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03.03.2022 | Erdgas | Im Fokus | Online-Artikel

So könnten die Erdgasimporte aus Russland ersetzt werden

verfasst von: Frank Urbansky

5:30 Min. Lesedauer
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Der Krieg gegen die Ukraine lässt russische Erdgasimporte in Zukunft als keine sichere Option mehr erscheinen. Deutschland muss und kann seine Erdgasbezüge diversifizieren. Aber das wird teuer.

Rohstoffdiversifizierung ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit. "Die Forderung nach einer Diversifizierung der Rohstoffbezüge gehört zum klassischen rohstoffpolitischen Instrumentarium. Dies ist im Bereich der nicht-energetischen Rohstoffe insofern umsetzbar, als dass der Transport der Rohstoffe keine spezifische Infrastruktur voraussetzt, wie sie zum Beispiel bei Flüssigerdgas (LNG) anfällt", benennt Springer-VS-Autor Yann Wernert in seinem Buchkapitel Von der Interdependenz zur Kooperation? Theoretische Grundierung auf Seite 77 auch gleich eines der Probleme, die durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine aufgeworfen werden.

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Denn die Erdgasbezüge aus Russland, die 55 Prozent des hiesigen Verbrauchs ausmachen, können nicht einfach durch andere Importe ersetzt werden. Für Flüssigerdgas fehlt nicht nur die Infrastruktur, zum Teil kann LNG auch überhaupt nicht in den benötigten Mengen von den exportierenden Ländern erzeugt werden.

Drastische Diversifizierung nötig – und teuer

Diesen Winter ist nach Angaben des Wirtschaftsministeriums die Gasversorgung gesichert. Für den nächsten Winter müssen die Erdgasbezüge drastisch verändert werden. Ein erstes Abkommen mit Algerien, das Erdgas über eine Pipeline nach Italien und von dort ins europäische Erdgasnetz liefert, ist bereits geschlossen. Norwegen – nach Russland bisheriger zweitgrößter Exporteur – kann seine Liefermengen hingegen nicht erhöhen. "Norwegen ist mit seinen Gaslieferungen an uns bereits am Limit und könnte einen Ausfall nicht kompensieren", so der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Peter Adrian.

Hier müssen noch andere Exporteure folgen. Auch die Niederlande, bisher die Nummer drei der Importeure nach Deutschland, werden ihre Fördermengen nicht erhöhen, zumal sie diese, insbesondere wegen dadurch ausgelöster Erdbeben im Fördergebiet Groningen, ganz einstellen wollen.

Eine weitere Maßnahme ist die Bevorratung. Deutschland verfügt über rund 24 Milliarden Kubikmeter Gasspeichervolumen. Das reicht aus, um für zwei bis drei durchschnittliche Wintermonate die Gasversorgung sicherzustellen. Bisher gab es nur eine vage Verpflichtung der Gaswirtschaft, die Versorgung für 90 Tage sicherzustellen. Das führte in der Vergangenheit zu stetig sinkenden Speicherständen, da die Einspeicherung von Erdgas im Sommer für den Verbrauch im Winter immer weniger profitabler und Gas lieber am Terminmarkt eingekauft wurde. Doch auch der wird größtenteils von Russland beliefert.

Wirtschaftsminister Robert Habeck wird nun, analog dem bereits existierenden Erdölbevorratungsverband (EBV), der für 90 Tage Mineralölprodukte und Rohöl vorhalten muss, eine Zwangsreserve auf den Weg bringen. Mit so einer Reserve, die auch für den größten Untertagespeicher gilt, der von Gazprom in Norddeutschland betrieben wird, könnte einem kommenden Winter etwas gelassener entgegengeblickt werden.

Erdgasbevorratung keine echte Reserve

Anfang August 2022 müssen dem Entwurf nach die Füllstand mindestens 65 Prozent betragen. Anfang Oktober, zu Beginn der Heizperiode, müssen es 80 Prozent sein, am 1. Dezember 90 Prozent, am 1. Februar 2023 dann noch 40 Prozent. Das gilt auch in den Folgejahren. In Kraft treten soll er noch im Mai dieses Jahres.

Eine echte Reserve ist das jedoch nicht. Denn die derzeit in Deutschland arbeitenden Speicher sind alle für den Betrieb im Winter ausgelegt, falls dieser mal besonders streng werden sollte, so wie 2012/2013. Für eine echte Reserve bräuchte es neue Speicher. Die sind jedoch nicht in Sicht.

Deswegen werden nur neue Importe von Flüssigerdgas helfen. Kommen könnten die aus Katar, das die weltweit drittgrößten Erdgasreserven besitzt und mit über 100 Milliarden Kubikmetern der weltgrößte Exporteur von Flüssigerdgas ist – noch vor Australien, das ebenfalls als Exporteur für Deutschland infrage käme. Die Kapazitäten in beiden Ländern sind noch nicht ausgeschöpft. Katar hat schon gegenüber der alten Bundesregierung zugesichert, die deutsche Erdgasversorgung abzusichern.

Schließlich käme auch die USA als Exporteur in Frage. Doch deren Kapazitäten scheinen derzeit komplett ausgelastet. Das rückt auch ein wenig das Narrativ zurecht, dass es Ex-US-Präsident Donald Trump bei der Sanktionierung der Pipeline Nord Stream 2 nur darum ging, US-Frackinggas nach Europa zu verkaufen.

Letztlich wird aber der Preis entscheidend sein. Bisher profitierten Deutschland und die EU vom im Schnitt immer mindestens um 15 Prozent günstigeren russischen Pipelinegas. Die LNG-Exporteure lieferten deshalb vor allem nach Asien, wo sie ihre höheren Preise auch bezahlt bekamen. Doch in naher Zukunft werden auch die EU und Deutschland die höheren Flüssiggaspreise akzeptieren müssen.

Und es braucht dafür eine Infrastruktur, wie bereits eingangs erwähnt. Zwar wird schon seit den 80er Jahren ein LNG-Terminal in Wilhelmshaven geplant, doch dabei blieb es auch. Immerhin: In Brunsbüttel könnte schnell eines errichtet werden und noch in diesem Jahr mit einer Kapazität von rund 8 Milliarden Kubikmetern pro Jahr in Betrieb gehen. Planungen gibt es außerdem für Terminals in Stade und Rostock. Allerdings könnte man auch die Kapazitäten im polnischen Świnoujście und im niederländischen Rotterdam nutzen. Beide waren in den letzten Jahren lediglich zu 30 Prozent ausgelastet.

Eigene Förderung und Biogas ausbauen

Es gäbe aber auch noch einen anderen Weg. Deutschland verbraucht jedes Jahr etwa 1.013 TWh Erdgas. Schon jetzt könnten 10 Prozent davon durch heimisches Biogas abgedeckt werden. Diese Potenziale könnten auf 20 Prozent angehoben werden. Immerhin wäre das eine grüne Alternative und wichtig, da Flüssigerdgas eine noch schlechtere Klimabilanz als Pipelinegas hat. Auch ein Wiederankurbeln der eigenen Gasförderung könnte von derzeit 6 auf gut 20 Prozent Eigenversorgung kommen. Mit beiden Potenzialen zusammen könnte man also gut 80 Prozent der russischen Importe ablösen - aber eben nicht kurzfristig und bis zum nächsten Winter.

Deswegen braucht es für den aktuellen übergroßen Rest Erdgas, das wohl auf verflüssigtem Wege nach Deutschland kommt. Und da sticht eben Katar als zukünftiger wichtigster Erdgaspartner hervor. "Wirtschaftlich bedeutsamer als die Erdöl- sind die enormen Erdgasvorräte Katars, die mit 872 Billionen Kubikfuß nach denen Russlands und Irans die drittgrößten der Welt sind. Zwischen 2003 und 2013 hat sich die Gasförderung von 1,1 auf 5,6 Milliarden Kubikfuß erhöht. Für den Export spielt Flüssigerdgas (LNG) eine herausragende Bedeutung: Katar ist bereits heute der größte LNG-Exporteur der Welt, 83 Prozent der katarischen Erdgasexporte sind LNG", beschreibt Springer-VS-Autor Stephan Liedtke in seinem Buchkapitel Die Ölversorgungssicherheitspolitik der USA und der VR China auf Seite 159 die unglaublich großen Möglichkeiten des kleinen Emirats in der Erdgasfrage.

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