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19.03.2018 | Energie + Umwelt | Interview | Onlineartikel

"Smart City, eine Stadt passt sich den Bürgern an"

Autor:
Nico Andritschke

Die Vision "Smart City" weckt Hoffnungen auf Lösungen zur Reduktion von Umweltbelastungen, Energieverbrauch und verbesserter Mobilität. Christoph Meinel erläutert die Vision und Wege zur Umsetzung. 

Springer Professional: Ein häufig im Zusammenhang mit Stadtplanung/-entwicklung verwendeter Begriff ist Smart-City. Wofür steht der Begriff, welche Effekte und Visionen sind damit verbunden?

Christoph Meinel: Großstädte stehen weltweit vor gewaltigen Herausforderungen. Dazu zählen der demographische Wandel, knappe Ressourcen aber natürlich auch der Klimawandel. Die Vision einer Smart City ist vielversprechend: Mit intelligenter Vernetzung und Digitalisierung soll die Lebensqualität der Bewohner erhöht werden. Gleichzeitig soll der Verbrauch von Energie und anderen Ressourcen sinken. Im Verkehr könnten durch intelligente Ampelschaltungen beispielsweise künftig Staus verkürzt oder ganz verhindert werden. Mülltonnen könnten nur noch dann geleert werden, wenn sie wirklich voll sind und durch intelligentes Heizen lässt sich ebenfalls viel Energie einsparen. Aber auch viele Behördengänge oder lange Wartezeiten beim Arzt sollten in einer "Smart City" der Vergangenheit angehören. Sie soll im Kern eine Stadt sein, die sich ihren Bürgern anpasst und nicht andersherum. 

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Welche Kommunen arbeiten beispielhaft an Strategien zur Entwicklung von Smart Cities oder sind bereits dabei, Projekte modellhaft umzusetzen? Konzentriert man sich dabei auf Schwerpunktfelder, sind Trends zu beobachten?

In Deutschland ist vielerorts eine Grundvoraussetzung für smarte Anwendungen noch immer nicht erfüllt: Der Ausbau eines flächendeckenden Glasfasernetzes muss erst einmal gewährleisten, dass alle relevanten Einrichtungen und Haushalte einer Stadt gleichermaßen mit schnellem Internet versorgt werden. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass beispielsweise viele Schulen in Deutschland über keinen guten Internetanschluss verfügen. Die Schul-Cloud, die wir am Hasso-Plattner-Institut gerade entwickeln, wäre daher momentan von vielen Schulen gar nicht richtig nutzbar. Diese Schul-Cloud soll die technische Grundlage dafür schaffen, dass Schüler und Lehrer digitale Inhalte ganz einfach nutzen können – auch sie ist damit ein Smart-City-Projekt.
Sehr sichtbar sind natürlich Projekte, die Konsequenzen für den Straßenverkehr haben: Beispielsweise experimentiert die BVG mit autonomen Bussen. Zu unserer jährlichen Industrie 4.0 Konferenz hatten wir hier gerade einen davon auf unserem Campus. Einige Kommunen in Hessen statten Parkplätze mit Sensoren aus. Aber auch in den Bereichen Abfallentsorgung und Heimautomatisierung gibt es viele neue Entwicklungen. 

Sie sagen, dass Smart-City-Projekte einen enormen Wachstumsmarkt für die Unternehmen versprechen. Wie sind die Unternehmen auf die Herausforderungen vorbereitet?

Das ist sehr unterschiedlich. Fast alle Firmen spüren einen hohen Innovationsdruck, benötigen aber einen gewissen Spielraum, um Risiken einzugehen und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Noch handelt es sich bei vielen Smart-City-Lösungen um Pilotprojekte, die keinen unmittelbaren Gewinn erzeugen. Gleichzeitig können nur diese Projekte – sei es in Berlin, Barcelona oder Dubai – in einem internationalen Wettbewerb Sichtbarkeit erlangen. Denn vermutlich wird es in den nächsten 20 Jahren nicht 150 verschiedene Lösungen für intelligente Abfallentsorgung geben, sondern höchstens eine Handvoll. Es ist wichtig für Unternehmen, an internationalen Großprojekten teilzunehmen und sich frühzeitig in diesem Wachstumsmarkt zu positionieren. Gerade kleine und mittlere Unternehmen haben es hier allerdings schwerer als große, globale Konzerne. 

Intelligente, vernetzte und nachhaltige Lösungen für die Infrastruktur, Gebäude, Mobilität, Dienstleistungen oder Sicherheit in der Stadt zu entwickeln, erfordert die Partizipation unterschiedlichster Akteure. Wie weit ist die Kooperation vorangekommen und kann man voneinander profitieren?

Die größte Hürde ist oftmals eine kulturelle: Silodenken ist in vielen Unternehmen tief verankert – das wird sich ändern müssen. Smart Cities werden nur im Team gebaut. Es sind eigene Ökosysteme. Autonome Autos etwa werden nicht ohne neue Formen der Stromabrechnung funktionieren, da treffen zwei völlig verschiedene Branchen aufeinander. Ein positiver Trend ist sicherlich, dass viele Firmen und kommunale Unternehmen den Wert von Start-ups erkannt haben. So gibt es mittlerweile auch hier in Deutschland viele Programme, die Jungunternehmer gezielt mit kleinen und mittleren Unternehmen, aber auch Großkonzernen, zusammenbringen. Die Synergien, die sich hier ergeben, sind vielfältig: Start-ups erhalten über Kooperationen etwa den Zugang zu großen Datenmengen, während die Unternehmen von frischen Ideen und neuen Herangehensweisen profitieren können. Wie und welche Kooperationen in diesem dynamischen Markt letztlich erfolgreich sein werden, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorhersagen. Am Ausprobieren führt kein Weg vorbei.    

Welche Rahmenbedingungen sind für die Entwicklung von Smart-City-Projekten vorteilhaft?

Es braucht intelligente Systeme, um städtische Daten und Dienste organisatorisch und technisch zu bündeln. Es muss eine riesige technische und digitale Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden, um Autos autonom fahren zu lassen oder Verkehrsströme zu lenken. Hier sind wir noch ganz am Anfang. Wichtig ist aber auch ein innovationsfreundliches Klima. Die vielen Start-up-Initiativen, die wir derzeit in Deutschland sehen, sind ein Zeichen dafür, dass dieses Problem erkannt wurde. 
Die Kommunen müssen ihre spezifischen Bedürfnisse hinsichtlich einer intelligenten Vernetzung genau analysieren, Schwerpunkte festlegen und in einem nächsten Schritt die relevanten Akteure an einen Tisch bringen. Gleichzeitig müssen klare rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, denn unsere heute schon vernetzte Gesellschaft benötigt in vielen Bereichen neue Regulierungsansätze.

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