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About this book

Luxemburg hat eine atypische, effiziente Migration. Die rezenten Portugiesen unterschichten sich so wie ihre Vorgänger des Salazar Regimes trotz höherer Bildungsabschlüsse, während sich die Bürger der neuen Mitgliedsstaaten an die Spitze der Pyramide setzen. Das starke Nord‐Süd-Gefälle zwischen Luxemburg und Portugal wird an Hand einiger Indikatoren deutlich. Die Freizügigkeit wird durch Urteile des EuGH auf Initiative nördlicher Mitgliedsstaaten gegen südeuropäische Krisen‐‚Flüchtlinge‘ reduziert und renationalisiert. Aus den Kategorien EU‐Bürger versus Drittstaatsangehörige entwickeln sich ökonomisch starke EU‐ und nicht‐EU Migranten versus schwache EU- und nicht EU-Migranten.

Table of Contents

Frontmatter

Kapitel 1. Einleitung

Zusammenfassung
Zum einen zeigen wir hier unsere Fragestellung mit Verweis auf neue Arten der Anwendung des europäischen Freizügigkeitsprinzips, die zur Folge hatten, dass wir uns der Süd-Nord-Migration von Portugiesen nach Luxemburg zuwandten und zum anderen geben wir einen kurzen historischen Überblick über die Charakteristika der Migration des Kleinstaates Luxemburg, die im Gegensatz zu den großen Nachbarstaaten sowohl eine hochqualifizierte sich überschichtende als auch eine geringqualifizierte sich unterschichtende Migration aufweist.
Claudia Hartmann-Hirsch, Fofo Senyo Amétépé

Kapitel 2. Nationalstaat, Europäische Union, Migration: der Forschungsansatz

Zusammenfassung
Hier stecken wir den Rahmen der Untersuchung ab, wobei das EU-Einwanderungsland Luxemburg als Nationalstaat in seinem europäischen, supranationalen Kontext situiert wird. Es verfügt über nationale gesetzgeberische und politische Instrumente, die zunehmend durch europäische (und internationale) Elemente erweitert, sprich europäisiert (und internationalisiert) werden. Es interessieren uns Phänomene der top-down Europäisierung. Die Überlagerung der nationalen durch die europäische Ebene hat nicht zwangsläufig zur Folge, dass Nationalstaaten, nachdem sie zu Mitgliedstaaten wurden, bedeutungslos würden. Zudem wollen wir über den nationalstaatlichen Rahmen – Analysegegenstand der traditionellen Soziologie – hinausblicken und Gewinne und Verluste herausarbeiten, die von den Einwanderern selbst in quantitativen und qualitativen Erhebungen geäußert wurden (Abschn. 4). Unsere Arbeit verfolgt einen systemtheoretischen Ansatz und greift Konzepte von Bourdieu auf, insbesondere die Idee des institutionalisierten kulturellen Kapitals, das der Migrant bei der Zuwanderung in den Mitgliedstaat einbringt.
Claudia Hartmann-Hirsch, Fofo Senyo Amétépé

Kapitel 3. Der luxemburgische Kontext: „push–pull“-Faktoren

Zusammenfassung
Mittels des „push-pull“-Modells beleuchten wir bestimmte wirtschaftliche Indikatoren und Mechanismen „pertaining to inequality in a European cross-border context“ (Faist, 2015: 284), die Gründe für ein Emigrationsprojekt und die Wahl des Ziellandes sein können. Auch wenn viele Migranten keine genauen Zahlen kennen, haben sie womöglich unbewusst ein positives Bild von Luxemburg und schätzen das Land höher ein als das eigene oder andere EU-Länder. Dieser Vergleich wird in den nachfolgenden Kapiteln fortgeführt, insbesondere in Kapitel 5 zur Europäisierung, wo wir zwei Typen von Sozialleistungen vergleichen. Insgesamt geht es hier nicht um eine vergleichende Wirtschaftsanalyse, vielmehr zeigen wir Daten zu verschiedenen Indikatoren, die starke Unterschiede aufweisen und die gegebenenfalls zum Aufbruch aus einem südlichen in einen nördlichen Mitgliedstaat, in diesem Fall Luxemburg, einladen.
Claudia Hartmann-Hirsch, Fofo Senyo Amétépé

Kapitel 4. Die neuen portugiesischen Migranten: Statistische Analyse

Zusammenfassung
Hier gilt es, die Charakteristika dieser neuen Kategorie südeuropäischer Krisenflüchtlinge aufzuzeigen. Mittels statistischer Analysen, basierend auf Daten des Zensus von 2001 und 2011 sowie des Ad-hoc-Moduls der Arbeitskräfteerhebung von 2014, untersuchen wir einerseits das kulturelle Kapital, über das Migranten verfügen, die vor weniger als fünf Jahren zuwanderten, im Vergleich zu jenen, die schon länger als fünf Jahre vor Ort leben, sowie andererseits die Hindernisse für deren berufliche Integration in Luxemburg. So wurde auch die Beschäftigungsquote unter Berücksichtigung der Aufenthaltsdauer verschiedener Kategorien von Migranten verglichen. Das Risiko der Arbeitslosigkeit wurde besonders in den Fokus genommen, und zwar mittels erklärender Faktoren wie Geburtsland und Aufenthaltsdauer. Darüber hinaus interessieren uns die Merkmale der ausgeübten Beschäftigung, insbesondere Dauer, Status, berufliche Position sowie die Angemessenheit von Qualifikation und ausgeübter Tätigkeit. Überqualifizierung ist ein häufig diskutiertes Phänomen in der Migrationssoziologie, denn sie macht den eklatanten Unterschied von nationalem und internationalem institutionalisiertem kulturellem Kapital mit Blick auf die berufliche Position zwischen Portugiesen und anderen Migranten-Kategorien in Luxemburg deutlich. Bestimmte Kategorien platzieren sich am unteren Ende der Pyramide und können eher Opfer von Diskriminierung und Überqualifizierung werden als andere, die sich bei ihrer Ankunft direkt im oberen oder obersten Segment der sozioprofessionellen Skala ohne Überqualifikation positionieren. Diese Analyse vermag die Ergebnisse von REMIGR (Peixoto et al., 2016) zu bestätigen, wonach die jüngere portugiesische Einwanderung in Luxemburg und Frankreich als traditionelle Immigration betrachtet werden muss - im Gegensatz zur überwiegend hochqualifizierten portugiesischen Emigration nach Großbritannien.
Claudia Hartmann-Hirsch, Fofo Senyo Amétépé

Kapitel 5. Portugiesische Immigration in Luxemburg: Das Recht auf Freizügigkeit

Zusammenfassung
In diesem Teil wenden wir uns der Europäisierung mit einem Fokus auf die Freizügigkeit zu. Dazu werden verschiedene Analyseansätze zur Interpretation von Europäisierung mit Blick auf eine Klassifizierung Luxemburgs vorgestellt. Zwei Arten von Sozialleistungen, Sozialhilfe und Kindergeld, werden in Sachen Europäisierung miteinander verglichen. Die Bedingungen für das Aufenthaltsrecht der Europäer werden in Beziehung gesetzt zur Inanspruchnahme von Sozialhilfe und Kindergeld. Dabei wird Bezug genommen auf europäisches und nationales Recht, auf europäische und nationale Rechtsprechung sowie auf nationale und kommunale Verwaltungspraktiken. Einige der bisher geltenden Parameter der Europäisierung haben sich ins Gegenteil verkehrt: Hier warteten die Mitgliedstaaten 2013 (Hartmann-Hirsch, 2013) noch auf Urteile des EuGH, dessen zentripetale Orientierung sich mehr und mehr in eine zentrifugale wandelte. Die Analyse europäischer und nationaler Urteile erlaubt es uns, die Entwicklung der Freizügigkeitsbedingungen in Luxemburg und in anderen Mitgliedstaaten zu beobachten. Unterliegen bestimmte Kategorien von Europäern, nämlich Südeuropäer, zunehmend ähnlichen Zugangsbedingungen wie Migranten aus Drittstaaten? Wird die Freizügigkeit seitens bestimmter Mitgliedstaaten eingeschränkt, ganz im Gegensatz zu den legislativen Tendenzen der Erweiterung und Konsolidierung während der zurückliegenden Jahrzehnte?
Claudia Hartmann-Hirsch, Fofo Senyo Amétépé

Kapitel 6. Qualitative Untersuchung

Zusammenfassung
Eine nicht-systematische „teilnehmende Beobachtung“ der Schlüsselakteure in diesem Gebiet erlaubte es uns, anhand von rund 20 qualitativen Interviews zum einen zuvor genannte Fragestellungen zu erörtern und zum anderen Unterschiede und Parallelen zwischen unseren Resultaten und der Perzeption der Interviewten aufzuzeigen, was die Lage der in Folge der Finanzkrise eingetroffenen portugiesischen Immigranten betrifft. Da es vor allem um den Arbeitsmarkt ging und Luxemburg ein Nationalstaat mit korporatistischen Strukturen ist, galt es, die Meinung der Sozialpartner zu hören, also der Vertreter von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, von der Regierung sowie von NGOs, die sich mit Migration befassen. Darüber hinaus haben wir auch Schlüsselakteure der politischen Parteien interviewt. Zahlreiche Beobachtungen der Interviewten bestätigen unsere quantitativen Ergebnisse.
Claudia Hartmann-Hirsch, Fofo Senyo Amétépé

Kapitel 7. Schlussfolgerung

Zusammenfassung
Es ergibt sich ein Bild mit einerseits ökonomisch schwach ausgestatteten Immigranten, Freizüglern oder Drittstaatsangehörigen, die mit geringem ökonomischem und kulturellem Kapital vom Süden gen Norden migrieren und die härtere Bedingungen erdulden müssen, die üblicherweise nur Drittstaatsangehörigen erfüllen, um sich im Ankunftsland mit Erfolg niederzulassen und andererseits Immigranten, EU-Bürger oder Drittstaatsangehörige, die zumeist aus nördlichen Regionen des Globus kommen und die mittels eines angesehenen kulturellen (und ökonomischen) Kapitals im oberen Segment der Wirtschaft des Ziellandes ihre Position finden. Jene traditionellen Immigranten, Freizügler, die aus einem Mitgliedstaat mit schwacher Wirtschaft, das unter dem Regime der Troika steht, in einen Troika-unabhängigen Mitgliedstaat mit positiven Wirtschaftsleistungen wandern, riskieren ungeachtet der Freizügigkeit ihr Aufenthaltsrecht zu verlieren. Für sie ist es offensichtlich nicht einfach, ihre Position in dem für sie neuen, stark internationalisierten Arbeitsmarkt zu finden. Innerhalb der EU sind in Luxemburg der Arbeitsmarkt ebenso wie die Wohnbevölkerung am stärksten europäisiert und internationalisiert. Dabei nähern sich ökonomisch schwache Freizügler zunehmend an die Kategorie der ebenfalls schwachen Drittstaatsangehörigen an, während hochqualifizierte, ökonomisch starke Migranten, ob Freizügler oder nicht, leicht Zugang finden und sich bereits bei ihrer Ankunft im Zielland überschichten.
Claudia Hartmann-Hirsch, Fofo Senyo Amétépé

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