Zum Inhalt

"Dekarbonisierte Wärmeversorgung kann Kosten deutlich senken"

Aktivieren Sie unsere intelligente Suche, um passende Fachinhalte oder Patente zu finden.

search-config
loading …

In Hilchenbach haben GETEC und die SMS group eine der größten Luft-Wasser-Wärmepumpenanlagen Deutschlands in Betrieb genommen. Sie spart rund 6.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ein. Dr. Thomas Stephanblome, CEO von GETEC Deutschland, erläutert im Interview, wie industrielle Wärmeversorgung fossilfrei und zugleich wirtschaftlich werden kann.

Dr. Thomas Stephanblome ist CEO bei GETEC Deutschland. Der promovierte Elektrotechniker verfügt über rund 30 Jahre Erfahrung in der Energiewirtschaft. Vor seinem Wechsel zur GETEC Group im Jahr 2019 verantwortete er bei E.ON Connecting Energies als Director of Global On-Site Generation den Aufbau und das Wachstum des Energieerzeugungsgeschäfts für nationale und internationale Industriekunden.


Springerprofessional.de: Warum hat das Projekt Hilchenbach für GETEC eine so große strategische Bedeutung?

Dr. Thomas Stephanblome: Wir sehen in der Industrie sehr viele Standorte mit ähnlicher Struktur: große Hallenflächen, Bürobereiche, Kantinen – also klassischer Wärmebedarf. Genau dort liegen enorme Dekarbonisierungspotenziale. Hilchenbach zeigt, dass es funktioniert – technisch, wirtschaftlich und in einer Größenordnung, die für die Industrie relevant ist. Für uns ist das ein Referenzprojekt. Nicht als bloßes „Schaufenster“, sondern als Lösung, die wir skalieren können.

Können Sie das auch in größeren Maßstäben umsetzen?

Ja. Wir sind ein großer Mittelständler und arbeiten gern mit mittelständisch geprägten Industrieunternehmen zusammen – pragmatisch und lösungsorientiert. Mit einem klaren Technologieansatz können wir fossile Wärme vollständig ersetzen und gleichzeitig einen messbaren Beitrag zur CO₂-Reduktion leisten. Dank unseres modularen Anlagenkonzepts lassen sich Lösungen flexibel anpassen und problemlos erweitern. Die 6.000 Tonnen pro Jahr sind ein starkes Signal. Das ist oft der Einstieg – zunächst bei Raum- und Hallenheizung. Von dort aus lassen sich weitere Wärmebedarfe erschließen.

Was ist der unmittelbare Mehrwert für Industriekunden?

Kosten und ESG. Energiekosten sind für viele Industrieunternehmen ein zentraler Wettbewerbsfaktor, gerade in Deutschland. Wenn man Wärmeversorgung dekarbonisiert und gleichzeitig effizienter gestaltet, lassen sich Kosten deutlich senken. Zugleich verbessert sich der CO₂-Footprint. ESG ist längst kein „Nice to have“ mehr. Unternehmen müssen nachweisen, wie sie ihre Ziele erreichen. Wer fossile Wärme ersetzt, verbessert seine Bilanz unmittelbar und sichtbar.

Was ist der zentrale Vorteil der Lösung in Hilchenbach?

Entscheidend ist die Systemarchitektur. Wir kombinieren Luft-Wasser- und Wasser-Wasser-Wärmepumpen in einer Kaskade, ergänzt um Speicher und Elektrokessel. Das macht die Anlage flexibel und resilient. Der eigentliche Wettbewerbsvorteil liegt aber darin, dass wir Strom dann nutzen, wenn er sinnvoll ist – also grün verfügbar und wirtschaftlich. Wir speichern ihn als Wärme. So optimieren wir die Kosten für den Kunden und leisten gleichzeitig einen Beitrag zur Netzstabilität.

Ist die Netzstabilisierung auch für den Kunden relevant?

In Hilchenbach ist das sehr konkret. Wir können die Anlage so steuern, dass sie bei hohen Lastzeiten das Netz entlastet und bei niedriger Last gezielt Strom aufnimmt. Über die sogenannte atypische Netznutzung wird das auch wirtschaftlich relevant. Solche netzdienlich betriebenen Industrieanlagen werden wir künftig häufiger sehen – ohne dass der Kunde zusätzliche Komplexität managen muss.

Komplexität lässt sich mit KI reduzieren. Welche Rolle spielt sie hier?

KI wirkt bei uns auf zwei Ebenen. Erstens intern: Wir betreiben tausende Anlagen und generieren große Datenmengen. Durch Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen wie Vertragsmanagement, Rechnungswesen oder Asset-Dokumentation werden wir effizienter – das wirkt sich auch auf die Kosten für den Kunden aus. Zweitens im Anlagenbetrieb. Moderne Wärmeversorgung ist ein permanentes Optimierungsproblem: Wann fahren wir Wärmepumpe und Elektrokessel hoch? Welcher Speicherfüllstand ist sinnvoll? Welche Wetterprognose liegt vor, wie entwickeln sich Strompreise? Jede Betriebsstrategie beeinflusst zudem Wartung, Lebensdauer und Kosten. Genau diese Zielkonflikte kann KI besonders gut auflösen.

Wie messen Sie den Erfolg solcher Projekte?

Wir vergleichen die frühere Versorgung mit der neuen Lösung – energetisch und hinsichtlich der CO₂-Emissionen. Im Fall von SMS ist das besonders gut möglich, weil wir die Historie des Standorts kennen und dort zuvor fossile Systeme im Einsatz waren. Die Einsparung von 6.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ist beachtlich, liegt im GETEC-Portfolio aber eher im unteren Bereich. Wir haben Projekte mit 40.000 bis 50.000 Tonnen jährlich. Hilchenbach ist dennoch wichtig, weil der Ansatz sehr gut skalierbar ist.

Wie übertragbar ist der Lösungsansatz auf andere Branchen?

Sehr gut. Industriehallen ähneln sich in vielen Punkten – egal ob Maschinenbau, Papier- oder Lebensmittelindustrie. Natürlich gibt es Spezifika, aber die Grundlogik ist übertragbar. Das gilt auch international. Wir sind in neun Ländern aktiv. Unterschiede ergeben sich weniger aus der Technik als aus der Regulierung – und auch diese lässt sich in die Betriebs- und Optimierungsmodelle integrieren.

Welche Rolle spielten Fördermittel bei diesem Projekt?

Die Förderung war ein wichtiger Anschub. Solche Programme setzen Marktanreize, damit Technologien skaliert, günstiger werden und sich schneller verbreiten. Hilchenbach wurde im Rahmen der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie unterstützt. Entscheidend ist aber: Langfristig muss sich das System am Markt tragen.

Was brauchen Unternehmen wie GETEC von Politik und Regulierung?

Verlässlichkeit. Ich bin kein Befürworter dauerhafter Subventionen – im Gegenteil. Der Markt muss langfristig tragen. Aber Investitionen mit 15-jähriger Laufzeit brauchen stabile Leitplanken. Wenn sich Regeln ständig ändern oder Vorgaben lange unklar bleiben, warten Unternehmen ab. Dieses Abwarten bremst die Transformation.

Welche Wachstumsfelder ergeben sich aus Projekten wie Hilchenbach?

In Deutschland sind Industrie und Immobilien unsere beiden starken Säulen. Gerade im Immobilien- und Quartiersbereich sehen wir großes Potenzial. Ein Beispiel ist die Berliner Siemensstadt Square, wo wir eine große Abwasserwärmepumpe und Wärmetauscher zu einer Quartierslösung für Heizen und Kühlen kombinieren. Die kommunale Wärmeplanung wird ebenfalls zentral: Kommunen brauchen nicht nur Konzepte, sondern umsetzbare Lösungen. Zudem arbeiten wir an Projekten zur Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren, etwa an der TU München. Ein drittes Wachstumsfeld ist das Multi-Client-Geschäft, also die Versorgung mehrerer Kunden an einem Standort, etwa in Industrieparks.

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Energiepolitik 2025 – Kurswechsel, Koordination und die Industrie im Fokus

  • Rückblick

Die vorgezogene Bundestagswahl 2025 brachte eine Große Koalition, die den Kurs beibehält, aber Versorgungssicherheit, Kostenstabilität und Investitionsfähigkeit deutlicher in den Mittelpunkt rückt.

Energieinfrastrukturen umbauen – Zusammenspiel Gebäude, Energiesystem, Nutzer

Die Umstellung der Quartiersversorgung auf erneuerbare Energien liefert einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der klimapolitischen Ziele Deutschlands. In der zukünftigen Energieversorgung müssen die Wechselwirkungen zwischen Gebäuden …

Wachsende Bedeutung der erneuerbaren Energien

Im Mittelpunkt dieses Kapitels stehen die Rolle erneuerbarer Energien in der Stromversorgung sowie bei der Deckung des Bedarfs in den Sektoren Wärme und Mobilität. Die verschiedenen Technologien werden mit den jeweils wesentlichen Merkmalen …

Geschäftsmodelle und Lösungsansätze für die Wärmewende in der Grundstoffindustrie und im Gebäudesektor

Das Kapitel „Geschäftsmodelle und Lösungsansätze für die Wärmewende in der Grundstoffindustrie und im Gebäudesektor“ analysiert die Dekarbonisierung als zentrales Element der Klimastrategien in energieintensiven Sektoren. Am Beispiel des …

    Bildnachweise
    Interview Getec Bild/© Getec