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10.01.2013 | Energie | Interview | Onlineartikel

Energiewende dezentral durch Genossenschaften

Autor:
Günter Knackfuß

Interview mit Dr. Eckhard Ott, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbandes (DGRV)

Auf dem Bundeskongress des DGVR - dem 1. Treffen der deutschen Energiegenossenschaften - am 19. November 2012 in Berlin wurde zur Stärkung von Energie aus Bürgerhand aufgerufen. Damit formieren sich die Kleinerzeuger von Energie, um die Energiewende bewusst mitzugestalten.

Welche Hauptziele haben Sie mit der Veranstaltung verfolgt?

Mit der Veranstaltung wollten wir – im Internationalen Jahr der Genossenschaften 2012 – vor allem die Sichtbarkeit der Energiegenossenschaften erhöhen, tolle Vorzeigeprojekte vorstellen und so die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für die wichtige Rolle von Bürgerenergieprojekten für eine erfolgreiche Energiewende steigern. Zudem wollten wir eine Plattform für den Austausch der Bürgerenergieprojekte untereinander sowie mit der Politik bieten. Die große positive Resonanz bei den rund 500 Teilnehmern, aber auch in den Medien, zeigt, dass wir diese Ziele auch erreichen konnten.

Welche Motive bestimmen die Gründung einer Energiegenossenschaft?

Die Bürger haben erkannt, dass sie beim Thema Energie selbst mitgestalten können. Sie wollen die Energiewende nicht nur finanziell unterstützen, sondern auch aktiv teilhaben. Besonders wichtig ist den Bürgern dabei, vor Ort in erneuerbare Energien zu investieren und damit auch die eigene Region zu fördern. Eine aktuelle Umfrage des DGRV hat gezeigt, dass den Menschen bei der Beteiligung an einer Energiegenossenschaft die Förderung von erneuerbaren Energien und regionaler Wertschöpfung viel wichtiger sind als die Aussicht auf eine attraktive Rendite.

Für Genossenschaften gelten bestimmte Regeln. Welche sind das?

Für Energiegenossenschaften gelten die gleichen Regeln wie für alle Unternehmen, die in der Rechtsform der "eG" organisiert sind. Diese Regeln sind in Deutschland in einem eigenen Gesetz, dem Genossenschaftsgesetz, festgeschrieben. Zentral ist vor allem, dass in Genossenschaften nicht die Renditemaximierung, sondern die Förderung der Mitglieder oberstes Ziel ist. Daneben sind auch Merkmale wie die demokratische Willensbildung, die offene Mitgliederzahl oder die Selbstverwaltung charakteristisch für Genossenschaften.

Wie beurteilen sie die aktuelle Gesamtentwicklung der Energiegenossenschaften?

Die Entwicklung ist sehr positiv. In den letzten Jahren fünf Jahren wurden in Deutschland mehr als 600 Genossenschaften im Bereich der erneuerbaren Energien gegründet. Bereits mehr als 80.000 Menschen sind mit ca. 260 Millionen Euro in Energiegenossenschaften engagiert – Tendenz steigend. Die Genossenschaften haben bis heute rund 800 Millionen Euro in Erneuerbare Energien investiert. Sie produzieren bereits jetzt mehr Strom, als in den Haushalten ihrer 80.000 Mitglieder verbraucht wird. Energiegenossenschaften werden damit zu einem wichtigen Treiber der dezentralen Energiewende.

Welche Vorteile lassen sich mit den Genossenschaften erreichen?

Die Genossenschaft ist ein regionales Unternehmen der Mitglieder, nicht einfach nur eine Anlagemöglichkeit. Anders als zum Beispiel Fonds fördern Genossenschaften die regionale Wertschöpfung, indem etwa ortsansässige Handwerksbetriebe oder Banken eingebunden werden. Die Genossenschaft ermöglicht zudem die Nutzung von Dächern öffentlicher Gebäude, zu denen Privatpersonen keinen Zugang bekämen. Genossenschaften sind demokratische Unternehmen, d.h. unabhängig vom investierten Kapital hat jeder nur eine Stimme. Die Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten des Einzelnen fördern die Verantwortung für das gemeinsame Energieprojekt. Es kann nicht an einen externen Investor, beispielsweise die Kommune oder ein Energieunternehmen delegiert oder sogar verkauft werden. Die lokale Verwurzelung, der hohe Grad an Mitbestimmung und Transparenz sowie der klare Fokus auf die Mitgliederförderung sind Hauptgründe, warum es bei genossenschaftlich organisierten Energieprojekten nur sehr selten zu Akzeptanzproblemen kommt. Die Menschen sind viel eher bereit, ein Windrad oder eine Biogasanlage im eigenen Heimatort zu akzeptieren, wenn sie selbst daran beteiligt sind und nicht ein anonymer Investor profitiert, sondern die Wertschöpfung in der Region bleibt.

Inzwischen gibt es viele Beispiele erfolgreich arbeitender Energieprojekte und Kooperationsmodelle. Welches sind ihre Leuchttürme?

Da könnte ich Ihnen sehr viele erfolgreiche Projekte aus verschiedenen Bereichen und unterschiedlichen Regionen Deutschlands nennen. Viele dieser tollen Projekte haben sich auch auf dem Kongress im November präsentiert. Beispielhaft möchte ich die NEW eG aus Grafenwöhr nennen, in der 19 Kommunen und kommunale Unternehmen sich gemeinsam mit den Bürgern der Region zusammengeschlossen haben, um vor Ort Erneuerbare-Energien-Projekte voranzubringen. Oder die Energiegenossenschaft Odenwald eG, die sehr erfolgreich Anlagen der Sonnen-, Wind- und Wasserkraft installiert, aber auch in den Bereichen Energievertrieb, -effizienz und -einsparung engagiert ist. Diese beiden Genossenschaften stehen exemplarisch für eine Vielzahl innovativer und erfolgreich wirtschaftender Energiegenossenschaften in Deutschland.

Mehr und mehr geht es auch um Energienetze und Energievermarktung. Wie verhält sich ihr Verband dazu?

Energiespeicherung, Netzausbau, aber zum Beispiel auch Vermarktung und Eigennutzung von Energie sind Zukunftsfragen, die für das Gelingen der Energiewende von zentraler Bedeutung sind. Für viele dieser Fragen bieten Genossenschaften vielversprechende Lösungsansätze. Die Energiegenossenschaften beschäftigen sich gemeinsam mit den Genossenschaftsverbänden intensiv mit diesen Fragen, entwickeln und realisieren neue Geschäftsbereiche und innovative Konzepte. Ich bin daher sicher, dass die genossenschaftliche Gruppe auch in den kommenden Jahren eine zentrale Rolle spielen wird, wenn es um die Lösung wichtiger Herausforderungen im Rahmen der Energiewende geht.

Haben die genossenschaftlichen Kleinerzeuger langfristig überhaupt Chancen gegenüber den großen Stromkonzernen?

Es geht hier nicht um "klein gegen groß". Wenn die Energiewende ein Erfolg werden soll, müssen alle an einem Strang ziehen. Dafür werden die großen Energieunternehmen genauso gebraucht wie die kleinen, dezentralen Kräfte. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass die Energiewende ohne ein dezentrales, regionales Konzept nicht gelingen kann. Und für die dezentrale Umsetzung der Energiewende in den Regionen sind die Genossenschaften eine sehr wichtige Säule.

Sie wollen ein Netzwerk der E-Genossenschaften entwickeln. Wie kann das erreicht werden?

Es gibt über die regionalen und bundesweiten Genossenschaftsverbände bereits professionelle Strukturen der Vernetzung unter den Energiegenossenschaften. Für die Zukunft möchten wir erreichen, dass die Energiegenossenschaften – und auch alle anderen Bürgerenergieprojekte – noch stärker mit einer Stimme sprechen, um sich auch gegenüber der Politik noch mehr Gehör zu verschaffen. Der Kongress war bereits ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Wie sieht das internationale Interesse am Modell der deutschen Energiegenossenschaften aus?

Das Interesse aus dem Ausland am deutschen Modell der Energiegenossenschaften ist sehr hoch. Uns erreichen immer mehr Anfragen nach Informationsmaterial, Vorträgen oder Forschungsreisen nicht nur aus unseren europäischen Nachbarländern, sondern zum Beispiel auch aus den USA oder aus Japan.

Wir bedanken uns für das Interview.

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