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13.09.2018 | Energiewende | Im Fokus | Onlineartikel

Zweifamilienhaus ist seit 30 Jahren unabhängig vom Stromnetz

Autor:
Julia Ehl

Ein Wohn-Bürohaus in Lörrach führt seit 30 Jahren vor, was heute viel diskutiert wird: Eine zuverlässige, dezentrale und flexible Energieversorgung ohne den Anschluss an das örtliche Stromnetz.

Vor 30 Jahren wurden die Ideen von Familie Delzer in Lörrach-Haagen sicherlich teilweise belächelt. Heute werden dezentrale Lösungen zur Energieversorgung häufig als Baustein für das Gelingen der Energiewende hervorgehoben und das Handeln jedes Einzelnen als wichtig betont. Jürgen Staab schreibt in seinem Buchkapitel Zukunftsszenarien der dezentralen Energieversorgung, Ausblick: Auf dem Weg zur Postwachstumsökonomie auf Seite 241: "Jeder Einzelne hat es in der Hand, etwa bei sich selbst und im eigenen Umfeld Änderungen herbeizuführen. Große Herausforderungen sind in Zukunft zu bewältigen. Globales Denken ist notwendig aber lokales Handeln von jedem Einzelnen unabdingbar."

Empfehlung der Redaktion

2018 | OriginalPaper | Buchkapitel

Zukunftsszenarien der dezentralen Energieversorgung, Ausblick: Auf dem Weg zur Postwachstumsökonomie

Wie bereits in der Einleitung in Abschn. 1.3 beschrieben, werden sich in Deutschland in Zukunft dezentrale Strukturen der Energieversorgung herausbilden. Von Haushaltsgröße bis zu industriellen Anwendungen wird das Spektrum der Erneuerbaren Techniken reichen.


Familie Delzer hat bereits lokal gehandelt. Als der Bau des Eigenheims anstand, plante der Hausherr, Siegfried Delzer, Diplom-Ingenieur der technischen Kybernetik, selbst und entwickelte dazu ein Computerprogramm, dass das Gebäude dynamisch simulierte. So konnten die Temperaturverläufe im Haus, die Wärmeverluste und die Heizung sowie der Gesamtenergieverbrauch wirklichkeitsnah simuliert und sich daraus ergebende Optimierungen durchgeführt werden. Die Software wurde zu DK Integral weiterentwickelt und diente jüngst als Grundlage für die Entwicklung zweier Bauprojekte in Freiburg, die ebenfalls ohne Anschluss an das Stromnetz geplant wurden.

Technische Umsetzung des Inselbetriebs

Zentraler Bestandteil ist ein neun Meter hoher Energieschacht im Zentrum des Wohn- und Bürohauses, in dem ein Luft-Wasser-Wärmetauscher verbaut ist. Über diesen wird die Heizenergie umgeschlagen. Die Wärme stammt meist aus den Kastenfenstern, die als Luftkollektoren fungieren. Häufig heizt der Luftkollektor auch die Wohnräume direkt.

Darüber hinaus durchzieht ein weitflächiges, geschlossenes System von Hohlräumen Böden und Wände. Diese hypokaustenartige Hüllfächenheizung wird mit Luft von 25 bis 30 Grad Celsius aus dem Energieschacht gespeist. Die Flächenheizung erlaubt niedrige Raumtemperaturen und damit geringe Transmissionswärmeverluste. Wenn dieses Heizsystem nicht mehr ausreicht um eine behagliche Raumtemperatur zu erzeugen, ergänzt der zentral im Wohnbereich angeordnete Kachelofen das Heizungssystem. Zusätzliches Heizen ist nach Aussage der Bewohner erst nach einigen sehr kalten und gleichzeitig sonnenarmen Tagen notwendig.

Der Strombedarf des Zweifamilienhauses wird zu 90 Prozent durch eine Photovoltaikanlage gedeckt, die senkrecht in die Fassade integriert ist. Die Module liegen somit auch im Winter immer frei und erzielen einen rund doppelt so hohen Ertrag wie leicht geneigte Anlagen. Bei Stromüberschuss wird eine 24 Volt Gabelstaplerbatterie geladen. Die fehlenden 10 Prozent des Strombedarfs werden durch einen Dieselmotor als Teil einer Kraft-Wärme-Kopplungsanlage (KWK) bereitgestellt. Familie Delzer berichtet in Abhängigkeit von der Sonneneinstrahlung über eine Nutzungsdauer der KWK-Anlage von 50 bis 100 Stunden pro Jahr.

Bei der Planung wurde auf konventionelle Materialien und einfache technische Komponenten mit langen Nutzungszeiten geachtet, die bei Bedarf durch Neuentwicklungen ersetzt werden können. So soll das Haus nun vom Niedrigenergiehaus im Inselbetrieb über ein 100 Prozent Regenerativhaus zu einem Nullenergiehaus weiterentwickelt werden.

Die ganzheitliche Sanierung

Stefan Oehler stellt in seinem Buchkapitel Das Konzept der ganzheitlichen Sanierung ab Seite 107 einen Sanierungsfahrplan vor, um ein emissionsfreies Gebäude zu erreichen. Er betont ausdrücklich: "Der Sanierungsfahrplan ist kein aufgeblasener Leistungsnachweis aus der Sicht des Energieberaters, sondern eine übersichtliche Entscheidungsvorlage für den Bauherrn. Wenn er nicht verstanden wird, nützt der beste Bericht nichts.", und zeigt einen in der Praxis bewährten Aufbau.

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