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Über dieses Buch

Dieses Buch bietet eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Begriff der Verantwortung in einer zunehmend von Entgrenzung geprägten Lebenswelt. Es beschreibt, wie durch den technischen Fortschritt und den Wegfall von Grenzen im Bereich digitaler Kommunikation, globaler Wirtschafts- und Finanzmärkte sowie in Forschung und Umwelt neue Herausforderungen für die Regulierung von Verantwortung entstanden sind.

Die Autoren sind namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachdisziplinen einschließlich der Philosophie, Theologie, Soziologie, Sozialpsychologie, Sozialanthropologie, Poltischen Wissenschaft, Ökonomie und der Rechtswissenschaften. Sie beschreiben die ideengeschichtliche Entwicklung des Verantwortungsbegriffs und weisen auf aktuelle Regulierungs- und Normbefolgungsdefizite hin. Zu diesem Zwecke zeigen sie auf, worin die Entgrenzung unserer Lebenswelt konkret besteht, welche neuen Herausforderungen dadurch entstanden sind, welche Bedeutung diese Entgrenzung für die Regulierung, sprich die Verteilung und Zuschreibung von Verantwortung, hat und wie Verantwortung vor diesem Hintergrund neu konzipiert werden kann. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Umgang mit Neuen Medien, Big Data, Künstlicher Intelligenz sowie Cybersicherheit. Auch der Ausfall von Verantwortung im Dieselskandal wird untersucht. Auf dieser Grundlage werden Anregungen für eine Neubestimmung der Reichweite und Grenzen von Verantwortung erarbeitet. Neue Formen der Regulierung werden schließlich am Beispiel des Klimaschutzes dargestellt und bewertet.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

Einleitung: Die Regulierung von Verantwortung in entgrenzten Räumen

Zusammenfassung
Wir leben in einer Welt, die seit Jahrzehnten von einer fortschreitenden Entgrenzung geprägt ist. Dies zeigt sich nicht nur räumlich, wo Landesgrenzen im Zuge der regionalen Integration geöffnet oder globale Umweltgüter wie Luft, Meer und Klima über Landesgrenzen hinweg gefährdet werden, sondern auch in der vielfältigen sozio-kulturellen Vernetzung unserer Lebenswelten. Besonders augenfällig wird diese Entgrenzung bei der Nutzung des World Wide Web und sozialer Medien, denn aufgrund des digitalen Strukturwandels sind neue Räume der Kommunikation entstanden, die keine physischen Grenzen mehr kennen. Trotz der sich daraus ergebenden neuen Entfaltungsmöglichkeiten birgt der Wegfall von Grenzen nicht nur Vor- sondern auch Nachteile. Die Datenanalyse von Millionen Facebook-Profilen durch Cambridge Analytica hat uns dies in einem zuvor unbekannten Ausmaß vor Augen geführt. Missbrauchsmöglichkeiten zeigen sich außerdem dort, wo grenzüberschreitend über soziale Medien Einfluss auf politische Debatten genommen wird oder wo „Fake News“ bewusst die Grenzen der Lauterkeit überschreiten und wesentliche Grundlagen liberaler Demokratien gefährden.
Anja Seibert-Fohr

Wandel des Verantwortungsbegriffs im Lichte der Transnationalisierung

Frontmatter

Minimalgehalte und Grenzen der Verantwortungszuschreibung

Zusammenfassung
Der Beitrag stellt allgemeine Überlegungen zur Frage an, inwieweit die Spielräume zur sozialen Gestaltung von Verantwortungsregimes durch vor-positive Grenzen eingeschränkt sind. Dabei wird zwischen rein performativen, rein konstativen und normaffirmierenden Verantwortungszuschreibungen unterschieden. Es wird argumentiert, dass Aussagen über vor-positive Verantwortlichkeiten in einem weiten Bereich nur in Abhängigkeit von spezifischen normativ-ethischen Theorien möglich sind. Der Beitrag versucht gleichwohl, sowohl eine Außengrenze möglicher Verantwortungszuschreibungen als auch einen Minimalgehalt jeder plausiblen Verantwortungsethik zu verteidigen. Die Außengrenze wird durch das Prinzip „ultra posse nemo obligatur“ bezeichnet, der Minimalgehalt ergibt sich aus einer Reflexion auf generelle normative Voraussetzungen jeder spezifischen Verantwortungszuschreibung. Diese Reflexion ermöglicht auch einige tentative Überlegungen im Hinblick auf die Interpretation von Prozessen der Transnationalisierung.
Micha H. Werner

Verantwortung als Methode: Ethische Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Entgrenzung und Begrenzung

Zusammenfassung
Der Verantwortungsdiskurs hat in den zurückliegenden Jahrzehnten eine dreifache Entgrenzung erfahren: (1) räumlich durch die Intensivierung globaler Interaktionszusammenhänge; (2) intergenerationell durch die Eingriffstiefe in ökologische Wirkungszusammenhänge; (3) risikoethisch durch technisches Können, das zuvor Schicksalhaftes in Entscheidbares verwandelt. Diese dreifache Erweiterung mündet unter den gegenwärtigen Bedingungen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft in eine radikale Überforderung. Der Ruf nach Verantwortung, in dem wir nach dem Verlust der Selbstgewissheit neuzeitlicher Fortschrittsutopien Halt suchen, mündet in den Leerlauf deklamatorischer Verantwortungsüberlastung. Vor diesem Hintergrund müssen die Grenzen der Verantwortung neu vermessen werden. Hierzu schlägt der Beitrag einige begriffliche Klärungen aus philosophisch-theologischer Perspektive vor. Er ist in fünf Abschnitte gegliedert: (1) deklamatorische Verantwortungsüberlastung; (2) die soziale Grammatik der Verantwortung; (3) polyzentrische Verantwortung in der Weltbürgergesellschaft; (4) die doppelte Grenze der Verantwortung; (5) Verantwortung als Methode.
Markus Vogt

Beihilfe – mittelbare Verantwortung in einer verflochtenen Welt

Zusammenfassung
Rechtliche Verantwortung ist in einer verstrickten Weltgesellschaft zunehmend umstritten. Insbesondere das Verhältnis von mittelbarer und unmittelbarer Verursachung und daraus folgender Verantwortung scheint in Frage zu stehen, wo die Ermöglichung schädigender Handlungen zentral für deren Geschehen ist, gleichzeitig aber in diffus verteilten aggregierten Einzelhandlungen nicht eindeutig zuzuordnen ist. In unterschiedlichen Rechtsgebieten zeigen sich unterschiedliche Interpretationen von ermöglichendem Handeln, die Willen, bzw. Intention, und Wissen für die Zurechnung mittelbarer Verantwortung unterschiedlich gewichten. Dies deutet auf die Brüchigkeit unserer gegenwärtigen Begriffe unmittelbarer und mittelbarer Verantwortung hin, und wirft die Frage auf, wie diese in einer zunehmend auch reflexiv verflochtenen Weltgesellschaft neu verhandelt werden.
Julia Eckert

Zur transnationalen Dimension von Verantwortung – Der Wandel des Eigentumsverständnisses in einer globalisierten Welt

Zusammenfassung
Mit der zunehmenden Globalisierung und Digitalisierung gewinnt auch das Eigentum immer mehr eine transnationale Dimension. Beispielsbereiche dafür sind der moderne Kapitalismus als globaler Finanzkapitalismus und die digitale Ökonomie, die durch eine immense Datenmacht privater Internetkonzerne gekennzeichnet ist. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich zunehmend die Frage, ob die auf das römische Recht zurückgehende klassische Eigentumskonzeption noch passt oder Eigentum neu gedacht werden muss. Ein wichtiger Schritt im Prozess dieses Umdenkens wäre die Ergänzung der Sprache des Eigentums(-rechts) als Sprache der Macht durch eine Sprache der Verantwortung. Anzeichen in dieser Richtung sind die Open-Access-Bewegung und das Nachdenken darüber, wie ein Datenverkehrsrecht ausgestaltet werden könnte.
Gunnar Folke Schuppert

Verantwortung in der Wirtschaft

Frontmatter

Unternehmensverantwortung: Primum non nocere

Zusammenfassung
In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, das Konzept der Unternehmensverantwortung zu rekonstruieren auf der Grundlage von Überlegungen, die auf den Moralphilosophen Adam Smith zurückgehen. Dieser bestimmte als grundlegende Tugenden die Förderung des eigenen Wohlergehens („Klugheit“), die Förderung des Wohlergehens anderer („Wohlwollen“) und die Vermeidung von Schädigungen („Gerechtigkeit“). Übertragen auf das Konzept der Unternehmensverantwortung können diese Tugenden reformuliert werden als Prinzipien der Eigenverantwortung, der gesellschaftlichen Wertschöpfung und der Nichtschädigung. Im nächsten Schritt wird argumentiert, dass die dritte Dimension der Nichtschädigung aus ethischer Sicht systematischen Vorrang haben sollte, weil sie die wichtigste Grundlage für nachhaltige gesellschaftliche Kooperation darstellt. Das zugrunde liegende Problem betrifft die Verlässlichkeit wechselseitiger Verhaltenserwartungen. Abschließend werden einige Implikationen bzw. Konkretisierungen des Nichtschädigungs-Prinzips erörtert.
Andreas Suchanek

Globalisierung, gesellschaftliches Risikomanagement und individuelle Verantwortlichkeit: Mangel an Erziehung zu Werten und Führungsfähigkeiten?

Zusammenfassung
Im vorliegenden Beitrag werden die Ursachen der jüngeren Wirtschaftskrisen diskutiert, die im Gegensatz zu früheren Krisenerscheinungen vor allem auf Versagenstatbestände auf der Ebene der Unternehmensführungen zurückgeführt werden müssen. Trotz moderner ethischer Überwachungsinstrumente ist die Beachtung normativer Grundsätze und des Gemeinwohls sträflich vernachlässigt worden. Die Diskussion von Werten und Verantwortlichkeit macht deutlich, welche Ansatzpunkte für wirtschaftsethische Hilfestellungen gegeben sind und wie ethisches Verhalten ein bestimmendes Element in der Unternehmensführung werden muss. Dazu wird es auch erforderlich sein, in der Hochschullehre die ethischen Elemente stärker zu betonen und auch die Problematik der Werteerziehung in das Curriculum aufzunehmen.
Hans-Georg Petersen

Politische Unternehmensverantwortung und Menschenrechte

Zusammenfassung
Im öffentlichen Diskurs ist es üblich, von Unternehmen zu fordern, dass sie sich aufgrund ihrer Verstrickungen in die Weltwirtschaft aktiv für die Menschenrechte einsetzen. Im wissenschaftlichen und offiziellen Menschenrechtsdiskurs gibt es jedoch Kritik an dieser Idee, dass Unternehmen eine derart starke Verantwortung für Menschenrechte haben. Die United Nations Guiding Principles on Business and Human Rights (UGNP) beispielsweise sehen nur eine beschränkte Verantwortung für Unternehmen vor, die Menschenrechte respektieren zu müssen. Dieser Beitrag wird demgegenüber dafür argumentieren, dass Unternehmen durchaus eine stärkere Verantwortung für Menschenrechte besitzen. Sie haben sogar eine spezifisch politische Verantwortung für Menschenrechte. Die Argumentation besteht aus vier Schritten. Zuerst erfolgt eine kurze Analyse des Verantwortungsbegriffs. Dann wird dargelegt, dass die Menschenrechte eine moralische, eine politische und eine rechtliche Dimension besitzen. In einem dritten Schritt wird argumentiert, dass Unternehmen nicht einfach nur private, sondern genuin politische Akteure sind. Schließlich zeigt sich, dass Unternehmen eine spezifisch politische Verantwortung für Menschenrechte besitzen.
Christian Neuhäuser

Soziale Verantwortung im Organisationskontext

Zusammenfassung
Der Verantwortungsbegriff wurde in der Psychologie hauptsächlich in drei Kontexten verwendet: Individuelle Diagnostik der sozialen Verantwortung, Zuschreibung von Verantwortung für Fehlleistungen und Diffusion der Verantwortung. Auf der Grundlage der Definition von Verantwortung unterscheiden wir zwischen Verantwortung in unterschiedlichen Beziehungen und stellen Verantwortung für andere und Verantwortung für sich selbst gegenüber. Im Weiteren richtet sich der Fokus der Darstellung auf Verantwortung im Organisationskontext. Im Einzelnen werden verschiedene Theorieansätze herangezogen: Austauschbeziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern, transformationale Führung bzw. charismatische Führung, destruktive Führung und ethische Führung. Das Programm der ethischen Führung wird ausführlich im Zusammenhang mit der Übernahme sozialer bzw. ethischer Verantwortung durch die Führungsperson dargestellt. Im Einzelnen werden Qualitäten der ethischen Führungspersonen und deren Messung durch einen Fragebogen erläutert. Die besondere Rolle der persönlichen Abhängigkeit als Auslöser für Verantwortungsübernahme wird an empirischen Ergebnissen verdeutlicht.
Hans-Werner Bierhoff, Elke Rohmann

Moral, Integrität und organisationale Kriminalität – am Beispiel der Abgasaffäre

Zusammenfassung
Moral und Integrität sind Begriffe, die in den Vorstandsresorts der Großunternehmen regen Einzug erhalten haben. Unter dem Schlagwort „Wertemanagement“ werden zur Vermeidung von organisationaler Kriminalität nicht mehr nur die Einhaltung von Regeln, sondern scheinbar auch die moralische Vervollkommnung der Unternehmen angestrebt. Dabei stellt sich aus soziologischer Perspektive die Frage, inwiefern eine umfassende Regelbefolgung für Organisationen noch funktional sein kann. Am Beispiel der Diesel-Abgasaffäre und unter Rückgriff auf das theoretische Konzept der organisationalen Devianz stellt der Artikel die Frage von Regelabweichung und Regelbefolgung in den Mittelpunkt, diskutiert Begründungen sowie Möglichkeiten der Unterbindung und Kontrolle des normabweichenden Verhaltens in Wirtschaftsunternehmen. Dabei zeigt die vorliegende Analyse, dass Moral und Integrität vor Unternehmen zwar nicht Halt machen können, Moralisierungen jedoch dazu führen, dass sich die „informelle Organisation“ dem Zugriff der Compliance-Abteilungen immer mehr entzieht. Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass stattdessen das Risikomanagement der Unternehmen sowie die Beobachtung durch zivilgesellschaftliche Akteure wichtige Ansatzpunkte darstellen, um Formen der Illegalität und Korruption in Wirtschaftsunternehmen effektiv bekämpfen zu können.
Markus Pohlmann

Verantwortung im Cyberraum und in den Medien

Frontmatter

Transnationale Verantwortung und Normemergenz im Cyberraum

Zusammenfassung
Steigende Konfliktpotenziale im digitalen Raum erfordern die Schärfung transnationaler Verantwortung, sie erschweren diese aber auch. Aus völkerrechtlicher Perspektive wurde die Norm der Sorgfaltsverantwortung für den Cyberraum bereits umfänglich diskutiert. Wir knüpfen aus politikwissenschaftlicher Perspektive an diese Debatte an, indem wir die Bedingungen für eine Normemergenz zunächst theoretisch diskutieren und sodann die Staatenpraxis im engeren (vier kurze Fallstudien) und im weiteren Sinne (auf der Grundlage eines neuen Heidelberger Konfliktdatensatzes) untersuchen. Unsere Befunde zeigen, dass es zwar Ansätze für eine retrospektive Norm der Sorgfaltsverantwortung gibt, aber bislang kaum prospektive Normwirkung erkennbar ist. Die Staatenpraxis zentraler staatlicher „Normunternehmer“ verdeutlicht die bislang fehlende intersubjektive Anerkennung der Norm. Zudem legt der Abgleich mit systematisch erhobenen Cyber-Konfliktdaten der Jahre 2014–2016 nahe, dass insbesondere autoritäre Staaten wie Russland und China die regulative Wirkung der Norm durch den Einsatz von nicht-staatlichen Akteuren unterminieren. Insgesamt kann die noch im Frühstadium befindliche Normemergenz vor allem auf unterschiedliche Motivationen und Schwerpunktsetzungen der Normunternehmer in ihrem Agieren zurückgeführt werden.
Sebastian Harnisch, Kerstin Zettl

Verantwortungskultur in der Kommunikationsgesellschaft: Kommunikationspolitik – als Ansatz zur Ausgestaltung der digitalen Medienwelt

Zusammenfassung
Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, ob und wie die digitale Medienordnung jenseits der Nationalstaaten gestaltet werden kann. Nach der fundamentalen Institutionalisierung der Presse(freiheit), die den demokratisch-liberalen Staat begründete, entwickelte sich in den Nationalstaaten eine Medien gegenüber zurückhaltende Medienpolitik, zunächst gegenüber dem Radio und sodann bezogen auf das Fernsehen. Medienpolitik unter den Bedingungen eines relativ kleinen Anbietermarktes etablierte eine stabile publizistische Kultur. Mit dem Internet hat sich eine globale Kommunikationsinfrastruktur ausgebildet, die nicht mehr direkt von nationalstaatlichen Akteuren gestaltet werden kann. Durch Social Media-Plattformen kommt es zudem zu einer Vermischung von Individual-, Gruppen-, Organisations- und Massenkommunikation. Zur Regelung verfügt die nationalstaatliche Medienpolitik über kein geschlossenes politisches Instrumentarium und auch kein Gestaltungsleitbild. Im Beitrag wird diskutiert, ob und wie unter den entgrenzten Bedingungen ein Leitbilddiskurs institutionalisiert werden kann. Die Etablierung einer gemeinsam getragenen Verantwortungskultur kann durch die Institutionalisierung „Kommunikationspolitik“ erreicht werden.
Otfried Jarren

Verantwortung für Technik und Umwelt

Frontmatter

Verantwortung und Technik: zum Wandel des Verantwortungsbegriffs in der Technikethik

Zusammenfassung
Die Begriffe Technik und Verantwortung werden gegenwärtig häufig in einem Atemzug genannt. Dies ist jedoch eine Entwicklung erst der letzten Jahrzehnte. In diesem Beitrag wird zunächst das Entstehen der Technikethik skizziert, in dessen Verlauf Hans Jonas vor vierzig Jahren den Verantwortungsbegriff mit dem „Prinzip Verantwortung“ prominent platziert hat. In der Folge wurde dieser Begriff zusehends pragmatisch eingesetzt, um Verantwortungskonstellationen in der Technikentwicklung zu klären und sie aus ethischer Perspektive zu reflektieren und zu orientieren. Das forschungspolitische Konzept des Responsible Research and Innovation (RRI) hat in den letzten Jahren Verantwortungsfragen zunehmend auf Prozesse der Technikentwicklung hin prozeduralisiert. Gegenwärtig werden angesichts zunehmend autonom agierender Techniken konzeptionelle Debatten über neue Mensch/Technik-Verhältnisse und damit über neue Formen der Verantwortungs- und Zuständigkeitsverteilung geführt.
Armin Grunwald

Verantwortlich Forschen mit und zu Big Data-Analysen und Künstlicher Intelligenz

Zusammenfassung
Künstliche Intelligenz und Big Data werfen neue Verantwortungsprobleme und neue Unsicherheiten in Bezug auf die Risiken ihrer Anwendung auf. Bezüglich vieler Aspekte der „Datafizierung“ gibt es kritische Stimmen. Dies betrifft die Aussagekraft, vermeintliche Objektivität und Relevanz der Daten, aber auch Fragen des Datenschutzes, Diskriminierungspotenziale und Effekte von Künstlicher Intelligenz und Big Data auf die Demokratie. Neben der Reflexion über verantwortbare Einsatzfelder von KI wird auf grundsätzlicherer Ebene in Wissenschaft und Gesellschaft die Frage gestellt, ob autonome Anwendungen eine eigenständige Macht entfalten und den Menschen überflügeln und ersetzen können. Diese Frage nach der Steuerungsmacht datengetriebener KI-Systeme hat eine besondere gesellschaftliche Brisanz. Aus diesem Grund diskutiert der Beitrag neben problematischen Funktionsweisen von KI (Datenschutz, Diskriminierung) Kernelemente demokratischer Selbststeuerung im Vergleich zu datenbasierten Entscheidungsprozessen.
Jessica Heesen

Polyzentrische Klimapolitik: Formen und Leistungspotenziale

Zusammenfassung
Zahlreiche Forschungsarbeiten haben argumentiert, dass die gemeinsame Nutzung natürlicher Ressourcen nicht notwendigerweise zu einer Übernutzung dieser führen muss. Wenn es den beteiligten Akteuren gelingt, ein gemeinsames Verständnis vom Umgang mit natürlichen Ressourcen zu entwickeln und sich auf Regeln zu einigen, dann können diese nachhaltig genutzt werden. Besonders in Hinblick auf den Klimaschutz ist es gemäß dem Ansatz der polyzentrischen Governance möglich, politische Ebenen unterhalb der internationalen Systeme zu nutzen, um das zugrunde liegende Problem des kollektiven Handelns zu adressieren. Hierbei besagt der Ansatz der polyzentrischen Governance, dass auf unterschiedlichen politischen Ebenen zeitlich parallel verschiedene Maßnahmen erfunden und erprobt werden können, von denen sich diejenigen durchsetzen werden, die die bestmögliche Problemlösung gewährleisten und damit zu Lerneffekten über diese Ebenen und Einheiten hinausführen können. Dieser Beitrag befasst sich mit den verschiedenen Ausprägungen dieser polyzentrischen Steuerungsform in der Klimapolitik und deren jeweiligen Leistungspotenzialen.
Jale Tosun, Julian Rossello
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