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Über dieses Buch

Entwicklungsländer haben seit den 1990er Jahren rasche, aber höchst unterschiedliche Fortschritte gemacht. So weit, dass sich die Grenzen zu den traditionellen Industrieländern teilweise verwischt haben. Andererseits gibt es eine Reihe von meist fragilen Staaten, denen das nicht oder nur ansatzweise gelungen ist. Die Rede von der einen „Dritten Welt“ und gemeinsamen Entwicklungsproblemen erklärt also nur noch wenig. Stattdessen ist Entwicklung eine Anforderung an alle Staaten geworden, die in diesem Lehrbuch nach den wesentlichen Entwicklungszielen aufgeschlüsselt und bewertet werden.

Inhaltsverzeichnis

Frontmatter

1. Einführung

Zusammenfassung
Wie bei der Verfassung jeden neuen Lehrbuches stellt sich auch beim Thema Entwicklungspolitik die Frage, ob es dazu nicht schon genügend Literatur gibt, ob also die Vorlage einer Neuerscheinung wirklich so viel Neues bieten kann. Der Verfasser bejaht diese Frage natürlich, sonst hätte er sich die Mühe mit der Erarbeitung ja nicht machen müssen. Es gibt allerdings eine Reihe von sachlichen Begründungen, welche die Abfassung eines neuen Textes sinnvoll erscheinen lassen.
Joachim Betz

2. Entwicklungs- und Wachstumstheorien

Zusammenfassung
Die entwicklungspolitisch sicherlich interessanteste Fragestellung ist, warum manche Staaten einen vergleichsweise hohen Entwicklungsstand erreicht haben, andere nicht oder weniger; warum manche rasche wirtschaftliche und soziale Fortschritte erzielten, andere langsamere oder kaum. Darüber wird in der Fachwelt schon mindestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges heftig debattiert. Da diese Diskussion schon hundertfach aufgearbeitet worden ist, soll sie hier nur in Grundzügen – zwangsläufig verkürzt – wiedergegeben werden. Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass dauerhaftes, exponentielles wirtschaftliche Wachstum ein neuzeitliches Phänomen ist. Über die Jahrhunderte bis etwa 1820 war die Wirtschaft allerorten relativ stationär. So hat sich das Pro-Kopf-Einkommen von Christi Geburt zum letztgenannten Datum nur verdoppelt, ist danach aber um das 20-fache gestiegen (Jones 2015). Dieser Anstieg erfolgte regional zu unterschiedlichen Zeitpunkten, viel unterschiedlich stark aus und war auch häufiger durch größere Unterbrechungen oder Rückschritte gekennzeichnet.
Joachim Betz

3. Die Nachwirkungen der Kolonialherrschaft

Zusammenfassung
Unter Wirtschaftshistorikern gibt es seit Jahrzehnten eine heftige Debatte darüber, inwieweit die fast vollkommene koloniale Beherrschung der heutigen Entwicklungsländer durch die europäischen Kolonialmächte den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt gebremst oder gefördert hat. Die letztgenannte Position ist politisch nicht gerade korrekt, akademisch auch nicht mehrheitsbildend. Das zeigte sich an einer Entrüstungswelle, die über die Herausgeber des „Third World Quarterly“ hereinbrach, als sie einen Aufsatz von Bruce Gilley (2017) veröffentlichen wollten, welcher der Kolonialherrschaft Gutes abgewinnen konnte, nämlich wirtschaftlichen Fortschritt, den Aufbau von Infrastruktur, Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten. Wegen dieser angeblich segensreichen Wirkungen plädierte er auch für eine partielle Rekolonisierung. Die Herausgeber mussten den Artikel nach wütenden Protesten zurückziehen. Lässt sich die aufgeworfene Frage also nicht ohne Parteilichkeit beantworten? Das ist angesichts des unbestreitbaren Leids, das die koloniale Herrschaft und deren Vorläufer über die in den beherrschten Ländern lebenden Menschen brachte, nur schwer möglich. Ein solcher Versuch muss nachweisen, dass (a) die früheren Kolonien vor ihrer Abhängigkeit wirtschaftlich, sozial und politisch nicht allzu weit von den Kolonialmächten abstachen, (b) ihre Fortentwicklung durch den Kolonialismus entscheidend gebremst wurde und zwar (c) unabhängig vom Charakter der Kolonien und der jeweiligen Herrschaftsmethode und (d) die Nachwirkungen des Kolonialismus auch heute noch nachweisbar sind. Eine solche, vergleichsweise empörungsarme Herangehensweise ist recht selten.
Joachim Betz

4. Die Entwicklungsländer heute

Zusammenfassung
Wenn unter Entwicklungsergebnissen zunächst das wirtschaftliche Wachstum behandelt wird, hat dies weniger mit Wachstumsvernarrtheit des Verfassers zu tun, sondern damit, dass wirtschaftliches Wachstum schlicht auch die Mittel für die Armutsverringerung, Bildungs-, Gesundheits- und Beschäftigungsfortschritte, auch für die Beseitigung von Umweltschäden bereitstellen kann (aber nicht muss). Diese Zusammenhänge werden später dargestellt. Ihre Verbindung mit dem wirtschaftlichen Wachstum ist empirisch relativ eng; allerdings vermögen manche Länder mit aktiver Sozialpolitik ihren Bürgern bessere Ergebnisse zu bieten, als es ihrem erreichten Pro-Kopf-Einkommen entsprechen würde. Es kommt natürlich auch auf die Verteilung der Einkommenszuwächse nach sozialen Gruppen, nach Geschlecht und Ausbildungsstand an, auf die politische Beteiligung der Bürger und ihre Freiheiten und auf die Wahrung des inneren Friedens. Auch dies soll separat dargestellt werden.
Joachim Betz

5. Armut

Zusammenfassung
Im Folgenden soll diskutiert werden, ob die Entwicklungsländer die wesentlichen Entwicklungsziele, welche die internationale Gemeinschaft definiert hat (s. o.) erreicht haben bzw. welche Defizite dabei noch zu beobachten sind. Die Beseitigung oder zumindest weitgehende Minderung absoluter Armut ist das Kernanliegen nationaler und internationaler Entwicklungspolitik. Sie ist auch der an erster Stelle genannte Punkt der 2015 vereinbarten nachhaltigen Entwicklungsziele (siehe Kap. 1). In absoluter Armut zu sein bedeutet, über nicht oder gerade so viel Mittel zu verfügen, um die baren Grundbedürfnisse decken zu können. Es ist nicht einfach, dafür eine sinnvolle Einkommensgrenze zu bestimmen. Als solche galt ursprünglich eine Grenze von einem Dollar pro Kopf und Tag (kaufkraftbereinigt und in Preisen von 1987), die mittlerweile zum Ausgleich der Inflationseffekte auf 1,90 Dollar angehoben wurde. Damit soll überall ein vergleichbarer Warenkorb an Grundbedürfnissen gedeckt werden können. Kaufkraftbereinigt und in Preisen eines Basisjahres heißt, dass der genannte Mindestwert um die national unterschiedlichen Kosten eines solchen Warenkorbes und unter Ausschluss der Inflation korrigiert werden muss. Der Wert von 1,90 Dollar mag sehr dürftig erscheinen und ist deswegen auch oft kritisiert worden, es geht dabei aber nicht in erster Linie um moralische Vertretbarkeit, sondern um einen Maßstab, der Armut im zeitlichen Ablauf und nach Ländern/gesellschaftlichen Gruppen messen will. Dafür ist ein – natürlich begrenzt auch willkürlicher – Schwellenwert unverzichtbar. Absolute Armut darf schließlich nicht mit relativer Armut verwechselt werden, also Menschen mit einem deutlich unter dem Durchschnitt der Bevölkerung liegendem Einkommen (der in der EU verwendete Wert ist 60 Prozent des Durchschnitts und darunter).
Joachim Betz

6. Ungleichheit von Einkommen und Vermögen

Zusammenfassung
Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum Ungleichverteilung innerhalb von Staaten (und auch global) ab einem gewissen Grad ungünstig für die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung ist. Ein wichtiger funktionaler Grund ist, dass die Minderung absoluter Armut desto schwerer ist und desto langsamer ausfällt, je ungleicher Einkommenszuwächse verteilt werden. Ohne Wachstum ist eine Eliminierung absoluter Armut zwar theoretisch möglich, Vergleiche zwischen Ländern (etwa beim Index der menschlichen Entwicklung) zeigen aber, dass das Ausmaß an Armut auch mit der jeweiligen nationalen Verteilung und Maßnahmen zu ihrer Beeinflussung variiert. Anschauung dazu liefert die Differenz beim Ranking der menschlichen Entwicklung von Ländern zum Ranking, das um die Verteilung korrigiert ist (vgl. etwa UNDP 2016, 2018). Überdies überträgt sich die Ungleichverteilung mangels gleicher Startchancen auf die nächste Generation. Sie ist also ohne Eingriffe recht hartnäckig. Ein zweiter, politisch-psychologischer Grund, sich um Verteilungsfragen zu kümmern, besteht darin, dass die Zufriedenheit von Menschen und sozialen Gruppen, unabhängig vom jeweiligen kulturellen Hintergrund, nicht nur durch ihr absolutes Einkommen, sondern auch durch dessen Abstand von Nachbarn oder Vergleichsgruppen bestimmt wird. Ist dieser hoch, werden allgemein akzeptierte Maßstäbe von Fairness verletzt (Dabla-Norris et al. 2015). Eine Vielzahl von verhaltenspsychologischen Experimenten zeigt, dass Verteilungslösungen zurückgewiesen werden, die als ungerecht empfunden werden, obwohl sie auch der benachteiligten Gruppe materiellen Zugewinn versprochen hätten.
Joachim Betz

7. Bildung

Zusammenfassung
Bessere Ausbildung gilt als eine der wichtigsten Voraussetzungen nachhaltigen und breitenwirksamen wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts. Dies zu betonen, werden alle mit Entwicklung befassten nationalen und internationalen Agenturen nicht müde. Bildung gilt nahezu allgemein als Zaubermittel zur Beseitigung oder zumindest Minderung allgegenwärtiger gesellschaftlicher Übelstände. Bildung erhöht demnach nicht nur die individuellen Lohneinkommen, sondern auch das gesamtwirtschaftliche Wachstum. Es senkt die Geburtenrate, vor allem, wenn Mädchen und Frauen von besserer Bildung profitieren, sowie die Kindersterblichkeit. Bildung trage zum Abbau gesundheitsgefährdender Verhaltensweisen bei, reduziere gesellschaftliche Gewalt, schaffe demokratischem Fortschritt und damit gerechtere Gesellschaften und fördere eine nachhaltigere Wirtschaftstätigkeit (statt vieler: International Commission on Financing Global Education Opportunity 2018). Bildung ist, wenn all dies zutrifft, eine Grundvoraussetzung für das Erreichen persönlicher und gesellschaftlicher Wohlfahrt. Tatsächlich gibt es einen mehr oder minder engen Zusammenhang zwischen einem Mehr an Ausbildung und Indikatoren besseren sozialen Lebens: Besser Gebildete leben statistisch gesehen gesünder, rauchen weniger, haben seltener Übergewicht, werden weniger oft straffällig und geben die Wertschätzung von Bildung erfolgreich an ihre Nachkommen weiter. Gebildete sind auch notwendigen wirtschaftlichen und sozialen Reformen und Initiativen in Richtung einer stärker inklusiven Gesellschaft gegenüber aufgeschlossener. Bildung erhöht überdies das zivilgesellschaftliche Engagement und die Nachfrage nach zufriedenstellenden staatlichen Leistungen. Auch steigert Bildung die Lebenserwartung, verbessert die gesundheitliche Fürsorge und senkt die Bevölkerungszunahme (World Bank 2018). Der Abbau von Bildungsarmut jeglicher Form hat daher auch einen prominenten Platz innerhalb der nachhaltigen Entwicklungsziele.
Joachim Betz

8. Gesundheit

Zusammenfassung
Gesundheit und ausreichende Ernährung haben einen prominenten Platz in den nachhaltigen Entwicklungszielen (siehe oben). Dies erklärt sich dadurch, dass beides Entwicklungsziele um ihrer selbst willen sind und grundsätzliche Bedürfnisse und Menschenrechte reflektieren. Gesundheit und ausreichende Ernährung dienen aber auch der menschlichen Selbstverwirklichung und dem gesellschaftlichen Fortschritt. Sie erlauben ein längeres, durch Krankheiten und frühzeitigen Tod nicht vermindertes Arbeitsleben, heben die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit und tragen damit notwendigerweise auch zum wirtschaftlichen Wachstum bei. Das ist verschiedentlich zu quantifizieren versucht, wobei derartige Berechnungen schwierige Operationen verlangen (Kalkulation des Arbeitsausfalls durch Krankheit und Unterernährung, Vergleich mit Ergebnissen bei besserer Versorgung etc.). Eine einschlägige Untersuchung der ILO (2014) beziffert den Anteil an der Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums durch ausreichende Gesundheitsversorgung zwischen 2001 und 2011 aber auf immerhin 24 Prozent. Klar ist damit, dass Gesundheit und ausreichende Ernährung nicht nur als individuelles Konsumgut behandelt werden können, sondern entwicklungspolitisch erhebliche Bedeutung haben. Das gilt noch stärker in einer Epoche von Globalisierung, technologischem Fortschritt und der weltweiten Organisation der Produktion durch Wertschöpfungsketten, in der Humankapital, lebenslanges Lernen und ein Mehr an kognitiven (und sozialen) Kompetenzen eine zunehmende Rolle spielen. Die ausreichende Versorgung mit anspruchsvolleren Gesundheitsleistungen ist zudem durch die Alterung der Gesellschaften auch im globalen Süden und damit die Verschiebung hin zum teureren, chronischen Krankheitsspektrum (siehe unten) unabweisbar.
Joachim Betz

9. Soziale Sicherung

Zusammenfassung
Soziale Sicherung hat einen Bezug zu einer ganzen Reihe der nachhaltigen Entwicklungsziele. Je nach Definition dieser Sicherung kann sie helfen, Armut zeitweilig oder dauerhaft zu verringern, den Bildungstand zu erhöhen, Ungleichheit zu mildern, Geschlechtergleichheit zu fördern und breitenwirksames Wachstum zu unterstützen. Sie ist damit gleichsam eine entwicklungspolitische Querschnittsaufgabe, deckt möglicherweise Lücken, die bei der Realisierung der anderen Ziele entstehen (ILO 2017). Soziale Sicherung oder sozialer Schutz wird definiert als das Ensemble von politischen Interventionen, das Armut und Verletzlichkeit über den ganzen Lebenszyklus der Menschen mindern soll. Es umfasst neun Bereiche: Die Unterstützung von Kindern und ihrer Familien in der ersten Lebensphase, Mutterschutz, Hilfe bei Arbeitslosigkeit bzw. der Wiedereingliederung in das Arbeitsleben, Absicherung bei Arbeitsunfällen, Unterstützung bzw. Versicherung im Krankheitsfalle, Schutz vor Krankheiten und gegen deren Folgen, Absicherung bei Invalidität und Unterstützung von Witwen und Waisen. Man könnte auch noch die Bildungspolitik dazu rechnen, soweit sie Lebenschancen vermittelt und vor lebenslanger Armut schützt; üblicherweise geschieht das aber nicht (siehe dazu Kap. 7).
Joachim Betz

10. Beschäftigung

Zusammenfassung
Ein wichtiges, zu Anfang der Diskussion etwas vernachlässigtes Entwicklungsziel ist frei gewählte, produktive und menschenwürdige Beschäftigung (ILO 2020). Vernachlässigt deswegen, weil man annahm, wirtschaftliches Wachstum würde im Gleichschritt mit der Zunahme der potenziell arbeitsfähigen Bevölkerung gleichsam automatisch die notwendigen, produktiven Arbeitsplätze bereitstellen. Dem ist freilich nicht so. Insoweit ist es nicht verwunderlich, dass Beschäftigung in den engeren Kreis der nachhaltigen Entwicklungsziele aufgenommen wurde. Reguläre, relativ stabile, ausreichend bezahlte und menschenwürdige Beschäftigung, wie sie die ILO (2014) definiert, ist nicht nur weltweit und vor allem in Entwicklungsländern (in Industrieländern fällt der Beitrag von Renten- und Kapitaleinkünften höher aus als dort) die bei weitem wichtigste Quelle von Einkommen und damit auch der Verminderung von Armut, sie dient darüber hinaus der Selbstverwirklichung, gesellschaftlicher Teilhabe und der Förderung des Selbstbewusstseins, wenn diese gesellschaftlich nützlich ist (World Bank 2012). Im Übrigen dient verbreitete Arbeitslosigkeit auch nicht dem sozialen Frieden, wie man erst vor wenigen Jahren in Nordafrika beobachten konnte. Die Arbeitsmärkte in den meisten Entwicklungsländern sind aber nicht in der Lage, die nötige Anzahl von Arbeitsplätzen, geschweige denn Arbeitsplätze menschenwürdiger Art, bereitzustellen. Letzteres würde ein faires Einkommen beinhalten, soziale und gesundheitliche Mindeststandards bei der Beschäftigung und Mindestrechte der Arbeitnehmer auf selbst gewählte Vertretung und Vereinigungsfreiheit.
Joachim Betz

11. Bevölkerung

Zusammenfassung
Lange Zeit galt das Bevölkerungswachstum als starre Entwicklungsbremse. In traditionellen Gesellschaften mit fixer Ackerfläche und ohne technischen Fortschritt müsste eigentlich eine rasch zunehmende Bevölkerung zwangsläufig zu vermehrter Armut und Unterernährung führen und damit die düsteren Prognosen von Thomas Malthus bestätigen. Der hatte behauptet, dass höheres Einkommen und damit eine bessere Ernährung frühere Heiraten und zahlreichere Geburten fördere. Mangelnde Steigerung der Produktivität reduziere in der Folge das pro Kopf zur Verfügung stehende Nahrungsmittelangebot und erhöhe die Sterberaten, so dass die Bevölkerung wieder auf ihren ursprünglichen Stand zurückfalle. Das wurde später durch sogenannte revisionistische Ansätze (z. B. Simon 1981; Becker et al. 1999) zu falsifizieren versucht; sie kamen zum überraschenden Ergebnis, dass es keinen negativen Zusammenhang zwischen der Rate des Bevölkerungswachstums und dem jeweiligen wirtschaftlichen und sozialen Fortschritte gebe, ja dass eine wachsende Bevölkerung das Wachstum langfristig gar stimuliere, weil zusätzliche Arbeitskräfte die Produktivität erhöhen und neue Ideen fördern würden, welche – in ihrer Wirkung – den Bevölkerungsanstieg mehr als ausglichen (Simon 1981). Man hat die Befürchtung, es drohe eine globale „Bevölkerungsbombe“ aus dem Süden auch mit den Argumenten zurückgewiesen, wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt sowie die zunehmende Emanzipation von Frauen in Entwicklungsländern würden schon von selbst für einen Rückgang des Bevölkerungswachstums sorgen, viele Entwicklungsregionen seien überdies nicht wirklich dicht besiedelt und schließlich verbrauchte die zahlenmäßig geringere Bevölkerung in den Industriestaaten den Großteil der globalen Ressourcen.
Joachim Betz

12. Frauen und Entwicklung

Zusammenfassung
Der Beitrag von Frauen für die gesellschaftliche Entwicklung und deren Effekte auf Frauen wurde in der entwicklungspolitischen Diskussion lange vernachlässigt. War man doch – wie bei der Armut – der Meinung, Frauen würden am wirtschaftlichen Fortschritt automatisch partizipieren. Mit dieser Selbstgewissheit war es seit der ersten UN-Frauenkonferenz (1975) und deren Nachfolgerveranstaltungen sowie einer Fülle einschlägiger empirischer Erkenntnisse zur gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Diskriminierung weltweit, auch und gerade aber in vielen Entwicklungsländern, sowie deren negativen Folgen für den Entwicklungsprozess, vorbei. Seither gibt es keine international oder national formulierte Entwicklungsstrategie mehr, die nicht die Bedeutung spezifischer Förderung von Frauen im Entwicklungsprozess Beachtung schenken würde. Das gilt mehr noch für die Bemühungen der Entwicklungszusammenarbeit, die dazu meist einen eigenen Schwerpunkt oder ein eigenes Förderungsinstrumentarium kennen.
Joachim Betz

13. Demokratie und Entwicklung

Zusammenfassung
Politische Partizipation der Bevölkerung an gesamtgesellschaftlichen Entscheidungen und ihre Erweiterung in Richtung konsolidierter Demokratie in möglichst vielen Ländern spielt im offiziellen internationalen Diskurs (etwa innerhalb der Vereinten Nationen) nur ein etwas untergeordnetes Dasein. Konsequenterweise taucht Demokratie als wünschenswertes Ziel direkt weder in den Millenniums- noch in den nachhaltigen Entwicklungszielen auf. Unter dem vorletzten Punkt der 17 nachhaltigen Ziele werden immerhin leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Gesellschaften gefordert. Der Grund für diese Zurückhaltung liegt auf der Hand; da annähernd die Hälfte der nationalen Gesellschaften nicht-demokratisch regiert wird, wäre eine Forderung nach allgemeiner, politischer Partizipation international wohl kaum konsensfähig. Westliche Regierungen propagieren diese aber als notwendigen Bestandteil von Entwicklung umso mehr und haben auch – nicht immer sehr konsequent – Auszahlungen aus der Entwicklungszusammenarbeit an Fortschritte bei politischer Öffnung der Empfängerländer zu binden versucht. Unabhängig von diesen Kontroversen macht die Behandlung von Demokratisierung, und damit auch ihre Unterstützung, dann Sinn, wenn demokratische Länder nicht nur bei der Beteiligung ihrer Bürger, sondern auch bei der Wahrung von deren Rechten, bei wirtschaftlichem und sozialem Fortschritt besser abschneiden als autoritär regierte Staaten. Von hohem Interesse ist auch die umgekehrte Frage, ob nämlich wirtschaftlicher und sozialer Fortschritt nahezu zwangsläufig auch die sukzessive politische Öffnung von Staaten nach sich zieht. Über beide Fragen wird seit Jahrzehnten heftig diskutiert und sind unzählige Abhandlungen geschrieben worden, ohne dass man diese Fragen für abgeschlossen erklären könnte.
Joachim Betz

14. Institutionen, Regierungsführung und Entwicklung

Zusammenfassung
In den letzten drei Jahrzehnten hat die Anzahl von wissenschaftlichen Beiträgen, die sich mit dem Zusammenhang von öffentlichen Institutionen, genauer ihrer Qualität, und der wirtschaftlichen bzw. sozialen Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften befassen, extrem zugenommen. In diesem Schrifttum ging es nicht nur darum, einen engen, positiven Zusammenhang zwischen guten Institutionen und Entwicklungserfolgen nachzuweisen, sondern auch um Versuche, die Ursachen unterschiedlicher institutioneller Qualität zu identifizieren.
Joachim Betz

15. Korruption

Zusammenfassung
Korruption ist ein Unterfall entwicklungsabträglicher, informeller Institutionen. Sie ist weltweit verbreitet, allerdings in deutlichem Zusammenhang mit dem jeweiligen Entwicklungsniveau. Sie gilt heute, im Gegensatz zu der früher häufiger geäußerten Meinung, Bestechung könne administrative Vorgänge in trägen Bürokratien beschleunigen und damit Entwicklung fördern, in vielerlei Hinsicht als Entwicklungsbremse (so schon Mauro 1995). Korruption wird üblicherweise definiert als der Missbrauch öffentlicher Ämter zur Erzielung privaten Gewinns, womit nicht nur finanzieller Nutzen, sondern auch die Verschaffung von Aufträgen und Beschäftigung sowie die Begünstigung eigener Netzwerke gemeint sind. Schließlich wird heute darunter auch die Kaperung des Staatsapparates durch private Interessen, also mächtige Unternehmen (etwa zum Zwecke der Beeinflussung von Gesetzgebung, der Justiz oder der Presse, zur Minderung der Steuerzahlungen etc.) verstanden (Hellmann et al. 2000; Kaufmann 2003).
Joachim Betz

16. Kriege und Entwicklung

Zusammenfassung
Es ist eine Binsenweisheit, dass wirtschaftliche und soziale Entwicklung ohne die Gewähr menschlicher Sicherheit, welche die Nutzung eigener Anstrengungen garantiert, nur schwer gelingen kann. Nun leben aber geschätzte 1,5 Milliarden Menschen in Räumen begrenzter Staatlichkeit und/oder Ländern, die von Bürgerkriegen, gewaltsamen Konflikten und weit verbreiteter Kriminalität geplagt sind. Die gute Nachricht ist, dass die Zahl der Staaten mit Bürgerkriegen und die einschlägigen Opferzahlen von Anfang der 1990er-Jahre, also nach dem Ende des Kalten Krieges, bis 2004/2007 zunächst stark abgenommen hat (SIPRI 2017, 2018; PRIO 2019). Die Anzahl der Kriege fiel von über 50 auf 33 (2006), die Zahl der Opfer auf ca. ein Drittel gegenüber 1990. Das hat damit zu tun, dass Kriegsparteien nicht mehr in der Konkurrenz der beiden weltpolitischen Blöcke unterstützt, also von diesen keine sogenannten „Stellvertreterkriege“ mehr geführt wurden und etliche Konflikte durch UN-Missionen zumindest eingehegt werden konnten. Diese Besserung ist vor dem Hintergrund der Tatsache zu sehen, dass der Staatszerfall der UdSSR und Jugoslawiens interne Kriege gegenläufig auch förderte. Die weniger gute Nachricht lautet, dass es aber eine beachtliche Restgröße von Ländern gab, in denen diese Kriege entweder nicht beendet wurden oder wieder neu einsetzten.
Joachim Betz

17. Defekte Staatlichkeit

Zusammenfassung
Bei der bisher erfolgten Darstellung der Entwicklungserfolge oder -defizite schnitten schwache, defekte oder gar zerfallene Staaten besonders schlecht ab, nicht nur bei Wachstum und sozialem Fortschritt, auch bei der Festigung demokratischer Strukturen oder der Wahrung des inneren Friedens. Funktionierende Staatlichkeit ist somit eine wichtige Entwicklungsvoraussetzung. Der Staat muss die Rahmenbedingungen für wettbewerbliches Handeln unter marktwirtschaftlichen Bedingungen schaffen, breiteren Schichten die Beteiligung daran durch soziale (Bildung, Gesundheit) und physische Infrastruktur, für sozial erträgliche Umverteilung der Marktergebnisse sorgen und Institutionen bereitstellen (zur Vertragsdurchsetzung, zum Schutz des Eigentums), die das notwendige Vertrauen für wirtschaftlichen Austausch garantieren, und natürlich dafür die notwendigen finanziellen Mittel mobilisieren. Dies wurde nicht immer so deutlich gesehen, vor allem nicht in der Zeit, als überdehnte Staatsapparate nach der Verschuldungskrise in den 1980er-Jahren zurückgefahren werden mussten (Betz 2007). Mitunter wurde in der nachfolgenden Krisenzeit argumentiert, Entwicklungsländer könnten Staatlichkeit im westlichen Sinne kaum erreichen, diese würde durch Globalisierung und zunehmende interne Konflikte weiter erodieren und sollte am besten durch Aufgehen der Entwicklungsstaaten in einer „postnationalen Konstellation“ aufgegeben werden (Leibfried und Zürn 2006).
Joachim Betz

18. Migration

Zusammenfassung
Eine stärker vernetzte Weltwirtschaft ist geprägt durch die Zunahme des länderübergreifenden Handels und die Freizügigkeit des internationalen Warenverkehrs. Sie wäre auch geprägt durch freien Personenverkehr (vor allem von Arbeitskräften) über die Landesgrenzen hinweg. Von Letzterem kann freilich – sieht man einmal von der Niederlassungsfreiheit innerhalb der Europäischen Union ab – nicht so wirklich die Rede sein. Das hat im Wesentlichen mit Einwanderungsbeschränkungen aller potenziellen Aufnahmeländer zu tun, in zweiter Linie mit den finanziellen, sozialen und psychischen Kosten der Migration für die Betreffenden. Somit ist die grenzüberschreitende Wanderung von Personen global der am wenigsten internationalisierte Bereich. Dabei wäre diese Freizügigkeit materiell (bei Arbeitsmigranten) und politisch (bei Flüchtlingen) bei weitem der nützlichste Globalisierungsfaktor.
Joachim Betz

19. Klima und Entwicklung

Zusammenfassung
Der bisher erreichte wirtschaftliche und soziale Fortschritt von Entwicklungsländern steht in seiner Fortsetzung unter dem Fragezeichen sich verschlechternder Umweltbedingungen weltweit und in den Entwicklungsregionen selbst. Hierunter versteht man eine ganze Reihe krisenhafter Phänomene, in erster Linie den globalen Klimawandel und seine wirtschaftlichen Konsequenzen, damit verbunden auch zunehmende Luftverschmutzung und Wasserknappheit in etlichen Großregionen der Dritten Welt. Dazu treten die zunehmende Erschöpfung wichtiger Energie- und Rohstoffreserven, fortschreitende Entwaldung, der Rückgang der Artenvielfalt, der natürlichen Riffe und Biosphären. Vielfach wurde schon zu berechnen versucht, um wie viel das wirtschaftliche Wachstum korrigiert werden müsste, wenn diese Faktoren berücksichtigt würden, mit relativ deprimierendem Ergebnis. So würde allein der Anstieg der Erderwärmung im zu erwartenden Maß das globale Bruttoinlandsprodukt um bis zu sechs Prozent mindern, in den am stärksten betroffenen Regionen um deutlich mehr (World Bank 2013; Revesz et al. 2014). Die genannten wirtschaftlichen Fortschritte weltweit und insbesondere auch mancher schnell wachsenden Entwicklungsländer werden also auch durch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen erkauft.
Joachim Betz

20. Entwicklungszusammenarbeit

Zusammenfassung
Die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) weist mittlerweile eine über siebzigjährige Tradition auf und hat dabei eine starke Zunahme der staatlichen und privaten Maßnahmenträger, ihrer Instrumente sowie einen erheblichen Wechsel in den Motiven bei der Vergabe und ihrer Schwerpunkte erlebt. Sie war häufig einer Fundamentalkritik seitens ordoliberaler oder sozialkritischer Prägung ausgesetzt, die aber nur begrenzt trägt. Dies allein deshalb, weil sie in den meisten Empfängerländern (mit Ausnahme afrikanischer und anderer Klein- und Mikrostaaten) nur für einen Bruchteil des Volkseinkommens und der gesamtwirtschaftlichen Investitionen aufkommt. Nach den Daten der OECD liegt das Verhältnis von EZ zum Volkseinkommen im Durchschnitt bei nur 2,89 Prozent im subsaharischen Afrika, bei den anderen Entwicklungsländern nur im Promillebereich. Fehlende Entwicklungsorientierung der jeweiligen Volkswirtschaften hat denn auch überwiegend andere Ursachen als eine wenig effiziente EZ. Daher steht in diesem Lehrbuch diese auch nicht im Vordergrund der Betrachtungen. Freilich können auch bei diesen Transfers Mängel dingfest gemacht werden, etwa die zunehmende Zersplitterung der Geberlandschaft, die fehlende Vorhersehbarkeit volatiler Transfers, besonders aber ihre nur begrenzte Wirksamkeit in Bezug auf die Stimulierung wirtschaftlichen Wachstums. Die Gebergemeinschaft innerhalb der OECD-Staaten hat in den letzten Jahren versucht, diese Probleme zu beheben, ist aber in diesen Bemühungen nur begrenzt vorangekommen. Mit der neuen Agenda der nachhaltigen Entwicklungsziele und der überproportionalen Zunahme anderer Finanzierungsquellen für die Entwicklung droht der EZ klassischer Prägung zuletzt eine deutliche Marginalisierung.
Joachim Betz
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