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Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einführende Überlegungen

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Einleitung

2002 erschien der Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“, der mit seinen Analysen und Handlungsempfehlungen eine neue Phase bürgergesellschaftlicher Reformpolitik einläutete. Dies jedenfalls war Anspruch und Ziel der Kommission. Die von ihr entwickelten Perspektiven für staatliches Handeln, zivilgesellschaftliche Akteure und Wirtschaftsunternehmen wiesen in Richtung eines „neuen Gesellschaftsvertrages“, der Basis einer veränderten Verantwortungsteilung, einer Stärkung von Selbstorganisation, Mitbestimmung und Mitgestaltung der Bürgerinnen und Bürger sowie einer Demokratisierung der Institutionen sein sollte. Sieben Jahre danach gibt es Anlass für eine Bilanz des „Projektes Bürgergesellschaft“ und des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland, für eine Reflektionen des bisher Erreichten und die Identifizierung anstehender Aufgaben. Hat sich die Idee der Bürgergesellschaft Geltung verschaffen können? Haben bürgerschaftliches Engagement und Partizipation Eingang gefunden in politisches Handeln, sodass es angemessen ist, von einer eigenständigen „Engagementpolitik“ zu sprechen?
Birger Hartnuß, Ansgar Klein, Thomas Olk

Engagementpolitik als Politikfeld: Entwicklungserfordernisse und Perspektiven

Im Jahre 2002 erschien der Bericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“. In diesem Bericht wird nicht nur eine Bestandaufnahme des bürgerschaftlichen Engagement in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereich vorgelegt, sondern vor allem auch eine engagementpolitische Agenda entworfen, die Zivilgesellschaft und bürgerschaftliches Engagement als ein umfassendes Konzept zur Reform der bundesdeutschen Gesellschaft und ihres Institutionensystems entwirft. Danach ist die Stärkung von Zivilgesellschaft und bürgerschaftlichem Engagement mehr als eine eingeschränkte Ressortpolitik, die die Rahmenbedingungen für das Ehrenamt verbessern hilft. Vielmehr geht es um eine ganzheitliche, „holistische“ Variante von zivilgesellschaftlicher Reformpolitik, die sich sowohl auf die einzelnen Bürger als auch auf die politische Kultur und das Staatsverständnis bezieht. Es geht um einen Entwurf von Gesellschaft, in der die Bürgerinnen und Bürger über erweiterte Einfluss- und Handlungsmöglichkeiten im öffentlichem Raum verfügen, in der eine beteiligungsorientierte politische Kultur dominiert, in der das sozialstaatliche Institutionensystem ein breites Spektrum von Beteiligungs- und Mitwirkungschancen eröffnet und der Staat sich als ein Engagement und Partizipation ermöglichender Akteur versteht.
Ansgar Klein, Thomas Olk, Birger Hartnuß

Zeitgeschichtliche Zugänge, ideengeschichtliche Bezüge und Leitbilder der Engagementpolitik

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Zivilgesellschaftliches Engagement des Bürgertums vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik

Gegenstand dieses Beitrages ist eine empirische Skizze des zivilgesellschaftlichen Engagements bürgerlicher Akteure im Zeitraum vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Weimarer Republik. Wir fragen nach ihren jeweiligen Zielen, Leitbildern und ordnungspolitischen Vorstellungen, ihren Handlungs- und Organisationsformen sowie den wichtigsten Tätigkeitsbereichen. Eine angemessene Erfassung, d.h. eine exakte Eingrenzung sowie eine empiriegesättigte Darstellung des Untersuchungsgegenstandes, erweist sich als schwierig. Zum einen vollzogen sich in diesem langen Betrachtungszeitraum grundlegende Veränderungen der Gesellschaftsformation mit entsprechend tiefgreifenden Auswirkungen auf den darzustellenden Gegenstand. Zum anderen muss der Forschungsstand als noch immer unzureichend bezeichnet werden – jedenfalls dann, wenn man eine reine Beschränkung auf Ideengeschichte nicht wünscht. Nicht zuletzt wird das Unterfangen durch ein Begriffsproblem erschwert, welches hier nicht gelöst werden kann, weil es Signatur der Sache selbst zu sein scheint. Es kann und soll an dieser Stelle nur insoweit umrissen werden, wie es für die Konzeption des Beitrags erforderlich ist.
Kirsten Aner, Peter Hammerschmidt

Bürgerschaftliches Engagement zwischen Erneuerung und Abbruch

Die Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR in vergleichender Perspektive
Das Konzept der „Engagementpolitik“ ist in der sozialwissenschaftlichen und historischen Forschung bislang noch nicht profiliert. Jedoch können empirische Untersuchungen auf die Diskussion und die vorliegenden Studien über Bürgertum und Bürgerlichkeit bezogen werden. Diese Forschungsrichtungen verbindet die Konzentration auf das freiwillige und öffentliche Engagement von Bürgern für Ziele, die nicht partikularen Interessen verpflichtet sind. Überdies basiert das wissenschaftliche Interesse für bürgerschaftliches Engagement – explizit oder implizit – auf der Überzeugung, dass die skizzierten Formen sozialen Handelns die Qualität von Gesellschaften gleichermaßen widerspiegelt und prägt. So ist in neueren Untersuchungen ein enger Nexus zwischen dem Ausmaß der individuellen Einbindung in freiwilliges Engagement und der sozialen Integration von Personen nachgewiesen worden. Das Spektrum bürgerschaftlichen Engagements umfasst dabei über ehrenamtliches Engagement hinaus Mäzenatentum, die Beteiligung an Selbsthilfegruppen und unterschiedliche Formen institutionalisierter wie informeller politischer Partizipation (Gensicke 2006: 12; Geiss 2006; Evers 2003: 153; Enquete- Kommission Deutscher Bundestag 2002).
Arnd Bauerkämper

Die Neuerfindung des Bürgers

Soziale Bewegungen und bürgerschaftliches Engagement in der Bundesrepublik
Wie das Konzept der „Bürgergesellschaft“ auch immer interpretiert wird, es impliziert die Vorstellung „dass Bürgerinnen und Bürger in größerem Maße für die Geschicke des Gemeinwesens Sorge tragen“ (Enquete-Kommission 2002: 76). Das impliziert nicht schon automatisch die weitergehende Vision „einer Gesellschaft selbstbewusster und selbstverantwortlicher Bürger, eine Gesellschaft der Selbstermächtigung und Selbstorganisation“ (ebd.), wie sie von den Mitgliedern der Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ in ihrem Abschlussbericht überraschend einvernehmlich formuliert wurde. Dass eine solche partizipative Interpretation der „Bürgergesellschaft“, die auch „öffentliche Kritik und Widerspruch, d. h. Formen der Selbstorganisation, die neu, unbequem, herausfordernd und (noch) nicht anerkannt sind“ (ebd: 74), als wesentliches Element bürgerschaftlichen Engagements begreift, Ende des 20. Jahrhunderts quer durch die etablierten politischen Parteien breite Zustimmung findet, wäre fünfzig Jahre früher kaum vorstellbar gewesen. Autoritäre, etatistische Prägungen der politischen Kultur mussten erst durch die „partizipatorische Revolution“ (Kaase 1982) der 1960er und 1970er Jahre abgeschliffen werden.
Karl-Werner Brand

Reformpolitische Leitbilder des Engagementbegriffs: Systematisch-historische Dimensionen

Die abendländische Geistesgeschichte bezeugt mannigfaltige Hilfetraditionen. Sie verdanken sich unterschiedlichen Anlässen, sozialen Entstehungskontexten sowie geisteswissenschaftlichen Wurzeln und Geisteseinstellungen. Zum einen entspringen sie der Gruppensolidarität als substanziellem Bestandteil bestimmter Religionen; sowohl die Geschichte des Judentums als auch des Christentums (vgl. Schäfer/Herrmann 2005) dokumentieren dies. Ihre phasenweise oder teils Jahrtausende lang währenden Minderheitensituationen brachten innergemeindliche Hilfetraditionen hervor, die die abendländische Kulturgeschichte wesentlich prägten. Neben diesen gruppenerhaltenden Interessen tragen diese Traditionen auch ein Potenzial der Selbstüberschreitung in sich. Obwohl die Erinnerung an die Knechtschaft in Ägypten als auch das jesuanische Verständnis der Nächstenliebe die Gruppenorientierung überschritten und immer wieder die Selbsttranszendierung anstießen, geschah das Hilfehandeln praktisch doch weithin im Horizont der Gruppensolidarität, an deren Rand der Fremde auftauchte. Gewisse Hilfeleistungen für ihn lagen nahe, da auch er aus der Perspektive eines universalen Schöpfungsglaubens heraus als ein Geschöpf angesehen wurde, das Hilfe verdient. Ein christlich begründetes inklusives, d.h. alle Menschen einschließendes Würdeverständnis entwickelte sich allerdings erst in der Neuzeit (vgl. Maaser 2001).
Wolfgang Maaser

Herausforderungen politischer Steuerung: Mitwirkung gesellschaftlicher Akteure an Entscheidungsprozessen

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Bürgerengagement und Recht

Es muss zunächst von einer auf dem Gebiet des Bürgerengagements nicht trivialen Selbstverständlichkeit die Rede sein: Die Umwelt, in der Bürgerengagement stattfindet, ist keineswegs rechtsfrei. Im Gegenteil, zahlreiche Rechtsvorschriften bestimmen direkt und indirekt das bürgerschaftliche Engagement und beeinflussen damit dessen Gestaltung und Ausübung. Die wichtigsten Rechtsgebiete, die hier zu nennen sind, sind das Steuerrecht, das Vereins- und Stiftungsrecht, das Kommunalrecht, das Haushaltsrecht in Form des Zuwendungsrechts, das Wettbewerbsrecht vom Europarecht bis hin zu berufsständisch geprägten Normen wie dem Rechtsberatungsgesetz, das zivilrechtliche Haftungsrecht sowie das Sozialrecht. Die Vorschriften auf diesen Rechtsgebieten prägen die Handlungsräume für Bürgerengagement. Auch die Akteure des Bürgerengagements werden in ihrem individuellen Status von Rechtsvorschriften wesentlich bestimmt und geprägt. Ein Teil dieser Vorschriften wirkt dabei direkt, so die Vorschriften, die sich explizit mit Bürgerengagement, meist in Form des Ehrenamtes, befassen. Ein anderer Teil der Vorschriften hat nur indirekt mit dem Bürgerengagement zu tun. Dies gilt vor allem für das Privat- und das Wirtschaftsrecht. Während bei den Rechtsnormen, die die einzelnen Akteure des Bürgerengagements in ihrem Handeln betreffen, zumindest eine Wahrnehmung einer bestimmten Erscheinungsform des bürgerschaftlichen Engagements, nämlich des Ehrenamtes, gegeben ist, ist dies anders bei den Rechtsnormen, die die Umwelt des bürgerschaftlichen Engagements beeinflussen. Teilweise wird das Bürgerengagement von diesen Rechtsnormen überhaupt nicht wahrgenommen. Teilweise sind jedoch Ansätze zu verzeichnen, die zwar nicht explizit, aber doch in der Sache mit Bürgerengagement zu tun haben.
Gerhard Igl

Von government zu governance?

Bürgergesellschaft und Engagementpolitik im Kontext neuer Formen des Regierens
In diesem Beitrag soll Engagementpolitik im Kontext neuer Formen des Regierens betrachtet werden, deren Dynamik in der Politik- und Verwaltungswissenschaft meist in der Formel „von government zu governance“ zusammengefasst wird. Diese englischen Termini sind kaum direkt übersetzbar, weil ihre Bedeutung als Unterscheidung jenseits des überkommenen Sprachgebrauchs in einem bestimmten begrifflichen Verweisungszusammenhang steht, der eben von Deutungen geprägt ist, wie sich das „Regieren“ seit ungefähr Mitte der 1980er Jahre verändert hat. Regieren kann allgemein verstanden werden als das effektive Ausrichten der politischen Willensbildung und der Entscheidungsumsetzung auf Ziele hin. Im Zusammenhang mit der Einschätzung, dass sich die Formen des Regierens verändert haben, meint nun der Begriff government Regieren durch vom politischen Zentrum ausgehende Formen direkter Kontrolle, während governance Formen der Kontextsteuerung und der indirekten Beeinflussung von sowie der Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Akteuren in einem ausdifferenzierten System politischer Arenen umfasst (vgl. Newman 2004: 71).
Michael Haus

Infrastrukturen und Anlaufstellen zur Engagementförderung in den Kommunen

Der Prozess der Ausdifferenzierung von Einrichtungen zur lokalen Engagementförderung hat sich in den letzten Jahren beschleunigt. Bereits seit Mitte der 1990er Jahre sind in den Kommunen Infrastruktureinrichtungen wie Selbsthilfekontaktstellen, Seniorenbüros und Freiwilligenagenturen für eine moderne Engagementförderung entstanden (vgl. Jakob 2005). Die Einrichtungen haben unterschiedliche Zielgruppen im Fokus. Gemeinsam ist ihnen aber die Ausrichtung auf die Förderung bürgerschaftlichen Engagements durch die Beratung und Vermittlung engagementinteressierter und engagierter Bürgerinnen und Bürger, die Beratung von Vereinen und Kommunen, innovative Projekte und eine gezielte Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit. Neben diesen eigenständigen Einrichtungen haben viele Kommunen lokale Anlaufstellen zur Engagementförderung in der Verwaltung eingerichtet, die Aktivitäten im Auftrag der Kommunen durchführen und als Ansprechpartner fungieren.
Gisela Jakob

Die engagementpolitische Rolle von Akteuren des Dritten Sektors

Die Versorgung mit Gütern, Dienstleistungen und Freizeitangeboten wird in Deutschland nicht nur von Wirtschaftsunternehmen und staatlichen Anbietern erbracht, sondern auch von einem vergleichsweise einflussreichen „Dritten Sektor“ gewährleistet. Der Ausdruck „Dritter Sektor“ ist dabei als ein Sammelbegriff für eine gesellschaftliche Sphäre bzw. ein Segment zwischen Staat und privaten gewinnorientierten Unternehmen in den 1970er Jahren geprägt worden. Bis dahin war über die Aktivitäten und Funktionsweisen der vielfältigen Organisationsformen jenseits von Markt und öffentlicher Verwaltung, die zumeist auch als „Nonprofit-Organisationen“ bezeichnet werden, wenig bekannt. Mit der Einführung der Kategorie des Dritten Sektors wurde damit nichts Neuartiges in der Gesellschaft „entdeckt“, sondern lediglich etwas bereits Vorhandenes in den Fokus der politischen Öffentlichkeit und der wissenschaftlichen Beobachtung gerückt. Und dennoch wird mit diesem makroperspektivischen Begriff eine gesellschaftliche Sphäre bezeichnet, die im Vergleich zu den Sphären des Marktes und des Staates besondere Merkmale aufweist.
Reinhard Liebig, Thomas Rauschenbach

Zivilgesellschaft, Engagement und soziale Dienste

Fragen der Bedeutung von Zivilgesellschaft für Entwicklung und Qualität sozialer Dienste zu diskutieren, bietet sich aus verschiedenen Gründen an. Ein ganz großer Teil von Engagement, dem, das dazu beiträgt, eine Gesellschaft „ziviler“ zu machen, spielt sich in verschiedenen Dienstleistungsbereichen ab – denen der Bildung und Gesundheit, der Unterstützung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen, der Pflege älterer Menschen, der Arbeitsmarktintegration und der sozialen Hilfe in spezifischen Notfällen oder Problemgebieten von Städten und Gemeinden. Diese sechs Bereiche von Diensten können (auch bei privater Trägerschaft) deshalb „sozial“ genannt werden, weil sie besonders große Bedeutung für die Gesellschaft insgesamt und nicht nur für die jeweiligen individuellen Adressaten haben. Mit Engagement und Zivilgesellschaft haben sie auch deshalb viel zu tun, weil sie persönliche Dienste sind, bei denen direkte Interaktion und Kommunikation besonders wichtig sind. Schließlich repräsentieren viele Dienste Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation, sodass Engagement hier einmal mehr eine Rolle spielt. Und insbesondere dort, wo sie dezentral organisiert sind, gibt es eine enge Verwobenheit mit der lokalen Gesellschaft, ihren communities und Machtstrukturen. All das verbindet Fragen von Zivilgesellschaft und sozialen Diensten.
Adalbert Evers

Gesellschaftliches Engagement von Unternehmen in Deutschland

Theoretische Überlegungen, empirische Befunde und engagementpolitische Perspektiven
Unternehmen sind einerseits wirtschaftliche Organisationen, deren Erfolg mit betriebswirtschaftlichen Kriterien und Verfahren zu messen ist; andererseits sind die Wirtschaft und ihre Organisationen auch eine gesellschaftliche Institution. Und Gesellschaft wiederum hat die Eigenart dynamisch zu sein, so dass die gesellschaftliche Rolle von Unternehmen Veränderungen unterliegt und regelmäßig wieder neu zu verorten ist.
Holger Backhaus-Maul, Sebastian Braun

Engagementpolitik im föderalen System der Bundesrepublik

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Und sie bewegt sich doch …

Eine Dekade der Engagementpolitik auf Bundesebene
Politik findet prinzipiell auf (mindestens) zwei Ebenen statt: einerseits auf der programmatischen Ebene – hier werden Orientierungen gegeben und Ansprüche formuliert, was erreicht werden soll; andererseits auf der Ebene der praktischen Politik – hier geht es um das, was geschieht, um wirkliche Initiativen, um verabschiedete Gesetze usw. Programm und Wirklichkeit stimmen nicht immer überein. Das gilt auch für die Engagementpolitik. Diese Diskrepanzen zwischen Programm und Wirklichkeit sind – und auch dies gilt für die Engagementpolitik – nicht immer ganz unbeabsichtigt, mitunter aber auch schlicht einer widerständigen Wirklichkeit geschuldet, die sich der politischen Absicht hartnäckig widersetzt.
Susanne Lang

Engagementpolitik auf Landesebene – Genese und Strukturierung eines Politikfeldes

Ist schon bürgerschaftliches Engagement ein „unscharfer und mehrdeutiger Begriff, der sowohl normative als auch analytische Konnotationen mit sich bringt“ (Heinze/Olk 2001: 13ff.), so wird durch das Hinzufügen des Begriffs Politik die Sache nicht einfacher. Obwohl das Begriffsfeld eine gewisse „Staatsferne“ beinhaltet, da Bürger in diesem Zusammenhang keine Herrschaftsunterworfenen oder Leistungsempfänger, sondern selbstbewusste und freie Akteure sein sollen, spielen staatliche Politiken – von der konkreten Projektförderung bis zur Setzung von Rahmenbedingungen – für das bürgerschaftliche Engagement eine wichtige Rolle. Aus der Sicht des politisch administrativen Systems hat sich hieraus ein neues Politikfeld entwickelt, das jedoch einige Besonderheiten aufweist. In diesem Kontext verwendet, meint Engagementpolitik sowohl alle staatlichen Maßnahmen und Interventionen (im Sinne von Policy) als auch politische Prozesse, die dieses Phänomen beeinflussen wollen, sowie schließlich den politischen Ordnungsrahmen, in dem sich das bürgerschaftliche Engagement ebenso vollzieht wie die darauf bezogenen Staatsaktivitäten. Innerhalb des deutschen Föderalsystems impliziert das immer auch eine Rolle der Bundesländer. Diese kann dreierlei Formen annehmen:
1
Beteiligung bei der Gesetzgebung des Bundes über den Bundesrat, aber auch informell an der Entscheidungsfindung nationaler Organe und Organisationen wie Fraktionen und Parteien (vgl. am Bsp. CDU Schmid 1990)
 
2
administrative Durchführung von Bundesgesetzen mit gewissen Spielräumen im Vollzug
 
3
eigenständige Gestaltung des Politikfeldes in Gesetzgebung und Umsetzung, was hier im Vordergrund steht.
 
Josef Schmid

Die kommunale Ebene

Kommune und lokaler Raum sind aufgrund der Erfahrungsnähe und der lebensweltlichen Rückbindung der dortigen Problemstellungen von besonderer Bedeutung für das Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Quantitativ finden gut 80 % des Engagements hier statt. Zudem sind in den Kommunen die Bedingungen für ein bereichsübergreifendes Verständnis von Engagementförderung aufgrund der geringeren Komplexität des politisch-administrativen Systems im Gegensatz zu den häufig unkoordinierten Fachpolitiken auf Bundesoder Landesebene besonders günstig. So lassen sich auf kommunaler Ebene mit dem Verwaltungsreformkonzept der Bürgerkommune bemerkenswerte Initiativen einer politikfeldübergreifenden Engagementpolitik verzeichnen. Darüber hinaus werden mit der kommunalen Ebene im Zuge der Diskussion über die kooperative Demokratie besondere Hoffnungen in Bezug auf eine stärkere Beteiligung der Bürger an der demokratischen Willensbildung verbunden. Insgesamt resultiert aus der angenommenen Nähe der Kommunen zu den Bürgern, dass eine hohe Partizipationsbereitschaft, ein stärkerer direkter Einbezug unorganisierter Bürger und eine gemeinschaftlich akzeptierte, problemnähere und effiziente Problemlösung häufig eher für möglich gehalten werden.
Jörg Bogumil, Lars Holtkamp

Engagementpolitik im europäischen Vergleich

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Engagementpolitik der EU – Flickwerk oder Strategie?

Über 100 Millionen Europäer engagieren sich in der einen oder anderen Form freiwillig, jeder Dritte ist in irgendeiner Form ehrenamtlich tätig, wie im Rahmen von Eurobarometer- Umfragen im Jahre 2005 und 2007 gezeigt werden konnte. Zwar bestehen Unterschiede zwischen den Ländern, innerhalb der Altersgruppen und bezüglich des Bildungsgrades der Engagierten. Allerdings sagen fast 80 % der Befragten in Europa aus, anderen zu helfen bzw. sich freiwillig zu engagieren sei ein wichtiger Teil ihres Lebens. (Europäische Kommission 2007a: 34, siehe Abbildung 1).
Markus Held

Zivilgesellschaft und Engagementpolitik in den neuen Mitgliedsstaaten der EU

Betrachtet man die zahlreichen aktuellen Studien zur politischen Kultur und Zivilgesellschaft in den postsozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas, so erscheint die Einschätzung durchaus plausibel, dass sich in diesen Ländern strukturschwache Zivilgesellschaften herausgebildet haben, die sich noch immer in einem Transformationsprozess befinden. Nach anfänglicher Euphorie kurz vor und nach der politischen Wende 1989/90 ist das bürgerschaftliche Engagement in freiwilligen Assoziationen jedweder Art auf dem Rückzug. Das Engagement in Vereinen, kirchlichen Organisationen, Umweltgruppen, Bürgerbewegungen, Parteien und Gewerkschaften sinkt leicht oder stagniert auf einem Niveau, das im Regionalvergleich deutlich unter dem der alten Demokratien Westeuropas, aber auch unter dem der postautoritären Demokratien Südeuropas und Lateinamerikas liegt. Dies gilt auch für die acht mittel- und osteuropäischen Länder, die im Mai 2004 der Europäischen Union beigetreten sind: Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Slowenien und die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Allerdings hat sich hier die Aussicht auf Westintegration im Sinne von Christiane Frantz (2000) als Stabilitätsanker der Demokratisierung erwiesen. Es sind liberal-demokratische Regierungssysteme entstanden, wenngleich der Konsolidierungsprozess der postsozialistischen Gesellschaften noch lange nicht abgeschlossen ist (Ismayr 2004). Gleichzeitig ist Mittel- und Osteuropa in den vergangenen Jahren auch zum Experimentierfeld innovativer Engagementpolitik avanciert. Dies gilt sowohl für Top-Down-Ansätze, etwa im Bereich des Organisations- und Steuerrechts, als auch für Bottom-Up-Strategien einheimischer Stiftungen und NGOs, die anfangs vielfach durch westliche Förderinstitutionen angestoßen worden sind.
Matthias Freise

Felder der Engagementpolitik

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Ganzheitliche Bildung in Zeiten der Globalisierung

Bürgergesellschaftliche Perspektiven für die Bildungspolitik
Trotz zahlreicher Beispiele guter Praxis steht die Debatte um eine Verknüpfung von Bürgergesellschaft und Bildungsreform erst am Anfang. Im vorliegenden Beitrag werden daher zunächst grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis von Bildung und bürgerschaftlichem Engagement angestellt. Dabei wird herausgearbeitet, welcher Stellenwert bürgerschaftlichen Kompetenzen für ein modernes Bildungsverständnis zukommt, was diese Kompetenzen ausmacht und wie sie erworben werden können. Hierbei stehen Fragen der Öffnung der Bildungseinrichtungen gegenüber dem lokalen Gemeinwesen, der Kooperation und Vernetzung sowie neue Partnerschaften etwa mit Unternehmen im Mittelpunkt. Welche Ansätze und Entwicklungen sich dabei bislang beobachten lassen, wird in einem Durchgang durch die Institutionen des öffentlichen Bildungssystems von den Kindertagestätten über die Schulen bis hin zu den Fachhochschulen und Universitäten illustriert. Ein kritisches Resümee der Entwicklungen und Fortschritte in Theorie, Praxis und Politik im Überschneidungsbereich von Bildung und bürgerschaftlichem Engagement ist schließlich Ausgangspunkt für die Beschreibung von Herausforderungen an eine bürgergesellschaftlich orientierte Bildungspolitik.
Birger Hartnuß, Frank W. Heuberger

Freiwilliges Engagement von und für Familien: Politische Rahmungen

Familienpolitik und Engagementpolitik sind zwei verschiedene Politikfelder, die bislang nur selten in ihrem Zusammenhang und hinsichtlich ihrer Wechselwirkungen betrachtet worden sind (vgl. Klocke/Limmer/Lück 2001; Glück/Magel/Röbke 2004; Olk 2005). Im Alltag der Familienmitglieder, aber auch in der Familienbiografie sind diese jedoch vielfältig verknüpft: In der Schule leisten viele Eltern freiwillige Arbeit als Elternsprecher, umgekehrt profitieren sie von freiwilligen Schülerlotsen, die ihre Kinder über die Straße begleiten. Derartige Verknüpfungen ändern sich im Lebensverlauf, es bleibt jedoch ein Geben und Nehmen zwischen Familie und Zivilgesellschaft.
Martina Heitkötter, Karin Jurczyk

Engagement und Integration

Den Begriff Engagement kann man mit zwei unterschiedlichen Akzenten verwenden: einmal in Bezug auf Leidenschaft und überschießenden Idealismus und zum anderen in Bezug auf den durch solche Leidenschaft geprägten und meist unhonoriertem Einsatz – individuell oder kollektiv. Ich gehe im Folgenden zunächst eher auf den leidenschaftlichen und anschließend stärker auf den ehrenamtlichen Aspekt ein, um zu Klärungen zu kommen. Denn Leidenschaft ist eine wichtige und produktive Triebfeder, sie kann aber auch Trübungen des ruhigen Verstandes herbeiführen. Beides finden wir in der Debatte um Integration, ebenso wie „starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß“ (Max Weber), das so viele Aktivisten über Jahre und Jahrzehnte betreiben.
Dietrich Thränhardt

Der Dritte Sektor in der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik

Zivilgesellschaft versteht sich als Selbstorganisation von Bürgerinnen und Bürgern und deren freiwilliges Engagement in einer Vielzahl von Organisationsformen, z.B. in Vereinen, Verbänden, Initiativen oder Stiftungen. Diese Organisationen werden als institutioneller Kern oder Infrastruktur der Zivilgesellschaft angesehen und häufig unter dem Gesichtspunkt der Abgrenzung zu Staat und Markt unter dem Begriff „Dritter Sektor“ zusammengefasst (Anheier et al. 2000). Die Organisationen des Dritten Sektors bilden jenen gesellschaftlichen Bereich, der zwischen den Polen Markt, Staat und Familie angesiedelt ist. Sie sind durch eine formale Struktur, organisatorische Unabhängigkeit vom Staat, eigenständige Verwaltung, gemeinnützige Ausrichtung und freiwilliges Engagement gekennzeichnet. Im täglichen Leben begegnen uns diese Organisationen in unterschiedlichen Bereichen und Funktionen: Ob in der Freizeit, in der Kultur, bei sozialen Diensten oder in lokalen, beruflichen und politischen Interessenvertretungen, ob als Vereine, Verbände, Stiftungen, gemeinnützige GmbHs oder Genossenschaften: Sie sind in ihrer Gesamtheit inzwischen, mehr oder weniger unbemerkt, unentbehrlich für das Funktionieren der Gesellschaft geworden. Historisch bedingt sind dabei – besonders durch das Subsidiaritätsprinzip – enge Verbindungen zwischen den zivilgesellschaftlichen Organisationen und dem Staat entstanden.
Dietmar Dathe, Eckhard Priller

Ehrenamtliches Engagement, kollektive Selbsthilfe und politische Beteiligung im Gesundheitswesen

„Gesundheit“ ist nicht gerade das erste Feld, das einem beim Nachdenken über bürgerschaftliches Engagement einfällt. Da ist der Sport, da ist das Soziale, der Kinder- und der Seniorenbereich, nicht zu vergessen: die freiwillige Feuerwehr. Aber auch in Sachen Gesundheit sind Bürger engagiert: für die eigene Gesundheit, für die Gesundheit von Angehörigen und für die Gesundheit von Anderen. Sie tun es vereinzelt und informell, gemeinsam in Gruppen oder organisiert in einschlägigen Verbänden. Unübersehbar ist die Vielfalt, und daher können in diesem Beitrag auch nur ausgewählte Schlaglichter geworfen werden. Völlig unberücksichtigt bleiben – wie so oft in dieser Debatte – die sechs Siebtel des Eisbergs, die unter der Wasseroberfläche unsichtbar bleiben, in unserem Fall: die gesundheitsbezogenen Hilfeleistungen, die in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde völlig informell, spontan und unorganisiert vollbracht werden. Die Rede ist von Menschen, die das als völlig „selbstverständlich“ empfinden, die niemals auf die Idee kämen sich als „Ehrenamtler“ oder „bürgerschaftlich Engagierte“ zu bezeichnen, die nicht von Journalisten interviewt werden, deren Fotos nicht in der Tageszeitung erscheinen, die keinen Orden erhalten, ja nicht einmal die „EhrenamtsCard“ beantragen, die ihnen freien Eintritt in Schwimmbad und Museum verschaffen würde. Ihnen sind im Übrigen auch Enquête-Kommissionen, Tagungen und wissenschaftliche Werke ziemlich egal (und natürlich auch gänzlich unbekannt). Sie forschen auch nicht nach Motiven oder Gratifikationen; sie tun einfach das Selbstverständliche.
Jürgen Matzat

Bürgerschaftliches Engagement in der Pflege

„Who cares“ fragt der 7. Familienbericht der Bundesregierung (BMFSFJ 2006: 254 ff.): Care oder im von seiner Bedeutung etwas kontaminierten deutschen Begriff „Fürsorge“ wird in modernen Gesellschaften zu einer knappen Ressource. Das gilt für die Fürsorge für Kinder ebenso wie für Menschen mit Behinderung und Pflegebedarf – insbesondere im hohen Alter. Gilt hier das freiwillige Engagement als Ausfallbürge für erodierende Familienpflegebereitschaften und Ressourcen? Und für die begrenzte Leistungsfähigkeit sozialstaatlicher Leistungen? So wird es nicht funktionieren. Aber ohne den Faktor Bürgerschaftliches Engagement wird es keine auf Integration ausgerichtete Pflege in der Breite der Gesellschaft geben.
Thomas Klie

Umweltengagement: Im Spannungsfeld zwischen nachhaltiger Entwicklung und ökologischer Modernisierung Umweltengagement

Der gegenwärtige umweltpolitische und klimapolitische Diskurs bezieht sich im Wesentlichen auf zwei Leitbilder: das der „nachhaltigen Entwicklung“ und das der „ökologischen Modernisierung“ (Weidner 2005). Während ersteres die Integration von ökologischen, sozialen und ökonomischen Interessen sucht, steht letzteres Leitbild für eine umweltgerechte Umgestaltung der Produktionsprozesse sowie des Konsumverhaltens in der Gesellschaft. Beide Leitbilder sind nicht nur als inhaltliche Reaktionen auf Globalisierungsprozesse bzw. globale Verhandlungen anzusehen, sondern hier zeigen sich auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse hinsichtlich neuer Engagementformen, die dem Bild der umweltbewegten Naturfreunde und den Anti-Atom-Protesten nicht mehr ganz entsprechen. Zunehmender Ökonomisierungsdruck auf weite Bereiche des sozialen Zusammenhalts, Auswirkungen globaler Verhandlungssysteme sowie sicherheitspolitische Erwägungen haben vor allem auch in diesem Engagementfeld starke Spuren hinterlassen. Die Themenbereiche Klimaund Energiepolitik haben an Bedeutung gewonnen und setzen dementsprechend als wichtige Handlungsfelder der Umweltpolitik viele neue Akzente für bürgerschaftliches Engagement.
Heike Walk

Engagementpolitik als Demokratiepolitik

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Engagementförderung als Demokratiepolitik: Besichtigung einer Reformbaustelle

Die aktuelle politische Debatte über Bürgerengagement ist von einer zumeist eher latenten Kontroverse durchzogen. Auf der einen Seite finden wir die Auffassung, die besonders im konservativen Spektrum zuhause ist, Engagementpolitik und Demokratie hätten nur indirekt miteinander zu tun. Engagementpolitik wird als Stärkung einer vorpolitischen Sphäre gemeinwohlorientierten Handelns verstanden. Bürgergesellschaft wird nicht als Politikum, sondern allenfalls subsidiär gedacht, d.h. sie ersetzt oder entlastet staatliches Handeln und sorgt für den nötigen gesellschaftlichen Zusammenhalt (von der Leyen/Schäuble 2009). Leitbilder dieser Sichtweise sind das Vereinswesen und das Ehrenamt. So kann sich die Forderung nach einer Stärkung der kommunalen Ebene in der Weiterführung einer traditionellen Lesart kommunaler Selbstverwaltung sehen, die vor allem die sachgerechte und bürgernahe „Verwaltung“ betont. Die engere Zone der Politik bleibt fest in der Hand von politischen Eliten, die sich vor allem in der Wahlkonkurrenz auszuweisen und zu bewähren haben, aber ansonsten „für“ die Bürgerinnen und Bürger agieren und diese von eigenem politischem Engagement entlasten.
Roland Roth

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