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15.05.2019 | Erdgas | Im Fokus | Onlineartikel

Wie Nord Stream 2 den europäischen Gasmarkt verändert

Autor:
Frank Urbansky

Der aktuelle Streit zwischen Manfred Weber und Angela Merkel um Nord Stream 2 teilt Pro-Europäer und Gegner der Pipeline von wirtschaftsnahen Russlandfreunden. Doch so einfach ist es nicht. 

Nord Stream 2 wird die Transportkapazitäten für russisches Erdgas durch die Ostsee verdoppeln. "Bis 2020 (nach neueren Planungen Ende 2019 – Anm. d. Red.) sollen zwei weitere Stränge unter der Bezeichnung Nord Stream 2 mit einer ebenso großen Kapazität (zwei Stränge zu je 27,5 Milliarden Kubikmeter jährlich – Anm. d. Red) gebaut werden", benennt Springer Vieweg-Autor Tino Schütte in seinem Buchkapitel Deutschland auf Seite 181 den Umfang.

Außer Frage steht, dass Deutschland auf Gasimporte angewiesen ist. Die heimische Förderung geht seit Jahren zurück und deckt kaum mehr als zehn Prozent des Bedarfs ab. Auch die grenznahen Nordseefelder im niederländischen Groningen sind weitgehend erschöpft. Für leitungsgebundenes Gas kommen als Importeure nur noch zwei Nationen in Frage: Russland und Norwegen. 

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Sprengkraft für Europa?

Während Norwegen trotz der Pipelines Norpipe und Europipe I/II mit einer ähnlich großen Kapazität wie die umstrittene Pipeline in der Diskussion kaum eine Rolle spielt, scheint Nord Stream 2 das Potenzial zu haben, Europa zu sprengen. Tatsächlich profitierten von der bisherigen Landroute Länder wie Ukraine, Polen und Slowakei – alles erklärte Nord-Stream-Gegner und mit den beiden letzten sogar in der EU für Stimmung sorgend. Selbst Frankreich scheint sich von den Bedenken der Transitländer anstecken zu lassen.
Dabei hilft ein Blick auf die Kapazitäten für eine realistische Einschätzung:

  • Norpipe und Europipe I/II (Norwegen): 54 Milliarden Kubikmeter jährlich
  • Jamal-Europa-Pipeline (Russland): 33 Milliarden Kubikmeter jährlich
  • Ukraine-Leitungssystem: 120 Milliarden Kubikmeter jährlich
  • Nord Stream I und II: 104 Milliarden Kubikmeter jährlich

Von den Festland-Pipelines wird ein Großteil in andere europäische Länder umgeleitet.

Dem gegenüber steht ein europäischer Gesamtverbrauch von gut 540 Milliarden Kubikmetern, von denen Deutschland etwa 90 Milliarden Kubikmeter verbraucht. Alle Pipelines Russlands und Norwegens zusammen könnten also nicht annähernd den europäischen Gasbedarf decken.

LNG zu teuer

Zwar wird heute schon verflüssigtes Erdgas (LNG) vor allem in Südeuropa aus Katar und Algerien importiert, um diese Versorgungslücke zu schließen. LNG ist aber immer die teurere Variante – gleiche Förderbedingungen vorausgesetzt. Für die Verflüssigung von Erdgas benötigt man etwa 25 Prozent des Energiegehaltes, für den Pipelinetransport über 2.500 Kilometer etwa zehn Prozent. Vor diesem Hintergrund ist es nur allzu verständlich, dass sich die Bundesregierung dagegen wehrt, von den USA aus dem Fracking stammendes teures LNG zu kaufen.

Abhängigkeit ist gegenseitig

Zudem ist eine totale Abhängigkeit von Russland nicht zu befürchten. Transportiert nach Europa wird vor allem Gas aus Westsibirien und dem Jamal-Feld. Das ist etwa 4.000 km entfernt und weißt damit eine Distanz auf, auf die sich ein Pipelinetransport immer noch lohnt. Andere Abnehmer für dieses Gas wären nur im Süden zu finden, etwa in China. Doch eine Pipeline dorthin würde die 4.000-km-Grenze deutlich überschreiten und den Transport unwirtschaftlich machen. Verflüssigungskapazitäten am Jamal-Feld gibt es aber nicht und werden auch nicht in den nächsten Jahren entstehen. Russland muss also dieses Gas nach Europa verkaufen. Die Abhängigkeit ist somit eine gegenseitige.

Dennoch eskaliert gerade in der EU der Streit über die Pipeline. Der CDU-Spitzenkandidat zur Europawahl, Manfred Weber, hat schon angekündigt, das Projekt, das wohl schon im Herbst dieses Jahres abgeschlossen sein soll, noch stoppen zu wollen. "Warum berührt eigentlich dieses Projekt, sowohl Politiker und Geschäftsleute in Europa als auch in den USA in gleichem Maße? [...] Wie der Verlauf der Geschichte in diesem wichtigen Rohstoffbereich zeigt, kann das in der modernen Welt zu politischer Instabilität und gegenseitigem Misstrauen führen. Dazu dienen in diesem Projekt sowohl die wirtschaftlichen als auch die politischen Auffassungen der Angreifer und Verteidiger, mit oft sehr kontroversen Auffassungen", beschreiben die vergangene und aktuelle Diskussion um dieses Projekt die Springer-Autoren Oleg Nikiforov und Gunter-E. Hackemesser in ihrem Buchkapitel Nord Stream 2 auf Seite 224.

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