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29.05.2020 | Entrepreneuership | Im Fokus | Onlineartikel

So kommt Deutschland zu mehr Gründerinnen

Autor:
Andrea Amerland
3:30 Min. Lesedauer

Nach der Corona-Krise braucht Deutschland Start-ups, die zum wirtschaftlichen Wiederaufbau beitragen. Doch im internationalen Vergleich fehlen hierzulande Gründerinnen. Forscher sind sich einig, was zu tun ist, damit Frauen mehr Unternehmen gründen.

Sie machen ihr Hobby oft zum Geschäft und eröffnen eine eigene Boutique, einen Wollladen oder ein Klön-Café. An großes Wachstum und hohe Gewinne denken sie dabei zumeist nicht. Was wie ein übles Vorurteil gegenüber Frauen klingt, ist näher an der Realität, als dem weiblichem Geschlecht vielleicht lieb ist. Denn Frauen gründen sehr viel seltener als Männer und neigen nicht zu Einhorn-Visionen, so Springer-Autorin Sabine Hahn, die Female Founders in der Games- und Medienbranche genauer unter die Lupe genommen hat. 

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Gründerinnenzahl in Deutschland sehr gering

Doch auch über alle Branchen hinweg üben sich Frauen bei der Existenzgründung in Zurückhaltung, belegen aktuelle Zahlen. Laut des KfW-Start-up-Reports gründen Frauen seltener innovations- oder wachstumsorientiert, im Vollerwerb, im Team oder mit Mitarbeitern. Die Studie hat für die Jahre von 2016 bis 2018 einen durchschnittlichen Frauenanteil an den Existenzgründungen von 39 Prozent ermittelt. Der Gründerinnenanteil bei Start-ups lag in diesem Zeitraum im Mittel aber nur bei 19 Prozent.

Auch der Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2018/2019, den das RKW Kompetenzzentrum in Kooperation mit dem Institut für Wirtschafts- und Kulturgeographie der Leibniz Universität Hannover durchgeführt hat, ermittelt eine niedrige Gründungsquote bei Frauen. Sie beläuft sich den Angaben zufolge für 2018 auf 3,3 Prozent. Bei Männern lag sie bei 6,57 Prozent. Auf einen weiblichen Entrepreneur kamen in Deutschland 2018 demnach zwei Gründer. Laut Studie liegt dieser Wert deutlich über dem Mittelwert aller Länder mit hohem Einkommen. 25 der 30 Referenzländer weisen ein besseres Verhältnis bei Unternehmensgründungen durch Frauen im Vergleich zu Männern auf.

Merkmale erfolgreicher Unternehmerinnen

Was erfolgreiche Unternehmerinnen auszeichnet, hat Karin Meyer in einer wirtschaftswissenschaftliche Studie untersucht, die sie erfolgreich als Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena vorgelegt hat. Ziel der Arbeit war es, quantitativ zu ermitteln, ob Unternehmerinnen schnell wachsender Unternehmen über besondere Persönlichkeitsmerkmale verfügen und welche das im Vergleich zu Nicht-Unternehmerinnen sind. Demnach ist für erfolgreiche Unternehmerinnen kennzeichnend:

  • emotional stabiler und belastbarer zu sein, 
  • über eine höhere Selbststeuerungskompetenz zu verfügen,
  • besser mit Misserfolgen fertig zu werden,
  • sich durch eine höhere Handlungsorientierung auszuzeichnen,
  • dass sie über eine deutlich höhere unternehmerische Orientierung verfügen - sowohl in der Unternehmensführung als auch in den Bereichen Controlling sowie Führung/Management.

Unternehmerinnentum ist lernbar

Meyer betont, dass sich mit diesen Studien-Ergebnissen Entwicklungspotenziale für Nicht-Unternehmerinnen ergeben, die sich durch gezielte Bildungsmaßnahmen erschließen ließen. Sie empfiehlt Coaching, Blended Learning, also die Kombination aus Präsenzschulungen und E-Learning, aber auch Mentoring durch erfahrene Unternehmerinnen als unterstützende Bildungs- und Beratungsmaßnahmen. "Als Resümee lässt sich festhalten, dass es neben gesellschaftlichen Aufgaben in der unternehmerischen Bildung noch Optimierungspotenziale gibt", so Meyer auf Seite 240.

Bildungs- und Coaching-Maßnahmen für mehr Gründerinnen

Auch der KfW-Start-up-Report sieht den entscheidenden Hebel für mehr weibliche Unternehmensgründungen in der Bildung. So identifizieren die Studienautoren die für eine erfolgreiche Unternehmensführung unabdingbare Wachstumsorientierung als einen Bildungsfaktor, der bereits in der Schule neben weiteren unternehmerischen Kenntnissen vermittelt werden könnte. Dazu zählen für die KfW auch kaufmännische Kenntnisse, an denen Frauen mehr zweifeln als Männer. Als Sofortmaßnahmen sieht auch der Start-up-Report Gründungsberatung oder -coaching als wirksame Mittel an, um mehr Frauen zu motivieren, ein Unternehmen an den Start zu bringen. Es geht also um Entrepreneurship Education als Schlüsselelement ökonomischer Bildung.

Investoren und Politik fördern weibliche Entrepreneure kaum

Aber auch die Investoren stehen laut der Studie in der Pflicht. Denn Start-up-Gründerinnen erhalten verschiedenen Analysen zufolge seltener und weniger Wagniskapital von Investoren als Männer. Dieses Phänomen moniert auch die GEM-Studie und identifiziert ein weiteres Problem, das Frauen hindert, in die Selbstständigkeit zu gehen: Lediglich 36 Prozent der befragten Experten meinen, dass in Deutschland eine gute soziale Infrastruktur mit ausreichenden Betreuungsmöglichkeiten für Kinder existiere. Da diese fehle, haben Frauen häufig Probleme, Kind und Selbstständigkeit unter einen Hut zu bringen. Ein familienfreundlicher Arbeitgeber ist für sie die bessere Alternative zur Existenzgründung.   

Zudem entstünden viele neue Unternehmen aus technischen Forschungsprojekten an Hochschulen. Da diese klassischen MINT-Disziplinen von Männer dominiert seien, ist unter anderem auch die Zahl männlicher Entrepreneure höher. Hier sehen die Studienautoren einen weiteren wichtigen Ansatzhebel für die Bildungspolitik, nämlich mehr Frauen für technisch-mathematische Studiengänge zu begeistern. 

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