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29.01.2015 | Energie | Interview | Onlineartikel

Auf dem Weg zur "Energiewende kommunal"

Autor:
Matthias Schwincke

Kommunen spielen bei der Energiewende noch eine Nebenrolle. Warum eigentlich? Über Potenziale einer kommunalen Energiewende sprach Springer für Professionals mit Jörg Felmeden, COOPERATIVE Infrastruktur und Umwelt, Kassel.

Springer für Professionals: Wie schätzen Sie die Richtung der deutschen Energiewende nach der letztjährigen Novellierung von EnEV und EEG ein? 

Jörg Felmeden: Die EnEV 2014 und das EEG 2014 zielen auf die Verringerung des Energiebedarfs und die Nutzung Erneuerbarer Energien ab. Schwerpunkt der EnEV ist die Wärme-Einsparung im Gebäudebereich. Das führt in die richtige Richtung, da die Wärme-Einsparung das größte örtlich verfügbare Energiepotenzial darstellt. Schwerpunkt des EEG ist die Förderung von Erneuerbaren Energien vor allem zur Stromerzeugung. In der öffentlichen politischen Diskussion und in der Presse konzentriert sich der Begriff Energiewende weitgehend auf das nationale Konzept der Stromerzeugung durch große Windkraftanlagen, den Bau von Leitungstrassen und die Vergütung der Leistung von konventionellen Kraftwerken. Im kommunalen Kontext treten diese Aspekte jedoch gegenüber der Wärme-Einsparung zurück.

Welche Potenziale besitzen Kommunen im Hinblick auf eine breiter angelegte Energiewende?

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Die Potenziale der Kommunen für die Energiewende beinhalten die Sicherung einer effizienten Energieversorgung und den nachhaltigen Klimaschutz. Beides gehört zu den zentralen Aufgaben von Kommunen. Die globalen, regionalen und örtlichen Folgen des hohen Verbrauchs von Erdgas und Öl umfassen die - langfristig gesehen - steigenden Energiekosten für die Verbraucher ebenso wie die volkswirtschaftlichen Auswirkungen und die weltweiten Veränderungen des Klimas. Klimaschutz ist so zu einem der wichtigsten lokalen Handlungsfelder geworden.

Wo könnte man ansetzen, um die Potenziale von Kommunen zu heben?

Über die energiewirtschaftlichen und klimatischen Aspekte des Verbrauchs fossiler Energieträger hinaus wird in Zukunft insbesondere die Energieeinsparung durch die energetische Aufwertung der vorhandenen Bausubstanz von entscheidender Bedeutung für deren Marktwert sein. Wohngebäude mit einem sehr hohen spezifischen Wärmebedarf werden künftig erheblich an Wert verlieren. Ein zentraler Baustein der "Energiewende kommunal" ist daher der Wärmeschutz an bestehenden Gebäuden, insbesondere in der historischen Bausubstanz und der Wohngebäuden der Nachkriegszeit aus den 50er bis 70er Jahren. Denn mit der Wärmeschutzverordnung 1976 (WSchV) und den seither laufend novellierten Energieeinsparverordnungen (EnEV) sind die bauphysikalischen Anforderungen stetig gestiegen. Ein weiterer Baustein stellt die nachhaltige Restwärmeversorgung dar, z.B. über Kraft-Wärme-Kopplung, (kalte) Nahwärmenetze und Wärmerückgewinnung aus Abwasser. Zudem werden intelligente Zähler (smart metering) zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Welche konkreten Instrumente kommen zum Anschub einer kommunalen Energiewende in Frage?

Instrumente zur Forcierung der kommunalen Energiewende sind die Wärmeeinsparung in bestehenden Gebäuden und die Mobilisierung der örtlich verfügbaren Erneuerbaren Energien durch

  • die Erstellung integrierter kommunaler Energie- und Klimaschutzkonzepte,

  • die Identifikation und Umsetzung von Einsparmaßnahmen in kommunalen Gebäuden und Einrichtungen, die Beschaffung von energieeffizienten Fahrzeugen und Geräten,
  • die energetische Optimierung der kommunalen Abwasserbeseitigung,
  • die Mobilisierung von Synergien durch integrierte energieeffiziente Maßnahmen im Bereich Abwasser, Abfall und Verkehr,
  • Energieeinsparung bei Wohnen, Gewerbe, Handel und Dienstleitungen,
  • Mobilisierung Erneuerbarer Energien durch Kraft-Wärme-Kopplung, Fern-/Nahwärmeversorgung.

Die Förderung von Wärme-Einsparmaßnahmen ist prinzipiell vorgesehen. Die entsprechenden "Fördertöpfe" sind allerdings oft wenig bekannt, nicht einfach verständlich und damit schwer zugänglich.

Welche Rolle sollten Städte und Gemeinden in diesem Zusammenhang übernehmen?

Städte und Gemeinden müssen sich auf die Maßnahmen konzentrieren, die von ihnen selbst durchgeführt werden oder die sie unmittelbar beeinflussen können. Dazu gehören die Energieeinsparung und die Nutzung Erneuerbarer Energien. Die Kommunen können hierbei die Rolle des Initiators übernehmen und Eigenmaßnahmen anstoßen z.B. in kommunalen Gebäuden und Einrichtungen, im Bereich Straßenbeleuchtung und bei Abwasseranlagen. Zudem sind sie auch als Mediator gefragt, um eine kommunale Wärmeplanung anzustoßen bzw. zwischen lokalen Akteuren abzustimmen und zu optimieren. Hierbei wird es darum gehen, die energetische Gebäudesanierung mit einer nachhaltigen Restwärmeversorgung auf Quartiers- bzw. Stadtteilebene zu verbinden.

Wo steht die kommunale Energiewende heute und was fehlt noch?

Die kommunale Energiewende steht am Anfang. Die bisherigen Ansätze auf der Grundlage von kommunalen Energiekonzepten und kommunalen Energienutzungsplänen beschränken sich auf wenige Kommunen und sind in ihrer Umsetzung defizitär. Zur forcierten Umsetzung fehlen geeignete staatliche Anreize und Rahmenbedingungen sowie eine konsequente Verknüpfung mit städtebaulichen Entwicklungskonzepten.

Das Interview führte Matthias Schwincke, freier Autor, für Springer für Professionals.

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