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2023 | Buch

Endliche Vernunft: ihre Selbsterkenntnis als Erscheinungsgestalt

Zu Richard Schaefflers Leben und Werk. Mit Beiträgen aus seinem Nachlass

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Über dieses Buch

Drei wichtige Manuskripte aus dem Nachlass von Richard Schaeffler – er lebte von 1926 bis 2019 – versammelt dieses Buch, ergänzt um eine Reflexion zur Theodizee und vier Beiträgen des Herausgebers über Leben und Werk des bedeutenden Philosophen. Die bisher unbekannten, autobiographisch geprägten Texte Schaefflers, die er kurz vor seinem Tod dem Herausgeber für eine spätere Veröffentlichung überließ, erscheinen hier erstmals. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass Denken und Leben bei Schaeffler zu einer Einheit verschmelzen: Durch Lebenserfahrung angestoßen, eröffnet uns das Denken die Möglichkeit einer Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte. Das gilt in besonderer Weise für die Erfahrung von Leid, die Schaefflers Leben vor allem in der Jugend – als Halbjude in der Zeit des Nationalsozialismus – und im Alter – angesichts von Krankheit und Siechtum – prägte. Wie kann Philosophie mit Leiden und Endlichkeit umgehen, ohne der Verzweiflung zu verfallen? Dem Leser gibt Schaeffler Zeugnis von seiner Selbstverständigung als Wissenschaftler: dass nämlich Philosophie nur dort ihren Namen verdient, wo sie nicht in der weltentrückten Beschaulichkeit eines Gelehrtenzimmers betrieben wird, sondern – als Lebensform eingeübt und erprobt – ihren Ausgang nimmt in den eigenen (Leid-) Erfahrungen – der Erfahrung bedrängender menschlicher Endlichkeit. Das Leben ist der Prüfstein des Denkens.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Aus dem Nachlass von Richard Schaeffler

Frontmatter
Aus dem Nachlass von Richard Schaeffler: eine Hinführung
Zusammenfassung
Am 24. Februar 2019 verstarb Richard Schaeffler 92jährig in seiner Geburts- und Heimatstadt München. Ein gutes halbes Jahr zuvor, im Sommer 2018 – seine über alles geliebte Frau war da schon einige Monate tot, sie ist am 12. Dezember 2017 verstorben – hatte er mich gefragt, ob ich möglicherweise Interesse haben könnte an jüngst zu Papier gebrachten, bisher unveröffentlichten autobiographischen Reflexionen. Wir standen zu dieser Zeit während der Vorbereitung seiner – dann allerdings erst posthum – kurz nach seinem Tod erschienenen Philosophischen Anthropologie (Richard Schaeffler, Philosophische Anthropologie, hg. v. Christoph Böhr, Wiesbaden 2019.) in einem regelmäßigen telefonischen Kontakt.
Christoph Böhr
Stationen meiner Lebensgeschichte – Facetten einer Autobiographie
Zusammenfassung
Mein Vater, Joseph Schaeffler, geboren am 11. November 1888 in Schwandorf in der Oberpfalz, verstorben am 17. Februar 1962 in München, war der Sohn des Schwandorfer Stadtsekretärs – das heißt des hauptamtlichen Leiters in der Stadtverwaltung einer Stadt, deren Bürgermeister sein Amt ehrenamtlich ausübte –. Er hat sich um Schwandorf hohe Verdienste erworben, vor allem in dem er auf ein überraschendes Angebot des Technikers Oskar von Miller einging. Auf dessen Wunsch nämlich bewog er den Gemeinderat der Stadt Schwandorf, für von Miller eine Mühle zu kaufen, in die er ein Elektrizitätswerk einbauen konnte. Dieser hat im Gegenzug der Stadt – als der ersten Stadt in Bayern überhaupt – kostenlos eine elektrische Straßenbeleuchtung geschenkt.
Richard Schaeffler
Was ich gerne weitergeben möchte
Zusammenfassung
Im Hinblick auf mein Alter muss ich mir eingestehen: Mein Denkweg hat den größten Teil seiner Strecke hinter sich. Die Frage: ‚Welcher Schritte habe ich noch zu gehen?‘ bleibt mir zwar auch jetzt noch gestellt. Aber ihr gegenüber tritt eine andere Frage in den Vordergrund: ‚Habe ich Denkwege gefunden, auf denen Andere weitergehen können, wenn mein Denkweg an sein Ende gelangt ist? Und was möchte ich weitergeben an die, die es lohnend finden könnten, auf solche Weise auf dem von mir beschrittenen Wege weiterzugehen?‘
Richard Schaeffler
Transzendentalphilosophie: eine lebensgeschichtliche Erläuterung ‚meiner‘ Philosophie
Zusammenfassung
Von meinem Leben sprechen bedeutet immer zugleich: von meiner Philosophie handeln. Denn die Philosophie ist weit über den beruflichen Sektor hinaus zu einer prägenden Kraft meines gesamten Lebens geworden. Und wenn ich in diesem Zusammenhang von ‚meiner‘ Philosophie spreche, dann soll dies besagen, dass die Art, wie ich philosophische Fragen stelle und mich um ihre Beantwortung bemühe, ganz eng mit der Art zusammenhängt, wie ich mein Leben führe. Das zeigt sich schon daran, wie weit zurück in meinem Leben die Begegnung mit philosophischen Fragestellungen reicht.
Richard Schaeffler
Vom Übermaß des Leids – Gedanken zum Problem der Théodicée
Zusammenfassung
Der Anlass der Théodicéefrage ist die Erfahrung vom Übermaß des Leids in der Welt und vom Leid im eigenen Leben, das sich bis zur Unerträglichkeit steigern kann. Nimmt man die Einsicht hinzu, dass Gott in seiner Allmacht dieses Leiden verhindern kann, dann ergibt sich: Er verhindert es nicht, weil er es nicht verhindern will. Nun haben zahllose Menschen in der Geschichte ihn um Befreiung von diesem Leiden gebeten, und sehr viele davon hat er trotz seiner Allmacht nicht befreit.
Richard Schaeffler

Gefährdete Vernunft: ihre Selbsterkenntnis, ihre Erscheinungsgestalt

Frontmatter
Interpretation und Perspektive der Transzendentalphilosophie – Zum Lebenswerk von Richard Schaeffler
Zusammenfassung
Interpretation und Perspektive der Transzendentalphilosophie war das große Thema seiner wissenschaftlichen Arbeit, und sie war auch das Thema seines letzten öffentlichen Auftritts: Im barocken Kaisersaal des Stiftes Heiligenkreuzes sprach Richard Schaeffler auf der Tagung Gott denken – Zur Philosophie von Religion, die anlässlich seines 90. Geburtstages von der Hochschule Heiligenkreuz im März 2017 veranstaltet worden war, über das Ethos der religiösen Erkenntnis: (In überarbeiteter Fassung ist der Vortrag unter dem Titel Begriffe vom Unbegreiflichen. Zu den Bedingungen menschlichen Sprechens von Gott erschienen in Gott denken. Zur Philosophie von Religion. Richard Schaeffler zu Ehren, hg. v. Christoph Böhr u. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Wiesbaden 2019, S. 105–121.) gedankensprühend, mit fester Stimme, kraftvoll und lebhaft im Vortrag, ganz bei der Sache, gleichermaßen nüchtern und eindringlich – man hatte nicht glauben wollen, dass da ein 90jähriger am Pult stand und über die Frage nachdachte, wie wir uns einen Begriff von dem machen können, was von der endlichen menschlichen Vernunft doch gar nie begriffen werden kann.
Christoph Böhr
Beantwortung und Gestaltung Zur Erkenntnislehre von Richard Schaeffler: ein Weg aus den Sackgassen des Denkens der Gegenwart
Zusammenfassung
In seinem Aufsatz Die Endlichkeit der Vernunft und ihr ‚Interesse‘: Zur Weiterentwicklung von Kants vier Leitfragen der Philosophie (Richard Schaeffler, Die Endlichkeit der Vernunft und ihr ‚Interesse‘: Zur Weiterentwicklung von Kants vier Leitfragen der Philosophie, in: Ders., Unbedingte Wahrheit und endliche Vernunft. Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis, hg. v. Christoph Böhr, Wiesbaden 2017, S. 139–180.) widmet sich Richard Schaeffler den von Immanuel Kant in der Kritik der reinen Vernunft (Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 804 f.) erörterten Leitfragen der Philosophie, die sich auf das beziehen, was der Mensch wissen, tun und hoffen kann; diese werden später in der Logik (Immanuel Kant, Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen, 1800, A 25. Hervorhebung im Original.) um eine weitere ergänzt, ja, geradezu auf diese vierte Leitfrage hin zugespitzt: „Was ist der Mensch?“ Kant fügt unmittelbar erläuternd hinzu: „Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die ersten drei Fragen auf die letzte beziehen.“ (Ebd. Hervorhebungen im Original.) Schaeffler nun fragt, wieso Kant auf den Gedanken kommen konnte, dass diese Leitfragen einem ‚Interesse‘ der Vernunft, (Kant sieht einen engen – und oft nicht genügend beachteten – Zusammenhang zwischen Vernunftkritik und Vernunftreligion; vgl. Immanuel Kant, Vorlesungen über die philosophische Religionslehre, hg. v. Karl Heinrich Ludwig Pölitz, 1817, 21830, Neudr. der 2. Aufl., Darmstadt 1982, S. 225: Es gibt nicht nur viele Naturgeheimnisse, sondern es gibt auch „viele Geheimnisse in der Vernunftreligion; z. B. von der absoluten Nothwendigkeit Gottes, wozu die Vernunft um ihrer selbst willen gedrungen ist, sie zu glauben“.) die ja gemeinhin doch eher als unvoreingenommen und uneigennützig gilt, entspringen.
Christoph Böhr
Anthropologie und Transzendentalphilosophie: ihre Verschränkung in der Bestimmung des ‚Specificum humanum‘. Zu Richard Schaefflers Antwort auf die Frage nach dem Menschen
Zusammenfassung
Zu den großen und bleibenden Verdiensten des bedeutenden deutschen Religionsphilosophen Richard Schaeffler gehört, dass er – im Anschluss an Immanuel Kant – die Transzendentalphilosophie auch im Licht der seit Kant und über Kant hinaus geführten Auseinandersetzungen auf eine höchst eigenständige Weise weitergedacht und fortentwickelt hat. Schon aus diesem Grund ist es spannend, seine im Jahr 2019 erschienene Philosophische Anthropologie, die neben einem Problemaufriss aus der Feder des 92jährigen Verfassers (Richard Schaeffler, Gedanken zur Philosophischen Anthropologie, in: Ders.; Philosophische Anthropologie, hg v. Christoph Böhr, Wiesbaden 2019, S. 3–44.) eine Reihe früherer, weit verstreut erschienener Aufsätze zur Frage versammelt, zu lesen, und dabei die Frage zu bedenken, ob und inwiefern Schaeffler die ‚pragmatische‘ Anthropologie Kants womöglich in die Richtung einer ‚transzendentalen‘ Anthropologie weiterdenkt und fortentwickelt.
Christoph Böhr
Erkennen und Gestalten – Gesellschaft denken ohne Gott? Der Zusammenhang von Erkenntnis- und Handlungslehre: Immanuel Kant und Richard Schaeffler nach- und weiterdenken
Zusammenfassung
In seinem überaus reichhaltigen wissenschaftlichen Lebenswerk kommt Richard Schaeffler an verschiedenen Stellen auf den Unterschied – und die große Gefahr einer Verwechslung – von ‚Bezeugen‘ und ‚Bewirken‘ zu sprechen. Die Gründe für diese gleichermaßen notwendige wie bedeutsame Unterscheidung finden sich in der Erkenntnislehre: Mit Immanuel Kant geht Schaeffler davon aus, dass unsere Vernunft der Gesetzgeber aller theoretischen und praktischen Aufgaben des Menschen ist – und dass die Vernunft sich in Wahrnehmung dieser Aufgabe unvermeidlich in Widersprüche verwickelt. Deshalb muss sich das Subjekt, wenn es seine erkenntnisfähige Vernunft selbst zum Gegenstand des selbsterkennenden Denkens macht, als „delegierter Gesetzgeber“ verstehen lernen: „Die Gesetzgebung der Vernunft, die sich in unvermeidliche Widersprüche verstrickt, muss als die Erscheinungsgestalt einer anderen Gesetzgebung verstanden werden, die diese Widersprüche hinter sich lässt: … eine göttliche Gesetzgebung.“ (Richard Schaeffler, Die ‚Kopernikanische Wendung‘ in der Wissenschaft und die neuzeitliche Subjektivität als Problem der Philosophie, 2012, in: Ders., Unbedingte Wahrheit und endliche Vernunft. Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis, hg. v. Christoph Böhr Wiesbaden 2017, S. 1–24, hier S. 17; vgl. auch ebd.: Dort, „wo derartige Widersprüche sich als unvermeidlich erweisen, zeigt der postulatorische Glaube die Bedingungen dafür an, dass diese ‚Dialektik der Vernunft‘ aufgelöst werden kann.“)
Christoph Böhr
Backmatter
Metadaten
Titel
Endliche Vernunft: ihre Selbsterkenntnis als Erscheinungsgestalt
herausgegeben von
Christoph Böhr
Copyright-Jahr
2023
Electronic ISBN
978-3-658-42084-0
Print ISBN
978-3-658-42083-3
DOI
https://doi.org/10.1007/978-3-658-42084-0

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