Skip to main content
main-content

08.10.2018 | Energiewende | Interview | Onlineartikel

"Digitalisierung ist der Kitt für die Energiewende"

Autor:
Nico Andritschke

Die Ergebnisse der AEE-Metaanalyse "Die Digitalisierung der Energiewende" liegen vor. Das Fazit von Nils Boenigk zeigt, Digitalisierung und Energiewende gehören zusammen und es braucht mehr Forschung.


Springer Professional: Wie repräsentativ ist die Analyse und welche Erkenntnisse konnten Sie ableiten?

Nils Boenigk: Die AEE hat 37 Publikationen aus einem sehr breiten Spektrum ausgewertet, von Forschungseinrichtungen über Umweltverbände bis zu Unternehmensberatungen. Dabei ist uns aufgefallen, dass der Forschungsbedarf zur Digitalisierung in der Energiewirtschaft noch sehr hoch ist. Zu vielen Fragestellungen gibt es bislang nur wenige quantitative Aussagen oder datenbasierte Szenarien. Eine zentrale Erkenntnis der Analyse ist aber eindeutig, dass Energiewende und Digitalisierung untrennbar miteinander verbunden sind: Nur mit digitaler Technik lässt sich das immer kleinteiliger, dezentraler und dynamischer werdende Energiesystem beherrschen. Digitalisierung ist der Kitt, der alle Bausteine der Energiewende zusammenhält. Gleichzeitig lässt sich der Stromverbrauch intelligenter Geräte und der dafür notwendigen Rechenleistung nur mit Erneuerbaren Energien klimaverträglich decken.

Empfehlung der Redaktion

2017 | OriginalPaper | Buchkapitel

Quantensprung Digitalisierung – Energiewirtschaft im 21. Jahrhundert

Die Energiewende wird ohne eine umfassende Digitalisierung der Energiewirtschaft Stückwerk bleiben. Die historisch gewachsene, aus hunderten fossilen Großkraftwerken getriebene Energieversorgung hat sich durch den Zubau von mehr als einer Millionen dezentraler Erzeugungseinheiten innerhalb der vergangenen 15 Jahren radikal verändert. 

Die Studie verdeutlicht, in Sachen Digitalisierung hängt die Energiewirtschaft anderen Wirtschaftsbereichen weit hinterher. Wo stehen wir und wo müssten wir stehen, um die Energiewende erfolgreich voranzutreiben?

Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind noch nicht darauf ausgerichtet, die schon heute bestehenden Möglichkeiten der Digitalisierung etwa zur Flexibilisierung des Energiesystems vollumfänglich zu nutzen. So bietet digitale Datenverarbeitung schon heute die Möglichkeit, eine Vielzahl an dezentralen Erneuerbare-Energien-Anlagen, Speichern und flexiblen Stromverbrauchern zu einem "virtuellen Kraftwerk" zu bündeln. Diese können die gleiche Funktion im Energiemarkt übernehmen wie konventionelle Kraftwerke, nämlich stets ausreichend Strom für alle erforderlichen Anwendungen zu liefern. Dafür müssten aber die Strompreisbestandteile dynamisch gestaltet werden, Flexibilität muss einen Marktwert bekommen. Und das ist Aufgabe politischer Gestaltung. Die Forderung aller politischen Lager nach mehr Digitalisierung bleibt im Energiebereich wohlfeil, solange die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür nicht geschaffen werden.

Welches Potenzial sieht die Wissenschaft durch die Digitalisierung für die Energiebranche? Welche Chancen würden sich für Stromproduzenten, -händler und -verbraucher ergeben?

Der Studienvergleich zeigt, dass die Digitalisierung auf allen Stufen der energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette Chancen bietet – also von der Energieerzeugung über den Handel bis zum Verbrauch. Durch sie können viele kleine und bisher passive Teilnehmer zu Akteuren am Energiemarkt werden. Auf Erzeugungsseite können kleine, dezentrale Anlagen ihre Energie und Flexibilität besser vermarkten, wenn sie sich über eine digitale Leitzentrale zusammenschließen. Im Stromhandel schaffen digitale Technologien wie Blockchain die Möglichkeit für Mikrotransaktionen und für einen Stromhandel in Echtzeit. Das heißt, es könnte sich beispielsweise für den Besitzer einer Photovoltaikanlage lohnen, den erzeugten Strom selbst an wechselnde Kunden zu verkaufen, je nach Wetterlage und Strombedarf. Vorteile dabei wären, dass netzdienliches Verhalten belohnt und die Herkunft des Ökostroms nachvollziehbarer wird. Auf Verbraucherseite besteht ein erhebliches Flexibilisierungspotenzial durch intelligentes Verbrauchsmanagement. Dieses wird für die Zukunft, vor allem durch den Ausbau von Wärmepumpen und Elektroautos, auf bis zu 80 Gigawatt geschätzt. Das Verbrauchsverhalten in den privaten Haushalten könnte durch digitale Technik auf das aktuelle Angebot aus Wind und Sonne abgestimmt werden. Feldtests haben gezeigt, dass private Verbraucher durchaus dazu bereit sind durch eine intelligente Steuerung ihrer elektronischen Geräte und der Heizung zur Energiewende beizutragen. Dafür müssen aber flexible Preise Anreize setzen. Noch lohnt sich das für die Verbraucher jedoch nicht. Auch hier ist die Politik am Zuge, Regeln für diesen Markt aufzustellen. Die Technik steht schon längst parat. 

Ist die Energiebranche in ihrem Handeln zu passiv? Was sind die Stolpersteine der Digitalisierung und wie können sie aus dem Weg geräumt werden?

Die Erneuerbare-Energien-Branche begreift die Digitalisierung als Chance und Notwendigkeit. Sie arbeitet deshalb mit Nachdruck an innovativen Lösungen, um die Erneuerbaren Energien besser ins Netz zu integrieren sowie Stromerzeugung und -verbrauch zusammenzubringen – siehe zum Beispiel in den SINTEG-Regionen. Virtuelle Kraftwerke zeigen, dass die Erneuerbaren Energien mithilfe der Digitalisierung schon heute Systemverantwortung übernehmen können. 

Eine besondere Herausforderung wird sein, den Zielkonflikt zwischen Datenschutz und dem Datenhunger eines intelligenten Energiesystems zu moderieren. Außerdem steckt hinter den digitalen Anwendungen eine Infrastruktur aus Kommunikationsnetzen und Rechenzentren, deren Energieverbrauch den Bedarf der Endgeräte heute schon übersteigt. Die Rechenleistung sollte deshalb nicht in Länder mit geringen Umweltstandards ausgelagert werden, wo der Strombedarf durch Kohleverbrennung gedeckt wird. Rechenzentren müssen ihre Effizienz stetig steigern und mit Ökostrom versorgt werden.

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt

Das könnte Sie auch interessieren

BranchenIndex Online

Die B2B-Firmensuche für Industrie und Wirtschaft: Kostenfrei in Firmenprofilen nach Lieferanten, Herstellern, Dienstleistern und Händlern recherchieren.

Whitepaper

- ANZEIGE -

Systemische Notwendigkeit zur Weiterentwicklung von Hybridnetzen

Die Entwicklung des mitteleuropäischen Energiesystems und insbesondere die Weiterentwicklung der Energieinfrastruktur sind konfrontiert mit einer stetig steigenden Diversität an Herausforderungen, aber auch mit einer zunehmenden Komplexität in den Lösungsoptionen. Vor diesem Hintergrund steht die Weiterentwicklung von Hybridnetzen symbolisch für das ganze sich in einer Umbruchsphase befindliche Energiesystem: denn der Notwendigkeit einer Schaffung und Bildung der Hybridnetze aus systemischer und volkswirtschaftlicher Perspektive steht sozusagen eine Komplexitätsfalle gegenüber, mit der die Branche in der Vergangenheit in dieser Intensität nicht konfrontiert war. Jetzt gratis downloaden!

Bildnachweise