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29.08.2016 | Entsorgung | Interview | Onlineartikel

"Das Meer ist zur größten Mülldeponie der Welt geworden"

Autor:
Günter Knackfuß
Interviewt wurde:
Dipl.-Ing. Dirk P. Lindenau

entwickelt zusammen mit einem Team von Spezialisten aus der maritimen und Umweltindustrie sowie Wissenschaftlern  schiffsbasierte Abfall-Management Lösungen für Inselstaaten und große Städte an Küsten und Flüssen.

Der Lebensraum Meer ist durch Müllablagerungen gefährdet. Dirk P. Lindenau erklärt, was ein schiffsbasiertes Abfall-Management für Inselstaaten und große Städte an Küsten und Flüssen leisten kann.

Springer Professional: Wo liegen die Hauptgründe für das Müllproblem in den Ozeanen?

Dirk P. Lindenau: Die geordnete Entsorgung von Abfällen wird weltweit massiv vernachlässigt. Über 50 Prozent aller Länder können sich diese nicht leisten weil sich damit bisher kein Geld verdienen lässt. In der Folge wird in diesen Ländern Abfall nur zum Teil gesammelt, wild und offen deponiert, unter freiem Himmel verbrannt oder gezielt in die Meere entsorgt. So ist der wichtigste Lebensraum unserer Erde - die sieben Meere - von den Menschen über das Maß ausgenutzt und verunreinigt worden. Insgesamt gelangen jedes Jahr 10 Millionen Tonnen Plastik in die Meere. 20 Prozent kommen von der Schifffahrt, der Fischerei, Offshore Installationen und der Freizeit-Schifffahrt, aber 80 Prozent haben ihren Ursprung von Land. Das Meer ist mittlerweile zu der größten Mülldeponie der Welt geworden. Mehr als 100 Million Tonnen (überwiegend Plastik) befinden sich in unseren Meeren.

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Sie wollen mit ihrem Abfall-Recycling-Schiffs-System jetzt gegensteuern. Wie soll das System funktionieren?

Bei meiner Technologie, erarbeitet in einem Team von Spezialisten aus der maritimen und Umweltindustrie sowie Wissenschaftlern, geht es um schiffsbasierte Abfall-Management Lösungen für Inselstaaten und große Städte an Küsten und Flüssen. Das Konzept des Abfall-Recycling-Schiffes (Waste-Recycling-Ship, WRS) verbindet die ökologischen Vorteile mit den ökonomischen Möglichkeiten und schafft so eine Win-Win-Situation für den Betreiber und das betroffene Land. In Deutschland umgebaute Handelsschiffe, ausgerüstet mit modernster Abfallverwertungstechnologie, bilden die Basis des Systems. Voraussetzung bleibt ein modernes leistungsfähiges Sammelsystem in den Inselstaaten. Auf dem WRS arbeitet eine Sortier-Anlage, genutzt werden die sortierten Stoffe für die Erzeugung von Biogas und Kompost sowie Rückführung der übrigen Fraktionen im Rahmen der Kreislaufwirtschaft (MBT & WTE). Mit unserem Gesamtsystem verarbeiten wir am Beispiel der Kapverdischen Inseln 156.000 Tonnen Siedlungsabfälle pro Jahr. Unsere Lösung besteht aus einem Sammelschiff, das zum Beispiel jährlich ca. 70.000 Tonnen transportiert und 52 Betriebswochen pro Jahr hat. Die zwei weiteren Abfallprozess-Schiffe liegen fest an der Kaimauer am größten Hafen des Landes. Und das System ist skalierbar und kann von 70.000 Tonnen pro Jahr bis 200.000 Tonnen pro Jahr und dann nach oben multipliziert werden.

Für die Kapverdischen Inseln im Zentralatlantik liegt eine schlüsselfertige Lösung vor. Welche Teilaspekte haben dabei die wichtigste Funktion?

In dem Inselstaat vor der Westküste Nordafrikas gibt es kein nachhaltiges Abfallsystem; der größte Teil des Mülls wird gesammelt und wild deponiert und offen verbrannt. In den vergangenen zehn Jahren hat die dortige Regierung in eine hochmoderne Hafeninfrastruktur investiert, wichtigste Voraussetzung für unser Konzept. Damit funktioniert die Schnittstelle Schiff-Hafen. Das Waste Collecting Ship soll in einer Dauerroute die neun bewohnten Inseln der Kapverden anfahren, die Abfälle an Bord nehmen und zu den beiden fest im Hafen liegenden Prozessschiffen liefern. Papier und anderes brennbares Material wird zu Ballen verdichtet und an Bord des zweiten Prozessschiffes thermisch in Energie umgewandelt. Auf den Kapverden selbst verbleiben die Bioabfälle und werden an Bord des ersten Prozessschiffes fermentiert und in Biogas umgewandelt. Das Biogas wird zur Energieerzeugung und letztendlich zur Trinkwasseraufbereitung genutzt werden Das Restprodukt dieses Fermentierungsprozesses heißt Presskuchen und wird an Land in einer Kompostierungsanlage zu Kompost umgewandelt. Der Kompost soll die Landwirtschaft unterstützen. In den Export sollen auch Metalle gehen. Mit dem WRS- System könnten die Kapverden ein Abfallwirtschaftssystem aufbauen, das deutschen Standards entspricht und dabei sogar kostengünstiger wäre. Und dieses nachhaltige Abfallwirtschaftssystem würde die im September letzten Jahres von den Vereinten Nationen verabschiedeten Nachhaltigkeitsziele 2030 in idealer Weise erfüllen.

Welche Chancen sehen sie für die Finanzierbarkeit der maritimen Müllabfuhr in ärmeren Ländern?

Energiekosten und Trinkwasserkosten sind in der Regel auf Inselstaaten sehr teuer. Daher wird bei dem WRS-System die Ressource Abfall maximal genutzt, um daraus so viel wie möglich Energie, recyclingfähige Stoffe und aus der Prozesswärme aus Meerwasser Trinkwasser zu machen. Viele der betroffenen Länder haben Rahmenbedingungen, die für die Realisierung eines solchen Systems ein öffentlich privates Betreiberkonzept als optimal erscheinen lassen. Vor diesem Hintergrund haben wir in Abstimmung mit einer Bank und auf Wunsch eines Inselstaates zum Beispiel ein Public Private Partnership-Konzept entwickelt, bei dem die Investition des Gesamtsystems in enger Zusammenarbeit auf Basis von langfristigen Verträgen mit dem betroffenen Land realisiert werden soll. Dabei werden die Erträge aus dem Verkauf von Energie und Trinkwasser sowie Kompost einen großen Deckungsbeitrag bereits erwirtschaften.

Gibt es weltweit noch andere Lösungen, dem Müll im Meer Herr zu werden?

In diesem Bereich ist schon einiges in Bewegung geraten. Die Umweltorganisation One Earth – One Ocean e.V.  baut zum Beispiel aktuell eine Flotte von Katamaranen auf, die im Meer schwimmenden Müll einsammeln soll. Erste Prototypen absolvieren bereits auf Seen und Flüssen ihren Testbetrieb. Noch in diesem Jahr beginnt One Earth – One Ocean mit dem Bau des nächstgrößeren Schiffs mit Namen Seekuh, das auf größeren Flüssen und in Küstenstreifen Müll einsammeln soll, perfekt also für Inselgruppen wie die Kapverden. Recyclingschiff und Müllsammelkatamaran können dann gemeinsam zum Einsatz kommen.

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