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06.07.2021 | Original Article / Originalbeitrag | Ausgabe 3/2021 Open Access

Gesunde Pflanzen 3/2021

Entwicklungen des Insektizid-Einsatzes in Winterraps (Brassica napus L.) infolge des Anwendungsverbotes neonicotinoider Beizen

Zeitschrift:
Gesunde Pflanzen > Ausgabe 3/2021
Autoren:
Sabine Andert, Andrea Ziesemer
Wichtige Hinweise

Zusatzmaterial online

Zusätzliche Informationen sind in der Online-Version dieses Artikels (https://​doi.​org/​10.​1007/​s10343-021-00572-4) enthalten.

Einleitung

Insekten sind die bedeutendste Schädlingsgruppe im weltweiten Rapsanbau (Zheng et al. 2020). Die Insektenbekämpfung im Winterraps ( Brassica napus L.) in Europa stellt sich jedoch aufgrund zunehmender Resistenz einiger wichtiger Schadinsekten gegenüber Insektiziden (Heimbach und Müller 2013; Mota-Sanchez und Wise 2021) und der resultierenden eingeschränkten Auswahl an verfügbaren Wirkstoffen besonders herausfordernd dar. Darüber hinaus werden durch das Verbot der Saatgutbeizung mit Neonicotinoiden (u. a. Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam) im Jahr 2014 (Verordnung (EU) Nr. 485/2013 der Europäischen Kommission) erhöhte Ertragsverluste durch Schädlinge beobachtet (Kathage et al. 2018; Scott und Bilsborrow 2019; Zhang et al. 2017).
Auf der Grundlage der Ergebnisse der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) zur Schädlichkeit der Neonicotinoide für Wild- und Honigbienen schränkte die EU-Kommission die Verwendungen der drei neonicotinoiden Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln ein. Im Ackerbau sind Saatgut- und Bodenbehandlungen nicht mehr erlaubt sowie Blattbehandlungen nach der Blüte der Kulturen eingeschränkt. Neonicotinoide wirken auch auf die Gehirnprozesse der Bienen (Brandt et al. 2016; Henry et al. 2012). Niedrige Dosen können Gehirnprozesse, wie Wahrnehmen, Lernen, Erinnern, Orientieren, Navigieren, Kommunizieren, stören – höhere Dosen wirken letal (Fischer et al. 2014; Tison et al. 2016). Darüber hinaus schwächen Neonicotinoide das Immunsystem von Bienen, wodurch sie anfälliger für Viren und Krankheiten werden (Sanchez-Bayo et al. 2016).
Die Saatgutbehandlung von Winterraps ( Brassica napus L.) mittels Inkrustierung mit insektiziden Wirkstoffen diente der Vorbeugung gegen Befall mit dem Raps- und Kohlerdfloh ( Psylliodes chrysocephalus L ., Phyllotreta nemorum L./ Phyllotreta undulata L.) sowie durch die Herbstgeneration der Kleinen Kohlfliege ( Delia radicum L.) (Lundin et al. 2020). Der Rapserdfloh schädigt die Pflanzen sowohl im Larven- als auch im adulten Stadium. Die Larven fressen im Stängel der Pflanzen, adulte Tiere ernähren sich während des Pflanzenauflaufens von Stängel, Keimblättern und den ersten echten Blattpaaren. Die Larven der Kleinen Kohlfliege schädigen hingegen die Wurzeln der Pflanzen, wodurch die Pfahlwurzel in ihrer Funktion und in ihrem Wurzeltiefgang stark eingeschränkt wird.
Seit der Aussaat im Herbst 2014 stehen zum Schutz gegen den Befall von Raps- und Kohlerdfloh-Arten ausschließlich Pyrethroid-haltige Insektizide in Winterraps zur Verfügung. Die eingeschränkten Möglichkeiten der Insektenbekämpfung gefährden die Rentabilität des Winterrapsanbaus (Arthey 2020; Lundin 2021). Europäische Landwirte geben an, dass der Zeitaufwand, die Kosten und die Menge an Insektiziden zum Schutz des Winterrapses gegenüber den Schadinsekten zunehmen (Kathage et al. 2018).
Der vorliegende Beitrag zielt darauf ab, die Anwendungsmuster der Applikationen mit Insektiziden in Winterraps zu untersuchen sowie Auswirkungen des Anwendungsverbotes neonicotinoider Beizen in Deutschland zu identifizieren. Zu diesem Zweck werden Anbaudaten und Insektizid-Anwendungen der Referenzbetriebe Mecklenburg-Vorpommern in den Erntejahren 2012–2019 ausgewertet. Der Anbau von Winterraps ist in Mecklenburg-Vorpommern weit verbreitet. Im Mittel der Anbaujahre 2014–2020 wurden 17,8 % des bundesweiten Winterraps in Mecklenburg-Vorpommern angebaut (Statistisches Bundesamt 2020). Der Beitrag von Winterraps an den Umsatzerlösen der Ackerbaubetriebe in Mecklenburg-Vorpommern betrug in 2012–2019 23 % (Annen 2021).

Material und Methoden

Datengrundlage

Im Rahmen der Auswertungen der Referenzbetriebe der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern wird ein umfangreicher Datensatz landwirtschaftlicher Praxis-Daten ausgewertet. Für den vorliegenden Beitrag wurden Anbaudaten von Winterraps von 17 Referenzbetrieben aus neun Jahren (2012–2019) analysiert. Es wurden 1355 Felder zusammengetragen.

Datenanalyse

Aus den Schlagaufzeichnungen wurden schlagspezifische Anbaudaten, Ackerzahlen und jährliche Erträge entnommen. Zum Anbau wurden die Art der Bodenbearbeitung (nicht wendend/wendend), Sorte (inkl. Beize), Saatstärke (Körner/m 2), Saatdatum (Tage ab dem 01.08. des Erntejahres) und die Stickstoffmenge (kg/ha) dokumentiert. Darüber hinaus wurde in den Erntejahren 2017–2019 die Anbaufläche mit Lumiposa 625 FS-gebeiztem Winterraps erfasst.
Zur Darstellung und zum Vergleich der Insektizid-Intensitäten wird der Indikator Behandlungsindex (BI) verwendet (Roßberg et al. 2002). Der Insektizid-Behandlungsindex eines Schlages in einem Erntejahr wird aus allen Behandlungen mit Präparaten der Pflanzenschutzmittelgruppe Insektizide berechnet. Der Gesamt-Insektizid-BI eines Erntejahres ergibt sich aus dem BI-Insektizide Herbst (Zeitraum Aussaat – 31.12. des Erntejahres) und dem BI-Insektizide Frühjahr (Zeitraum 01.01. des Erntejahres – Ernte). Die Behandlungshäufigkeit stellt dar, wie oft im Laufe der Saison Insektizide eingesetzt wurden (Bürger und Gerowitt 2009). Für die separate Auswertung der Insektizid-Behandlungen entspricht die Zahl der Behandlungen der Anzahl der Überfahrten (ÜF). Die Überfahrten ergeben sich aus der Anzahl der durchgeführten Insektizid-Anwendungen bezogen auf die jeweilige Anbaufläche. Eine Behandlung erhält den Flächenkoeffizienten „1“, wenn sie die gesamte Fläche des jeweiligen Feldes umfasst, auch dann, wenn mit dieser Maßnahme mehrere Pflanzenschutzmittel als Tankmischung ausgebracht werden. Bei einer Teilflächenbehandlung ergibt sich der Flächenkoeffizient als Quotient von behandelter Fläche und Gesamtfläche. Die Gesamt-ÜF mit Insektiziden eines Erntejahres auf einem Feld ergeben sich aus den ÜF-Insektizide Herbst (Zeitraum Aussaat – 31.12. des Erntejahres) und den ÜF-Insektizide Frühjahr (Zeitraum 01.01. des Erntejahres – Ernte).
Für die Ermittlung der Insektizidkosten (€/ha) wurde die betriebliche Aufwandmenge mit Standardpreisen verrechnet (ATR, Ceravis AG, 2019). Variable Maschinenkosten für die Überfahrten wurden nicht berücksichtigt.

Statistische Auswertungen

Die statistischen Auswertungen erfolgten mit der Softwareumgebung R (R Core Team 2020) und darin mit den Paketen ‚polycor‘ (Fox und Weisberg 2019) ‚lmerTest‘ (Kuznetsova et al. 2017) und ‚agricolae‘ (de Mendiburu und Yaseen 2020). Für die grafische Darstellung der Ergebnisse wurde das Paket ggplot2 verwendet (Wickham 2016).
Der parameterfreie Kruskal-Wallis-Test wurde verwendet, um Unterschiede hinsichtlich des Insektizid-Einsatzes (Behandlungsindex und Überfahrten), Insektizid-Kosten, Saatstärke und Saatdatum zwischen den Erntejahren statistisch zu prüfen.

Ergebnisse

Abb.  1 stellt die Behandlungsindizes und Anzahl der Überfahrten für den Insektizid-Einsatz im Winterraps über den Zeitraum von 2012 bis 2019 dar. Der Gesamt-Insektizid-Einsatz (BI und Anzahl der Überfahrten) ist beginnend mit dem Erntejahr 2015 signifikant angestiegen (Abb.  1a, c).
Seit dem Erntejahr 2015 ist ein deutlicher Anstieg im BI-Insektizide und den Überfahrten mit Insektiziden im Herbst zu erkennen (Abb.  1b, e). Der Herbst-BI-Insektizide der Erntejahre 2012–2014 unterscheidet sich signifikant von den Erntejahren 2015–2019. Im Frühjahr zeigen der BI-Insektizide und die Anzahl der Überfahrten keinen eindeutigen Trend im Zeitverlauf auf (Abb.  1c, d).
Die mittlere Insektizid-Intensität für den Zeitraum 2012–2014 beträgt für das gesamte Erntejahr BI 3,1 – aufgeteilt in Herbst-BI 0,4 und Frühjahrs-BI 2,7. Im Zeitraum 2015–2019 wurden Insektizide im gesamten Erntejahr in der Intensität BI 3,8 eingesetzt, im Herbst BI 1,6 und im Frühjahr BI 2,2.
Im Zeitraum 2012–2014 betrugen die Überfahrten (ÜF) mit Insektiziden durchschnittlich 3,1 ÜF, im Herbst 0,5 ÜF und im Frühjahr 2,6 ÜF. Die Anzahl der mittleren Überfahrten sind im Zeitraum 2015–19 auf insgesamt 3,8 ÜF angestiegen, aufgeteilt auf 1,6 ÜF im Herbst und 2,2 ÜF im Frühjahr.
Abb.  2 stellt die Insektizid-Intensität der Wirkstoffgruppen Neonicotinoide, Oxadiazin, Pyridin-Azomethine, Pyrethroid Gruppe 1 und Pyrethroid Gruppe 2 dar. Die Wirkstoffgruppen Neonicotinoide (Abb.  3a) (eingesetzte Wirkstoffe: Acetamiprid, Thiacloprid) und Pyrethroide Gruppe 1/2 (Abb.  2d, e) (eingesetzte Wirkstoffe Pyrethroide 1: Tau-Fluvalinat, Etofenprox; Pyrethroide 2: beta-Cyfluthrin, alpha-Cypermethrin, Cypermethrin, Deltamethrin, zeta-Cypermethrin, lambda-Cyhalothrin, Esfenvalerate, Flonicamid) wurden intensiv im Winterrapsanbau Mecklenburg-Vorpommerns eingesetzt. Ein starker Anstieg des BI-Insektizide wurde für die Wirkstoffgruppe Pyrethroid Gruppe 2 (Abb.  2e) im Zeitverlauf 2012–2019 ermittelt. Mit Ausnahme der Jahre 2012 (Pyrethroid Gruppe 1) (Abb.  2d) und 2016 (Neonicotinoide) (Abb.  2a) wurden die Wirkstoffe der Gruppen Neonicotinoide und Pyrethroide der Gruppe 1 tendenziell gleichmäßig eingesetzt. Produkte der Wirkstoffgruppen Oxadiazin (Abb.  2b) (eingesetzter Wirkstoff: Indoxacarb) und Pyridin-Azomethine (Abb.  2c) (eingesetzter Wirkstoff: Pymetrozin) wurden geringfügig eingesetzt.

Kosten Insektizid-Einsatz

Die mittleren Insektizid-Kosten im Zeitraum 2012–2019 betragen 36,20 € je Hektar im Winterrapsanbau der Referenzbetriebe (Abb.  3a). Zwischen den Zeiträumen 2012–2014 (36,60 €) und 2015–2019 (35,90 €) unterscheiden sich die Kosten nicht signifikant. Im Herbst der Erntejahre 2015, 2016 und 2019 sind die Insektizid-Kosten signifikant am höchsten (Abb.  3b). Die Kosten für den Insektizid-Einsatz im Herbst sind im Zeitverlauf 2012–2019 angestiegen (Abb.  3b). Im Frühjahr sind die Kosten im Zeitverlauf 2012–2019 variierend, die höchsten Kosten wurden für das Frühjahr der Erntejahre 2013, 2014, 2017 und 2018 ermittelt (Abb.  3c). Im Frühjahr der Erntejahre 2012 und 2016 waren die Insektizid-Kosten signifikant am geringsten.

Saatstärke, -termin und Stickstoffmenge

Tab.  1 greift die Unterschiede in Saatstärke, -termin und Stickstoffmenge zwischen den Erntejahren auf.
Tab. 1
Mittelwerte und Standardabweichung (Sd) für das Aussaatdatum, Saatstärke (Körner/m 2) und Stickstoffmenge (kg/ha) in Winterraps im Zeitverlauf von 2012 bis 2019; Mittelwerte für den Zeitraum 2012–2014 und 2015–2019. Verschiedene Buchstaben in einer Spalte symbolisieren signifikante Unterschiede ( p < 0,05) zwischen den Erntejahren (Kruskal-Wallis-Test)
 
Aussaatdatum
(Tage nach 01.08.)
Saatstärke
(Körner/m2)
Stickstoffmenge
(kg/ha)
Erntejahr
Mittelwert
Sd
Mittelwert
Sd
Mittelwert
Sd
2012
25 a
6,8
48 a
7,6
226 a
37
2013
21 c
5,7
44 b
8,6
217 b
32
2014
19 d
5,2
44 b
7,0
217 b
35
2015
23 b
4,9
47 a
6,8
218 b
30
2016
23 b
5,3
45 ab
8,1
205 c
23
2017
21 c
4,7
45 ab
8,8
202 cd
36
2018
25 a
5,7
45 ab
7,7
197 d
22
2019
23 b
4,7
44 b
7,0
182 e
23
Mittelwert
2012–2014
24.08.
45
220
2015–2019
24.08.
45
202
Der Saattermin von Winterraps variiert jährlich, zeitliche Verschiebungen sind jedoch nicht deutlich. Der mittlere Satttermin für beide Zeiträume 2012–2014 und 2015–2019 ist der 24. August. Allerdings ist die Streubreite des Saattermins in den Jahren 2015–2019 geringer im Vergleich zu den Vorjahren 2012–2014.
Unterschiede in der Saatstärke (Körner/m 2) des Winterrapses waren zwischen den Erntejahren signifikant, allerdings wird kein eindeutiger Trend deutlich. Die mittlere Saatstärke ist für die Zeiträume 2012–2014 und 2015–2019 mit 45 Körnern/m 2 gleich.
Höhere Stickstoffmengen (kg/ha) wurden in den Erntejahren 2012–2015 gefunden, niedrigere in den Jahren 2016–2019. Die mittleren Stickstoffmengen unterscheiden sich deutlich zwischen den Zeiträumen 2012–2014 und 2015–2019.

Einsatz der insektiziden Beize Lumiposa 625 FS

Tab.  2 stellt den Anteil der Fläche mit Lumiposa 625 FS-Beize an der gesamten Winterrapsanbaufläche der 17 Referenzbetriebe dar. Die insektizide Beize Lumiposa 625 FS wurde im Erntejahr 2017 zu einem Anteil von 1,7 % eingesetzt, im Erntejahr 2018 mit 1,1 %. Im Jahr 2019 ist die Fläche, auf der Winterraps mit Lumiposa 625 FS-Beize angebaut wurde, stark angestiegen. Die Beize wurde auf 21,1 % der Fläche der Referenzbetriebe eingesetzt.
Tab. 2
Anteil der Fläche mit insektizider Beize Lumiposa 625 FS an der Gesamtanbaufläche von Winterraps der 17 Referenzbetrieben aus Mecklenburg-Vorpommern
Erntejahr
Erhebungsfläche WRa (ha)
Fläche mit Lumiposa 625 FS-Beize
Hektar (ha)
Anteil (%)
2017
5389,63
89,40
1,7
2018
5622,48
64,00
1,1
2019
4413,38
932,00
21,1
Der Einsatz der insektiziden Beize Lumiposa 625 FS unterscheidet sich signifikant zwischen den Referenzbetrieben (Tab. A1, Supplementary Material).

Diskussion

Der Anbau von Winterraps wird durch das Auftreten tierischer Schaderreger begleitet, wodurch ein intensiver Insektizid-Einsatz nötig ist (Dachbrodt-Saaydeh et al. 2018; Krengel-Horney et al. 2020). Die vorliegende Studie untersuchte den Insektizid-Einsatz landwirtschaftlicher Praxisbetriebe, um die Auswirkungen des Anwendungsverbotes neonicotinoider Beizen in Deutschland zu identifizieren. Die feldspezifischen Anbau- und Pflanzenschutzdaten der Referenzbetriebe MV ermöglichen eine detaillierte Analyse des Insektizid-Einsatzes und einen Vergleich der Anwendungsmuster von Insektiziden im Zeitraum der Zulassung neonicotinoider Beizen (2012–2014) und dem darauffolgenden Zeitraum des Anwendungsverbotes (2015–2019).
Die Ergebnisse belegen einen signifikanten Anstieg des Insektizid-Einsatzes im Winterrapsanbau der Referenzbetriebe MV im Zeitverlauf 2012–2019. Der Behandlungsindex insektizider Flächenapplikationen und die Überfahrten mit Insektiziden sind infolge des Anwendungsverbotes neonicotinoider Beizen signifikant angestiegen (Abb.  1a). Seit dem Erntejahr 2015 ist ein deutlicher Anstieg im BI-Insektizide und den Überfahrten mit Insektiziden im Herbst zu verzeichnen (Abb.  1b, e). Die mittlere Insektizid-Intensität ist seit dem Anwendungsverbot neonicotinoider Beizen in Winterraps um 22,5 % angestiegen, insbesondere der Insektizid-Einsatz im Herbst hat sich vervierfacht (Abb.  1b). Die Ergebnisse belegen ebenfalls einen signifikanten Anstieg der Anzahl der Überfahrten mit Insektiziden um 1,1, dies entspricht einer zusätzlichen Überfahrt mit Insektiziden mit der maximal zugelassenen Aufwandmenge.
Der fehlende insektizide Beizschutz begünstigt insbesondere das Auftreten des Rapserdflohs in der Auflaufphase und den frühen Entwicklungsstadien der Pflanzen. Rapserdflöhe verursachen typische Fraßschäden an den jungen Blättern der Rapspflanzen, die Vitalität und Photosyntheserate der Pflanzen werden reduziert. Den Hauptschaden verursachen jedoch die Larven, welche die Blatttriebe minieren. Sie können bis zum Vegetationspunkt vordringen und diesen zerstören sowie Schaden an Wurzelhals und Wurzeln verursachen. Der Larvenbefall des Rapserdflohs ist im Zeitverlauf 2012–2019 in MV deutlich angestiegen (LALLF 2021).
Die natürliche Abundanzdynamik sowie Witterungseffekte führen zu unterschiedlichem Auftreten der Rapserdfloh-Populationen. Die milden Witterungsbedingungen im Winter 2014/2015, verbunden mit einem frühzeitigen Vegetationsstart im Frühjahr 2015, stellten vermutlich günstige Bedingungen und eine lange Periode der Vermehrung dar. Dadurch sind das massenhafte Auftreten des Rapserdflohs im Herbst 2015 und der resultierende intensive Insektizid-Einsatz erklärbar (Abb.  1b).
Die Ertragsrelevanz des Rapserdfloh-Auftretens in Winterrapsbeständen wird durch den jahresspezifischen Larvenbefall beeinflusst (Conrad et al. 2018). Nach Nuss ( 2004) führt ein Larvenbefall größer 11 Larven/Pflanze zu einem Ertragsverlust von max. 5 %. Insgesamt werden aufgrund der Neonicotinoid-Beschränkungen Ertragseinbußen erwartet (Scott und Bilsborrow 2019; Zhang et al. 2017). Während alternative Insektizid-Saatgutbehandlungen zur Rapserdflohbekämpfung in der EU nicht zur Verfügung stehen, wird erwartet, dass die Kosten für den Winterrapsanbau um 10–20 % steigen werden, was hauptsächlich auf den zunehmenden Schädlingsdruck zurückzuführen ist (Arthey 2020; Kathage et al. 2018).
Ein späterer Saattermin und die Erhöhung der Saatstärke stellen ackerbauliche Maßnahmen zur Reduktion des Rapserdfloh-Auftretens dar (Kathage et al. 2018). Darüber hinaus können durch ein feinkrümliges, abgesetztes Saatbett die Keim- und Auflaufbedingungen verbessert werden, wodurch die Pflanzen widerstandsfähiger gegenüber Schadinsekten sind (Ekbom 2010). Die vorliegenden Ergebnisse belegen eine Variation der Saattermine zwischen den Erhebungsjahren, zeitliche Verschiebungen werden jedoch nicht deutlich (Tab.  1). Der mittlere Satttermin für beide Zeiträume 2012–2014 und 2015–2019 ist der 24. August. Unterschiede in der Saatstärke des Winterrapses waren zwischen den Erntejahren signifikant, allerdings ist ebenfalls kein eindeutiger Zeittrend deutlich. Die mittlere Saatstärke ist für die Zeiträume 2012–2014 und 2015–2019 mit 45 Körnern/m 2 gleich. In der Praxis hat vermutlich die Witterung den größten Einfluss auf den Aussaatzeitpunkt und die Saatstärke, wodurch sich jährliche Unterschiede ergeben, unabhängig von der Zulassungssituation der insektiziden Beize.
Die insektizide Beize Lumiposa 625 FS (Wirkstoff Chlorantraniliprole) wurde in einem größeren Umfang im Erntejahr 2019 durch die Referenzbetriebe zur Bekämpfung der Kleinen Kohlfliege eingesetzt (Tab.  2). In den Jahren 2017 und 2018, in denen die Beize erstmalig in Deutschland verfügbar war, wurde diese lediglich geringfügig durch die Referenzbetriebe MV genutzt. Den Schaden an den Pflanzen verursachen die Larven der Kleinen Kohlfliege. Neben starken Fraßschäden am Wurzelsystem kann außerdem Fäulnis in den Fraßgängen der Larven auftreten. Versuchsergebnisse zur Wirksamkeit der insektiziden Beize Lumiposa 625 FS zur Kontrolle des Kohlfliegenbefalls in MV belegen eine Reduzierung der Befallshäufigkeit (relative Anzahl befallener Pflanzen) und Befallsstärke (Ausprägung des Wurzelschadens) um 50 % (LALLF 2019, 2018). Auf den Befall des Rapserdflohs hat die Beize Lumiposa 625 FS keine nachweisbare Wirkung (LALLF 2021). 41 % der Referenzbetriebe setzten die Lumiposa-Beize im Betrachtungszeitraum 2017–19 ein. Die Beize war bisher lediglich in EU-Nachbarstaaten zugelassen, gebeiztes Saatgut wurde nach Deutschland importiert. Die Zulassung der insektiziden Beize Lumiposa 625 FS seit Ende 2020 in Deutschland wird vermutlich zum stärkeren Einsatz führen.
Die vorliegenden Ergebnisse des Insektizid-Einsatzes der Referenzbetriebe MV im Frühjahr zeigen keinen eindeutigen Trend im Zeitverlauf (Abb.  1c, d). Die mittlere Insektizid-Intensität im Frühjahr ist im Zeitraum 2015–2019 allerdings um BI = 0,5 gesunken im Vergleich zur Insektizid-Intensität im Zeitraum 2012–2014. Dies bedeutet eine eingesparte Überfahrt mit Insektiziden im Frühjahr mit 50 % der zugelassenen Aufwandmenge. Deutlich werden darüber hinaus Unterschiede zwischen den Erhebungsjahren. In den Erntejahren 2015, 2016 und 2019 war der Insektizid-BI im Frühjahr am geringsten. Die geringe Streuung des Insektizid-BI im Erntejahr 2016 belegt eine sehr ähnliche Insektizid-Intensität der Referenzbetriebe MV. Bedingt war der geringe Einsatz durch die ruhende Zulassung des Insektizides Biscaya® zur Blütenbehandlung sowie Witterungseffekte (kühles Frühjahr), die das Schädlingsaufkommen im Frühjahr 2016 reduzierten.
Die Frühjahrsschädlinge werden im Winterraps überwiegend mit Pyrethroiden bekämpft. Sowohl der Rapsglanzkäfer ( Brassicogethes aeneus) als auch der Kohlschotenrüssler ( Ceutorhynchus assimilis) unterliegen jedoch Resistenzentwicklungen gegenüber Insektiziden der Gruppe der Pyrethroide (Brandes und Heimbach 2018; Mota-Sanchez und Wise 2021; Nauen et al. 2012; Slater et al. 2011; Stará und Kocourek 2018). Um eine fortschreitende Resistenzsituation zu verhindern, ist ein gezieltes Resistenzmanagement unabdingbar (Fachausschuss Insektizide/Akarizide 2020; IRAC 2021; Lundin et al. 2020; Skellern und Cook 2018).
Die Bekämpfungsschwelle für den Befall des Rapsglanzkäfers wurde durch das Julius-Kühn-Institut in Zusammenarbeit mit den Pflanzenschutzdiensten der Bundesländer neu bewertet (Fachausschuss Insektizide/Akarizide 2020). Ab dem BBCH-Stadium der Kleinstknospe (BBCH 51) liegt der Bekämpfungsrichtwert bei 10 Käfern/Haupttrieb (Bartels et al. 2020). Grund für diese Neubewertung ist, neben der Resistenzsituation der Pyrethroide, insbesondere die Kompensationsfähigkeit des Winterrapses (Gagic et al. 2016; Nuss 2004; Sauermann und Gronow 2006; Williams 2010).
Die Kosten für den Insektizid-Einsatz der Referenzbetriebe MV im Herbst sind im Zeitverlauf 2012–2019, aufgrund der signifikanten Zunahme der Insektizid-Intensität, angestiegen (Abb.  3b). Die Gesamtkosten für den Insektizid-Einsatz in Winterraps sind jedoch zwischen den Zeiträumen 2012–2014 (36,60 €) und 2015–2019 (35,90 €) leicht gesunken (Abb.  3a). Im Erntejahr 2016 stehen die geringen Insektizid-Kosten in Verbindung zum geringen Insektizid-Einsatz im Frühjahr. Die sinkenden Kosten des Insektizid-Einsatzes werden durch weitere Auswertungen der Anbaudaten der Referenzbetriebe gestützt (Ziesemer 2020, 2019). Vermutlich führen Veränderungen in den Preisstrukturen des Handels/der Industrie sowie die Verfügbarkeit generischer insektizider Pflanzenschutzmittel zu sinkenden Einkaufspreisen der eingesetzten Insektizide in Winterraps.

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse der Praxisdaten zum Insektizid-Einsatz belegen einen signifikanten Anstieg der Anwendungsintensität insektizider Pflanzenschutzmittel in Winterraps. Zunehmende Resistenzentwicklungen der Winterrapsschädlinge gegenüber Insektiziden und die begrenzte Anzahl verfügbarer insektizider Wirkstoffe mahnen jedoch zu aktivem Resistenzmanagement und konsequenter Umsetzung des Integrierten Pflanzenschutzes jedes Anwenders in der Praxis. Um den zukünftigen Winterrapsanbau zu sichern, sollten Insektizide ausschließlich unter strikter Berücksichtigung von Bekämpfungsrichtwerten eingesetzt werden.

Danksagung

Besonderer Dank gilt den Referenzbetrieben der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern, die durch die Bereitstellung Ihrer Betriebsdaten diese Arbeit ermöglicht haben. Pia Baumgärtner hat wertvolle Hilfestellung bei der elektronischen Erfassung der Daten und den Auswertungen geleistet.

Interessenkonflikt

S. Andert und A. Ziesemer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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