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25.07.2018 | Entrepreneuership | Im Fokus | Onlineartikel

Sharing Economy oder Mieten statt kaufen

Autor:
Stefan Heng

​​​​​​​39 Prozent der Deutschen nutzten 2017 Sharing Economy. 2018 soll das Marktvolumen auf mehr als 24 Milliarden Euro im Jahr ansteigen, prognostiziert eine Pwc-Studie. Wie sich die Sharing Economy entwickelt, erläutert Gastautor Stefan Heng.

Der Kaffee-Röster Tchibo verleiht nun Baby- und Kindermoden – und erntete für seine Idee "Mieten statt kaufen" eine beachtliche positive Medienresonanz. Daneben erzielen Unternehmen der Sharing Economy derzeit schwindelerregende ökonomische Bewertungen. Damit zusammenhängend haben auch renommierte Magazine, wie "Forbes", dem Phänomen und seinen Protagonisten, namentlich Brian Chesky, dem Geschäftsführer und Mit-Gründer der Buchungsportals Airbnb, Cover-Stories eingeräumt.

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Die Sharing Economy als Bestandteil der Wertschöpfung des Wirtschaftsstandortes Deutschland

Wertschöpfung in Deutschland verändert sich aktuell aufgrund der technologie-gestützten Sharing Economy. Dieser Artikel liefert Erkenntnisse auf Basis einer explorativen Studie von 76 Onlineplattformen, welche der Sharing Economy in Deutschland zugedacht werden.


Solche Beobachtungen machen deutlich: Der bereits in den 1980er Jahren vom US-amerikanischen Ökonom Martin Weizmann geprägte und 2009 von der Internetagentur Sinner Schrader anlässlich der Next-Konferenz reanimierte Begriff Sharing Economy stößt auf breite Anwendung. Das Davoser World Economic Forum sowie die weltgrößte IT-Messe Cebit, die Sharing Economy im Jahr 2013 jeweils zu ihrem zentralen Thema machten, forcierten diese Entwicklung noch. 

Was ist genau ist Sharing Economy?

Dabei ist die Sharing Economy kein klar abgegrenztes Phänomen, geschweige denn ein abgegrenzter Wirtschaftsbereich. Stattdessen ist die Sharing Economy mit einer breiten Fülle an Synonymen verbunden: von der Nachhaltigkeitswirtschaft über die Null-Grenzkosten-Gesellschaft, ein insbesondere vom US-amerikanischen Ökonomen Jeremy Rifkin geprägter Begriff, bis hin zum Ko-Konsum und konstruktiven Kapitalismus. All diese Begriffe tragen die Hoffnung in sich, dass das ökonomisch und ökologisch verantwortliche Handeln im Vergleich zum neoliberalen Wirtschaften althergebrachter Prägung wesentlich gerechter und nachhaltiger wird.

Dazu passend entstehen unter dem Banner Sharing Economy nicht nur gesellschaftliche und wissenschaftsnahe Initiativen wie das vom Bundesminesterium für Bildung und Forschung geförderte Forschungsprojekt i-Share, sondern auch Preise, wie der Oui Share Award von der gleichnamigen im Jahr 2012 in Paris gegründete Non-Profit-Organisation, die sich die Verknüpfung von Initiativen aus dem Bereich Sharing Economy zur Aufgabe gemacht hat.

Große Versprechen schüren Sharing-Economy-Euphorie

In einer teilweise durchaus euphorischen Grundstimmung setzten die Unterstützer der Sharing-Idee darauf, dass die Wirtschaftsakteure in der aufkommenden Sharing Economy ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerechter werden, eine bessere Work-Life-Balance ermöglichen und auch noch sparsamer als bislang mit Ressourcen umgehen. Darüber hinaus meinen einige Impulsgeber  hoffnungsfroh, das der von Egoismus geprägten neoliberalen Kapitalismus in seiner überaus negativen Auswirkung durch die Sharing Economy überwunden werden könnte hin zu einer neuen sozialen Wir-Kultur.

Grundsätzlich ist die Sharing Economy mit dem Versprechen verbunden, dass Ökonomie, Ökologie und sozialverantwortliche Interaktion in eine harmonische Balance gelangen können. Diese Vision geht von der empirischen Beobachtung aus, dass Kapazitäten in zahlreichen Bereichen über längere Zeiträume brachliegen, beispielsweise Haushaltsgeräte, Fahrzeuge, Wohnraum oder auch Kleidung für spezielle Anlässe. 

Die Idee baut auf den vom späteren Wirtschaftsnobelpreisträger Elinor Ostrom bereits in den 1990er Jahren erarbeiteten Gedanken auf und zielt darauf, die Kapazitäten besser auszuschöpfen, indem der Zusammenhang zwischen Nutzung und Eigentum gelockert wird. Damit kann sich ein effizienter Markt für Nutzungsrechte in diesen Bereichen, in denen bislang Ressourcen verschwendet werden, herausbilden. Diese Entwicklung wird durch die technische Innovation unterstützt, die letztlich dazu führt, dass Skalenerträge erreicht werden, so dass bei großen Mengen die Erstellung eines weiteren Teils immer günstiger wird als bei den zuvor erstellten Teilen. Hier sind es vor allem leistungsfähige mobile Plattformen, die größtmögliche Transparenz überall und in Echtzeit schaffen. So können Angebot und Nachfrage zu sehr geringen Transaktionskosten und zu jedem Zeitpunkt schnell zusammenkommen.

Vielfältige Geschäftsmodelle kommen ins Rollen

Unter der Flagge der Sharing Economy segeln heute weltweit bereits vielfältige Geschäftsmodelle mit völlig unterschiedlicher regionaler Fokussierung und einem breiten Branchenspektrum. Das Spektrum reicht von den Bereichen, Verleihen und Verschenken über Tauschbörsen und Car-Sharing bis hin zu Wohnen, Co-Working, Finanzierung und Versicherung.

Obgleich der Facettenreichtum der Sharing Economy teilweise allzu schnell im übergroßen Schlagschatten von Airbnb und Uber verloren zu gehen droht, blühen hier tatsächlich eine enorme Fülle an Geschäftsmodellen auf – weltweit, nicht zuletzt aber auch in Deutschland. Dazu hier nur eine sehr kleine Auswahl des bereits Umgesetzten, die sich beliebig ausweiten ließe: 

  • DriveNow: Carsharing von BMW und Sixt, 
  • Car2Go: Carsharing von Daimler und Europcar,
  • Tamyca: privates Carsharing, 
  • Blablacar: Mitfahrgelegenheiten, 
  • Ahoy: Kurzzeit-Vermietung vollausgestatteter Büros, 
  • Kleiderkreisel: Second-Hand-Kleidung, 
  • Wifis.org: WLAN-Zugang, 
  • Betterplace.org: gemeinschaftliches Spendensammeln für lokale Projekte, 
  • Seedmatch: Gründungsfinanzierung im Frühstadium
  • Friendsurance: Versicherungen teilen

Die Soziodemograpie des Teilens

Dabei verweist die empirische Beobachtung auf auf Unterschiede bei der regionalen Ausprägung der Geschäftsmodelle und auch bei der soziodemografischen Beteiligung. So braucht es wohl ein gewisses Menschenbild und eine gewisse materielle Freiheit, damit Menschen auch verleihen. Daneben scheinen die Geschäftsmodelle in den ländlichen Bereichen eher auf klassische Formen des Teilens materieller Güter bezogen – die altbewährte Idee der Raiffeisen-Genossenschaft lässt grüßen. Dagegen siedeln sich in den Ballungsräumen tendenziell eher technikbasierte und auch eher kommerziell orientierte Geschäftsmodelle an – denken Sie hier beispielsweise an Airbnb oder Uber.

Die besonders prominenten Erfolgsgeschichten im Bereich der Sharing Economy beziehen sich zumeist auf recht junge Unternehmen, die mit ihrer innovativen Schlagkraft und einer mutigen bis wagemutigen Idee einen Nischen-Markt erobern. Oft zeigt sich bei diesen Geschichten bald, dass unternehmerische Erfahrung, Kapitalzugang und damit auch Kooperation mit althergebrachten Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette zu einem wesentlichen Faktor für weiteres Wachstum sind. Hier entstehen dann teilweise recht fruchtbare Symbiosen der Old und New Economy.

Tatsächlich eröffnen diese Geschäftsmodelle weitreichende Potenziale in unterschiedlichen Bereichen, etwa in der Stadtplanung oder bei der Überwindung von althergebrachten Marktzutrittsschranken. Beispielsweise kann ein Sharing-Car mehr als zehn Autos in Privatbesitz ersetzen. Dies spart Material und daneben auch sehr viele Parkplätze in unseren überfüllten Innenstädten. Der der Verkehrsnutzung abgetrotzte Raum kann dann stadtplanerisch zur Steigerung der Lebensqualität eingesetzt werden. 

Darüber hinaus leiten die neuen Angebote auch zur kritischen Prüfung althergebrachter protektionistischer Strukturen an. Dies macht das Beispiel des Taxigewerbes deutlich: Hier ist die Frage durchaus berechtigt, ob die kommunale Konzessionierung und die Ortskenntnisprüfung angesichts allgegenwärtiger Navigations-Smartphone-Apps überhaupt noch zeitgemäß ist. Oder werden hier willkürlich Marktzutrittsschranken aufgebaut, um überholte Marktstrukturen sowie liebgewonnene Profitströme schützen?

Die Schattenseiten der neuen Geschäftsmodelle

Neben den positiven Entwicklungen der Sharing Economy gibt es auch kritische zu berücksichtigen. Vom Datenschutz wird auch nach Einführung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO-EU) Ende Mai 2018 und der darüber hinaus anstehenden EU-E-Privacy-Verordnung [ePrivVO] das letzte Wort längst noch nicht gesprochen sein. Auch in Hinblick auf die Ausgestaltung von Beschäftigungsverhältnissen bis hin zum gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt es Diskussionsbedarf. Entsprechend sprechen Kritiker auch vom kalifornischen Plattform-Kapitalismus.

So könnten in einem Geschäftsumfeld, das grundsätzlich auf Auswertung personenbezogener Daten im Umfeld von Big Data Analysis baut, die informationelle Selbstbestimmung und der Datenschutz nachdrücklich gefährdet sein. Daneben dürften sich viele Angebote vor allem auf Ballungsräume mit zahlungskräftiger Bevölkerung postmaterialistischer Prägung konzentrieren. Damit könnte sich mit der Sharing Economy die Kluft zwischen Stadt und Land deutlich vergrößern. Besonders kritisch könnte sich die Situation beispielsweise dort darstellen, wo das Taxi mit seiner Beförderungspflicht eine notwenige Ergänzung zum Öffentlichen Personennahverkehr ist. Falls das Taxigewerbe aber nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden kann, sind die besonders immobilen Alten und Kranken im ländlichen Raum, die auf eine Beförderung außerhalb der Stoßzeiten und außerhalb der Hauptstrecken angewiesen sind, vor allem betroffen.

Auch hat die Möglichkeit zur Vermietung von Privatwohnungen über Airbnb inzwischen dazu geführt, dass einige Eigentümer von Immobilien in begehrten Lagen touristisch attraktiver Städte ihre Wohnungen nur noch an Tagesgäste vermieten. So können sie wesentlich höhere Einnahmen erzielen als mit den üblichen langfristigen Mietverträgen. Dies verknappt den sowieso schon knappen Wohnraum in diesen Lagen weiter und lässt die Mietpreise explodieren. Die lokale Bevölkerung wird so als Mieter aus den Städten hinausgetrieben. Verständlicherweise wollen die Kommunen gegen diesen sozialpolitisch dramatischen Effekt vorgehen – mit Verboten aber auch mit Kooperationen und Kompromissvorschlägen.

Darüber hinaus weicht die Sharing Economy den Schutz der Beschäftigten immer mehr auf. Tendenzen zu pseudoselbstständigen Abhängigkeiten, Risikoüberwälzung, ungeregelte zeitliche Verfügbarkeit und starker Druck auf das Lohnniveau sind die Kehrseite der mit der Sharing Economy verbundenen Flexibilität. In dieser Grauzone werden der Schattenwirtschaft Tür und Tor geöffnet. Enorme Steuerausfälle könnten daraus resultieren – mit besorgniserregenden Auswirkungen hinsichtlich der Erfüllung hoheitlicher Aufgaben und damit womöglich gar dem Zusammenhalt der Gesellschaft als Solidargemeinschaft.

Soziale Motivation plus Profit

Abschließend bleibt damit festzuhalten: Von der Sharing Economy könnte für die soziale Motivation des Wirtschaftens und den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen ein deutlicher Impuls hin zu einem sozial und ökologisch verantwortlichen Handeln ausgehen. Die vielfältigen innovativen Geschäftsmodelle zeigen einerseits, wie Angebote wesentlich effizienter erbracht werden können als in althergebrachten Strukturen. Demgegenüber stehen große Risiken hinsichtlich des Datenschutzes und der sozialpolitischen Auswirkungen. 

Es zeigt sich, dass sich nicht allein der Gutmensch mit vorbehaltlos sozialer Motivation in der Sharing Economy tummelt, sondern durchaus auch nach Profit gestrebt wird. Dass in der Sharing Economy doch nicht alles grundsätzlich anders ist, sollte keinesfalls dazu veranlassen, alle hier entstehenden Ideen völlig enttäuscht zu verwerfen. Stattdessen erlaubt die zumindest mittelfristig ausgerichtete Profitorientierung der Sharing Economy, dass die avisierten enormen Potenziale tatsächlich auch nachhaltig realisiert werden können.

Um die mit der Sharing Economy also verbundenen positiven Potenziale für die Gesellschaft zu erreichen, braucht es in diesem Spannungsfeld zwischen "konstruktivem Ko-Konsum" und "kalifornischem Plattformkapitalismus“ nicht nur eine leistungsfähige technische Infrastruktur, sondern insbesondere auch einen passenden Rechtsrahmen, der weit über die DSGVO hinaus einen guten Kompromiss zwischen der Förderung von Innovationen und dem Schutz von gesellschaftlichen Werten und der Solidargemeinschaft darstellt. Hier werden in den kommenden Jahren noch zahlreiche Diskussionen zu führen zu sein – auf innenpolitischer wie auf internationaler Ebene.

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