mehr und mehr von den Bezahlangeboten der Tech-Konzerne als akzeptierte Alternative abgelöst. Hier ist die bessere Kundenerfahrung ausschlaggebend für den Kunden und die hohe Akzeptanz durch Kartenterminals im Handel. Dies sind beste Voraussetzungen für das sogenannte Social Shopping, bei dem neben der Technik-Affinität auch Markenbewusstsein und Influencer wichtige Rollen spielen. In der chinesischen Kultur setzt man auch in der analogen Welt auf persönliche Erfahrungsberichte, zum Beispiel bei Restaurantempfehlungen. Diese Kultur des Empfehlens hat sich auf das digitale Zeitalter übertragen. Junge Chinesen kommunizieren überwiegend über Social-Media-Plattformen und entfalten in der Community ihre Persönlichkeit. Dabei orientieren sie sich auch sehr stark an Influencern. In diesem Umfeld hat die Fusion zwischen Social Media und E-Commerce schnell und erfolgreich Fuß gefasst.

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Das ist auch hier nicht neu, oder? 

Social Shopping ist im Wesentlichen nichts Neues: Bereits mit Instagram, Twitter und Snapchat, aber auch Facebook und YouTube werden in Deutschland Produkte beispielsweise über Influencer beworben. In China geht dieser Trend jedoch sehr viel weiter. Chinesische Plattformen, wie beispielsweise das Netflix-Pendant iQiyi, bieten ihren Nutzern an, die in einem Video beworbenen Produkte direkt zu kaufen. Schließen sich Community-Mitglieder, Freunde und Verwandte zusammen, können sogar Rabatte für eine Massenbestellung verhandelt werden. Bezahlt oder finanziert wird direkt über die Plattform oder über Schnittstellenanbindungen von Dritten. Auch hier stehen Kundennutzen und Customer Experience durch die friktionslose und integrierte Bezahlmöglichkeit unabhängig vom genutzten Gerät im Vordergrund. Das Potenzial für Social Shopping nach chinesischem Vorbild ist in Deutschland in jedem Fall bei der jungen Generation vorhanden. Große amerikanische Plattformen arbeiten bereits sehr intensiv an Bezahlmöglichkeiten. Beispielsweise versucht Facebook mit Libra ein Stable-Coin-Bezahlsystem einzuführen, um Zahlungen über Grenzen hinweg fiktionslos zu ermöglichen. China ist mit solchen Angeboten schon sehr weit, allerdings ist die Skepsis im Westen gegenüber chinesischen Konzernen noch groß.

Wie hoch schätzen Sie das Potenzial von Social Shopping mittel- und langfristig in Europa und Deutschland ein?

Social Shopping wird sich in Europa voraussichtlich unterschiedlich entwickeln. Das ist primär eine Frage der Bereitstellung solcher Plattformen. Die Kundschaft ist mit der Generation Z auf alle Fälle schon vorhanden. Ich denke, dass wir hierzulande mittelfristig auf Social-Media-Plattformen mit vollintegrierten und fiktionslosen Bezahlmöglichkeiten rechnen können. PSD2-Vorgaben und Instant Payments befeuern diese Entwicklung. Deutschland wird als Fast Follower auf den europäischen Trend aufspringen.

Mit dem Einsatz von Influencern hatten Unternehmen hierzulande nicht immer einen glücklichen Griff und deren Videos sind bereits als Werbeplattformen umstritten. Per Link im Video Produkte zu vermarkten dürfte daher nicht ganz einfach sein. Wie könnten mögliche Modelle in unseren Sozialen Medien aussehen?

Influencer kommen bei jungen Deutschen gut an, solange sie authentisch bleiben. Es gibt aber spannende Alternativen. Produkte lassen sich nicht nur über Influencer, sondern auch durch echte Nutzer vermarkten. Zum Beispiel durch das Kommentieren von Produkten. Unternehmen müssen sich mehr Gedanken darüber machen, wie sie künftig ihre Produkte gestalten, dass diese einfacher in die digitale Kundenerfahrung von Plattformen integriert werden können. Da Kunden meist mobil auf den sozialen Plattformen unterwegs sind, sind Buy-Now-Produkte spannend, die unkompliziert gekauft und bezahlt werden können – ohne langwierige Eingaben von Informationen, wie Bezahldaten und Lieferanschriften.

Welche Bezahlmethoden wären in diesen Kanälen sinnvoll?

Friktionslose Bezahlverfahren sind der Schlüssel. Um Impulskäufe zu ermöglichen, liegen In-App-Zahlungen im Trend. Hier können Nutzer mit der auf dem Smartphone integrierten Wallet meist per Karte im Hintergrund bezahlen. Diese Plattformen bieten auch das Hinterlegen der Kartendaten an, um unsichtbar im Hintergrund die Zahlung auszulösen. Hier werden meist Drittanbieter wie Stripe, Square, Braintree oder Adyen genutzt. Die großen Messenger-Plattformen führen mehr und mehr P2P-Zahlungsmethoden ein. Diese Möglichkeit ist insbesondere für kleine Händler oder Privatverkäufe wichtig. Allerdings spielt auch für die Generation Z die Sicherheit bei der Bezahlung eine große Rolle, auch wenn sie weniger Probleme mit dem Teilen persönlicher Daten hat. Daher ist bei der friktionslosen Zahlung auch eine intelligente, durch künstliche Intelligenz unterstützte Betrugsprävention sinnvoller statt der aufwändigen Zwei-Faktor-Authentifikation. 

Sind deutsche Geldhäuser auf diese Entwicklung gut eingestellt oder stehen bereits branchenfremde Wettbewerber in den Startlöchern? An welchen Stellschrauben in ihren Geschäftsmodellen und Prozessen müssen die hiesigen Institute noch drehen, um vom Trend zu profitieren?

Bezahldienstleister wie Klarna, Adyen, Stripe, Braintree oder Alipay bauen ihr Geschäft auf APIs auf. Diese Schnittstellen bieten die Möglichkeit, Bezahlvorgänge in die Customer Journey der modernen Commerce-Plattformen zu integrieren. Des Weiteren bieten diese Anbieter Bankdienstleistungen wie Pay later oder andere Kreditprodukte und stehen damit in Konkurrenz zu Banken und Kartenanbietern. Banken bieten momentan wenig Alternativen für die digitale und friktionslose Plattformökonomie. Sie müssen die Vorzüge der PSD2 und Open Banking nutzen, und diese mit SEPA Instant Payments sinnvoll verknüpfen. So können neue pan-europäische Bezahl- und Bankplattformen entstehen, die den Anforderungen der Händler und Kunden entsprechen.

Wie steht es um das Thema Datensicherheit auf Seiten der Händler und um die Einhaltung der strengen Branchenvorgaben aus Bankensicht? 

Banken sind in Sachen Datensicherheit im Vorteil, denn ihre Kunden schenken ihnen Vertrauen und schreiben ihnen die höchste Datenschutzkompetenz zu. Insofern können Banken eine größere Rolle in der Bereitstellung von Bank- und Bezahldienstleistungen im Social Shopping übernehmen. Händler können heute beim Bezahlvorgang ohnehin keine zahlungsrelevanten Daten der Kunden sammeln. Kartenzahlungen beispielsweise anonymisieren Transaktionen. Daher versuchen Händler zum Beispiel durch Treuepunkte- oder Loyalitätsprogramme Daten zum Käuferverhalten zu sammeln. Im Rahmen der DSGVO müssen Händler diese Daten schützen und auf Anfrage den Kunden zur Verfügung stellen.

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