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23.05.2018 | Energie | Im Fokus | Onlineartikel

Utility 4.0 – mehr als eine Worthülse?

Autor:
Oliver D. Doleski

Vierpunktnull auf Teufel komm raus. Kein Themengebiet scheint heute ohne das Zahlenkürzel '4.0' auszukommen. Mit Utility 4.0 ist dieses Phänomen nun auch im Energiesektor angekommen. Zu Recht?

Industrie 4.0, Arbeit 4.0 und Logistik 4.0. Allem und jedem – so scheint es – wird mehr oder weniger willkürlich die bekannte Ziffernfolge '4.0' hinzugefügt. Mithin kann sich der Eindruck eines inflationären Gebrauchs des populären Zahlenkürzels aufdrängen. Wortschöpfungen wie Joghurt 4.0 oder Fischstäbchen 4.0 scheinen nicht mehr ausgeschlossen zu sein.

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Die Energiebranche am Beginn der digitalen Transformation: aus Versorgern werden Utilities 4.0

Die traditionelle Energieversorgung befindet sich in einer Zäsur. Das seit Jahrzehnten bewährte und stabile Geschäftsmodell einer zuverlässig planbaren, zentralen Energieerzeugung mit anschließender unidirektionaler Verteilung geriet spätestens seit der Energiewende des Jahres 2011 immer mehr unter Druck. 


Inzwischen ist das plakative Zahlenkürzel auch in der Energiewirtschaft angekommen. Mit Utility 4.0 hat sich ein neuer Begriff für digitale Versorgungsunternehmen etabliert. Trotz oder gerade wegen dieser Verbreitung drängen sich zwei Fragen auf: Zum einen, ob es sich bei Utility 4.0 lediglich um einen Hype handelt, zum anderen, welcher Sinn sich hinter der Ziffernfolge '4.0' verbirgt. Eine kurze Einordnung des Begriffes bietet Orientierung.

Industrie 4.0 steht Pate


Bei Utility 4.0 handelt es sich um einen Neologismus oder ein Neuwort, das ganz bewusst auf den prominenten Industrie-4.0-Begriff Bezug nimmt. Der Begriff Industrie 4.0 wurde auf der Hannover Messe 2011 erstmals vorgestellt. Ursprünglich reiner Marketingbegriff für ein "Zukunftsprojekt" der deutschen Bundesregierung, findet dieser inzwischen dank seiner strategischen Bedeutung auch in der Wissenschaftskommunikation breite Verwendung. Industrie 4.0 steht für die vierte industrielle Revolution nach Mechanisierung (Industrie 1.0), Fließbandproduktion samt Elektrifizierung (Industrie 2.0) und Automatisierung (Industrie 3.0). Bei Industrie 4.0 wird die Produktion eng mit der Informations- und Kommunikationstechnik verzahnt. Mit den vier Zahlenkürzeln wird somit direkt auf die vier definierten Epochen der industriellen Entwicklung rekurriert. Diesen Entwicklungsstufen ähnlich hat auch die Energiebranche in den vergangenen 150 Jahren vier ähnliche Phasen durchlebt.

Mehr als Hype oder Worthülse

Mit dem Utility-4.0-Begriff wird die in der produzierenden Wirtschaft breit geführte Diskussion um die Digitalisierung als vierte industrielle Revolution aufgegriffen und in den energiewirtschaftlichen Kontext übertragen. Aber nicht allein die Analogie zur Digitalisierung in der Industrie stand bei der Utility 4.0 Pate. Auch die Nummerierung selbst folgt einer definierten Logik. Ähnlich der standardisierten Bezeichnung für Software-Updates, bei denen die Ziffer vor dem Komma für große Versionssprünge steht, deuten die Ziffern im Falle der Transformation vom Versorgungswerk zum digitalen Energieunternehmen moderner Prägung auf vier epochale Entwicklungssprünge hin.


Der Energiesektor hat seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drei Perioden durchlaufen und steht mittlerweile am Beginn seiner bislang letzten, vierten Phase. Alles begann mit Energieverteilungsunternehmen (Utilities 1.0), die Elektrizität über weite Strecken zu den Verbrauchern transportierten. Mit der in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts einsetzenden Liberalisierung erfolgte eine Trennung von Netzen und Energievertrieb. Es entstanden die klassischen Energieversorgungsunternehmen (Utilities 2.0). Seit etwa 2011 begannen Versorger, ihren Kunden nicht mehr ausschließlich Energie, sondern als Energiedienstleistungsunternehmen (Utilities 3.0) umfassende Services zu verkaufen. Heute steht der Energiesektor am Beginn der digitalen Transformation, bei der Energiemarkt und Informationstechnologie miteinander verschmelzen. Perspektivisch entstehen dabei digitale Energiedienstleistungsunternehmen (Utilities 4.0), deren Leistungsangebote vernetzt, flexibel, digital und dienstleistungsorientiert sind.

Aus Industrie 4.0 hervorgegangen, konnte sich Utility 4.0 inzwischen als prägnanter Begriff für den Übergang von der analogen zur digitalen Energiewirtschaft durchsetzen. Utility 4.0 ist damit deutlich mehr als eine beliebige Worthülse.

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