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17.09.2020 | Energie + Umwelt | Im Fokus | Onlineartikel

Gründächer können Photovoltaik Konkurrenz machen

Autor:
Frank Urbansky
3:30 Min. Lesedauer

Gründächer sind ein probates Mittel gegen die Aufheizung der Städte. In einigen Bausatzungen werden sie deswegen teils vorgeschrieben. Der Erzeugung von Solarstrom könnten sie entgegenstehen.

Gründächer helfen dem globalen und lokalen Klima, bieten Insekten Lebensräume und haben auch sonst noch sehr vielfältigen Nutzen. "Fakt ist, dass insbesondere bei Starkregenereignissen Grünflächen, auch Gründächer, wichtige Wasserspeicher sind, die die Kanalisation entlasten und Überschwemmungen verhindern helfen", benennt einen davon Springer-Vieweg-Autor Roland Hachmann in seinem Buchkapitel Kommunales Grünflächenmanagement – ein wichtiger Beitrag auf dem Weg zur Smart City auf Seite 264.

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Kommunales Grünflächenmanagement – ein wichtiger Beitrag auf dem Weg zur Smart City

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In der Praxis kommt es jedoch bei der Nutzung der Dachfläche zu einer Nutzungskonkurrenz – nämlich mit Photovoltaik (PV). Da, wo es die Statik zulässt, könnten die Dachflächen auch für die Produktion von Solarstrom genutzt werden. Man spricht hier von einem Widerspruch zwischen grünen und blauen Dächern.

Senkrechtes Aufstellen mindert Effizienz

Es gibt Projekte, die diesen Widerspruch auflösen wollen. So könnte man etwa die PV-Module auf Flachdächern senkrecht aufstellen und so in den Zwischenräumen genug Platz fürs Grün lassen. Doch das hat zwei Nachteile. Zum einen ist ein Einfallswinkel von 90 Grad für die Sonnenstahlen suboptimal. Ideal wären in hiesigen Breiten 30 bis 35 Grad. Zum anderen könnten für eine Begrünung nur niedrigwüchsige Pflanzen zum Einsatz kommen, die die ohnehin schon geringere Sonnenstromernte nicht noch weiter reduzieren.

Die Lösung widerspricht jedoch dem Sinn der PV auf Dächern, die zudem deutlich höhere Investitionen als etwa PV-Anlagen am Boden erfordern. Auch für Insekten könnten solche niedrigwüchsigen Pflanzen nicht genug Nahrung bieten. Ideal wären blütenreiche Wildpflanzen, wie sie auf den in letzter Zeit verstärkt angelegten Blühwiesen zum Einsatz kommen, und die in der gesamten Vegetationsperiode für nektarrreiche Blüten sorgen.

Sollen die Module bei idealer Ausrichtung jedoch optimal arbeiten, wird vom Bundesverband GebäudeGrün ein Mindestabstand der Unterkante des Solarmoduls zur Oberfläche des die Pflanzen tragenden Substrats von 20 bis 30 Zentimetern empfohlen. Der Zwischenabstand zwischen den Modulreihen soll 80 Zentimeter betragen.

Mit dem Aufkommen der Diskussion ums Insektensterben rücken die Gründächer stärker in den Fokus – eben als Lebensräume für Käfer, Schmetterling, Hummel und Co. Im Bundesprogramm Biologische Vielfalt startete nun ein neues Projekt, das Verfahren für die artenreiche Begrünung von Dächern mit gebietseigenen, blütenreichen Wildpflanzen weiterentwickelt. Das Projekt "DaLLî ‒ Extensive Dachbegrünungen in urbanen Landschaften als Lebensraum für Insekten" wird übrigens vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit mit rund 545.000 Euro gefördert.

Konventionelle Dachbegrünung bringt für Insekten wenig

"Konventionelle Dachbegrünungen sind beispielsweise für manche Wildbienen, die ausschließlich Pollen bestimmter Pflanzenarten sammeln, kaum nutzbar. Wie Insekten von einer Dachbegrünung mit artenreichen, gebietseigenen Pflanzenmischungen sowie geeigneten Nistmöglichkeiten profitieren können, wird im Projekt DaLLî untersucht und erprobt", erläutert Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), das Projektziel.

An sechs Modelldächern im nordwestdeutschen Tiefland wird die Begrünung mit Wildpflanzen aus regionaltypischen Sandmagerrasen untersucht. Außerdem sollen auf den Dächern auch Sandinseln und Totholz als Nisthabitate für Insekten angebracht werden.

Für Planungs-, Architektur- und Ingenieurbüros sowie für Gartenlandschaftsbau-Unternehmen sollen zusammen mit dem Verein GebäudeGrün verschiedene Fortbildungsveranstaltungen konzipiert und während der Projektlaufzeit durchgeführt werden.

Vergleicht man nun den Nutzen eines grünen gegenüber dem eines blauen Daches, könnte das Pendel schnell zugunsten der grünen Variante ausschlagen. "Begrünte Dächer haben eine wesentlich größere Lebensdauer als frei bewitterte Systeme. Dies liegt darin begründet, dass eine Werkstoffalterung der Abdichtung durch UV-Strahlung und übermäßige Aufheizung nicht gegeben ist. Die Dachabdichtung ist unter der Dachbegrünung einer gleichmäßigeren Belastung ausgesetzt. Schäden durch Krustenbildung und Rissschäden in Folge von Eisbewegungen können nicht auftreten. Auch Frost- und Tauwechsel belasten die Abdichtung lange nicht so stark wie dies bei frei bewitterten Dächern der Fall ist", zeigen die Springer-Vieweg-Autoren Ulf Hestermann und Ludwig Rongen in ihrem Buchkapitel Geneigte Dächer auf Seite 223 einen weiteren Vorteil auf. PV-Anlagen hingegen, etwa zur Mieterstromversorgung, sind mit zahlreichen rechtlichen Hürden belegt, was in diesem Maße bei Gründächern nicht der Fall ist.

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