Skip to main content
main-content

29.08.2014 | Entsorgung | Im Fokus | Onlineartikel

Aspekte beim Recycling von Atomkraftwerken

Autor:
Sabine Voith
3:30 Min. Lesedauer

Der Rückbau des Atomkraftwerks Mülheim-Kärlich hat Modellcharakter für große Reaktoren wie Biblis. Neben den technischen Aspekten beim Rückbau und Recycling, sind auch soziale und politische Fragen zu beachten.

Das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich ist nicht das erste Werk, das im Rahmen der Energiewende abgerissen wird. Der Rückbau hat bereits 2014 begonnen. Es ist jedoch mit 1.200 Megawatt Leistung das größte im Vergleich zu Gundremmingen A, Stade oder Würgassen. Vom Netz gegangen war die Anlage nach nur 13 Monaten Betrieb bereits 1988.

Laut Medienberichten kann der Rückbau aller Atomkraftwerke bis 2100 dauern, die Kosten dafür seien nicht abschätzbar. Rücklagen in Höhe von insgesamt rund 35 Milliarden Euro stehen den Kraftwerken für den Rückbau zur Verfügung. Für Mülheim-Kärlich ist ein Budget von rund 750 Millionen Euro vorgesehen.

Rückbau-Phasen

Weitere Artikel zum Thema

Der Rückbau fällt unter die Kategorie „unmittelbarer Rückbau“ und wird insgesamt rund 20 Jahre dauern. Die Brennstoffabkühlung und das Verpacken in Transportbehälter zur anschließenden Zwischenlagerung am Standort wird auf bis zu sieben Jahre geschätzt. Daran schließt sich die Rückbauzeit von bis zu 15 Jahren für den nuklearen Teil der Anlage an. Die konventionelle Beseitigung der Gebäudestrukturen und die Rekultivierung beträgt zwei Jahre.

Radioaktiver Müll

Zur Entsorgung stehen in Mülheim-Kärlich 500.000 Tonnen Material, davon 4.000 Tonnen radioaktiver Abfall. Neben den Uranbrennstäben und dem Druckwasserreaktor fallen beim Rückbau auch schwach strahlende Teile wie Stahlröhren, Kabelstränge oder Armaturen an. Sie werden in Einzelstücke zersägt und chemisch oder mechanisch gereinigt. In der Praxis wird die Radioaktivität mit Wasser abgewaschen. Die radioaktiven Partikel werden vom Wasser per Verdampfer getrennt. Die Partikel werden in Pulverform in die Zwischenlager und dann in das Endlager Schacht Konrad gebracht. Das Wasser wird in die Flüsse geleitet.

Recycling

Sind die Reststoffe zerlegt und die verstrahlten Anlagenteile durch Abwaschen, Sandstrahlen oder Ultraschallbäder dekontaminiert, können sie wiederverwendet werden. Die rückgebauten Teile wie Betonteile finden beispielsweise im Autobahnbau Verwendung. Das Metall wird als Schrott wiederverwertet, beispielsweise in Anlagen des Straßen- und Bahnverkehrs oder auch in Anlagen zur Erzeugung von Erneuerbaren Energien. Ein Recycling-Betrieb soll sich nun in Mülheim-Kärlich ansiedeln.

Auch der Rückbau des Meilers in Neckarwestheim soll Modellcharakter bekommen. Hier plant der Energieversorger EnBW die Gründung einer konzerneigenen Rückbaugesellschaft, bestehend aus einem Reststoffbearbeitungszentrum und einem Standort-Abfalllager. Die dafür notwendigen Flächen sollen jeweils die Größe von ein bis zwei Fußballfeldern haben. Der Konzern möchte aus den Erfahrungen, die er beim Rückbau sammelt, ein neues Geschäftsfeld entwickeln. Das Know-how könnte weltweit eingesetzt werden.

Politische und soziale Aspekte

Beim Vorhaben des Energieversorgers in Neckarwestheim zeigen sich die politischen Aspekte eines Rückbaus, die sich nicht nur auf das Atomgesetz beschränken. Der Gemeinderat hat sich Ende Juli gegen ein Atom-Recycling-Zentrum ausgesprochen, nun entscheidet das zuständige Landratsamt.

Soziale Aspekte zeigen sich unter anderem bei der Beteiligung der Bürger. Informationen über Zwischen- und Endlagerung sind hier von zentraler Bedeutung. Die Bevölkerung möchte Transparenz beispielsweise beim Umgang mit radioaktivem Müll. Als in den Medien über die Beteiligung der Bürger beim Rückbau über Steuergelder spekuliert wurde, gab es Kritik aus der Bevölkerung. Auch über die Nutzung der freigewordenen Flächen möchten die Bürger informiert sein. Kommunikation ist ein wichtiger Bestandteil des neuen Geschäftsfeldes für die Energieversorger.

Die Wissenschaftler der Acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, äußern sich zu im Buchkapitel "Ausblick: Forschung aus Globaler Verantwortung und die Bedeutung von Kommunikation aus der Wissenschaft heraus" zu diesem Thema. Sie sehen auch die unabhängige Wissenschaft in der Verantwortung.
Die Autoren gehen aber auch auf konkrete Fragestellungen wie die Abfallbeseitigung ein im Kapitel "Was in punkto Abfälle und Endlagerung getan werden muss".

Weiterführende Themen

Die Hintergründe zu diesem Inhalt