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06.06.2024 | Energiewende | Schwerpunkt | Online-Artikel

Dänemark taugt nur bedingt als Wärmewende-Vorbild

verfasst von: Frank Urbansky

5 Min. Lesedauer

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Unser nördlicher Nachbar gilt mit einem Anteil von zwei Dritteln erneuerbarer Energien im Wärmemarkt als großes Vorbild. Doch Dänemark hat sich seit den 70er Jahren anders entwickelt als Deutschland. Dieser Vorsprung ist nicht einfach aufzuholen.

Dänemark bezieht heute fast zwei Drittel seiner Heizenergie aus erneuerbaren Quellen, in Deutschland sind es knapp 14 %. Ein Grund: Dänemark hat auf die Ölkrise der 70er Jahre grundlegend anders reagiert als das damalige Westdeutschland. Vor 50 Jahren waren unsere nördlichen Nachbarn neben Japan die energieimportabhängigsten Länder der Welt. Beide Länder importierten zu 100 % vor allem Heizöl für die Energieerzeugung bis hin zur Elektrizität.

Das Land diversifizierte dann seine Versorgung und baute auch in mittleren Gemeinden Fernwärmenetze auf, die damals noch mit Importkohle betrieben wurden. Einen ähnlichen Weg ging die DDR, die ebenfalls Wärmenetze aufbaute und mit heimischer Braunkohle heizte.

Westdeutschland hingegen war und ist stark von Industrieimporten abhängig – und die benötigen massenhaft günstige Energie. Gefunden wurde diese in der damaligen Sowjetunion und vor allem in Westsibirien, wo die dortigen Erdgasvorkommen noch unerschlossen waren und mit deutscher Hilfe gefördert wurden.

Erdgas dominiert weiter in Deutschland

Das war damals sicherlich die richtige Entscheidung. Doch 50 Jahre später ist die Lage eine andere. Heute dominiert Erdgas die Wärmebereitstellung in den Haushalten zu 50 % und die Prozessenergie zu 45 %. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine wurden die Bezüge binnen anderthalb Jahren komplett umgestellt: von Russland (ehemals 50 %) hin zu Norwegen,  den USA und den Niederlanden, die nun nahezu 90 % des heimischen Bedarfs abdecken.

Ein Ende der Dominanz von Erdgas ist nicht in Sicht. Wasserstoff ist aufgrund der höheren Kosten keine echte Alternative in einem sozial konnotierten Markt wie dem Wärmemarkt.

Dänemark hingegen hat seine Fernwärmenetze sukzessive von Braunkohle auf erneuerbare Energien umgestellt, vor allem auf Biomasse (die zu zwei Dritteln importiert wird) und Biogas (bei 17 Millionen Schweinen eine sichere und massenhaft zur Verfügung stehende Quelle).

Auch große Solarthermieanlagen mit sehr großen Kesseln, die Jahreslasten verschieben können, spielten eine Rolle. In den letzten Jahren hat aber auch in Dänemark eine Umorientierung stattgefunden. Jetzt stehen große Wärmepumpen im Mittelpunkt, die mit dem reichlich vorhandenen Windstrom vor den Küsten des Zwei-Meeres-Landes betrieben werden können. Bis 2030 will das Land so im Wärmemarkt klimaneutral werden.

Staatliche und private Akteure, darunter die Partnerschaft State of Green und die Danish Energy Agency, spielen bei dieser Transformation eine wichtige Rolle. Und: Anders als in Deutschland gibt es in Dänemark einen gesamtgesellschaftlichen Konsens, der diese Transformation trägt. Die überwiegende Mehrheit der Dänen ist davon überzeugt, dass dieser Weg der richtige ist. Und auch bei den letzten Parlamentswahlen 2022 war das Thema Umwelt nach wie vor die Nummer 1.

Das schlägt sich auch in einer Reihe aktueller Projekte nieder.

Abwärme von Facebook und aus Abwasser

Fjernvarme Fyn, ansässig in Odense, zählt mit 320 Angestellten zu den drei größten Fernwärmeversorgern des Landes. Es stellt nicht nur Wärme und Strom bereit, sondern ist auch in der Müllverbrennung tätig und beliefert mehr als 100.000 Haushalte. Bis zum Jahr 2030 strebt das Unternehmen an, seine Energieversorgung vollständig klimaneutral zu gestalten. Dieses Ziel soll durch den Einsatz von Biogas und von Technologien zur CO2-Abscheidung erreicht werden.

Zudem nutzt Fjernvarme Fyn die Abwärme eines Rechenzentrums von Facebook sowie von eigenen Hochleistungs-Wärmepumpen, die Wärme aus den firmeneigenen Abwasserbehandlungsanlagen nutzen. Diese Maßnahmen ermöglichen die Produktion von jährlich 160.000 Megawattstunden (MWh) Wärme, die etwa 11.000 Haushalte versorgen können.

Weltgrößte CO2-Wärmepumpe

In Esbjerg im südlichen Teil Dänemarks wird derzeit die von DIN Forsyning entwickelte weltweit größte CO2-Wärmepumpenanlage durch MAN ETES installiert. Für die Umsetzung wurden Investitionen in Höhe von 250 Millionen Euro getätigt. Ab Mitte 2024 wird die Anlage in der Lage sein, etwa 25.000 Haushalte mit klimaneutraler Fernwärme zu versorgen und jährlich bis zu 235.000 MWh Wärme für ungefähr 100.000 Menschen bereitzustellen. Diese innovative Anlage gewinnt erneuerbare Energie aus lokalen Windparks und nutzt Meerwasser als Quelle für die Wärmegewinnung, wodurch ein zur Stilllegung vorgesehenes Kohlekraftwerk ersetzt wird.

Die Anlage setzt sich aus zwei Wärmepumpen mit je 30 MW Leistung zusammen. Dabei wird CO2 aufgrund seiner Umweltfreundlichkeit als Kühlmittel eingesetzt. Die Kompressoren funktionieren ohne Öl, da ihre Hauptkomponenten magnetisch gelagert sind und somit schweben. Die Anlage kann schnell hochgefahren werden und verwendet Titan-Wärmetauscher, um das Seewasser auf bis zu 90 Grad Celsius zu erhitzen. Die Nutzung der Großwärmepumpen ist besonders bei niedrigen Strompreisen vorgesehen, um die Effizienz und Nachhaltigkeit der Wärmeversorgung weiter zu steigern.

Sønderborg bis 2029 klimaneutral

Seit 2007 verfolgt Sønderborg in der Nähe der deutschen Grenze mit ProjectZero das Ziel, bis zum Jahr 2029 eine klimaneutrale Gemeinde zu werden. Dieses Vorhaben wird durch eine Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Partnern vorangetrieben. Die Strategie umfasst vorrangig Maßnahmen zur Energieeinsparung, den Einsatz erneuerbarer Energiequellen wie Überschusswärme und die Schaffung grüner Arbeitsplätze.

Bis zum Ende des Jahres 2020 konnte Sønderborg seine CO2-Emissionen bereits um nahezu 55 % senken. Dank dieser Erfolge gilt das Projekt als Vorzeigemodell für nachhaltige Energielösungen und Klimaschutzmaßnahmen auf der ganzen Welt. Aus diesem Grund wählte die Internationale Energieagentur (IEA) Sønderborg als Austragungsort für ihre jährliche Globale Konferenz zur Energieeffizienz aus, die im Juni 2022 stattfand.

Keine Übertragung möglich

Eine direkte Übertragung des dänischen Modells auf Deutschland ist aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht möglich. Auch wenn es hierzulande mit dem Gesetz zur kommunalen Wärmeplanung und Dekarbonisierung (KWPG) inzwischen ein Gesetz gibt, das den dänischen Weg nachahmt, lässt sich der Vorsprung von 50 Jahren Erfahrung bis zur angestrebten Klimaneutralität 2045 wohl kaum aufholen.

Die finanziellen Verwerfungen im Wärmemarkt wären immens, denn hier müssten nach einer Schätzung des Deutschen Städte- und Gemeindebundes rund 100 Milliarden Euro investiert werden. Und diese Kosten müssten die Verbraucher, also die Wärmekunden, tragen.

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