So kommt Deutschland zu mehr Gründerinnen
- 24.07.2025
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Deutschland braucht Start-ups, die zum wirtschaftlichen Aufschwung beitragen. Doch im internationalen Vergleich fehlen hierzulande Gründerinnen. Forscher sind sich einig, was zu tun ist, damit mehr Frauen Unternehmerinnen werden wollen.
Zwar gab es in Deutschland 2019 rund 70.000 Gründungen und damit 10.000 mehr als im Vorjahr. Aber Frauen sind nur selten unter den Entrepreneuren zu finden.
Tierney / stock.adobe.com
Sie machen ihr Hobby oft zum Geschäft und eröffnen eine eigene Boutique, einen Wollladen oder ein Klön-Café. An großes Wachstum und hohe Gewinne denken sie dabei zumeist nicht. Was wie ein übles Vorurteil gegenüber Frauen klingt, ist näher an der Realität, als dem weiblichem Geschlecht vielleicht lieb ist. Denn Frauen gründen sehr viel seltener als Männer und neigen nicht zu Einhorn-Visionen, so Springer-Autorin Sabine Hahn, die Female Founders in der Games- und Medienbranche genauer unter die Lupe genommen hat.
Gründerinnenzahl in Deutschland sehr gering
Doch auch über alle Branchen hinweg üben sich Frauen bei der Existenzgründung in Zurückhaltung, belegen aktuelle Zahlen. So liegt der Anteil von Frauen an Start-up-Gründenden in Deutschland bei nur 19 Prozent und ist im vergangenen Jahr sogar leicht zurückgegangen, dokumentiert eine vom Start-up-Verband im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellte Studie. Für den "Female Founders Monitor 2025" wurden deutschlandweit mehr als 1.800 Gründende und 1.000 Studierende befragt.
Die Zahlen sind für Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Start-up-Verbandes, kein Grund zum Jubeln. "Deutschland kann es sich nicht leisten, auf das Potenzial von Frauen zu verzichten. Sie sind die größte stille Reserve unseres Landes", warnt sie. "In Zeiten wirtschaftlicher Stagnation brauchen wir alle, die unsere Wirtschaft nach vorne bringen. Start-ups sind entscheidend, um neue Impulse zu setzen und wieder Dynamik zu entfalten. Mehr Gründerinnen bedeuten mehr Innovation in Deutschland."
Auch der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2023/2024, den das RKW Kompetenzzentrum in Kooperation mit dem Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Leibniz Universität Hannover durchgeführt hat, ermittelt eine niedrige Gründungsquote bei Frauen. Sie beläuft sich den Angaben zufolge für 2023 auf 5,9 Prozent. Bei Männern lag sie bei 9,3 Prozent. Das bedeutet: Von 100 Gründungspersonen sind 62 Männer und 38 Frauen.
Merkmale erfolgreicher Unternehmerinnen
Was erfolgreiche Unternehmerinnen auszeichnet, hat Karin Meyer in einer wirtschaftswissenschaftliche Studie untersucht, die sie als Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena vorgelegt hat. Ziel der Arbeit war es, quantitativ zu ermitteln, ob Unternehmerinnen schnell wachsender Unternehmen über besondere Persönlichkeitsmerkmale verfügen und welche das im Vergleich zu Nicht-Unternehmerinnen sind. Demnach ist für erfolgreiche Unternehmerinnen kennzeichnend:
- emotional stabiler und belastbarer zu sein,
- über eine höhere Selbststeuerungskompetenz zu verfügen,
- besser mit Misserfolgen fertig zu werden,
- sich durch eine größere Handlungsorientierung auszuzeichnen,
- dass sie über eine deutlich ausgeprägtere unternehmerische Orientierung verfügen - sowohl in der Unternehmensführung als auch in den Bereichen Controlling sowie Führung/Management.
Unternehmerinnentum ist lernbar
Meyer betont, dass sich mit diesen Studien-Ergebnissen Entwicklungspotenziale für Nicht-Unternehmerinnen ergeben, die sich durch gezielte Bildungsmaßnahmen erschließen ließen. Sie empfiehlt Coaching, Blended Learning, also die Kombination aus Präsenzschulungen und E-Learning, aber auch Mentoring durch erfahrene Unternehmerinnen als unterstützende Bildungs- und Beratungsmaßnahmen. "Als Resümee lässt sich festhalten, dass es neben gesellschaftlichen Aufgaben in der unternehmerischen Bildung noch Optimierungspotenziale gibt", so Meyer auf Seite 240.
Aktuelle Zahlen aus dem "Female Founders Monitor" bestätigen, dass der Grundstein für Unternehmertum bereits früh gelegt wird. Denn rund zwei Drittel der Entrepreneure in Deutschland haben den Plan einer Unternehmensgründung bereits als Jugendliche oder während des Studiums gefasst. Bei den Frauen fällt der Anteil mit 43 Prozent deutlich niedriger aus.
Die Studie fördert ebenfalls zutage, dass Frauen bereits im Studium und mit Blick auf potenzielle künftige Jobs eher auf Sicherheit bedacht sind. So streben 60 Prozent der Studentinnen einen soliden Arbeitsplatz an, während nur für 32 Prozent der männlichen Studierenden dieses Ziel formulieren.
Gesellschaftliche Prägung bremst Female Entrepreneurship
Nach Ansicht der Studienautoren zeige dies, wie sehr gesellschaftliche Erwartungen das Risikobewusstsein von Frauen und Männern unterschiedlich prägen. Das führe dazu, dass Frauen seltener früh in ihrem Leben dazu tendieren, ein Start-up zu gründen. Erst im Berufsleben gibt es laut Studie einen Perspektivwechsel und ein Drittel der Gründerinnen fasst den Entschluss zur Selbstständigkeit in den ersten Jahren im Job, ein weiteres Viertel im weiteren Karriereverlauf.
"Es wird deutlich, dass Unternehmertum nicht am fehlenden Interesse scheitert - sondern an Rahmenbedingungen, die erst später in der Laufbahn zur Selbstständigkeit ermutigen. Frauen ziehen ihre Gründungsmotivation stärker aus beruflicher Erfahrung und wollen häufiger gesellschaftlich wirken", ordnet Jennifer Eschweiler, Gründungsexpertin der Bertelsmann Stiftung, dieses Teilergebnis ein.
Bildungs- und Coaching-Maßnahmen für mehr Gründerinnen
Auch der KfW-Start-up-Report 2024 sieht den entscheidenden Hebel für mehr weibliche Unternehmensgründungen in der Bildung sowie der gesellschaftlichen Prägung. So ist der frühe Gründungswunsch bei Frauen entscheidend für die Gründungsrealisierung. Um das Gründungsbedürfnis unter Frauen zu fördern, müssten allerdings Geschlechterklischees in Schule und Erziehung aufgebrochen und erfolgreiche Rollenmodelle sichtbar gemacht werden, um den Gründerinnenanteil nachhaltig zu steigern.
Als Sofortmaßnahmen könnten auch Gründungsberatung oder -coaching als wirksame Mittel greifen, um mehr Frauen zu motivieren, ein Unternehmen an den Start zu bringen. Es geht also um Entrepreneurship Education als Schlüsselelement ökonomischer Bildung.
Bei "Women’s Entrepreneurship Education" stehe vor allem "die Entwicklung einer Haltung zur unternehmerischen Selbständigkeit, die das geschlechtersegregierte Gefüge im sozialen Umfeld aufweicht" im Zentrum, so Ilona Ebbers, BWL-Professorin an der Universität Flensburg. In einem ersten Schritt gelte es, daher Geschlechterstereotype zu erkennen, um "die eigenen sozialisierten Geschlechtermuster im Denken und Handeln zu verstehen." Die hier gewonnen Erkenntnisse könnten dann auf das Gründungsgeschehen angewandt werden.
Investoren und Politik fördern weibliche Entrepreneure kaum
Aber auch die Investoren stehen laut der Studien in der Pflicht. Denn Start-up-Gründerinnen erhalten verschiedenen Analysen zufolge seltener und weniger Wagniskapital von Investoren Geldgebern als Männer. Ein weiteres Problem, das Frauen hindert, in die Selbstständigkeit zu gehen, identifiziert der "Female Founders Monitor": Es brauche demnach unbedingt eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Unternehmertum, da der Zeitpunkt der Gründung oft mit der einer Familie zusammenfalle, sagen 81 Prozent der Gründerinnen und 60 Prozent der Gründer.
Oft fehlt schlicht die soziale Infrastruktur mit ausreichenden Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, heißt es auch im "Global Entrepreneurship Monitor". Daher haben Frauen häufig Probleme, Kind und Selbstständigkeit unter einen Hut zu bringen. Ein familienfreundlicher Arbeitgeber ist für sie die bessere Alternative zur Existenzgründung. Die Forschenden plädieren letztendlich für mehr Angebote für Gründungs- und MINT-Ausbildung (insbesondere an Schulen) sowie gute Zugangsmöglichkeiten zur Gründungsfinanzierung. Auch Teilzeitarbeitsmodelle für Partner, die ihre unternehmerisch tätige Partnerin entlasten möchten, seien hilfreich, um Female Entrepreneurship zu fördern.