2026 wird Jahr mit vielen energiepolitischen Konflikten
- 12.11.2025
- Energie
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2026 wird keine neuen energiepolitischen Zielversprechen bringen, dafür jedoch eine spürbare Neujustierung der Instrumente. In nahezu allen zentralen Politikfeldern verschiebt sich der Fokus: weg von pauschalen Fördermechanismen und detailverliebter Regulierung, hin zu Kostenkontrolle, Marktintegration und systemischer Wirksamkeit. Dieser Kurswechsel birgt erhebliche Konflikte.
PV-Anlagen, wie hier in einem Berliner Wohnquartier, sollen in Zukunft nicht mehr per Eispeisevergütung gefördert werden.
Frank Urbansky
Besonders deutlich wird diese Zäsur in der Diskussion um ein mögliches Ende der Einspeisevergütung für neu installierte private Photovoltaikanlagen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche stellt damit ein zentrales Erfolgsinstrument der bisherigen Energiewendepolitik infrage.
Die Argumentation des Ministeriums folgt einer klaren Logik: Sinkende Anlagen- und Speicherpreise, hohe Eigenverbrauchsquoten und eine verbesserte Wirtschaftlichkeit lassen neue Kleinanlagen auch ohne feste Vergütung zunehmend tragfähig erscheinen. Gleichzeitig belastet eine ungesteuerte Einspeisung das Stromsystem immer stärker – durch Redispatch-Maßnahmen, Netzausbau und steigende Systemkosten. Die Energiewende müsse günstiger, steuerbarer und marktnäher werden, auch auf der Ebene der dezentralen Erzeugung.
Solarbranche befürchtet Einbruch
Genau hier verläuft jedoch eine der zentralen Konfliktlinien des Jahres 2026. Die Solarbranche warnt vor einem deutlichen Einbruch beim Zubau privater Anlagen, sollte die Förderung zu früh oder zu abrupt entfallen. Kritiker fürchten nicht nur eine Investitionszurückhaltung, sondern auch eine strukturelle Verschiebung der Energiewende – weg von breiter gesellschaftlicher Beteiligung hin zu stärker zentralisierten Erzeugungsstrukturen.
Verschärft wird diese Debatte durch den Zeitpunkt. Der schleppende Smart-Meter-Rollout, komplexe Netzprozesse und eine kaum praxistaugliche Direktvermarktung für Kleinanlagen sind weiterhin ungelöste Voraussetzungen. Ohne digitale Infrastruktur und klare Marktregeln droht der Übergang von der Förderung zum Markt seine eigene Grundlage zu verlieren – und damit auch jene Planungssicherheit, die lange Zeit ein Markenkern des EEG war.
Strom soll günstiger werden
Diese Debatte ist Teil eines größeren energiepolitischen Gesamtbildes. 2026 wird es spürbare Entlastungen bei den Energiepreisen geben, insbesondere beim Strom. Der Bund bezuschusst die Übertragungsnetzentgelte mit Milliardenbeträgen und entlastet damit Haushalte und Unternehmen gleichermaßen – im Gegensatz zum sogenannten Industriestrompreis, von dem ab 2025 nur energieintensive Industrie und Landwirtschaft profitierten.
Hinzu kommen eine dauerhaft niedrigere Stromsteuer für das produzierende Gewerbe, der Wegfall der Gasspeicherumlage sowie gezielte Instrumente wie der Industriestrompreis und die Strompreiskompensation. Insgesamt entsteht so ein Entlastungspaket von rund zehn Milliarden Euro pro Jahr. Ziel ist es, Wettbewerbsfähigkeit, Investitionsbereitschaft und gesellschaftliche Akzeptanz zurückzugewinnen. Energie soll wieder kalkulierbarer werden – nicht nur günstiger.
Gas bleibt teuer
Parallel dazu verschärfen sich an anderer Stelle die Preissignale. Die Netzentgelte sowie der nationale CO₂-Preis auf Erdgas steigen weiter an – voraussichtlich auf 65 Euro je Tonne im Jahr 2026. Damit bleibt der klimapolitische Preisdruck auf fossile Energien bestehen: als Lenkungsinstrument, aber auch als soziale und wirtschaftliche Herausforderung. Flankiert wird dies durch europäische Vorgaben aus dem „Fit-for-55“-Paket sowie die anstehende Neujustierung des Klimaschutzgesetzes. Dieses soll künftig stärker auf sektorübergreifende Zielpfade und weniger auf starre Einzelvorgaben setzen.
Eine Übersicht zur möglichen Preisentwicklung fossiler Energieträger zeigt die Dimension dieser Effekte. Preissteigerung 2026 gegenüber 2025 bei einem CO2-Preisniveau von…
Energieträger | 55 Euro | 60 Euro | 65 Euro |
Benzin | +0 Cent/Liter | +1,4 Cent/Liter | +2,8 Cent/Liter |
| Diesel/Heizöl | +0 Cent/Liter | +1,6 Cent/Liter | +3,2 Cent/Liter |
| Erdgas | +0 Cent/kWh | +0,11 Cent/kWh | +0,22 Cent/kWh |
Quelle: Deutsche Emissionshandelsstelle (DEHSt) im Umweltbundesamt (externe Webseite)
Was wird aus dem GEG?
Besonders deutlich zeigt sich diese Spannung im Gebäudesektor. Das Gebäudeenergiegesetz (GEG) gilt vielen inzwischen als gescheitert – nicht aufgrund seiner Zielrichtung, sondern wegen seiner Überfrachtung. Über Jahre gewachsene Vorgaben, Ausnahmen und Widersprüche haben ein Regelwerk entstehen lassen, das politisch kaum noch vermittelbar und praktisch vielfach wirkungslos ist.
Die Sanierungsquote sinkt, Investitionen werden aufgeschoben, Eigentümer handeln zunehmend pragmatisch an der Regulierung vorbei. Nach Hunderten Milliarden Euro an Investitionen ist der energetische Grenznutzen vieler Maßnahmen erreicht. Gerade große Wohnungsbestände sind häufig weiter saniert, als es das Gesetz unterstellt – darauf weist auch der Branchenverband GdW seit Langem hin.
Hinzu kommt die kommunalen Wärmeplanung, die ursprünglich als Ergänzung zum GEG für leitungsgebundene Energieträger, insbesondere Fernwärme, gedacht war. Kommunen mit mehr als 100.000 Einwohnern müssen ihre Wärmepläne bis 2026 vorlegen, einige Städte sind bereits fertig. Der Tenor ist eindeutig: Der Ausbau der Fernwärme soll beschleunigt werden – und könnte bereits im laufenden Jahr spürbar an Fahrt gewinnen.
EU gibt Anlass zur Vereinfachung
Die Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie bietet nun einen formalen Anlass, das nationale Ordnungsrecht zu vereinfachen und den Fokus stärker auf CO₂-Minderungspfade für Quartiere, Bestände und Wärmenetze zu legen. Technologieneutralität, zeitlich begrenzte Förderung für nichtfossile Lösungen und vor allem ein verlässliches Angebot an günstigem grünem Strom könnten wirksamer sein als weitere Effizienzvorgaben, deren zusätzlicher Nutzen zunehmend abnimmt.
Insgesamt liest sich 2026 als Jahr der Übergänge – und der offenen Flanken. Energie wird für viele günstiger, zugleich aber stärker nach Systemlogik und Klimawirkung bepreist. Förderinstrumente werden infrage gestellt, obwohl noch nicht alle Voraussetzungen für funktionierende Märkte geschaffen sind. Die Klimaziele bleiben ambitioniert, ihre Umsetzung ist jedoch politisch und gesellschaftlich umkämpft. Der Tagesspiegel spricht von einem „Jahr offener energiepolitischer Konflikte".
Ob dieser Kurswechsel gelingt, hängt weniger von einzelnen Gesetzen ab als von der Fähigkeit der Politik, Entlastung, Verlässlichkeit und Transformation miteinander zu verbinden. 2026 entscheidet also nicht über das Ob der Energiewende, sondern über ihr Wie.