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20.08.2018 | Entsorgung | Interview | Onlineartikel

"Endlager für hochradioaktive Abfälle nach 2050 in Betrieb"

Autor:
Nico Andritschke

Ein Großteil der KKW wurde hierzulande stillgelegt, der Rückbau gestartet. Die Endlager-Suche für radioaktive Abfälle geht weiter. Henry B. Cordes erklärt die aktuelle Situation, Folgen und Projekte.

Springer Professional: Die Diskussion um die Entsorgung radioaktiver Abfälle ist in letzter Zeit hierzulande verklungen. Wie sieht es national und international aus? Sind alle Hausaufgaben gemacht oder was sind die drängendsten Probleme?

Henry B. Cordes: Die Organisation für die Zuständigkeiten in Deutschland sind neu geregelt worden. Eine neue Bundesgesellschaft für Endlagerung, die BGE, ist jetzt zuständig für die Endlager Morsleben, Konrad, den Schacht Asse sowie für die Endlagersuche. Bei letzterem steht als nächstes Ziel bis zum Jahr 2031 die Festlegung der Regionen, in denen ein Endlager für hochradioaktiven Abfall gebaut werden könnte. Die Diskussionen um das Endlager Konrad gibt es weiterhin. Die erst für das 1. Halbjahr 2027 vorgesehene Fertigstellung des Endlagers ist eine Herausforderung für alle Ablieferungspflichtigen. Auch für uns, da wir als EWN-Konzern circa 38 Prozent der Abfälle haben, die dort eingelagert werden müssen.
Als erstes Land beabsichtigt Finnland 2020 ein Endlager für hochradioaktive Abfälle in Betrieb zu nehmen. Einige Länder haben bereits Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Wie die einzelnen Länder dabei vorgehen, ist allein ihre Entscheidung.

 

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Zurzeit werden bestrahlte Brennelemente und zurückgeführte verglaste Abfälle aus der Wiederaufarbeitung in für 40 Jahre genehmigten Oberflächenanlagen zwischengelagert. Dort warten sie auf weitere Entsorgungsschritte, deren Ziel in Deutschland aktuell die Verbringung in ein Endlager ist. 

Die EWN Greifswald haben sich mit dem Know-how ihrer Mitarbeiter in den letzten Jahrzehnten von einem ehemaligen Kernkraftwerkbetreiber zu einer weltweit gefragten Entsorgungsfirma gewandelt und entwerfen heutzutage Stilllegungs- und Rückbaukonzepte für Atomkraftwerke. Warum die Kehrtwende?

Die EWN GmbH ist nur kurze Zeit der Betreiber der KKW Greifswald und Rheinsberg gewesen. Seit 1990 sind die Kraftwerke stillgelegt und seit 1995 sind wir mit dem Rückbau und der Entsorgung der ehemaligen DDR-Kernkraftwerke beschäftigt.
Mit der Zustimmung unseres Gesellschafters, des Bundesfinanzministeriums, beteiligen wir uns schon sehr lange an Stilllegungs- und Rückbauvorhaben in den osteuropäischen Staaten, in letzter Zeit natürlich auch verstärkt in Deutschland. So haben wir im KKW Obrigheim den Reaktor und seine Einbauten fernbedient zerlegt und endlagergerecht verpackt. Zurzeit zerlegen unsere Mitarbeiter im KKW Brunsbüttel fernbedient die Reaktorkernbestandteile.
Mit diesen Arbeiten in anderen Anlagen erhalten wir unser Know-how auf dem Gebiet der Zerlegung von Reaktoren und passen es immer wieder an den Stand der Technik an. Denn erst Ende der 2020er Jahre werden wir unsere Reaktordruckgefäße und Reaktoreinbauten in der zurzeit im Bau befindlichen neuen Zerlegehalle für die Endlagerung vorbereiten.

Im Zuge der Energiewende sind zahlreiche KKW bundesweit stillgelegt worden. Die Endlagerdebatte wird seit Jahrzehnten ohne Ergebnis geführt. Ist man auf die damit entstehenden Herausforderungen ausreichend vorbereitet?

Hier muss man unterscheiden zwischen dem Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle und dem Endlager für hochradioaktive Abfälle, welches nach jetziger Planung nach 2050 in Betrieb gehen soll. Die erneut verschobene Inbetriebnahme des Endlagers Konrads stellt uns vor große Herausforderungen. So muss zum Beispiel unser Tochterunternehmen KTE (Kerntechnische Entsorgungsgesellschaft Karlsruhe) zwei neue Lagergebäude bauen, damit die Abfälle, die später ins Endlager Konrad eingelagert werden sollen, bis zur Abgabe sicher aufbewahrt werden können. Auch für andere Ablieferer ergeben sich ähnliche Konsequenzen.
Die längere Lagerung der hochradioaktiven Abfälle in den CASTOR-Behältern ist bisher in allen Zwischenlagern für 40 Jahre seit der ersten Einlagerung genehmigt. Auch hier ergeben sich langfristig Konsequenzen für alle Betreiber dieser Zwischenlager.

In einem über 12 Jahre andauernden und von der Öffentlichkeit fast nicht wahrgenommenen Projekt haben die EWN auf der Kola-Halbinsel für stillgelegte russische Atom-U-Boote einen modernen Entsorgungskomplex geplant und realisiert. Was war das für ein Projekt und welchen Stellenwert hat es für zukünftige Vorhaben?    

Für die EWN GmbH war dieses Projekt im Auftrag der Bundesregierung, welches von 2003 bis 2015 lief, ein voller Erfolg. Es ist eins der ungewöhnlichsten Projekte, das je von einem öffentlichen Unternehmen realisiert wurde – der Bau eines Langzeit-Zwischenlagers und eines Entsorgungszentrums für radioaktive Abfälle aus 175 russischen Atom-U-Booten und Überwasserschiffen auf dem Gebiet der Russischen Föderation unter den unwirtlichen Bedingungen des polaren Winters und mit mancherlei Herausforderungen eines militärischen Sperrgebiets. Als wäre all dies nicht schon ungewöhnlich genug, konnten wir das Projekt nach 12 Jahren nicht nur im Zeit-und Kostenplan realisieren. Wir haben mit 588 Millionen Euro sogar 12 Millionen Euro weniger als veranschlagt aufgewendet.
Das Projekt selbst ist nach Auffassung aller Experten ein Meilenstein, eine europäische Landmarke in ökologischer, ökonomischer und nicht zuletzt auch in politischer Hinsicht. Durch die geordnete Entsorgung der U-Boote, die Reduzierung der von ihnen ausgehenden Strahlungsrisiken und die Sicherung von Kernbrennstoffen und kernbrennstoffhaltigen Abfällen aus den Marinebeständen der ehemaligen Sowjetunion haben wir einen kleinen, aber sehr effektiven Beitrag, auch im Kampf gegen die Nuklearkriminalität, leisten und die Welt so buchstäblich ein wenig sicherer machen können. Ganz so, wie das Ziel der zwischen den G8-Staaten im Jahre 2003 vereinbarten "Globalen Partnerschaft" war.
Für unser Drittgeschäft waren die Planung, der Bau und die Inbetriebnahme des Entsorgungszentrums in der Saida-Bucht ein wichtiger Baustein im Know-how-Erhalt. Ähnliche Entsorgungszentren werden auch hier in Deutschland errichtet und unsere Expertise ist gefragt.

Benötigt der Umgang mit Atommüll eine neue Herangehensweise und kann das weltweite Entsorgungsproblem eigentlich noch in nationalem Rahmen gelöst werden?

Für die Abrüstungsprobleme in der Russischen Föderation haben die G8-Staaten im Rahmen der "Globalen Partnerschaft" verschiedene Projekte realisiert und Deutschland hat daran seinen Anteil geleistet. Die Entsorgung des Atommülls ist aber im Großen und Ganzen eine nationale Aufgabe. Es wird weitere Ausnahmen geben, wo die Unterstützung anderer Staaten notwendig wird, wie zum Beispiel auch in Tschernobyl. Der Austausch unter den Fachkollegen und den jeweiligen staatlichen Stellen verschiedener Länder, wie er bereits stattfindet, ist von enormer Bedeutung, um dieses Problem im Interesse der gesamten Bevölkerung und der Umwelt zu lösen.

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