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04.09.2020 | Energie + Nachhaltigkeit | Im Fokus | Online-Artikel

Nord Stream 2 bleibt umstritten, wird aber fertig

verfasst von: Frank Urbansky

4 Min. Lesedauer
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Seit Beginn der Planungen von Nord Stream 2 war die Ostsee-Pipeline umstritten. Doch sie wird derzeit weitergebaut und wohl Ende des Jahres fertig. Für Deutschland hat sie mehrere Vorteile.

Nord Stream 2 ist der zweite Pipelinestrang, der vom russischen Festland direkt nach Deutschland durch die Ostsee führt. Unbestritten ist, dass dadurch die Versorgungs- und Preissicherheit hierzulande erhöht wird. Doch EU und NATO-Bündnispartner wie Polen oder die baltischen Länder hatten schon immer heftige Vorbehalte. Schließlich sorgten 2019 harte US-Sanktionen für Bauverzögerungen. "Dennoch stellt sich die Frage, ob Nord Stream 2 für Deutschland von Vorteil oder von Nachteil wäre, denn aus ökonomischer Sicht ist LNG teurer als Pipelinegas und eigentlich lassen sich private Firmen kaum dazu zwingen, von politischen Motiven ausgehend zu handeln", beschreiben die Springer-Autoren Oleg Nikiforov und Gunter-E. Hackemesser auf Seite 227 ihres Buchkapitels Nord Stream 2 die Gemengelage.

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2018 | OriginalPaper | Buchkapitel

Nord Stream 2

Das Projekt der neuen baltischen Unterwasserseepipeline zwischen Russland und Deutschland fand seit seiner Ankündigung ein sehr widersprüchliches Echo in Europa. Am 20. Oktober 2016 verglich der polnische Minister für europäische Angelegenheit …

Von der Bundesregierung wurden die Bedenken der Partner zwar in den Wind geschlagen, aber bis heute nicht ausgeräumt. Das offensichtlichste Argument dabei ist die Umgehung des Landweges etwa über die Ukraine, aber auch durch Polen, so dass diesen Ländern wichtige Transitgebühren entgehen.

Geopolitische Gründe spielen mit

Aber auch geopolitische Gründe werden angeführt. So vermuten die USA eine zukünftige verstärkte Abhängigkeit Deutschlands (und großer Teile Europas, die ebenfalls beliefert werden) von russischem Gas – sie bieten stattdessen eigenes Frackinggas, das verflüssigt wurde (LNG), als Alternative an. Seit 2014 wurden die Sanktionen gegen Nord Stream 2 ständig verschärft und erreichten 2019 mit Drohungen an die Schweizer Reederei eines Verlegeschiffes einen Höhepunkt. Das Unternehmen zog daraufhin sein Schiff vom Bau ab, was zu einer Verzögerung von etwa einem Jahr führen wird. Russlands Energieminister Alexander Nowak nannte dies gegenüber dem Handelsblatt erst jüngst "reinen Protektionismus".

Jüngst erst drohten drei US-Senatoren der Stadt und dem Hafen Saßnitz, in dem Rohre und Verlegeschiffe stationiert sind, mit Sanktionen. Von der EU und der Bundesregierung wurde dies strikt zurückgewiesen.

Und die Vergiftung des russischen Oppositiosnpolitkers Alexei Nawalny rief ebenfalls die Pipeline-Kritiker auf den Plan. Sie fordern einen sofortigen Stopp. Doch das dürfte sich weder politisch noch wirtschaftlich bewerkstelligen lassen. Auf die Bundesrepublik kämen Forderungen in Milliardenhöhe durch die beteiligten Firmen zu. Denn schließlich bauen sie an einer Pipeline, die sowohl vom deutschen Staat als auch der EU - wenn auch unter Auflagen - genehmigt wurde.

Nötig scheint insbesondere Druck von Seiten der US-Regierung zu sein. Denn das US-LNG ist durch den Verflüssigungsvorgang bedingt immer im Schnitt um 15 Prozent teurer als Pipelinegas, zumindest bis zu einer Entfernung von 4.000 Kilometern. Erst danach schlägt das Wirtschaftlichkeitspendel zugunsten von LNG um.

Doch das russische Gas wird innerhalb eines solchen 4.000-km-Radius‘ gefördert, wird also auf absehbare Zeit immer günstiger als verflüssigtes Frackinggas bleiben. Russland muss dieses Gas zudem nach Europa liefern, da es über keine geeigneten Verflüssigungskapazitäten verfügt, auch wenn diese aufgebaut werden sollen. Pipelines hin zu anderen Abnehmern aus den Fördergebieten jenseits und am Ural nach China wären unwirtschaftlich. Das relativiert auch die geopolitische Abhängigkeit.

Für Deutschland bedeutet dies einfach eine höhere Preisstabilität und eben eine höhere Versorgungssicherheit, die allerdings schon zu Zeiten des Kalten Krieges seitens der Sowjetunion nie ernsthaft auf eine Probe gestellt wurde.

Wirtschaftlicher Betrieb schwierig

Dennoch kann man auch von einem geostrategischen Interesse Russlands ausgehen. Denn die Pipeline wird kaum wirtschaftlich zu betreiben sein. Dies ist nur mit einer hohen Auslastung möglich. Doch schon jetzt ist die ältere Schwesterpipeline Nord Stream 1 nicht ausgelastet, auch wenn die Auslastung langsam steigt. Zwar stünden in Russland die Gasmengen zur Verfügung, um beide Pipelines zu füllen. Es fehlt jedoch in Europa an Abnehmern. Hinzu kommt aktuell noch der Preisverfall beim Rohöl, der sich zeitlich versetzt auch auf den Gaspreis niederschlagen könnte, wenngleich beide Märkte mittlerweile weitgehend entkoppelt sind. Das wiederum führt verstärkt dazu, das tendenziell immer teurere US-Frackinggas aus dem Markt zu drängen.

All das wird letztlich die Preise in Deutschland und den ebenfalls mit versorgten EU-Staaten dauerhaft günstig bleiben lassen. "Auch bei Erdgas könnten sich die weltweit verbesserte Angebotssituation und der Bau des zweiten Stranges der Nordstream-Pipeline in stabilen, wenn nicht gar sinkenden Preisen für Europa, niederschlagen", bringen dies die Springer-Autoren Manuel Frondel und Stephan Sommer in ihrem Zeitschriftenbeitrag Der Preis der Energiewende: Anstieg der Kostenbelastung einkommensschwacher Haushalte auf Seite 353 auf den Punkt.

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