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22.04.2015 | Entsorgung | Im Fokus | Onlineartikel

Sekundärrohstoffen gehört die Zukunft

Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Industrie müssen Wachstum und Verbrauch von Rohstoffen entkoppelt werden. Martin Faulstich, Vorsitzender des Sachverständigenrats für Umweltfragen, kommentiert.

Die nachhaltige Industriegesellschaft hat sich auf die Fahnen geschrieben, Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum vom Verbrauch fossiler, metallischer und mineralischer Rohstoffe zu entkoppeln. Die Energiewende kann durch regenerative Energien für Strom, Wärme, Verkehr und Industrie das Wirtschaftswachstum von fossilen Energien und dem Klimawandel entkoppeln. Ihre Schwester, die Rohstoffwende, kann den Verbrauch metallischer und mineralischer Rohstoffe vom Wachstum entkoppeln. Die Rohstoffwende ist auch essentiell für die Energiewende, denn mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien steigt auch der Bedarf an High-Tech-Elementen für Regelung, Kommunikation und Verteilung im stärker dezentral werdenden Energiesystem.

Wissensgesellschaft braucht Rohstoffe und Elementvielfalt

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Unser Zeitalter ist geprägt von Information und Wissen, was vermeintlich zu einer Dematerialisierung führt. Die Wissensgesellschaft braucht aber technische Infrastrukturen, die viel stärker als in der Frühzeit der Industrialisierung eine steigende Rohstoffmenge und auch eine steigende Elementvielfalt benötigt. Von den 118 Elementen des Periodensystems werden mittlerweile rund 90 technisch genutzt. Die Recyclingraten bei vielen wirtschaftsstrategischen Rohstoffen wie Tantal, Indium oder Neodym liegen jedoch noch unter 1 Prozent. Das liegt einerseits daran, dass es bislang nur wenige leistungsfähige Recyclinganlagen gibt, andererseits aber auch daran, dass viele Elektro- und Elektronikaltgeräte nicht gesammelt werden und damit nicht zu den besagten Anlagen gelangen. Der lange Weg zum Wertstoffgesetz spiegelt das wieder.

Rebound-Effekt fordert Entkopplungsstrategie heraus

Mit schwindenden Lagerstätten, steigenden Rohstoffpreisen und gesättigten Märkten steigt auch die Bedeutung von Ressourceneffizienz und Recycling. Sekundärrohstoffe, welche Primärrohstoffe ersetzen, schonen bekanntermaßen die Natur, sparen Energie und leisten einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Die Steigerung der Ressourceneffizienz hat vielfach dazu geführt, dass der spezifische Rohstoffbedarf je Produkt gesunken ist, beispielsweise der Goldgehalt je Handy. Gleichzeitig ist die Anzahl der produzierten Geräte jedoch stark gestiegen. In der Summe wird der Einspareffekt überkompensiert, so dass der Goldbedarf absolut weiter steigt. Dieser Rebound-Effekt ist eine große Herausforderung für die Entkopplungsstrategie.

Beachtliche Verluste durch Feinverteilung der Elemente

Eine bislang wenig betrachtete Restriktion stellt zudem die Dissipation dar, also die Feinverteilung von Elementen derart, dass sie kaum zurückgewonnen werden können. Beispiele sind Produkte wie RFID-Chips und kleine Alufolien, Elemente in Farben, Lacken und Düngemitteln, Korrosion an Infrastrukturen und Maschinen, Verschleiß an Schienen und Bremsen, Verluste in Sortieranlagen, aus Legierungen und Schlacken nicht abtrennbare Metalle. Der Verlust im Einzelfall mag winzig erscheinen, aber durch milliardenfache Nutzung können durchaus beachtliche Verluste entstehen. Forschung und Entwicklung in den Bereichen Korrosions- und Verschleißschutz, Sortiertechnik und Metallurgie können also maßgeblich zum Materialerhalt beitragen.

Sekundärrohstoffe stehen im Mittelpunkt der Ausgabe 04/2015 der Fachzeitschrift Wasser und Abfall, Wertstoffe aus Flugzeugen, Elektro- und Elektronikaltaltgeräten, Gebäuden und aus Verpackungen. Das sind unsere neuen Lagerstätten, die es zu nutzen gilt.

Der gleichlautende Kommentar ist erschienen in Ausgabe 04/2015 der Fachzeitschrift Wasser und Abfall.

Zum Autor

Professor Dr.-Ing. Martin Faulstich ist Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen der Bundesregierung und Geschäftsführer des Cutec Instituts an der TU Clausthal.

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2015 | OriginalPaper | Buchkapitel

Recycling

Quelle:
Werkstoffkunde für Ingenieure

01.09.2012 | INTERVIEW | Ausgabe 9/2012

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