Skip to main content
main-content

18.07.2017 | Energie | Im Fokus | Onlineartikel

Regionale Strommärkte entstehen langsam

Autor:
Frank Urbansky
3 Min. Lesedauer

Neue Gesetze und die Digitalisierung der Energiewirtschaft ermöglichen das Entstehen regionaler Strommärkte. Die bislang zentralisierte Stromwirtschaft wandelt sich, wenn auch langsam.

Die Stromwirtschaft in Deutschland und Europa ist stark zentralisiert. Die Ziele der Energiewende sind damit nicht zu erreichen. "Die Energiepolitik tendiert dazu, den Ausgleich zwischen der Erzeugung und dem Verbrauch von Energie möglichst großräumig zu organisieren und die Standortwahl für neue Kraftwerke und Speicher dem betriebswirtschaftlichen Kalkül im europaweiten Wettbewerb zu überlassen, wobei Netzkosten ausschließlich von den Stromverbrauchern gezahlt werden. Dies konzentriert die Erzeugung auf Gunststandorte und bedingt einen sehr weitgehenden Ausbau der Übertragungsnetze. In der Zivilgesellschaft werden mit der Energiewende dagegen oft Zielvorstellungen einer verbrauchsnahen Erzeugung und einem eher kleinräumig organisierten Ausgleich zwischen Erzeugung und Verbrauch verbunden", beschreibt diese Diskrepanz Springer Spektrum-Autor Jörg Fromme in seinem Zeitschriftenbeitrag Energiesystemtransformation – räumliche Politik und Stromnetzplanung auf Seite 229.

Empfehlung der Redaktion

07.06.2016 | Wissenschaftlicher Beitrag | Ausgabe 3/2016

Energiesystemtransformation – räumliche Politik und Stromnetzplanung

Die Energiepolitik tendiert dazu, den Ausgleich zwischen der Erzeugung und dem Verbrauch von Energie möglichst großräumig zu organisieren und die Standortwahl für neue Kraftwerke und Speicher dem betriebswirtschaftlichen Kalkül im europaweiten Wettbewerb zu überlassen, wobei Netzkosten ausschließlich von den Stromverbrauchern gezahlt werden.


Der Grund ist ein einfacher: Erneuerbare Energien sind meist dezentral, werden dezentral eingespeist und werden im Idealfall auch dezentral vor Ort verbraucht.

Dezentralität befördert eigene Märkte

Die Bundesregierung hat dem mit der Novellierung des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) ab 2017 Rechnung getragen – jedenfalls ein kleines Stück weit. Dezentral erzeugter Strom aus Erneuerbaren Energien darf nun im Umkreis von 50 Kilometern direkt vermarktet werden.

Daraus ergeben sich mehrere Möglichkeiten für die Entstehung regionaler Strommärkte und -marken. Letztere werden schon teilweise von Stadtwerken, Anlagenbetreibern und Energiegenossenschaften angeboten. Die Energieagentur.NRW hat mehrere Beispiele für bereits laufende regionale Strommärkte ermittelt. So erzeugen im Landkreis Steinfurt 249 Windenergieanlagen nachhaltig Strom. Zusammen mit anderen Erneuerbare Energie-Anlagen decken sie rechnerisch fast 70 Prozent des regionalen Energiebedarfs. 2050 will der Landkreis energieautark sein. Ein Baustein dafür soll die Vermarktung des regional erzeugten Stroms sein. Gemeinsam mit drei weiteren regionalen Stadtwerken wurde das Produkt „Unser Landstrom“ entwickelt.

Zwei Bürgerenergiegenossenschaften im Raum Osnabrück haben einen anderen Weg eingeschlagen. Die Osnabrücker nwerk eG, die mehrere Photovoltaikanlagen in der Region betreibt, und die Bissendorfer Energiegenossenschaft, die zur Hälfte an einer großen Windenergieanlage beteiligt ist, vertreiben seit 2015 gemeinsam eine regionale Strommarke. Unterstützung erhalten die beiden Kooperationspartner von einem Verbund von derzeit 43 Bürgerenergiegenossenschaften mit 280 Erneuerbare Energie-Anlagen. Nun kann jede dieser Energiegenossenschaften einen individuellen Tarif mit eigener Strommarke anbieten. Die Höhe bestimmt jede Genossenschaft selbst. 15 Prozent des Stromangebots liefern Bürgerenergieanlagen, der Rest stammt aus einem deutschen Wasserkraftwerk am Inn.

"Energieernte" vor Ort

Auch die Westfalen Wind-Gruppe hat ein eigenes regionales Strommarktmodell entwickelt. Es besteht aus sechs älteren Windenergieanlagen im Windpark Asseln. Statt sie abzubauen und zu verkaufen, werden sie kostendeckend von einer Tochter der Betreibergesellschaft Westfalen Wind GmbH zum Selbstkostenpreis weiterbetrieben. Weil die Anlagen weitestgehend abgeschrieben sind, ist der Preis pro Kilowattstunde niedrig: 19,8 Cent pro Kilowattstunde brutto kostet der Strom aus dem Windpark.

"Eine dezentrale Versorgungsstruktur bedeutet eine hohe Anzahl flächenmäßig verteilter Anlagen und damit nahezu zwangsläufig auch eine Vielzahl an Betreibern. Die Akteursvielfalt ist damit ein Gegenmodell zu einer in vielen Wirtschaftsbereichen fortschreitenden ökonomischen Zentralisierung. Dezentraler Anlagenbetrieb bedeutet somit anstelle einer Konzentration von Kapital und Erträgen die Chance zur lokalen Wertschöpfung und eröffnet Möglichkeiten zum Schließen von Zahlungskreisläufen in der Region. Erst an diesem Punkt kommt die besondere Rolle regenerativer Energieträger zum Tragen: Sie werden vor Ort geerntet", beschreibt die finanziellen Vorteile dieser dezentralen Modelle Springer Vieweg-Autor Christian Synwoldt auf Seite 277 seines Buchkapitels Aspekte der Dezentralität.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren

    Bildnachweise