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18.02.2013 | Energie | Interview | Onlineartikel

Intelligenz entlastet die Stromnetze

Autor:
Günter Knackfuß

Nach einer vierjährigen Forschungs- und Testphase wurde das gemeinsame Technologieprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) und des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) "E-Energy – Smart Energy made in Germany" erfolgreich abgeschlossen. Auf einem Kongress im Januar 2013 in Berlin haben die Experten der sechs Modellregionen ihre Ergebnisse vorgestellt (www.e-energy.de). Über das von der Bundesregierung mit 60 Millionen Euro geförderte Vorhaben mit einem Gesamtvolumen von 140 Millionen Euro sprachen wir mit Ludwig Karg, Geschäftsführer von B.A.U.M. Consult und Leiter der E-Energy Begleitforschung.

Welche Zielstellungen wurden beim Start des Projektes festgelegt?

Mit E-Energy sollten die IKT Bausteine entwickelt werden, mit denen eine nachhaltige Gestaltung der zukünftigen Energieversorgung gelingen kann. Dabei sollten technische Aspekte wie eine verbesserte Automatisierung im Verteilnetz oder das Ansteuern von Verbrauchern abhängig von der Verfügbarkeit von Strom aus erneuerbaren Quellen untersucht werden. Zudem sollten elektronische Marktplätze entwickelt werden, auf denen neue, auch regionale Energie-Produkte und -Dienstleistungen gehandelt werden können.

Wie würden sie die erreichten zentralen Ergebnisse zusammenfassen?

E-Energy hat aufgezeigt, wie eine sichere und kostengünstige Versorgung mit dezentralen und volatilen Erzeugern steuerungstechnisch gelingen kann. Dazu wurden die Grundlagen für den Aufbau eines umfassenden Energieinformationssystems entwickelt und im Feld getestet. Die Modellregionen, die Begleitforschung und zahlreiche Arbeitsgruppen bei den Verbänden und in der Standardisierung haben intensiv zusammengearbeitet und im Rahmen von E-Energy die Diskussion um die Integration der Erneuerbaren Energien ein gutes Stück vorangebracht. Wesentliche Erkenntnisse aus E-Energy sind bereits in Gesetzesnovellen eingeflossen und die Bundesnetzagentur erhielt und erhält noch weitere Hinweise, wie die regulatorischen Rahmenbedingungen für „Smart Energy made in Germany“ aussehen sollten.

Welche der 6 E-Energy-Regionen verspricht den größten Nutzeffekt?

In Deutschland sind die Herausforderungen der Energiewende für jede Region anders. Die 6 E-Energy Regionen haben für die meisten Fälle probate Lösungen entwickelt. Die Begleitforschung wird das in einer Handreichung noch gut strukturiert darstellen. Kurzfristig werden wohl die Regionen den größten Nutzen von den E-Energy-Ergebnissen haben, die ihre regionale Erzeugung technisch wie wirtschaftlich optimal einsetzen wollen. Hier haben vor allem die Projekte RegModHarz, eTelligence und EDeMa die IKT Bausteine für die Steuerung dezentraler Anlagen im Sinne Virtueller Kraftwerke, für belastbare Prognosen und den Betrieb elektronischer Marktplätze für Einspeiser entwickelt und getestet.

Welche besonderen Umweltaspekte haben das Programm geprägt?

Mit den Methoden von E-Energy können vorhandene Ressourcen, z. B. die Netze, besser genutzt werden. Dadurch lässt sich der Netzausbau reduzieren (wenn auch nicht vermeiden). Das spart Material und schont die Landschaft. Je mehr Erneuerbare wir ans Netz bekommen, umso weniger müssen wir klima- und umweltschädliche Kraftwerke nutzen. Das hat nebenbei auch einen ökonomischen Aspekt. Diese Kraftwerke produzieren in der Regel auch recht teuer. Nach dem Merit-Order-Effekt werden sie nach und nach durch die neuen Anlagen der Erneuerbaren ersetzt, die ja - sobald sie da sind - äußerst günstig produzieren. Das hat sich schon in den letzten Jahren bremsend auf den Anstieg des Strompreises ausgewirkt.

Wie können die innovativen Resultate von E-Energy regionalspezifisch verallgemeinert und genutzt werden?

Die Stromversorgung wird in Deutschland durch ca. 1.000 Versorger und Netzbetreiber gewährleistet. Einige müssen sich schon jetzt den Herausforderungen für das Netz stellen, die aus einer großen Zahl von Sonnen- und Windenergie-Einspeisern resultieren. Bei anderen funktioniert aufgrund neuer Verbrauchsmuster die Beschaffung nach Standardlastprofilen nicht mehr und der Umgang mit Ausgleichs- und Regelenergie ließe sich optimieren. Hier werden sich wohl regionale Aggregatoren entwickeln, die die Flexibilitäten bei Erzeugung und Verbrauch regionsspezifisch bündeln und auf den Markt bringen. Ob das die jetzigen Versorger sind oder nicht, das muss sich noch zeigen.

Mit welchen kompetenten Partnern rechnen sie dabei?

Beim E-Energy Kongress haben nicht nur das Wirtschafts- und das Umweltministerium sondern auch die wichtigsten Verbände der Energiewirtschaft - BDEW und VKU - betont, wie wichtig es ist, die Ergebnisse von E-Energy nun flächendeckend zu nutzen. Ich rechne damit, dass diese Verbände wichtige Partner für das "Ausrollen" von E-Energy sein werden. In der Praxis sind es natürlich einerseits die innovativen Stadtwerke und Regionalversorger, die E-Energy-Technologie einsetzen werden – und andererseits deren Kunden im privaten und vor allem betrieblichen Bereich. Wir rechnen auch fest damit, dass weiterhin die Unternehmensverbände von BDI über ZVEI bis hin zu den regionalen IHKen das Thema Smart Energy zum Wohl ihrer Mitglieder unterstützen.

Bei der Projektauswahl vor 4 Jahren konnten 22 Bewerbungen nicht berücksichtigt werden. Sind diese die großen Verlierer?

Ich würde nicht sagen, dass es bei E-Energy Verlierer gab. Alle haben gewonnen, weil wir jetzt wissen, wie wir das zukünftige Energiesystem steuern können – wenn wir wollen. Verlierer sind höchstens diejenigen, die die Augen vor diesen Möglichkeiten verschließen. Übrigens haben viele der Konsortien, die damals im E-Energy-Wettbewerb nicht zum Zug kamen, auf eigene Faust sehr gute Projekte durchgeführt. So haben sich z. B. die Allgäuer im EU-Projekt AlpEnergy engagiert und nun darauf aufbauend mit dem vom BMWi geförderten Projekt IRENE in Wildpoldsried ein weltweit beachtetes Modell geschaffen.

Welche Schwerpunkte sollten im Mittelpunkt der weiteren Forschung für eine intelligente Stromversorgung stehen?

In E-Energy wurde gezeigt, wie das neue System technisch funktioniert. Speziell bei den Projekten MeRegio, moma und SmartWatts wurden neue Marktplätze und Marktfunktionen im Feld getestet. Dabei hat sich deutlich gezeigt, dass wir ein ganz neues "Marktdesign" brauchen, wenn das flächendeckend funktionieren soll. Das war auch ein zentrales Anliegen vieler Experten des E-Energy-Kongresses. Hier gilt es dringend zu handeln – aber vorher wohl noch mit den aus der wissenschaftlichen Marktlehre bekannten Methoden zu erforschen, wie sich bestimmte Veränderungen auswirken und vor allem, wie die neuen Angebote von den Kunden angenommen werden. Dabei wird wohl das Zusammenspiel der Welten "Intelligente Netze" und "Intelligente Gebäude" eine große Rolle spielen.

Das langjährige Projekt hat auch im Ausland reges Interesse gefunden. Wie muss man das bewerten?

Die Welt schaut auf Deutschland. Wir haben uns an die Herkulesaufgabe Energiewende gewagt. Nun gilt es zu zeigen, dass wir es auch können. Wenn wir es können, festigen wir damit unsere Rolle als Technologielieferant Nr. 1 in der Energiewirtschaft. Und wenn wir es versäumen, uns als Leitmarkt für das "Internet der Energien" zu etablieren, werden wir auch als Leitanbieter verlieren.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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