"Energieversorger wollen Echtzeitdaten zur Risikominimierung"
- 16.10.2024
- Energiebereitstellung
- Interview
- Online-Artikel
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Unternehmen sind mit der Energiewende häufig überfordert und müssen diese neben dem Tagesgeschäft bewältigen. Wie genau dabei die Software ecoplanet helfen kann, erklärt Gründer und Entwickler Henry Keppler.
Gründer und Entwickler Henry Keppler will mit seiner Software ecoplanet ein ganzheitliches Energiemanagement bieten.
EcoPlanet Green Operations GmbH
Dessen Software will ein ganzheitliches Energiemanagement bieten: Energieverbrauch optimieren, Energie schlau einkaufen und Gesetzesanforderungen erfüllen, einschließlich ISO 50001 Zertifizierung.
Springerprofessional.de: Was unterscheidet Ihr System von anderen ähnlichen EMS?
Henry Keppler: Der Knackpunkt bei unseren Kunden liegt darin, dass sie viele Standorte betreiben oder am Standort einen hohen Energieverbrauch aufweisen. Als Betreiber oder Eigentümer der entsprechenden Immobilien benötigen sie energiebezogene Daten. Unsere Software bietet hier erhebliche Synergien, da sie unterschiedlichen Anspruchsgruppen energierelevanter Daten bereitstellt.
Der entscheidende Vorteil unserer Software liegt in der effizienten Verwaltung vieler Standorte. Bei Kunden mit über 200 Standorten ist es oft schwierig, den Überblick zu behalten und festzustellen, welche Standorte besondere Aufmerksamkeit erfordern. Wir haben Verträge mit den meisten der 850 Netzbetreiber in Deutschland, so dass wir täglich auf Verbrauchsdaten zugreifen können. Unsere Software stellt diese Daten übersichtlich dar und ermöglicht Vergleiche zwischen Standorten. Mithilfe unserer KI wird erkannt, welche Standorte schlechter werden oder im Vergleich zu ähnlichen Standorten auffällig sind.
Kann das auch für flexible Tarife hilfreich sein?
Ja, durch die Nutzung granularer Daten können flexible Tarife strukturiert werden. Wir erstellen für unsere Kunden individuell und softwarebasiert u.a. ein Stromportfolio, das aus klassischen Terminmarkt-Produkten und flexiblen Komponenten besteht. So können sie von täglichen Schwankungen im Strommarkt profitieren. Etwa die Hälfte unserer Kunden nutzt bereits flexible Tarife. Energieversorger interessieren sich zunehmend für diese Echtzeitdaten, da sie ihre Risiken für Ausgleichsenergie reduzieren können. Wir sehen erste Schritte in diese Richtung, aber es braucht noch Zeit, bis dies flächendeckend etabliert ist.
Welche Installationen sind auf der Hardwareseite beim Kunden notwendig?
Wir können den Hauptverbrauch ohne Hardware anbinden. Wenn es um die Anbindung einzelner Maschinen oder weiterer Energieträger geht, fehlen oft digitale Messstellen. Hier bieten wir kostengünstige, kabellose Messeinrichtungen an, die der Betriebselektriker selbst installieren kann. Diese Geräte funktionieren über LoRaWAN, senden Daten ans Gateway, und von dort in die Cloud. So können Sie einfach weitere Messungen hinzufügen und Ihr Energiemanagement sukzessive erweitern.
Falls Bestandszähler vorhanden sind, können wir diese mit Klappwandlern oder Impulsschnittstellen aufrüsten. Dadurch erhalten Sie mehr Einblicke in Ihr gesamtes Netzwerk, das dann über Modbus oder TCP/IP an unsere Cloud angebunden wird. So werden auf einen Schlag 20 bis 30 Messpunkte mehr in der Software sichtbar.
Wie tief gehen Sie in die Datenerfassung?
Das ist schwer pauschal zu beantworten. Wichtig ist, dass man die relevanten Verbraucher identifiziert. Es macht wenig Sinn, jedes kleine Gerät in einem Bürogebäude zu überwachen. Man sollte sich eher auf die großen Energieverbraucher konzentrieren. Bei Bürogebäuden oder Altersheimen, die per Definition Wohngebäude sind, empfehlen wir die Anbindung der Gebäudeleittechnik. Lüftungsanlagen, Heizsysteme, Küchen und Waschküchen sind typische Bereiche, bei denen eine Überwachung sinnvoll ist.
Für Büro- oder Wohngebäude ist es wichtig, alle Energieträger zu berücksichtigen. Dazu gehören Gas, Fernwärme und Wasser sowie etwaige Erzeugungsanlagen wie BHKW oder Photovoltaikanlagen. Diese sollten separat gemessen werden, da sie den Gesamtverbrauchsbericht ansonsten verzerren.
Ist das System auf alle Energiearten sowie Prozessdampf und Wasser übertragbar, etwa bei Industrie- und Gewerbekunden?
Grundsätzlich können wir alles messen, was Energie verbraucht. Wir haben häufig Druckluft mit in unsere Messungen einbezogen, da sie in Industriebetrieben der teuerste Energieträger ist. Bei der Kälteerzeugung messen wir den Stromverbrauch der Kältemaschine. Grundsätzlich wäre es auch möglich, den gesamten Kälteverbrauch zu messen.
Wie sehen die Einsparpotenziale inklusive Return of Invest aus?
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Böblingen betreibt mehrere Altersheime und konnte durch eine optimierte Beschaffungsstrategie Einsparungen von 17 % erreichen – und das über alle Standorte hinweg. Ein Industrieunternehmen hat durch unsere Software festgestellt, dass der Energieverbrauch am Wochenende und nachts unnötig hoch war. Sie konnten durch Optimierungen in der Gebäudeleittechnik und der Druckluftsysteme den Verbrauch um 10 % senken.
Ein weiteres Thema ist das Lastmanagement. Spitzenlasten können bis zu 20 % der Energiekosten ausmachen. Eine Gießerei in NRW konnte ihre Spitzenlast von 500 auf 400 kW reduzieren und somit 20.000 € einsparen. Ein anderer Kunde nutzt unsere Software zur Optimierung der Laufzeiten der CNC-Maschinen, um von günstigen Spotmarktpreisen zu profitieren. Durch die Anpassung der Maschinenzeiten an flexible Tarife und günstige Stromzeiten konnten sie ihre Energiekosten um 10 % senken.
Wie gelingt es Ihnen, die verschiedenen Standorte von Filialisten zusammenzufassen?
Entsprechend der ISO 50001 Norm wird bei Nutzung unserer Software eine Energieeffizienzkennzahl festgelegt, die je nach Anwendungsfall unterschiedlich sein kann – bei Filialisten etwa die Fläche oder bei Altersheimen die Anzahl der Bewohnernächte. Diese Kennzahlen helfen, die Energieeffizienz über verschiedene Standorte hinweg vergleichbar zu machen. Wir bilden Cluster, um ähnliche Standorte zu vergleichen – etwa modernere Filialen mit ähnlichen Erzeugungsanlagen. Wichtiger als der relative Vergleich ist jedoch der Vergleich über die Zeit. Wenn wir einen neuen Standort anschließen, integrieren wir Daten der letzten zwei bis drei Jahre, um unsere KI zu trainieren und Verbrauchsmuster sowie Trends zu verstehen. So können wir den Standort überwachen und sicherstellen, dass er sich kontinuierlich verbessert und die ISO 50001 Anforderungen erfüllt.
Wie sehen hier die ROI in der Praxis aus?
Unser Return on Investment liegt meistens bei etwa drei Monaten, oft sogar darunter. Das liegt auch daran, dass wir keine Hardware vor Ort benötigen. Andere Anbieter müssen für Installation und Messtechnik vor Ort sein, was allein schon mit der Anfahrt hohe Kosten verursacht. Bei uns hingegen liegen die Kosten je nach Standortgröße pro Standort zwischen 100 und 200 Euro pro Jahr, die Nutzung der Software ist also sehr kosteneffizient.
Ein Praxisbeispiel ist Alloheim Seniorenresidenzen, der größte Altersheim-Betreiber Deutschlands, der bereits unsere Software nutzt. Das ecoplanet-Cockpit bietet hier langfristige Preisstabilität, indem es attraktive Energiepreise über mehrere Jahre hinweg sichert. Eine Bäckereikette mit gut 200 Standorten konnte Einsparungen im Bereich Beschaffung und Energiemanagement von 430.000 € verzeichnen und die Energieeffizienz erheblich steigern. Das führte zu einer jährlichen Einsparung von 2,3 MW oder 400 bis 500 MWh. Zusätzlich wurde eine Reduktion der Kosten pro kWh um 1,5 Cent erreicht.